Archive for Januar, 2010

Claude Longchamp, Institutsleiter gfs.bern nimmt in der NZZ Stellung zu Umfragen-Kontroverse und drückt Bedauern aus

Claude Longchamp drückt im Namen von gfs.bern in der NZZ von heute sein Bedauern über den die Umfragen im Vorfeld der Minarett-Initiative aus. gfs.bern will solche Fälle künftig vermeiden.

Die Umfragen waren “state of the art” wie dies eine unabhängige Analyse bestätigt. Die Erklärung der Abweichung zwischen Umfrage und Resultat ist auch nicht bei der Handy-Problematik zu suchen.

Hauptursache der Abweichung ist eine spezifische Form der Meinungsbildung. 31% der Teilnehmenden in der VOX-Analyse geben an, erst in den letzten zwei Wochen vor der Abstimmung ihre Entscheidung getroffen zu haben und zwischen Abstimmung und mittlerem Befragungstag der letzten Vorumfrage liegen 18 Tage. Die zeitliche Erklärung ist demnach bedeutender als die methodische. gfs.bern arbeitet demnach stark an der Unterscheidung zwischen einer Momentaufnahme wie sie Umfragen darstellen und von Prognosen, zu denen sie meist ohne tiefere Reflexion gemacht werden.

Eine erhärterte Erklärung der methodisch bedingten Abweichung knüpft bei der sozialen Erwünschtheit an. Dabei handelt es sich aber nicht um “Lügen in Umfragen” wie dies teilweise behauptet wird. gfs.bern spricht von der “Entscheidungsambivalenz”, die sich bei der Minarett-Initiative besonders stark zeigte. “In der Meinungsbildung kann das bedeuten, man ist eher für ein Ja oder unschlüssig, gibt das in der Umfrage so an und stimmt dann Ja. Oder aber man bekundet, nicht teilnehmen zu wollen, verweigert allenfalls sogar ein Interview und stimmt Ja. Das ist aber selten und für uns ein Spezialfall.” sagt Claude Longchamp gegenüber Martin Senti, welcher für die NZZ das Interview führte.

Solche Spezialfälle sind möglich, wenn ein Thema lange tabuisiert war und die Thematisierung erst im Abstimmungskampf geschieht. Hier können auch Gruppen mobilsiert werden, die eine Chance sehen, ein Protestsignal zu senden. Probleme wie bei der Minarettinitiative gab es bei gfs.bern noch nie. Schwierigkeiten mit anderen erwarteten Mehrheiten traten 1999 bei der Mutterschaftsversicherung und 2004 bei der erleichterten Einbürgerung der dritten Generation auf. 50 korrekte Analysen stehen dem gegenüber. Die Umfragen sind in 95 Prozent der Fälle brauchbar.

gfs.bern arbeitet an den Modalitäten, die Datensätze aus SRG-Umfragen für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung zu stellen. Obwohl Prognosen schwierig sind, stellt Claude Longchamp die Aussage, dass er für die Hochrechnungen der eidgenössischen Abstimmung vom 7. März 2010 wieder am Bildschirm zu sehen sein wird.

100. VOX-Analyse eidgenössischer Volksabstimmungen

Sitzfindige Zahlenkundler werden einen Einwand anmelden. Es sei die 101., nicht die 100., welche heute morgen erschien. In der Tat ist es die 101. Befragung, aber eben: erst zum 100. Abstimmungswochenende.

Das kam so: 2004 stimmt wir an einem Weekend über 9 Gegenstände ab. Eine Nachanalyse auf Befragungsbasis zu allen neu Gegensänden in einer Befragung hätte rund 1,5 Stunden pro Interview gedauert. Deshalb enschieden wir uns eine a- und eine b-Ausgabe zu machem zu diesem Abstimmungstag. Und so gibt es 101 Befragung zu 100 Abstimmungswochenenenden.

Die erste VOX-Analyse war am 13. März 1977. Seither sind alle Abstimmungssonntag lückenlos nNachbefragung, sind die Ergebnisse in einer Datenbank systematisiert wirde und werden die Hauptergebnisse im zirka 2 Monaten nach der Abstimmung der allgemeinen vorgesellt.

Die VOX-Analysen gehören seit zu den anerkannten Instrumenten der empirischen Politikforschung. WissenschafterInnen nutzen sie, Politiker schauen gespannt in die Ergbnisse, Medien berichten darüber, und PR-Leute nutzen sie für die Planung von Kampagnen. Schulen bestellen vor allem aussenpolitischen Themen dutzendweise, die Unterschungen im politischen Unterricht zu verwenden, und nicht selten informierten sich Diplomaten und ausländische Organisationen auf diesem Weg über die Schweizer Eigenheit im politischen System.

Die VOX-Analysen sind aus einer privaten Initiative hervorgegangen. Katalysator war die erste Ueberfremdungsinitiative von James Schwarzenback 1970, die beinahme reäusserte. In der Folge wertete man die Bedingungen des Jas und des Neins wissenschaftlich, um lehren für die Zukunft ziehen zu können. Beteiligung waren das die Schweizerische Gesellschaft für praktische Sozialforschung, die Wirtschaftsföderung in Zürich und etwas verspätet die Bundeskanzlei und die Universität Bern. Seit 1977 wird die VOX-Analyse regelmässig auf Befragungsbasis realisiert. Durchgeführt werden die Studien abwechslungsweise von einem der drei politikwissesnchaftlichen Institute der Universität Bern, Genf und Zürich, koordiniert werden sie von gfs.bern.

“VOX POPULI – VOX DEI”, lautete bei den Römern die höchste Realität. Heute geht sie nicht mehr von Gott aus, der seine Stimme auf sein Volk überträgt. Nein, sie geht vom Volk aus, und sie muss richtig verstanden werden. Deshalb VOX-Analysen!

gfs-Umfrage Minarette: Erhebungsmethoden korrekt, weitere Abklärungen zu Kommunikationseinflüssen

Die SRG SSR idée suisse wird im Vorfeld der eidgenössischen Volksabstimmung vom 7. März definitiv keine Umfragen publizieren und verzichtet deshalb auch auf die zweite Publikumsbefragung. Dies hat die Chefredaktorenkonferenz in Absprache mit dem Generaldirektor entschieden, da die vollständige Überprüfung der gfs-Umfrage zur Minarett-Abstimmung vom 29. November 2009 nicht rechtzeitig vorliegen wird und innerhalb nützlicher Frist keine abschliessende Beurteilung vorgenommen werden kann.

Die SRG-SSR-Chefredaktorenkonferenz hatte im Einklang mit Generaldirektor Armin Walpen wegen der unerklärbaren Abweichungen zwischen den Umfrageergebnissen des Instituts gfs.bern und dem Abstimmungsergebnis zur Minarett-Abstimmung vom 29. November 2009 bereits im vergangenen Dezember eine detaillierte Analyse eingeleitet und beschlossen, bis auf weiteres keine neuen Umfrageresultate zu publizieren. Im Sinne der Glaubwürdigkeit der SRG SSR und im Interesse des Publikums werden diese Abklärungen ohne Zeitdruck vorgenommen.

Eine erste Erkenntnis liegt bereits vor: Laut einer externen Analyse ist die gfs-Umfrage zur Minarett-Initiative methodisch korrekt und nach international anerkannten Standards durchgeführt worden.

Für die Abstimmung vom 7. März 2010 hat gfs.bern im Auftrag der SRG SSR eine erste Befragung durchgeführt. Die Erkenntnisse aus dieser Befragung werden in die Gesamtanalyse einfliessen, die Ergebnisse werden aber nicht publiziert. Ausserdem wollte die SRG SSR bereit sein, für den Fall, dass bereits Ende Januar die Analyse vorliegen würde. Auf die Durchführung einer zweiten Befragung vor dem 7. März verzichtet die SRG SSR, weil diese für die Analyse nicht zwingend ist und weil absehbar ist, dass eine abschliessende Beurteilung und allfällige Massnahmen nicht rechtzeitig vorgenommen werden können. Bei positivem Ausgang der Gesamtanalyse wird die SRG SSR die gfs-Umfragen für die Volksabstimmung vom 13. Juni im üblichen Rahmen wieder aufnehmen.

Internationale Massstäbe erfüllt
Die methodische Überprüfung der gfs-Umfrage vor der Minarett-Abstimmung durch ein externes Institut ergab, dass keine Unregelmässigkeiten vorliegen. Die Umfrage wurde korrekt und nach anerkannten internationalen Standards durchgeführt und kommuniziert. Unter anderem wurde auch die sogenannte «Only-Handy-Problematik» (Nichtbefragung von Menschen, die nur ein Mobiltelefon aber kein Festnetz besitzen) beurteilt. Gemäss der Experten-Beurteilung ist diese Gruppe gemessen an der Gesamtheit der Stimmberechtigten für Umfragen nicht relevant und daher vernachlässigbar.

Eine weitere externe Analyse, die die SRG-SSR-Chefredaktorenkonferenz in Auftrag gegeben hat, befasst sich mit den möglichen Ursachen der Diskrepanz zwischen den Umfrage-Ergebnissen und dem tatsächlichen Resultat der Abstimmung, mit dem politischen und medialen Umfeld während der Befragung und deren Wirkung. Diese wissenschaftliche Untersuchung braucht Zeit. Ziel der Gesamtanalyse und allfälliger Massnahmen ist es, Diskrepanzen zwischen Umfragewerten und effektiven Resultaten möglichst zu vermeiden. Sobald auch diese Analyseresultate vorliegen, wird die SRG SSR über die Publikation zukünftiger Umfragen entscheiden.

Unabhängig davon plant die SRG SSR, in einer umfangreichen und langfristig angelegten Studie die Bedeutung und Wirkung von Abstimmungsumfragen für die Meinungsbildung in der Schweiz untersuchen zu lassen. Mit dieser wissenschaftlichen Arbeit soll ebenfalls ein aussenstehendes Institut betraut werden.

Hochrechnung unbestritten

Die Hochrechnung am 7. März 2010 hat nichts mit Umfragen zu tun und wird von gfs.bern durchgeführt.
Quellen: SRG / gfs.bern

Kommentar von Claude Longchamp