Archive for Mai, 2009

Der Arzt und meine Diagnose zur FMH: am Ende kein Latein

Heute wurde die FMH-Mitglieder-Studie publiziert. 7′897 Ärztinnen und Ärzte haben an der Online-Umfrage teilgenommen und wir waren überrascht vom hohen Rücklauf.

Die Studie schliesst einen Kreis in meinem Leben, der aus einem Arzt, Latein und politischen Blockaden besteht.

Arzt
Mein Vater ist Arzt und ich bin demnach ein filius medici. Er nahm mich ab und zu mit ins Spital Wattenwil. Während seiner Visite wurde ich von von Krankenschwester perfekt betreut um nicht zu sagen verwöhnt. Kein Wunder, dass mit der Aussicht auf ein verwöhntes Leben mein Traumberuf Arzt war!

Latein
Mein Vater hat mir dann klar gemacht, dass ich UNBEDINGT Latein lernen müsse, um Arzt zu werden. Leider verfüge ich in diesem Bereich über gar kein Talent. So wurde mir nach 18 Jahren, wovon 4 mit ungenügenden Lateinoten klar, dass ich meinen Traumberuf nicht studieren wollte.

Politische Blockaden
Auch dank meinem Vater bin ich politisch interessiert. Mit 18 konnte ich erstmals stimmen – und gleich beim EWR! Meine Überraschung war riesig, dass ein Nein resulierte und damit eine politische Blockade in der Europapolitik entstand. So kam ich auf ein lebhaftes Interesse an der direkten Demokratie. Und schliesslich zum Studium der Politikwissenschaften.

Der Kreis schliesst sich
So nahe am Puls der Ärtzeschaft war ich noch nie. Fast unzählige direkte Rückmeldungen in den offenen Fragen und klare Bekenntnisse zur Tätigkeit der FMH konnten wir in unserem Forschungsteam auswerten. Und siehe da: Die Ärzteschaft in der Schweiz ist heute erheblich politisiert und frustriert. Im Berufsalltag stört die politische Blockade im Gesundheitswesen und alles andere ist Nebensache. Es ist ein eigentlicher “Ileus magnus”: Ein heftiger Darmverschluss! Und mit der lateinischen Diagnose einer eigentlichen politischen Blockade in der Gesundheitspolitik schliesst sich ein Kreis in meinem Leben.

Am Ende kein Latein
Aus der europapolitischen Blockade konnte man herauskommen. Es brauchte Zeit, viel Pragmatismus, Überzeugungskraft und Arbeit. Es brauchte Verhandlungsgeschick und Kompromissbereitschaft. Aus Sicht der FMH-Mitglieder ist es zentral, dass sie ihren Einfluss auf die Gesundheitspolitik stärker und sichtbarer macht. Dass sie ihre Ziele konsequent und strategisch verfolgt aber dabei klar auf die Bedürfnisse der anderen Zielgruppen und der Bevölkerung Rücksicht nimmt. Zu den klassischen Aufgaben als Interessenverenigung wird für die FMH eine neue neue hinzu kommen – so mindestens unsere These: Campaigning. Die Kunst Strategie und Kommunikation zu einem Ganzen werden zu lassen. Am Ende der Studie also kein Latein, sondern plattes Englisch. Obwohl sich der Kreis schliesst, bleibt der Schuster bei seinen Leisten. Und der Politologe hofft auf eine baldige Genesung des Gesundheitswesens.

Umfrage- und Abstimmungsergebnisse im Vergleich

Umfrage- und Abstimmungsergebnisse stimmten am 17. Mai 2009 wie eigentlich immer weitgehend miteinander überein. Das gilt für die Beteiligung und die Ja-Anteile zu beiden Vorlagen ganz besonders.

“Zustimmung zur Komplementärmedizin, offen bei den Biometrischen Pässen und unterdurchschnittliche Beteiligung”. Das waren unsere Headlines zur Volksabstimmung vom 17. Mai 2009 aufgrund der letzten Umfrage, erstellt für die SRG SSR idée suisse, durchgeführt in der dritten Woche vor dem Abstimmungswochenende.

Die effektiven Ergebnisse von gestern lauteten: 38,3 Prozent Beteiligung; 50,1 Prozent Zustimmung zu den Biometrischen Pässen und 67,0 Prozent Ja-Anteil bei der Komplementärmedizin.

Ganz generell lagen wir damit in allen Fällen richtig. Keine der relevanten Abweichungen war ausserhalb der Stichprobenfehlers von rund 3 Prozentpunkten.

Im Detail siehen die Vergleich wie folgt aus:

. Beteiligung: Das Resultat der Abstimmung lag schliesslich um 1,7 Prozent unter dem Befragungsergebnis.
vergleich_teilnahmeabsicht_endergebnis

. Biometrische Pässe: Der Ja-Anteil war am Ende 1,1 Prozent höher als in der Befragung.
vergleich_stimmabsicht_biom_pass_endergebnis

. Gesundheitsartikel: Die Zustimmung war effektiv 2,0 Prozent tiefer als in der Befragung.
vergleich_stimmabsicht_komplementaer_endergebnis

Zwischen den beiden Befragung waren keine gesichterten Trends zu erkennen, was sich danach offensichtlich auch fortgesetzt hat.

Das entspricht der Erfahrung. Mit dieser stimmt auch überein, dass bei Behördenvorlagen der in Umfragen ausgewiesen Nein-Anteil im Vergleich zum effektiven zu gering ist. Die Abweichung ist hier fast immer ausserhalb des Stichprobenfehlers, hat also nichts mit der Machart der Befragungen zu tun. Vielmehr gilt, ganz allgemeinen und speziell auch gestern: Aus Unschlüssigen, die bis gegen das Ende einer Kampagnen verbleiben, werden in einer Referendumsabstimmung (Beschlüsse des Parlamentes) in der überwiegenden Zahl GegnerInnen.

Zwei Schlüsse kann man daraus für weitere Umfragen ziehen:

Erstens, es ist nicht statthaft, bei Prozentuierungen die Unentschiedenen wegzulassen, das heisst aufgrund der Ja-/Nein-Anteile in Umfragen zu verteilen. Macht man das, hätten wir in beiden Fällen die Zustimmung überschätzt, weil Unschlüssige am Schluss eben eher GegnerInnen sind.

Zweitens, am 8. Februar 2009 hatten wir, wie sich jetzt zeigt, zurecht eine andere Argumentation. Damals mobilisierte die Kampagne der BefürworterInnen massiv, sodass die Abweichungen für die Beteiligung und Zustimmung zeitgleich erheblich abwichen. Der Effekt von damals war spetziell. Er setzt sich ohne entsprechende Mobilisierung nicht einfach fort.

Stimmverhalten der Jungen: Markwalder- und Reimann-Kohorten

Wie der VOX-Trend-Bericht 2008 aufzeigt, sind die 18-29 jährigen, die an europapolitischen Abstimmungen teilnehmen, heute deutlich EU-kritischer als die damals Jüngsten vor 10 Jahren. Wir sprechen deshalb von einer Markwalder-Kohorte (NEBS-Präsidentin) und einer Reimann-Kohorte (Young4Fun-Gründer).

Nach wie vor begeistern sich sehr wenig junge Stimmberechtigte für die Politik und die Teilnahme ist massiv unterdurchschnittlich. Hier hat sich – leider aus demokratietheoretischer Sicht – wenig verändert. Optimistisch stimmt allerdings, dass sich ab 30+ offenbar der Teilnahmeanteil systematisch steigt und damit die Situation nicht schlimmer wird.

Um diese Begeisterung oder mindestens das Interesse zu wecken, braucht es offenbar Katalysatoren. Im Fall der von uns vorsichtig als “Markwalder-Kohorte” bezeichneten Gruppe (geb. 1971-1980) könnte dies unter anderem der Fall der Mauer gewesen sein, der die Weltordnung nach den goldenen Achtzigern auf den Kopf stellte. Damals herrschte ein grosser Optimismus vor, dass sich neben einer sicheren Wirtschaftssituation auch eine globale und friedliche Weltordnung etablieren könnte. Diese Kohorte ist damit etwas verträumt und in der Luft: Dem Verfolgen des eigenen, individuellen Glücks steht in einer friedlichen, geeinten und prosperierenden Welt nicht entgegen.

Die Neunziger brachten dann aber auch die Schattenseiten hervor: Die Reimann-Kohorte (geb. 1980-1989) erlebte ihre formativen Jahre ab Mitte der Neunzigerjahre in einer wirtschaftlich viel schwierigeren Zeit. Es erstaunt nicht, dass die heutigen Jüngsten die Interessen der Wirtschaft sehr ernst nehmen und sich stark um die eigene Lehrstelle und den eigenen Arbeitsplatz sorgen.

Die Schattenseiten der Globalisierung äusserten sich nach dem Fall der Mauer beispielsweise auch beim Bosnienkrieg. Eine friedliche Weltordnung etablierte sich nicht. Dies könnten die Katalysatoren der Reimann-Kohorte gewesen sein. Damit könnte auch eine Rückbesinnung auf traditionelle Schweizer-Werte und die stärkere Unterstützung einer repressiven Asyl- und Ausländerpolitik verbunden werden, welche sich bei den heute jüngsten Stimmberechtigten zeigt. Sie wuchs in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten auf und orientiert sich stärker an einer klassisch definierten Sicherheit. Sie ist damit handfester, pragmatischer und mehr am Boden als die Markwalder-Kohorte.

Mediengesellschaft als Perspektive und Realität

Leben wir in der Schweiz in einer Mediengesellschaft? – Eine Abklärung, die zu differenzierten Schlüssen führt.

Im Rahmen der 14. Jahrestagung der politischen Berater Europas (EAPC), 2009 in Zürich ausgetragen, präsentierten verschiedene Schweizer Forscher, Macher und PolitikerInnen ihre Erfahrungen mit der nationalen und transnationalen Politikarbeit. Mir war es aufgetragen, über die “Neue Aspekte in Wahl- und Abstimmungskämpfen der Schweiz” zu reden.

Dabei interessierte ich mich, wie weit das gerade in den Medienwissenschaften breit vertretene Konzept der Mediengesellschaft für die Schweiz zutrifft. Die genauere Beschäftigung führte mich zu drei recht unterschiedlichen Schlüssen:

. Erstens, die politische Kampagnenkommunikation wird durch die Eigenheiten der Mediengesellschaft stark geprägt. Das gilt für Abstimmungskämpfe schon länger, für Wahlkämpfe seit neuestem. Damit einher gehen ein wachsender Einfluss der Medien auf die Akteure, die Professionalisierung der politischen Arbeit und die Kommerzialisierung der Aktion.
. Zweitens, die politische Kultur der Schweiz, geprägt durch Konkordanz und Sachorientierung verändert sich unter dem Einfluss der transformierten politischen Kommunikation. Sie wird zusehends durch Inszenierungen wie Personen, Polarisierungen in der Sache und Skandalisierung der Akteure geprägt. Es kommt immer mehr zu einem Auseinanderfallen von rationaler Argumentation und Empörungsaktionen.
. Drittens, die politischen Institutionen werden in der Folge zwar kritisiert, zeigen aber ein erhebliches Beharrungsvermögen. Ihre Logik ist bisher nur sehr beschränkt den Erfordernissen der medialisierten Politik unterworfen worden. So wird der Bundesrat unverändert durch das Parlament gewählt, und die Kommerzialisierung von Kampagnen via bezahlter TV-Spots der Akteure bleibt weiterhin untersagt.

Mediengesellschaft, so meine Folgerung, ist eine interessante Perspektive, gleichzeitig aber auch ein weitreichender Schluss zu Konsequenzen, die sich nicht automatisch einstellen. Denn das Vordringen der Medien in das Herz der Gesellschaft ist kein linearer Prozess, eher eine dauerhafte Auseinandersetzung mit Akteuren, Kulturen und Institutionen.

Hier die Referatsunterlagen!

Was man 10 Tage vor einer Abstimmung in der Schweiz über ihren Ausgang weiss – und was nicht

Bei Wahlen in den USA, in Deutschland und in Frankreich ist es erlaubt, bis zum Wahltag selber Umfragen zu machen und zu veröffentlichen. Was zum Zeitpunkt der Publikation meist rund einige Tage alt ist und mit dem Wahlergebnis nicht übereinstimmt, gilt als Fehlprognose. Das ist auch richtig so.

In der Schweiz gelten seit Längerem andere Vorschriften, die als gentlemen aggrement zwischen Politik und Forschung entstanden sind und heute von den meisten hiesigen Medien akzeptiert werden. 10 Tage von Wahlen und Abstimmungen ist es nicht erlaubt, neue Umfragen zu veröffentlichen, sodass die letzte Erhebung in der Regel im Schnitt mindestens 14 Tage vor dem letzten Tag der Entscheidung gemacht wurde.

Das stellt verschiedene Probleme an die Aussagemöglichkeiten zum Ausgang von Abstimmungen, weil die Daten nicht unmittelbar vor der Entscheidung erhoben werden: zum Beispiel die Frage nach der Mobilisierung in den letzten zwei Wochen, welche die Grössenordnung von Zustimmung und Ablehnung an sich beeinflussen kann; dann aber auch nach dem Entscheid der Unschlüssigen, die mit der Nichtbeteiligung, Ablehnung oder Zustimmung drei Möglichkeiten haben.

Das Argument, mit der Briefwahl werde das ausgeglichen stimmt nicht, denn erfahrungsgemäss stimmt nur eine Minderheit vorzeitig brieflich, eine Mehrheit brieflich in der letzten Woche vor dem Entscheidungstag.

Ohne Analyse der letzten Ereignisse in einem Abstimmungskampf einerseits und Projektionen zum Verhalten der Unschlüssigen anderseits sind punktgenaue Angaben zum Ausgang der Entscheidung deshalb in der Schweiz (und anderen Ländern wie Luxemburg, die ähnliche Einschränkungen kennen) nicht an sich möglich.

Bei Wahl werden solche Annahme und Kontrollen soweit möglich gemacht. Bei Abstimmungen ist das Risiko zu gross, weil die Dynamiken zu stark von variierenden Gegenstand der Entscheidung abhängt resp. von den letzten Entwicklung in den Kampagne geprägt ist.

Deshalb ist es in der Schweiz auch bei der letzten Erhebung üblich, mit Zustimmungswerten, Ablehnungszahlen und Prozent für Unschlüssige zu arbeiten. Sind die Verhältnisse klar, kann man Aussagen zum Ausgang machen, die eine hohe Wahrscheinlichkeit für sich beanspruchen können. Sind sie es aber nicht, müssen solche Feststellungen ausbleiben.

Bei den Umfragen für die SRG SSR idée suisse haben sich die Beteiligten darauf geeinigt, von

. wahrscheinlicher Zustimmung,
. wahrscheinlicher Ablehnung und
. offenem Ausgang zu sprechen.

Bei letzterem ist es möglich eine gewisse Tendenz anzugeben, indem Vorteile für eine oder andere Seite kommuniziert werden, wenn sich diese aus der Sache heraus ergeben. Prognosen sind das aber nicht.