Archive for Dezember, 2009

Identität Schweiz 2009: In Zeiten des zunehmenden Drucks und Imageverlust wird eine offensivere Politik gewünscht

Trotz Wirtschaftskrise und zunehmenden Drucks auf die Schweiz bleiben die Stimmberechtigten Stolz, Schweizerinnen und Schweizer zu sein. Gewünscht wird aber neben einer offensiveren Schweizer Politik auch eine Schweiz, die sich wieder vermehrt an traditionellen Werten orientiert und auf das Einheimische ausgerichtet ist.

Erstmals wurde im Rahmen des Sorgenbarometers auch das Ansehen der Schweiz etwas genauer unter die Lupe genommen. Von Interesse war das von den Stimmberechtigten erwartete Image der Schweiz im Ausland. Gehen die Stimmberechtigten davon aus, dass das Image – wie in den Medien suggeriert – aufgrund der jüngsten Entwicklungen schlecht ist resp. gelitten hat?

Offensive gegen Imageverlust
Nun, schlecht ist das Image der Schweiz nach Ansicht der Stimmberechtigten nicht. Acht von zehn Befragten denken, dass das Ansehen der Schweiz im Ausland gut ist. Aber: Das Image hat für eine relative Mehrheit in den vergangenen zwölf Monaten gelitten. Diese Einschätzung erstaunt nicht, denkt man an die Diskussionen rund um das Bankgeheimnis, den Steuerstreit oder auch die Forderungen der OECD. Die Schweiz soll dem zunehmenden Druck aber nicht einfach klein beigeben. Vielmehr wünschen sich über zwei Drittel, dass die Politik die Anliegen des Landes offensiver vertritt.

Stolz vor allem rechts – aber nicht nur
Der angenommene Imageverlust und die als defensiv erlebte Schweizer Politik haben keinen Einfluss darauf, wie man sich als Schweizerin resp. als Schweizer fühlt. Der Anteil Stimmberechtigter, die sehr oder eher stolz sind, Schweizerin resp. Schweizer zu sein, bleibt auf einem hohen Niveau (83%) stabil. Mehrheitlich sehr stolz sind dabei Personen, die sich im politischen Spektrum rechts einordnen. Aber auch der Anteil Personen, die sich auf der politischen Achse links sehen, hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen (2005: 13%, 2009: 34%). Unbeeinflusst von der momentanen Lage bleiben Elemente der Schweizer Politik als Pfeiler des Schweizer Selbstverständnisses.

Nach wie vor sind die Stimmberechtigten besonders auf Eigenständigkeit/Unabhängigkeit und Neutralität stolz. Deutlichere Spuren zeigen sich demgegenüber bei Elementen der schweizerischen Wirtschaft, die nicht nur aufgrund der Diskussionen rund um das Bankgeheimnis zu weniger Stolz Anlass geben. Auch die wirtschaftliche Entwicklung dürfte diesbezüglich einen gewissen Beitrag geleistet haben.

Traditionsorientierung in unsicheren Zeiten

Die wirtschaftliche Entwicklung beeinflusst auch die Werthaltungen der Stimmberechtigten. In Zeiten der Krise orientiert man sich wieder stärker an traditionellen Werten. So wird nicht nur der Schutz der Traditionen wieder stärker betont, sondern auch die Bevorzugung des Einheimischen in der Wirtschaft. Die Schweiz resp. die Schweizer Wirtschaft muss geschützt werden. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Stimmberechtigten auf eine Schweiz stolz sind, die ihre Traditionen und Werte, aber auch ihre landschaftlichen Vorzüge hochhält.

http://www.sorgenbarometer.ch

Minarett-Umfrage: erste Antworten auf die Kritik

Die Abstimmung über die Minarett-Initiative überraschte mit ihrem Ergebnis alle. Deshalb stellte sich diese Woche die Frage nach dem Warum. Ich nehme hier als Institutsleiter von gfs.bern Stellung.

Dies vorab: Ich habe Verständnis dafür, das man sich an vielen Orten Gedanken zur Abweichung der Einschätzungen zum Resultate und diesem selber. Die Suche nach Antworten darf aber nicht wie ein buntes Rätselraten erfolgen, sondern muss nach fachlichen Kriterien erfolgen. Jeden Einwand dazu nehmen wir ernst.

Das Endergebnis in der Abstimmung zur Minarett-Initiative war 57,5 Prozent Ja zu 42,5 Prozent Nein, bei einer Beteiligung von 53,5 Prozent. Die Angaben in der letzten Umfrage lagen bei 37 Prozent “bestimmt oder eher dafür” zu 53 “Prozent bestimmt oder eher dagegen”; angenommen wurde eine Beteiligung von 50 Prozent Stimmberechtigter. Die Abweichungen sind ausserhalb des Stichprobenfehlers, das heisst in der Sache, nicht in der Statistik zu suchen.

Punkt 1: Zwischen Umfrage und Abstimmung liegen 18 Tage
Hätten wir diese Zahlen aufgrund einer Umfrage publiziert, die am Abstimmungssonntag selber oder unmittelbar davor gemacht worden wäre, wäre auch unser Urteil vernichtend. Nun ist das in diesem wie in allen anderen Fällen bei wahl- und abstimmungsbezogenen Umfragen in der Schweiz nicht der Fall, denn sie müssen spätesten 10 Tage vorher publiziert werden. Der mittlere Befragungstag liegt damit am Abstimmungstag zwischen 15 und 20 Tagen zurück. Im Fall der jüngsten Erhebung beträgt die Differenz 18 Tage. Sie entsteht aus der Durchführung, Verarbeitung, Analyse und Kommunikation vor den besagten 10 Tagen.

Wenn in dieser Zeitspanne kampagnenmässig nichts mehr geschieht, könnte ein Fortschreiten der Meinungsbildung allenfalls ausgeschlossen werden. Doch das ist sichtbar nicht der Fall, weshalb auch die Annahme unbrauchbar ist.

Die öffentliche Debatte übersah diesen Aspekt ganz und konzentrierte sich auf Methodenfragen, weshalb wir hier zuerst darauf eingehen.

Punkt 2: Methodisch keine stichhaltigen Einwände
Die Stichprobe war nach den vorliegenden Prüfungen in Ordnung. Die Erreichbarkeit der Grundgesamtheit, den Stimmberechtigten in der Schweiz, via Telefon entsprach dem Ueblichen. Bei interessanten Abstimmungen ist das nie das Problem, denn die Mitmachbereitschaft ist da generell hoch. Minimale Probleme ergeben sich wie bei allen Telefonumfragen aus der Mitte Jahr gefallenen Eintragpflicht ins Swisscom-Nummernregister. Wir kompensieren das in der Befragtenauswahl durch beigemischte Zufallsnummer. Die verbleibenden Effekte mit nicht registrierten Handys, die vermutet werden können, sind kleiner als der Stichprobenfehler.

Dass allfällige Probleme mit der Stichprobe nicht die Erklärung für die Differenz bei der Minarett-Initiative sein können, sieht man auch an folgendem: Drei der vier Aussagen derselben Umfrage zum Abstimmungsausgang (Zwischenstand zu zwei Vorlagen, zu Stimmbeteiligung) von niemandem bezweifelt werden. Wenn schon hätte alles falsch sein müssen.

Bei der Minarett-Initiative müssen deshalb andere Erklärungen beigezogen werden. Schnell einigte man sich in der Oeffentlichkeit darauf, dass “man bei solchen Themen nicht die Wahrheit sage”. Als methodischer Ausweg, Gefälligkeitsantworten zu vermeiden, wird in der Umfragepraxis gelegentlich empfohlen, nebst der direkten Sonntagsfrage (”Wie würden Sie selber stimmen, wenn am nächsten Sonntag Abstimmung wäre?”) auch die indirekte Sonntagsfrage (”Was glauben sie, wie die Abstimmung ausgehen wird?”) zu verwenden. Früher haben auch wir damit gearbeitet, das Verfahren aber aufgegeben, weil es untauglich ist.

Wir lassen es ganz bewusst offen, hier neue Tests einzuführen, wenn sie nachweislich Gefälligkeitsantworten erkennen lassen. Die Effekte müssen aber quantifizierbar sein, um zur Gegenmassnahmen zu führen. Das sind sie bisher nicht.

Punkt 3: Zahlen und Interpretationen beachten
Wir stellen deshalb gleich auf die direkte Sonntagsfrage ab, machen die Interpretation der Zahlen aber in aller Offenheit. Als sicher klassieren wir nur die “bestimmt Entscheidenen” auf beiden Seiten. Bei allen anderen lassen wir in der Interpretation ganz bewusst Veränderungen zu und kontrollieren genau, ob sie im Umfragenvergleich sichtbar werden. Wir hielten in der Berichterstattung zur zweiten Umfrage fest,

. dass die Mobilisierung steigt,
. dass sie generell den Anteil der Ja- nicht die Nein-Seite stärkt,
. dass dieses Phänomen in den unteren Bildungsschichten frühzeitig einsetzte und
. dass sich politische gesprochen das Ja von der SVP als Kern der Zustimmungswilligen auf ungebundene und FDP-Wählende ausbreite.

Deshalb formulierten wir unsere Prognose nicht einfach mit Zahlen, sondern mit Worten wie folgt: “Der Ausgang der Minarett-Verbotsinitiative ist unsicher, weil die Befürwortung steigt, bis jetzt aber minderheitlich bleibt. Das Konfliktmuster entspricht dem einer religös-konservativen Profilierung in der Polarität zwischen Moderne und Tradition, wobei es Ausstrahlung im rechten und parteiungebundenen Spektrum gibt. Argumentativ dominiert keine Botschaft, es sind nur die Pole klar besetzt.” (These 5, Seite 30). Die Mitteilung der SRG an Parteien, Medien und Behörden nahm dies gebührend auf, doch wurden die Zwischentöne in jeder Weiterzitierung abgeschwächt, bis sie ganz unter gingen. Hängen blieb, es sei nein!

Punkt 4: Meinungsbildung ist bis am Schluss etwas Dynamisches
In der Meinungsbildung geschah genau das Gegenteil.

verlauf
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. Die überzeugten Gegner der Initiative wurde während der Kampagne etwas zahlreicher. Von einer eigentlichen Demobilisierung der Gegnerschaft aufgrund von “Prognosen” kann nicht die Rede sein.
. Deutlich stärker wurden aber während der Schlusskampagne die überzeugten Befürworter der Initiative. Sie verstärkten sich mit aller Wahrscheinlichkeit aus drei Richtungen: Erstens aus dem Lager der Unschlüssigen, zweitens bei jenen, die sich erst am Schluss zur Teilnahme entschieden, und drittens, beschränkt bei Personen, die anfänglich eher Nein Stimmen wollten.

Die Erstanalyse zur Minarett-Abstimmung im Kanton Zürich legt, mit anderen Methoden den Finger auf die gleichen Punkt, indem auch sie auf die in Zürich unüblich hohe, und durch die Befürwortung der Minarett-Initiative geprägte Mobilisierung legt.

Die so viel gescholtene zweite Umfrage für SRG gibt sogar Hinweise für die Gründe, die wir schon im Voraus veröffentlicht hatten, damals aber niemanden interessierten: Bei Ungebundenen, FDP und CVP waren Mehrheiten bereit, ein Zeichen gegen die Islamisierung der Schweiz zu setzen, bei den Ungebundenen und der FDP nahm man hierfür auch ein Minarett-Verbot in Kauf, weil es ein potenziell politisches Symbol ist. Um es klar zu sagen, zwangsläufig war das in der Entscheidungsambivalenz nicht, denn das wichtigste Gegenargument, das wir mehrfach kommuniziert haben, war die Befürchtung, sich damit Nachteile in den Aussenbeziehungen ein zu handeln. Wir haben im Bericht hierzu festgehalten: Die Entscheidung fällt, je nachdem welche Seite den zögerlichen und unschlüssigen Menschen wie überzeugende Angebote machen Wie sich die BürgerInnen das sahen, wissen wir jetzt.

Unser Schluss
Unser Schluss ist der: Die sog. Fehlprognose kann kaum auf ein Problem mit der Umfrage selber ist zurückgeführt werden, ist aber eine Folge der Fehlwahrnehmung, die daraus entstehen. 10 Tage vor der Abstimmung wollen alle ein Ja oder Nein. Das geht in etwa 2 Drittel der Fälle, in einem Drittel nicht. Alle Beteiligten müssen soweit kommen, das in Zukunft zuzulassen, so zu kommunizieren und auch so zu memorieren.

Die Sonntagsfrage ist nicht an sich unbrauchbar, kann aber nicht ohne zusätzliche Interpretationen verwendet werden. Meinen Teil hierzu will ich verstärken, weil ich überzeugt bin, bereits auf dem richtigen Weg zu sein.

Bei der Kriegsmaterial-Initiative ging unser Kommunikation auf, weil Zahlen, Trends und unsere Analysen gemeinsam ins Nein wiesen. Deshalb haben wir das auch gesagt. Bei der Minarett-Initiative haben wir das so nicht gesagt, und es traf auch nicht ein. Nur will man uns das nicht glauben.

Claude Longchamp