Micheal E. Dreher betätigt sich als Politologe und nimmt ein politologisch sehr spannendes Thema auf. Er hat für 17 Gemeinden im Kanton Zürich die durchschnittliche Beteiligung erechnet. Die tiefen Werte sind erdrückend und bedrückend. Das Hauptproblem liegt bei der Manipulationsmöglichkeit, wenn man nur sehr wenige Personen zusätzlich mobilisiert. Dann ist eine Überraschungsmehrheit durchaus möglich, die kaum als legitim erachtet wird. Ich selber war auch überrascht, als mir eine SVP-Gemeinderätin einmal direkt sagte, dass sie nichts von Gemeindeversammlungen hält, da diese einfach durch selektive Mobilisierung entschieden würden.
Der Tages-Anzeiger berichtete gestern.
Was aber erklärt die Streuung auf geringem Niveau in den 17 Gemeinden? Die Resultate der Regressionsanalyse mit Hilfe von Strukturdaten bringt einiges Licht ins Dunkel. Mit unseren Modellen können wir gegen 80% der Schwankungen erklären. Trotz geringer Fallzahl können wir Arbeitshypothesen aufstellen, was gesamtschweizerisch erklärt, wie wenig Personen an Gemeindeversammlung teilnehmen.
1. Arbeitshypothese: Das oppositionell-konservative Millieu nimmt am wenigsten an Gemeindeversammlungen teil. Am besten repräsentiert wird dieses Millieu durch den Anteil Personen, welche die Schweizer Demokraten wählen, aber auch durch Personen, die im Bergbau tätig sind. Ähnliches gilt wohl auch für das linksoppositionelle Millieu; dieses ist in diesen Goldküstengemeinden allerdings nicht so stark vorhanden.

Die Grafik zeigt den Zusammenhang zwischen Anteil der Schweizer Demokraten an den Wahlen 07 und die Beteiligung an Gemeindeversammlungen im Durchschnitt 2001-2008 gemäss Michael E. Dreher.
2. Arbeitshypothese: Eine industrielle Struktur (Anteil Betriebe im 2. Sektor in einer Gemeinde) erhöht die Teilnahmewahrscheinlichkeit an Gemeindeversammlungen. Dies könnte mit einer durch industrielle Betriebe geprägten Ortskultur zusammenhängen. Solche alteingessenenen Betriebe könnten eine lokal aktive Gemeindebürgerschaft schon seit langem befördert haben.
3. Arbeitshypothese: Je höher der Anteil Personen mit sekundärer Bildung und je weniger tertiär gebildet sind, desto geringer die Teilnahme an Gemeindeversammlungen. Dieser Faktor “Bildung” erklärt allerdings auch die geringere Teilnahme an eidg. Abstimmungen und damit letztlich auch das politische Interesse allgemein.
4. Arbeitshypothese: Je mehr Personen in Einzelhaushalten leben, d.h. je atomisierter eine Gemeindestruktur, desto geringer ist die Teilnahme an Gemeindeversammlung.
Die Analyse zeigt, wie wertvoll Strukturdaten für konkrete Fragen über Gemeinden sein können. Die Zahlen von Michael E. Dreher zeigen wiederum, wie heikel mittlerweile das Instrument der Gemeindeversammlung mit Blick auf die demokratische Legitimation ist. Dass dies insbesondere für konservativ-oppositionelle Kreise gilt, zeigt auch, dass Michael E. Dreher wohl selbst weiterhin recht konservativ-oppositionell und damit viel eher Politiker als Politologe ist.
Letzte Kommentare