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100. VOX-Analyse eidgenössischer Volksabstimmungen

Sitzfindige Zahlenkundler werden einen Einwand anmelden. Es sei die 101., nicht die 100., welche heute morgen erschien. In der Tat ist es die 101. Befragung, aber eben: erst zum 100. Abstimmungswochenende.

Das kam so: 2004 stimmt wir an einem Weekend über 9 Gegenstände ab. Eine Nachanalyse auf Befragungsbasis zu allen neu Gegensänden in einer Befragung hätte rund 1,5 Stunden pro Interview gedauert. Deshalb enschieden wir uns eine a- und eine b-Ausgabe zu machem zu diesem Abstimmungstag. Und so gibt es 101 Befragung zu 100 Abstimmungswochenenenden.

Die erste VOX-Analyse war am 13. März 1977. Seither sind alle Abstimmungssonntag lückenlos nNachbefragung, sind die Ergebnisse in einer Datenbank systematisiert wirde und werden die Hauptergebnisse im zirka 2 Monaten nach der Abstimmung der allgemeinen vorgesellt.

Die VOX-Analysen gehören seit zu den anerkannten Instrumenten der empirischen Politikforschung. WissenschafterInnen nutzen sie, Politiker schauen gespannt in die Ergbnisse, Medien berichten darüber, und PR-Leute nutzen sie für die Planung von Kampagnen. Schulen bestellen vor allem aussenpolitischen Themen dutzendweise, die Unterschungen im politischen Unterricht zu verwenden, und nicht selten informierten sich Diplomaten und ausländische Organisationen auf diesem Weg über die Schweizer Eigenheit im politischen System.

Die VOX-Analysen sind aus einer privaten Initiative hervorgegangen. Katalysator war die erste Ueberfremdungsinitiative von James Schwarzenback 1970, die beinahme reäusserte. In der Folge wertete man die Bedingungen des Jas und des Neins wissenschaftlich, um lehren für die Zukunft ziehen zu können. Beteiligung waren das die Schweizerische Gesellschaft für praktische Sozialforschung, die Wirtschaftsföderung in Zürich und etwas verspätet die Bundeskanzlei und die Universität Bern. Seit 1977 wird die VOX-Analyse regelmässig auf Befragungsbasis realisiert. Durchgeführt werden die Studien abwechslungsweise von einem der drei politikwissesnchaftlichen Institute der Universität Bern, Genf und Zürich, koordiniert werden sie von gfs.bern.

“VOX POPULI – VOX DEI”, lautete bei den Römern die höchste Realität. Heute geht sie nicht mehr von Gott aus, der seine Stimme auf sein Volk ĂĽberträgt. Nein, sie geht vom Volk aus, und sie muss richtig verstanden werden. Deshalb VOX-Analysen!

gfs-Umfrage Minarette: Erhebungsmethoden korrekt, weitere Abklärungen zu Kommunikationseinflüssen

Die SRG SSR idée suisse wird im Vorfeld der eidgenössischen Volksabstimmung vom 7. März definitiv keine Umfragen publizieren und verzichtet deshalb auch auf die zweite Publikumsbefragung. Dies hat die Chefredaktorenkonferenz in Absprache mit dem Generaldirektor entschieden, da die vollständige Überprüfung der gfs-Umfrage zur Minarett-Abstimmung vom 29. November 2009 nicht rechtzeitig vorliegen wird und innerhalb nützlicher Frist keine abschliessende Beurteilung vorgenommen werden kann.

Die SRG-SSR-Chefredaktorenkonferenz hatte im Einklang mit Generaldirektor Armin Walpen wegen der unerklärbaren Abweichungen zwischen den Umfrageergebnissen des Instituts gfs.bern und dem Abstimmungsergebnis zur Minarett-Abstimmung vom 29. November 2009 bereits im vergangenen Dezember eine detaillierte Analyse eingeleitet und beschlossen, bis auf weiteres keine neuen Umfrageresultate zu publizieren. Im Sinne der Glaubwürdigkeit der SRG SSR und im Interesse des Publikums werden diese Abklärungen ohne Zeitdruck vorgenommen.

Eine erste Erkenntnis liegt bereits vor: Laut einer externen Analyse ist die gfs-Umfrage zur Minarett-Initiative methodisch korrekt und nach international anerkannten Standards durchgefĂĽhrt worden.

Für die Abstimmung vom 7. März 2010 hat gfs.bern im Auftrag der SRG SSR eine erste Befragung durchgeführt. Die Erkenntnisse aus dieser Befragung werden in die Gesamtanalyse einfliessen, die Ergebnisse werden aber nicht publiziert. Ausserdem wollte die SRG SSR bereit sein, für den Fall, dass bereits Ende Januar die Analyse vorliegen würde. Auf die Durchführung einer zweiten Befragung vor dem 7. März verzichtet die SRG SSR, weil diese für die Analyse nicht zwingend ist und weil absehbar ist, dass eine abschliessende Beurteilung und allfällige Massnahmen nicht rechtzeitig vorgenommen werden können. Bei positivem Ausgang der Gesamtanalyse wird die SRG SSR die gfs-Umfragen für die Volksabstimmung vom 13. Juni im üblichen Rahmen wieder aufnehmen.

Internationale Massstäbe erfüllt
Die methodische Überprüfung der gfs-Umfrage vor der Minarett-Abstimmung durch ein externes Institut ergab, dass keine Unregelmässigkeiten vorliegen. Die Umfrage wurde korrekt und nach anerkannten internationalen Standards durchgeführt und kommuniziert. Unter anderem wurde auch die sogenannte «Only-Handy-Problematik» (Nichtbefragung von Menschen, die nur ein Mobiltelefon aber kein Festnetz besitzen) beurteilt. Gemäss der Experten-Beurteilung ist diese Gruppe gemessen an der Gesamtheit der Stimmberechtigten für Umfragen nicht relevant und daher vernachlässigbar.

Eine weitere externe Analyse, die die SRG-SSR-Chefredaktorenkonferenz in Auftrag gegeben hat, befasst sich mit den möglichen Ursachen der Diskrepanz zwischen den Umfrage-Ergebnissen und dem tatsächlichen Resultat der Abstimmung, mit dem politischen und medialen Umfeld während der Befragung und deren Wirkung. Diese wissenschaftliche Untersuchung braucht Zeit. Ziel der Gesamtanalyse und allfälliger Massnahmen ist es, Diskrepanzen zwischen Umfragewerten und effektiven Resultaten möglichst zu vermeiden. Sobald auch diese Analyseresultate vorliegen, wird die SRG SSR über die Publikation zukünftiger Umfragen entscheiden.

Unabhängig davon plant die SRG SSR, in einer umfangreichen und langfristig angelegten Studie die Bedeutung und Wirkung von Abstimmungsumfragen für die Meinungsbildung in der Schweiz untersuchen zu lassen. Mit dieser wissenschaftlichen Arbeit soll ebenfalls ein aussenstehendes Institut betraut werden.

Hochrechnung unbestritten

Die Hochrechnung am 7. März 2010 hat nichts mit Umfragen zu tun und wird von gfs.bern durchgeführt.
Quellen: SRG / gfs.bern

Kommentar von Claude Longchamp

Identität Schweiz 2009: In Zeiten des zunehmenden Drucks und Imageverlust wird eine offensivere Politik gewünscht

Trotz Wirtschaftskrise und zunehmenden Drucks auf die Schweiz bleiben die Stimmberechtigten Stolz, Schweizerinnen und Schweizer zu sein. GewĂĽnscht wird aber neben einer offensiveren Schweizer Politik auch eine Schweiz, die sich wieder vermehrt an traditionellen Werten orientiert und auf das Einheimische ausgerichtet ist.

Erstmals wurde im Rahmen des Sorgenbarometers auch das Ansehen der Schweiz etwas genauer unter die Lupe genommen. Von Interesse war das von den Stimmberechtigten erwartete Image der Schweiz im Ausland. Gehen die Stimmberechtigten davon aus, dass das Image – wie in den Medien suggeriert – aufgrund der jüngsten Entwicklungen schlecht ist resp. gelitten hat?

Offensive gegen Imageverlust
Nun, schlecht ist das Image der Schweiz nach Ansicht der Stimmberechtigten nicht. Acht von zehn Befragten denken, dass das Ansehen der Schweiz im Ausland gut ist. Aber: Das Image hat für eine relative Mehrheit in den vergangenen zwölf Monaten gelitten. Diese Einschätzung erstaunt nicht, denkt man an die Diskussionen rund um das Bankgeheimnis, den Steuerstreit oder auch die Forderungen der OECD. Die Schweiz soll dem zunehmenden Druck aber nicht einfach klein beigeben. Vielmehr wünschen sich über zwei Drittel, dass die Politik die Anliegen des Landes offensiver vertritt.

Stolz vor allem rechts – aber nicht nur
Der angenommene Imageverlust und die als defensiv erlebte Schweizer Politik haben keinen Einfluss darauf, wie man sich als Schweizerin resp. als Schweizer fühlt. Der Anteil Stimmberechtigter, die sehr oder eher stolz sind, Schweizerin resp. Schweizer zu sein, bleibt auf einem hohen Niveau (83%) stabil. Mehrheitlich sehr stolz sind dabei Personen, die sich im politischen Spektrum rechts einordnen. Aber auch der Anteil Personen, die sich auf der politischen Achse links sehen, hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen (2005: 13%, 2009: 34%). Unbeeinflusst von der momentanen Lage bleiben Elemente der Schweizer Politik als Pfeiler des Schweizer Selbstverständnisses.

Nach wie vor sind die Stimmberechtigten besonders auf Eigenständigkeit/Unabhängigkeit und Neutralität stolz. Deutlichere Spuren zeigen sich demgegenüber bei Elementen der schweizerischen Wirtschaft, die nicht nur aufgrund der Diskussionen rund um das Bankgeheimnis zu weniger Stolz Anlass geben. Auch die wirtschaftliche Entwicklung dürfte diesbezüglich einen gewissen Beitrag geleistet haben.

Traditionsorientierung in unsicheren Zeiten

Die wirtschaftliche Entwicklung beeinflusst auch die Werthaltungen der Stimmberechtigten. In Zeiten der Krise orientiert man sich wieder stärker an traditionellen Werten. So wird nicht nur der Schutz der Traditionen wieder stärker betont, sondern auch die Bevorzugung des Einheimischen in der Wirtschaft. Die Schweiz resp. die Schweizer Wirtschaft muss geschützt werden. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Stimmberechtigten auf eine Schweiz stolz sind, die ihre Traditionen und Werte, aber auch ihre landschaftlichen Vorzüge hochhält.

http://www.sorgenbarometer.ch

Minarett-Umfrage: erste Antworten auf die Kritik

Die Abstimmung ĂĽber die Minarett-Initiative ĂĽberraschte mit ihrem Ergebnis alle. Deshalb stellte sich diese Woche die Frage nach dem Warum. Ich nehme hier als Institutsleiter von gfs.bern Stellung.

Dies vorab: Ich habe Verständnis dafür, das man sich an vielen Orten Gedanken zur Abweichung der Einschätzungen zum Resultate und diesem selber. Die Suche nach Antworten darf aber nicht wie ein buntes Rätselraten erfolgen, sondern muss nach fachlichen Kriterien erfolgen. Jeden Einwand dazu nehmen wir ernst.

Das Endergebnis in der Abstimmung zur Minarett-Initiative war 57,5 Prozent Ja zu 42,5 Prozent Nein, bei einer Beteiligung von 53,5 Prozent. Die Angaben in der letzten Umfrage lagen bei 37 Prozent “bestimmt oder eher dafĂĽr” zu 53 “Prozent bestimmt oder eher dagegen”; angenommen wurde eine Beteiligung von 50 Prozent Stimmberechtigter. Die Abweichungen sind ausserhalb des Stichprobenfehlers, das heisst in der Sache, nicht in der Statistik zu suchen.

Punkt 1: Zwischen Umfrage und Abstimmung liegen 18 Tage
Hätten wir diese Zahlen aufgrund einer Umfrage publiziert, die am Abstimmungssonntag selber oder unmittelbar davor gemacht worden wäre, wäre auch unser Urteil vernichtend. Nun ist das in diesem wie in allen anderen Fällen bei wahl- und abstimmungsbezogenen Umfragen in der Schweiz nicht der Fall, denn sie müssen spätesten 10 Tage vorher publiziert werden. Der mittlere Befragungstag liegt damit am Abstimmungstag zwischen 15 und 20 Tagen zurück. Im Fall der jüngsten Erhebung beträgt die Differenz 18 Tage. Sie entsteht aus der Durchführung, Verarbeitung, Analyse und Kommunikation vor den besagten 10 Tagen.

Wenn in dieser Zeitspanne kampagnenmässig nichts mehr geschieht, könnte ein Fortschreiten der Meinungsbildung allenfalls ausgeschlossen werden. Doch das ist sichtbar nicht der Fall, weshalb auch die Annahme unbrauchbar ist.

Die öffentliche Debatte übersah diesen Aspekt ganz und konzentrierte sich auf Methodenfragen, weshalb wir hier zuerst darauf eingehen.

Punkt 2: Methodisch keine stichhaltigen Einwände
Die Stichprobe war nach den vorliegenden Prüfungen in Ordnung. Die Erreichbarkeit der Grundgesamtheit, den Stimmberechtigten in der Schweiz, via Telefon entsprach dem Ueblichen. Bei interessanten Abstimmungen ist das nie das Problem, denn die Mitmachbereitschaft ist da generell hoch. Minimale Probleme ergeben sich wie bei allen Telefonumfragen aus der Mitte Jahr gefallenen Eintragpflicht ins Swisscom-Nummernregister. Wir kompensieren das in der Befragtenauswahl durch beigemischte Zufallsnummer. Die verbleibenden Effekte mit nicht registrierten Handys, die vermutet werden können, sind kleiner als der Stichprobenfehler.

Dass allfällige Probleme mit der Stichprobe nicht die Erklärung für die Differenz bei der Minarett-Initiative sein können, sieht man auch an folgendem: Drei der vier Aussagen derselben Umfrage zum Abstimmungsausgang (Zwischenstand zu zwei Vorlagen, zu Stimmbeteiligung) von niemandem bezweifelt werden. Wenn schon hätte alles falsch sein müssen.

Bei der Minarett-Initiative mĂĽssen deshalb andere Erklärungen beigezogen werden. Schnell einigte man sich in der Oeffentlichkeit darauf, dass “man bei solchen Themen nicht die Wahrheit sage”. Als methodischer Ausweg, Gefälligkeitsantworten zu vermeiden, wird in der Umfragepraxis gelegentlich empfohlen, nebst der direkten Sonntagsfrage (”Wie wĂĽrden Sie selber stimmen, wenn am nächsten Sonntag Abstimmung wäre?”) auch die indirekte Sonntagsfrage (”Was glauben sie, wie die Abstimmung ausgehen wird?”) zu verwenden. FrĂĽher haben auch wir damit gearbeitet, das Verfahren aber aufgegeben, weil es untauglich ist.

Wir lassen es ganz bewusst offen, hier neue Tests einzuführen, wenn sie nachweislich Gefälligkeitsantworten erkennen lassen. Die Effekte müssen aber quantifizierbar sein, um zur Gegenmassnahmen zu führen. Das sind sie bisher nicht.

Punkt 3: Zahlen und Interpretationen beachten
Wir stellen deshalb gleich auf die direkte Sonntagsfrage ab, machen die Interpretation der Zahlen aber in aller Offenheit. Als sicher klassieren wir nur die “bestimmt Entscheidenen” auf beiden Seiten. Bei allen anderen lassen wir in der Interpretation ganz bewusst Veränderungen zu und kontrollieren genau, ob sie im Umfragenvergleich sichtbar werden. Wir hielten in der Berichterstattung zur zweiten Umfrage fest,

. dass die Mobilisierung steigt,
. dass sie generell den Anteil der Ja- nicht die Nein-Seite stärkt,
. dass dieses Phänomen in den unteren Bildungsschichten frühzeitig einsetzte und
. dass sich politische gesprochen das Ja von der SVP als Kern der Zustimmungswilligen auf ungebundene und FDP-Wählende ausbreite.

Deshalb formulierten wir unsere Prognose nicht einfach mit Zahlen, sondern mit Worten wie folgt: “Der Ausgang der Minarett-Verbotsinitiative ist unsicher, weil die BefĂĽrwortung steigt, bis jetzt aber minderheitlich bleibt. Das Konfliktmuster entspricht dem einer religös-konservativen Profilierung in der Polarität zwischen Moderne und Tradition, wobei es Ausstrahlung im rechten und parteiungebundenen Spektrum gibt. Argumentativ dominiert keine Botschaft, es sind nur die Pole klar besetzt.” (These 5, Seite 30). Die Mitteilung der SRG an Parteien, Medien und Behörden nahm dies gebĂĽhrend auf, doch wurden die Zwischentöne in jeder Weiterzitierung abgeschwächt, bis sie ganz unter gingen. Hängen blieb, es sei nein!

Punkt 4: Meinungsbildung ist bis am Schluss etwas Dynamisches
In der Meinungsbildung geschah genau das Gegenteil.

verlauf
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. Die ĂĽberzeugten Gegner der Initiative wurde während der Kampagne etwas zahlreicher. Von einer eigentlichen Demobilisierung der Gegnerschaft aufgrund von “Prognosen” kann nicht die Rede sein.
. Deutlich stärker wurden aber während der Schlusskampagne die überzeugten Befürworter der Initiative. Sie verstärkten sich mit aller Wahrscheinlichkeit aus drei Richtungen: Erstens aus dem Lager der Unschlüssigen, zweitens bei jenen, die sich erst am Schluss zur Teilnahme entschieden, und drittens, beschränkt bei Personen, die anfänglich eher Nein Stimmen wollten.

Die Erstanalyse zur Minarett-Abstimmung im Kanton Zürich legt, mit anderen Methoden den Finger auf die gleichen Punkt, indem auch sie auf die in Zürich unüblich hohe, und durch die Befürwortung der Minarett-Initiative geprägte Mobilisierung legt.

Die so viel gescholtene zweite Umfrage für SRG gibt sogar Hinweise für die Gründe, die wir schon im Voraus veröffentlicht hatten, damals aber niemanden interessierten: Bei Ungebundenen, FDP und CVP waren Mehrheiten bereit, ein Zeichen gegen die Islamisierung der Schweiz zu setzen, bei den Ungebundenen und der FDP nahm man hierfür auch ein Minarett-Verbot in Kauf, weil es ein potenziell politisches Symbol ist. Um es klar zu sagen, zwangsläufig war das in der Entscheidungsambivalenz nicht, denn das wichtigste Gegenargument, das wir mehrfach kommuniziert haben, war die Befürchtung, sich damit Nachteile in den Aussenbeziehungen ein zu handeln. Wir haben im Bericht hierzu festgehalten: Die Entscheidung fällt, je nachdem welche Seite den zögerlichen und unschlüssigen Menschen wie überzeugende Angebote machen Wie sich die BürgerInnen das sahen, wissen wir jetzt.

Unser Schluss
Unser Schluss ist der: Die sog. Fehlprognose kann kaum auf ein Problem mit der Umfrage selber ist zurückgeführt werden, ist aber eine Folge der Fehlwahrnehmung, die daraus entstehen. 10 Tage vor der Abstimmung wollen alle ein Ja oder Nein. Das geht in etwa 2 Drittel der Fälle, in einem Drittel nicht. Alle Beteiligten müssen soweit kommen, das in Zukunft zuzulassen, so zu kommunizieren und auch so zu memorieren.

Die Sonntagsfrage ist nicht an sich unbrauchbar, kann aber nicht ohne zusätzliche Interpretationen verwendet werden. Meinen Teil hierzu will ich verstärken, weil ich überzeugt bin, bereits auf dem richtigen Weg zu sein.

Bei der Kriegsmaterial-Initiative ging unser Kommunikation auf, weil Zahlen, Trends und unsere Analysen gemeinsam ins Nein wiesen. Deshalb haben wir das auch gesagt. Bei der Minarett-Initiative haben wir das so nicht gesagt, und es traf auch nicht ein. Nur will man uns das nicht glauben.

Claude Longchamp

Minarett-Initiative: parteipolitische Polarisierungen, Bildungsstrukturen und gelebte religiöse Offenheit.

Am Tag nach der Abstimmung vom 29. November 2009 liegen die Bezirksergebnisse zu den Volksentscheidungen vollständig vor. Sie erlauben es, Aussagen zu strukturellen Merkmalen der Ja- und Nein-Seite zu machen. Sie ersetzen Nachuntersuchungen wie die VOX-Analysen nicht, denn nur diese geben über individuelles Verhalten Auskunft.

Hat der Anteil Muslime in der Bevölkerung in einer Region die Zustimmung zur Minarett-Initiative in dieser Region befördert oder nicht? Diese Frage stellt sich bei diesem Thema unweigerlich. Dabei zeigt sich dass drei der vier Standortgemeinden von Moscheen mit Minaretten gegen die Initiative waren. Eine, Wangen, war dafür, genauso wie jene, bei denen Baugesuche hängig sind.

Etwas verallgemeinert kann man den Zusammenhang wie folgt darstellen: Zustimmung zur Initiative einerseits, dem Anteil Muslime anderseits.

diagramm
Jeder Punkt symbolisiert einen der schweizerischen Bezirke, wobei die Position durch den Muslimanteil und die Zustimmung zur Minarett-Initiative bestimmt wird.

Ergebnis: Eine einfache Bobachtung gibt es nicht. Vordergründig gilt: Je mehr Muslime es in der italienischsprachigen Schweiz hat, umso mehr war man für die Initiative. In der französischsprachigen Schweiz gilt aber genau das Gegenteil, und in der deutschsprachigen Schweiz kann man keinen Zusammenhang feststellen.

Den relevanten Kontext kann man vertieft untersuchen. Es gilt: dort

• wo ein hoher Anteil der Bevölkerung eine sekundäre Bildung hat, sprich eine Berufsschule absolviert hat,
• wo die SVP in den letzten Wahlen stark war,
• und überdurchschnittliche viele Muslime leben,

erhielt die Initiative ihre starke UnterstĂĽtzung.

Unter diesen Bedingungen bekam die Minarett-Initiative namhaft mehr Unterstützung als es etwa der SVP-Wähleranteil erwarten lässt.

Ganz typisch hierfĂĽr sind Bezirke wie Kulm, Bischofszell oder auch Unterrheintal. Sie erfĂĽllen alle Kriterien, und sie waren zu rund drei Viertel der Stimmenden fĂĽr die Initiative.

Das Gegenteil findet sich namentlich dort,

• wo ein hoher Anteil der Bevölkerung eine tertiäre Bildung, sprich eine Hochschule absolviert hat,
• wo der SP-Anteil bei den letzten Wahlen stark war
• und wo eine jüdische Gemeinde existiert.

Das ist beispielsweise in der Stadt ZĂĽrich oder in der Stadt Genf der Fall. Es trifft auch auf die Stadt Bern zu.

Die Polarisierung zwischen SVP und SP konnte erwartet werden, denn es waren die Parteien, welche die Pole der Parteienlandschaft und in dieser Frage am stärksten prägen. Die Erweiterung durch die Bildungsstruktur, die darüber hinaus eine Erklärungskraft hat, zeigt, dass die sozialen Schichten mit ihren typischen Werthaltungen miteinbezogen werden müssen. Es macht auch deutlich, dass ein religiöser Pluralismus nicht von alleine existiert. Er muss sich aus den gesellschaftlichen Verhältnissen heraus entwickeln.

Das hier skizzierte Modell der Erklärung ist statistisch besser als die einfache Reduktion der räumlichen Unterschiede zwischen Sprachregionen oder Siedlungsart, wie es auch schon Abstimmungssonntag aufgrund der Kantonsergebnisse gelesen werden konnte. Es erklärt mit 3 Erklärungsvariablen 65 Prozent der vorfindbaren Varianz der Abstimmungsergebnisse auf räumlicher Ebene.

gfs.bern, 30.11.2009

In eigener Sache: Umfragen von Abstimmungen und Abstimmungsergebnisse im Vergleich

Zunächst ist festgehalten, dass zwischen der letzten Umfrage unserers Instituts zur Minarett-Initiative und dem Endergebnis in dieser Abstimmung eine unübliche Differenz besteht. Sie beträgt rund 10 Prozent bei Nein und rund 20 Prozent beim Ja-Anteil.

Die Kritiken, die hierzu geäussert wurden, lassen sich in drei Kategorien einteilen:

Erstens gibt es Kritik seitens der Initianten und ihrer Unterstützer. Wir haben Verständnis dafür, denn niemand wird gerne unterschätzt.
Zweitens gibt es Kritiken seitens der Konkurrenz. Momentan sind das andere Anbieter von Instrumenten zur Beobachtung von Abstimmungen und Kampagnen, teilweise verknüpft mit Medien als ihre Nachfrager. Wir äussern uns hier nicht dazu.
Drittens gibt es Kritik, die bestrebt ist, zu verstehen, was Sache ist und was nicht, und das nach den Grundsätzen macht, welche in der Wissenschaft üblich sind. Wir äussern uns hier nur zu dieser Kritik.

Generell kann man in diesem Sinne zwei Hypothesen für die Erklärung des Unterschieds formulieren.

Nach der ersten stimmen die Ergebnisse der Umfrage, doch müssen solche in der Schweiz spätestens in der dritten Woche vor der Abstimmung gemacht werden; was danach geschieht, entzieht sich ihrer Kenntnis. Seit Kampagnen bei Wahlen und Abstimmungen neuerdings immer mehr bis zum Tag der Entscheidung geführt werden, können Effekte der Mobilisierung, der Meinungsbildung, selbst des Meinungsumschwungs bis im letzten Moment nicht mehr ausgeschlossen werden. Wenn diese spezifisch bei einem Thema und einseitig aus einer Richtung erfolgen, kann dass erhebliche Auswirkungen sowohl auf die Teilnahme, als auch auf die Stimmenverhältnisse haben. Da wir darüber noch fast nichts wissen, ist immer dann, wenn solche zielgruppenspezifischen Grassroots-Mobilisierung im Sinne des politischen marketings erfolgen, mit Ueberraschungen beim Ergebnis zu rechnen. Das kann gerade auch bei der Minarett-Initiative nicht ausgeschlossen werden, und es wurde im Bericht hierzu darauf hingewiesen.

Nach der zweiten Hypothese stimmen die Umfragen nicht, weil es eine Diskrepanz gibt zwischen dem, was in der Umfrage als Antworten gefunden wird und dem was die gleichen Personen auf den Stimmzettel schreiben. Entweder antwortet man aufgrund von sozialer Erwünschtheit, oder aber man verweigert die Auskunft. Wenn das bei einer Vorlage einseitig (sprich nur auf einer Seite der Stimmabsicht) der Fall ist, ergeben sich Konsequenzen auf die Differenz zwischen Abstimmungsumfragen und -ergebnissen. Nach unserer Erfahrung ist das indessen eher selten der Fall. In grösserem Ausmass ist solches eigentlich nur dann zu erwarten, wenn eine Gruppe stark marginalisiert ist, was bei Wahlen vorkommt, bei Abstimmungen aber kaum. Bei Abstimmungen kann es eintreten, wenn sich ein erheblicher Unterschied ergibt zwischen politischen Eliten und Bürgerbasis.

Diese beiden Hypothese nwerden wir bei der Minarett-Initiative weiter prüfen. Wir gehen davon aus, dass keine der beiden alleine die Diskrepanz erklärt. Darin bestärkt sehen wir uns auch darrum, weil die Kritiker, welche Antworten in Umfragen generell soziale Erwünschtheit sehen, keine Quantifizierungen machen können, wie grosse die von ihnen zitierten Effekt bei Schweizer Volksabstimmung nachgewiesenermassen sind. Ohne solche Evidenzen halten wir auch Ratschläge für nicht praktikabel, themenspezifische Gewichtungen einzuführen. Deshalb verzichten wir bei Abstimmungen darauf, selber wenn damit unser Risiko etwas grösser wird.

Die wichtigste Folgerung daraus betrifft die Interpretation von Umfragen jeglicher Art als Prognose. Die Branchenvereinigung empfiehlt, das generell nicht zu machen, zumal Umfragen Momentaufnahmen sind und wir in der Schweiz, anders als im Ausland, in den zwei letzten Wochen keine Erhebungen mehr machen können.

gfs.bern führt für die SRG SSR idée suisse-Medien seit 1998 Umfragen im Vorfeld von eidgenössischen Abstimmungen durch. Dabei realisierten wir 93 Umfragen zu 53 verschiedenen Abstimmungsvorlagen. Bei maximal 4 Vorlagen sind die Abweichungen zwischen der letzten Umfrage und den realen Ergebnissen schwierig erklärbar. Bei allen anderen 85 Umfragen folgt die Meinungsbildung den Interpretationsinstrumenten von gfs.bern.

Der hierzu verwendete und von gfs.bern entwickelte Ansatz zur Verortung von Meinungsbildungsverläufen ist seit 2002 publiziert (http://www.gfsbern.ch/gfs/dispositionsansatz.html) und wird seither laufend weiterentwickelt. Interpretationen und Beurteilungen unserer Befragungsdaten ohne Verwendung des dazugehörigen Erklärungsansatzes erscheint aus unserer Warte wenig sinnvoll.

Anti-Minarett-Initiative: Ja nimmt zu – Nein unverändert stärker

Gemäss der zweiten Umfragen unseres Institut zu den Volksabstimmungen vom 29. November 2009 nimmt die Unterstützung zur Minarett-Initiative zu, bleibt aber minderheitlich. Das ist für eine Volksinitiative unüblich. Was ist geschehen?

Tagesschau vom 18.11.2009

Den Mechanismus der Meinungsbildung bei Volksinitiativen von links und rechts kennt man recht gut. Meist nehmen sie Themen auf, die in der Öffentlichkeit längst diskutiert wurden und versuchen, sie einer Lösung zuzuführen. Deshalb haben sie in Umfragen weit vor der Abstimmung meist eine höhere Zustimmungsquote, während diese während dem Abstimmungskampf sinkt. Denn am Anfang betrachtet man das mit der Initiative verbundene bekannte Problem, am Schluss die mit ihr vorgeschlagenen Lösungen.

Dieser übliche Mechanismus findet sich bei der Minarett-Initiative nicht. Das Nein nimmt nicht zu; es bleibt stabil. Das Ja nimmt nicht ab, es verstärkt sich.

Die Analyse der Umfrageergebnisse im Zeitvergleich differenziert diesen Eindruck zunächst:

. Die Beteiligungsabsichten steigen. Sie liegen aktuell bei überdurchschnittlichen 50 Prozent. In den letzten vier Wochen wurden vor allem parteiungebundene BürgerInnen zusätzlich mobilisiert.
. Die Zustimmungsabsicht haben vor allem bei diesen Parteiungebundenen zugenommen. Sie wächst auch in der deutschsprachigen Schweiz über dem Mittel, und sie ist überdurchschnittlich in kleinen und mittleren Agglomerationen.
. Die Meinungsbildung in den bürgerlich-liberalen Parteien verläuft unterschiedlich: An der Basis der CVP geht der Trend nun eher ins Nein, bei der FDP eher ins Ja.

Die GrĂĽnde hierfĂĽr erkennt man vor allem aus dem Vergleich der Meinungsbildung:

Erstens, argumentativ hat die Nein-Seite nicht wie sonst üblich die zentrale Botschaft des Abstimmungskampfes entwickeln können. Dass sich die Schweiz mit einem Ja zur Initiative im Ausland schaden zufügen würde, ist zwar das populärste Argument der Gegnerschaft, es findet aber nur gerade bei 52 Prozent eine Zustimmung. Argumente zur Missachtung der Menschenrechte und zum Bauverbot treffen die Mehrheitsmeinung nicht hinreichend. Das gilt auch für die Diskreditierung des Gegners.

Zweitens, die Debatte, welche die Initiative ausgelöst hat, hat sich längst über die Minarett-Frage und die Religionsfreiheit hinaus zu einer generell islamkritischen Debatte entwickelt, die vor allem von der Gegnerschaft geführt und von den Medien breit transportiert wird. Der Ruf, gegen die mangelnde Integration der Muslime im Alltag ein Zeichen zu setzen, ertönt immer lauter, und er findet gemäss Umfrage auch immer mehr Zuspruch.

Das Ganze gleicht ausgeprochen der Situation, die wir vor genau 20 Jahren hatte, als – unter politisch umgekehrten Vorzeichen – ĂĽber die Abschaffung der Armee angestimmt wurde. Die Verdrängung einer fälligen Diskussion half auch damals den Initianten tendenziell.

Die Umfragen zeigten damals genau gleich wie heute ein Ansteigen der Zustimmungsbereitschaft im Abstimmungskampf. Solange die Nein-Mehrheit davon nicht erfasst ist, bleibt die Mehrheit unverändert negativ. Es variiert aber der Ja-Anteil in Abhängigkeit von den Schlusskampagnen, die Unschlüssigen und Zögerlichen etwas zu sagen haben.

“Biodiversität” ist im Alltag der SchweizerInnen angekommen

Wenige Wochen vor Beginn des Internationalen Jahrs der Biodiversität 2010 stellt eine unserer Umfragen fest, dass die die Hälfte der Schweizer Bevölkerung den Begriff «Biodiversität» kennt. Auch wenn die Betroffenheit gering ist, wird die Bereitschaft, für den Erhalt der Biodiversität aktiv zu werden, von einer Mehrheit geteilt.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warnen, dass der weltweite Verlust von Lebensräumen, Arten und genetischer Vielfalt innerhalb der Arten weitreichende ökonomische und ökologische Konsequenzen haben kann. Auch in der Schweiz gehen Fläche und Qualität wertvoller Lebensräume zurück und die Bestände bereits seltener Arten sinken weiter.

Eine repräsentative Befragung in der Schweiz zeigt nun aber, dass im Herbst 2009 jede zweite Person den Begriff «Biodiversität» wahrgenommen hatte. Die Studie macht auch deutlich, der Zustand der Biodiversität werde von knapp 70 Prozent der Erwachsenen als gut oder eher gut eingeschätzt, und nur rund 40 Prozent der Befragten glaubten, von einer Verarmung der Biodiversität persönlich betroffen zu sein. Die BewohnerInnen der Schweiz sind für Massnahmen, welche den den Erhalt der Biodiversität fördern. Wenn die eigene Lebensumgebung betroffen ist, zeigt man sich am schnellsten handlungsbereit. Gefordert sind in den Augen der Bevölkerung Bildung, Wissenschaft und Politik.

Die Eigenheiten des Biodiversitätsbewusstseins in der Schweiz kommt vor allem im Vergleich mit den 27 EU-Staaten zum Ausdruck, denn dabei zeigt sich, dass die Bevölkerung der Schweiz sowohl bezüglich Bekanntheit des Begriffs als auch in Hinblick auf das Problembewusstsein deutlich hinter den Nachbarländern herhinkt: In Deutschland, Österreich und Frankreich hatten 2007 bereits mehr als drei Viertel der Befragten den Begriff «Biodiversität» wahrgenommen, in Italien waren es zwei Drittel. Dieser Rückstand lässt sich im Wesentlichen durch den Umstand erklären, dass die politische Diskussion um die vom Parlament Ende 2008 in den Legislaturzielen verankerte Biodiversitätsstrategie in der Schweiz erst angelaufen ist, während dieser Prozess in der EU bereits rund zehn Jahre früher begonnen hat.

Unschärfen, Prozesse und Systeme: Kein Tabu für aufstrebende JournalistInnen

Konstruktive und kritische Diskussionen der Rolle von Umfragen in Abstimmungen an der Schweizer Journalistenschule MAZ am 11.11.2009

Heute Morgen war ich Gast am MAZ – der Schweizer Journalistenschule. Mark Balsiger – Kollege, Campaigner und eben: Dozent fĂĽr politische Kommunikation am MAZ hat mich als Gast geladen, um ĂĽber Umfragen zur Minarett-Initiative zu sprechen.

Ich wählte einen stark deduktiven Zugang auf Basis des Dispositionsansatzes von Claude Longchamp. Ich hatte Angst, damit zu theoretisch zu werden. Die Diskussionen zeigten mir aber, dass die JournalistInnen den Grundgedanken der Meinungsbildungsprozesse gut nachvollziehen konnten.

Das erste Beispiel betraf die Personenfreizügigkeit ein mit den entsprechenden Modellbeispielen zu Behördenvorlagen. Sehr schnell viel der starke Anstieg des Ja-Anteils zwischen letzter Umfrage und Abstimmungsresultat aus. 1. Punkt für die Studierenden!

Zweites Beispiel war dann Minarett-Initiative. Die Modellbeispiele sind hier anders als Behördenvorlagen und trotzdem wagte sich ein Studierender an die These, um welchen Modellfall es sich handeln könnte. Ich selbst hätte vor der Umfrage auf einen anderen Idealtyp gewettet – nämlich auf eine Mehrheitsfähigkeit in der Ausgangslage. Aber der Journalist hat klar eine relative Nein-Mehrheit bei tiefer Unentschiedenheit erwartet und zudem wenig Meinungswandel bis zum Schluss. Praktisch zitiert aus unserer Synthese zur ersten Welle – und ich glaube ohne entsprechendes Vorwissen.

2. Punkt für die Studierenden und einen dritten Extrapunkt für absolut stimmige Thesen – stimmger als es die Politologen ohne Vorwissen machen würden!

Zum Glück beziehen sich PolitologInnen wenn immer möglich auf relevante und empirische Grundlagen und nicht auf ihre Intuition.

Es bleibt das Fazit: Meine Kritik gewisser Tendenzen in Medien wie der Hyperpersonalisierung ist keine Kritik an mangelnder Kompetenz oder übermässigem Drang zur Vereinfachung einzelner JournalistInnen. Es ist eine Systementwicklung, die ich kritisch beobachte. Und ich hoffe, dass nach dem heutigen Tag die JournalistInnen diese Systemkritik nicht personalisieren und damit auf sich beziehen. Dafür hatte ich viel zu viel Freude an diesem Austausch!

Die Unterlagen können auf Nachfrage über lukas.golder@gfsbern.ch für private Zwecke oder als Unterrichtsmaterialien bezogen werden.
Der Blog von Mark Balsiger
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Ich hätte mir gewünscht, dass der Bundespräsident nicht zur dritten Geisel von Libyen geworden wäre.

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Lukas Golder, Senior-Projektleiter am Forschungsinstitut gfs.bern im Interview mit Blick-online

Wie dünnhäutig darf ein Bundespräsident sein?
Ein Bundesrat braucht heute generell eine dicke Haut. Erstens muss er sich mit den Forderungen einer immer professioneller werdenden Verwaltung befassen. Zweitens ist in der Politik der Umgang rauer geworden: Seit zwanzig Jahren ist mit dem Aufstieg der SVP ein Prozess der Polarisierung im Gang, die Parteien gehen stärker aufeinander los. Früher waren die Mitteparteien CVP und FDP noch stark genug, um ihre Bundesräte aus dem Trommelfeuer der öffentlichen Kritik herauszuhalten – diese Zeiten sind vorbei. Und drittens werden auch die Medien immer kritischer. Sie zielen weniger auf die Sache und immer häufiger direkt auf die Person.

Haben Sie also Verständnis für Merz´ Klagen?
Ich kann nachvollziehen, dass er sich ärgert, wenn er alleine für das Libyen-Debakel verantwortlich gemacht wird. Bei der derzeitigen Hyperpersonalisierung geht ein wenig vergessen, wie komplex die Aussenpolitik ist – gerade wenns um die Beziehungen zu einem Land wie Libyen geht, das kein demokratischer Rechtsstaat ist.

Merz beschwert sich, dass die Journalisten nur kritisierten, aber keine Vorschläge lieferten, wie die Geiseln heimzuholen wären. Wäre das denn Aufgabe der Medien?
Früher galt die Überwachung der Politik als zentrale Aufgabe der Presse, eigene Vorschläge wurden von ihr nicht erwartet. Doch in den letzten Jahren sind die Zeitungen eigenständiger und politischer geworden. Ein Beispiel: Samuel Schmid musste harsche Kritik für seine Politik im VBS einstecken – gleichzeitig haben aber auch viele Medien konstruktive Vorschläge gemacht, wie die Armee zu reformieren wäre. In der Libyen-Frage ist das schwieriger, weil die Regierung in der Aussenpolitik freie Hand haben sollte. Eine zentrale Anregung der Medien gilt aber nach wie vor: Merz sollte besser kommunizieren.

Merz ist stark in der Defensive, weil immer neue, für ihn unangenehme Details auftauchen. Hat er denn «nur» ein Kommunikationsproblem?
Die Rolle von Merz muss sicher kritisch diskutiert werden: Er inszenierte sich schnell als Weisser Ritter und Macher, steht nun aber nur als Ankündigungsminister da. Diplomatie wird heute immer stärker zu einem öffentlichen Prozess. Da kann es sinnvoll sein, die Medien einzuspannen – etwa um Druck auf den Verhandlungspartner zu erzeugen. Aber dafür muss man strategisch denken können und zum richtigen Zeitpunkt das Richtige kommunizieren. Merz hätte besser einige Tage mit seiner Medienoffensive zugewartet. Mit seinem Kniefall vor Gaddafi hat er zudem grosse Erwartungen geweckt, die er nie erfüllen konnte.

Bei einigen Politikern gelten die Medien als Sündenböcke: Nur wegen der aufgeregten Berichterstattung seien die Geiseln noch nicht frei. Müssen die Medien Selbstzensur üben?
Nicht in jedem Fall überwiegen das öffentliche Interesse und der Wunsch nach Transparenz. Gerade in der Aussenpolitik ist Diskretion oft zentral. Es geht zwischen Ländern ähnlich wie im Schweizer Bundesrat darum, Kompromisse in schwierigen Sachfragen zu finden ohne dass jemand öffentlich das Gesicht verliert. Ich hätte mir manchmal gewünscht, dass die Interessen der festgehaltenen Schweizer in den Medien wie im Fall der Veröffentlichung von Polizeifotos von Hannibal Gaddafi höher gewichtet werden. Und manchmal, dass durch die massive personalisierte Kritik an Hans-Rudolf Merz nicht noch der Bundespräsident indirekt zur dritten Geisel von Libyen wird.