Archive for März, 2009

Generation Praktikum

Die Fachschaft der Politik-StudentInnen an der Universität Luzern lud mich ein, aus der Arbeit eines ausseruniversitär tätigen Politikwissenschafters zu erzählen. Dabei stand für die Zuhörenden während der Diskussion die Frage im Vordergrund, wie man zu einer Praktikumsstelle kommt.

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Heute bewerben sich viele Studierende für ein Praktikum. Die KandidatInnen werden immer jünger, und sind immer unerfahrener. Das widerspricht den Erwartungen eines Betriebes, der seit mehr als 10 Jahren regelmässig PraktikantInnen einstellt, denn das Profil, was man können muss und was man machen soll hat sich längst etabliert.

Deshalb sollte man auch nicht enttäuscht sein, wenn man einmal nicht genommen wird. Ein Praktikum ist je keine Lebensstelle, sondern ein Versuch in der Arbeitswelt Fuss zu fassen.

BewerberInnen sei empfohlen, in den sauber zusammengestellten Unterlagen die erworbenen Fachkompetenz aufzuzeigen, Arbeitstechniken, die man intus hat, aufzulisten und die Lebenserfahrungen zu dokumentieren. Letztlich zählt ein Mix, wenn man sich entscheidend.

Die StudentInnen an der jungen Universität Luzern haben dabei einen Vor- und einen Nachteil. Beginnen wir mit dem kritischen Befund: Ihre Ausbildung in Empirie und Forschungspraxis kann noch nicht mit der an anderen Universitäten wie Zürich, Bern oder Genf mithalten. Das sollte man, bei einer Bewerbung im Forschungsumfeld selber zu kompensieren versuchen.

Der grosse Vorteile der Studierenden in Luzern ist, in einem guten Lernumfeld das Studium absolvieren zu können. Auf die Motivation wirkt sich das vorteilhaft aus. Und das spiegelt sich hoffentlich auch in Bewerbungen wider.

In einem Punkt könnte es noch verbessert werden: Die die Gründung einer Alumni-Vereinigung unter den ersten AbsolventInnen der Politologie-Ausbildung, denn deren Wissen, das man an regelmässigen Treffen weitergibt, ist erfahrungsgemäss eine effiziente Stellenbörse.

Hier mein Vortrag, der sich noch zahlreich anderen Aspekten annahm.

Internetnutzung in Abstimmungskämpfen

Am 8. Februar 2009 stimmten die 50,9 Prozent Stimmberechtigte, die sich an der Volksabstimmung zur Weiterführung und Erweiterung der Personenfreizügigkeit beteiligten, zu 59,6 Prozent für die Vorlage von Regierungs- und Parlament. Nun liegt die VOX-Analyse hierzu vor, woraus wir hier ein Ergebnis unter vielen, nämlich das zur Internetnutzung, herausgreifen.

Grafik Internetnutzung in Abstimmungskämpfen
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In der Retrospektive zum Abstimmungskampf wurde vielfach betont, es sei der erster richtige Internet-Abstimmungskampf in der Schweiz gewesen. Das war eine qualitative Wertung. Mit der VOX-Analyse, die im Nachgang zur Entscheidung auf Befragungsbasis erstellt worden ist, kommen auch quantitative Befunde hinzu, welche die Auffassung stärken.

21 Prozent der Teilnehmenden (oder 11 Prozent der Stimmberechtigten) nutzten in den Wochen vor der Entscheidung dieses Medium, um sich zu informieren. In zeitlichen Vergleich waren das so viele wie noch nicht zuvor in der Schweiz. Zwischen 2004 und 2007 lagen die Werte regelmässig zwischen 9 und 15 Prozent der Teilnehmenden. Die schweizerischen Wahlen Ende 2007, aber auch die US-amerikanischen Ende 2008 liessen sie in die Höhe schnellen.

Die Mobilisierungsvideos erreichten insgesamt 14 Prozent der Stimmenden. Das sind rund 350′000 Personen, die sich dann auch beteiligten. Damit war es das wohl am meisten genutzte Elemente aus den neuen e-Angeboten.

Die Auswertung der VOX-Analyse erhellt, dass die neue Internetnutzung in Abstimmungskampfen anders als vielfach angenommen wird, keine exklusive Gepflogenheit der jüngsten Generationen sind. Vielmehr erreicht die Nutzung in den Altersgruppen der 18-60jährigen überdurchschnittliche Werte.

Die schwer kontrollierbare Verbreitung des Mobilisierungs-Videos von BürgerIn-zu-BürgerIn mit den Mitteln des viralen Marketings führte dazu, dass es bei weitem nicht nur von SchweizerInnen, von Teilnehmenden und von BefürworterInnen gesehen wurde. Es gilt aber: Wer es gesehen hatte wurde über dem Mittel zur Stimmabgabe für die BefürworterInnen motiviert.

Man kann es auch so sagen: Internet als Mobilisierungsmittel in politischen Kampagnen kann mit den neuen Instrumenten, die im amerikanischen Wahlkampf erprobt wurden, auch in der Schweiz in den letzten 2 Wochen erfolgreich eingesetzt werden, um die eigene Positionen zu verstärken. Diesmal stimmte die Botschaft und das Ueberraschungsmoment, was dafür spricht, solche Aktionen ein ander Mal nicht einfach kopieren zu wollen, sondern den Verhältnissen entsprechend einzusetzen.

Lieber Robert Nieth aus Walchwil

Besten Dank für Ihren Leserbrief in der Neuen Luzerner Zeitung (online und Print), den ich mit Interesse und einem nicht unbeträchtlichen Erstaunen zur Kenntnis genommen habe. Ich darf Sie zitieren :

“Wie aussagekräftig und verlässlich sind eigentlich die Umfragen, die das GfS-Institut von Claude Longchamp (SP) für ein vermutlich nicht zu bescheidenes Honorar regelmässig für SF DRS (auch zu 95 Prozent SP) durchführt? Ich sehe ihn noch vor mir, diesen Claude Longchamp, wie er vor etwa drei Wochen genüsslich das Resultat der neuesten Volksbefragung auskostete. Es kam, wie es kommen musste! Mit maliziösem Lächeln und in seiner gewohnt überlegenen Manier verkündete er: Alle Parteien könnten ihre Anteile mehr oder weniger halten, ausgenommen – wie könnte es anders sein – die SVP, die von fast 29 auf zirka 22 Prozent absacken würde. Wunschträume von Herrn Longchamp oder das Orakel von Delphi für die SVP? (…) Statt «Quo vadis SVP» müsste es eigentlich heissen «Quo vadis Claude Longchamp» mit seinen oftmals krassen Fehlprognosen.”

Als Kommunikator von komplexen Zusammenhängen bin ich mir gewohnt, Texte auf verständliche Kernbotschaften zu reduzieren, gleiches mache ich mit Ihrem Text. Sie sagen:

1.) Vor drei Wochen verkündete Claude Longchamp die neusten Resultaten einer “Volksbefragung”, welche sich, das entnehme ich im Weiteren aus Ihrem Text, mit der Wählerstärke verschiedener Parteien befasst.
2.) Herr Longchamp tat dies mit unverholener Schadenfreude gegenüber dem, was er da gleich erzählen würde…
3.)…nämlich, dass einzig und alleine die SVP seit den letzten Wahlen an Stärke eingebüsst hat, von 29 auf 22%
4.) dies erwiesenermassen falsch sei und damit nichts weiteres als ein Beispiel für die “oftmals krassen Fehlprognosen” von Herrn Longchamp darstellen.

Ich darf gerne zu jedem Punkt einzeln Stellung nehmen:

1.) Herr Longchamp hat vor etwa drei Wochen definitiv keine Resultate zu Wählerstärken “verkündet”. Er tat dies auch nicht vor vier oder fünf Wochen, sondern das letzte Mal im November 2007 im Nachtrag an die nationalen Parlamentswahlen. Ich vermute stark, Sie beziehen sich auf diese Studie, mit der Herr Longchamp und gfs.bern nichts zu tun haben.
2.) versteht es sich von selbst, dass wenn Herr Longchamp keine Resultate “verkündet” hat, dies auch nicht mit unverholener Schadenfreude tun konnte.
3.) stammen in der Folge auch die von Ihnen angeführten Zahlen nicht von Herrn Longchamp, und sind
4.) somit schwerlich als Beleg für Fehlprognosen von Herrn Longchamp zu verwenden.

Gerade mit diesen sogenannten Fehlprognosen ist es sowieso so eine Sache, da wir ja explizit keine Prognosen, sondern nur Bestandesaufnahmen zum Zeitpunkt der Befragung machen. Bei Abstimmungen und Wahlenb sind diese Befragungen am Wochenende der Entscheidung rund 16 Tage alt und nur dann als Prognose brauchbar, wenn in diesen 16 Tagen gar nichts mehr passieren würde, was Einfluss auf die Stimm- oder Wahlabsichten der Schweizer und Schweizerinnen nehmen würde. Angesichts der Tatsache, dass zwei Abstimmungs-Kommitees und alle Parteien genau solches beabsichtigen, eine recht unsinnige Annahme.

Sie sehen, lieber Herr Robert Nieth (SVP) aus Walchwil, von Ihren vier Aussagen zu Herr Longchamp sind vier erwiesenermassen falsch. Auf einer solchen wackligen Basis beurteilen zu wollen, “wie aussagekräftig und verlässlich” die Umfragen des Forschungsinstitus gfs.bern sind, erscheint mir zumindest fragwürdig. Problemlos vermag ich hingegen die Verlässlichkeit und Aussagekraft Ihres Leserbriefes zu beurteilen – gar keine!

Freundliche Grüsse

Urs Bieri