Archive for Dezember, 2008

Die besten Neujahrswünsche

Der Dezember ist wie immer die Zeit der guten Wünsche. Für die Weihnachten, für die Festtage und für das neue Jahr.

Das kommende Jahr steht allgemein für viele im Zeichen der Skepsis. Die Wirtschaftsaussichten sind getrübt. Die war bis vor Kurzem nicht eingestellt darauf. Der Export stottert, wenigstens der Konsum funktioniert noch.

Und die politische Ironie! Die besten Glückwünsche für 2009 haben wir vorerst von Bundesrat Moritz Leuenberger erhalten.


Original: Dieter Leuenberger

Sechsundsechzig Milliarden gute Wünsche zum neuen Jahr!”, hat uns der Verkehrsminister mit einer Ansichtskarte Zürichs zukommen lassen.

Herzliche Dank, Herr Bundesrat, erwidern wir da, und fügen, gemäss unseren Vorräten, einen weiteren Wunsch bei!

PS:
Unsere KundInnen bekommen in diesem Tagen eine Auswahl unserer Publikationen zugestellt, mit der Hoffnung, dass wir im nächsten Jahr ungeschmälert produktiv sein können. Den NutzerInnen unseres Blogs wünschen wir bereits jetzt viel Spass und viel Information auch im nächsten Jahr.

Die Präferenzen des Souveräns in der Finanzpolitik

Die Finanzpolitik ist eines der Kernstücke der Regierungsarbeit. Erwartungen aus dem Aus- und Inland, des Parlamentes, der Interessenorganisationen und der Einwohnerschaft prallen meist direkt aufeinander und müssen miteinander vermittelt werden. Der erstmals publizierte Finanzmonitor, zwischen 2001 und 2008 periodisch für economiesuisse erstellt, zeigt, wie die Beurteilung durch den Souverän ausfällt.

“Die bestehenden Aufgaben ohne neue Einnahmen optimal lösen”, das ist die kürzestes Fassung des finanzpolitischen Minimalkonsenses in der Schweiz. 8 von 10 der repräsentativ ausgewählten BürgerInnen sind damit einverstanden. 16 Prozent können dem Rezept nichts abgewinnen. Die Mehrheit ist über die Zeit stabil. Sie findet sich in allen Sprachregionen, und an der Basis aller grösseren politischen Parteien.

Darüber hinaus sind die finanzpolitischen Gemeinsamkeiten nicht sehr gross. Sie finden sich etwa bei der Frage, was mit Defiziten im Staatshaushalt primär geschehen soll: Die Ausgaben kürzen, meinen 85 Prozent der Befragten. Sollten Ueberschüsse reduzieren, ziehen 56 Prozent den Verschuldungsabbau gegenüber Steuersenkungen (35%) vor.

Wie dünn das Eis ist, zeigt sich an den Einschätzungen zweier gegensätzlicher Aussagen: 60 Prozent sind mehr oder weniger mit der Aussage einverstanden, dass die Behörden die Ausgaben nicht im Griff haben. 57 Prozent stimmen dem Statement bestimmt oder eher zu, dass der Staat wichtige Aufaben vernachlässige. Beide Tendenzen haben sich in den vergangenen Jahren fast kontinuierlich verstärkt.

Deutlicher noch kommt die zunehmende Skepsis in der wahrgenommenen Austausch-Relation zwischen sich selbst und dem Staat zum Ausdruck. Der Anteil, der für sich von Jahr zu Jahr eine schlechterte Bilanz zieht, nimmt zu. Heute haben 50 Prozent den Eindruck, mehr hergeben zu müssen, als vom Staat zu bekommen.

Angesichts dieser Befunde, fragt man sich, wem man in Finanzfragen noch am meisten glaubt. Bundespräsident Hans-Rudolf Merz schneidet ordentlich ab. Die SVP hat die klare Fangemeinde in der Minderheit. Im Innersten sind viele Schweizer und Schweizerinnen jedoch überzeugt: Wenn es ums Geld geht, trauen sie eigentlich nur sich selber.

Dass die Bürger und Bürgerinnen auf ihre Souveränität in Finanzen nicht verzichten wollen, darf die Politik gerade im direktdemokratischen Staatswesen nicht vergessen!

Zweisprachigkeit wird in Biel-Bienne gelebt

Biel-Bienne ist in der Schweiz das Vorzeigelaboratorium für die gelebte Zweisprachigkeit. Das ist die Quintessenz der jüngsten Evaluation zum Zusammenleben deutsch- und französischsprachiger Menschen in der Kommunikationsstadt.

Die Realität Mehrsprachigkeit
Das Zusammenleben der Sprachgruppen in der Schweiz verbessert sich kaum: Die Erwartungen an die Mehrsprachigkeit wachsen, die individuellen Kompetenzen sinken. Mehr und mehr gilt: Sprachgruppen leben nicht mit-, sondern nebeneinander.

Doch die Schweiz hat einige spezielle Laboratorien für das mehrsprachige Zusammenleben. Biel-Bienne ist wohl eines der Vorzeigebeispiele. Seit Jahren bemüht sich die Stadt, eine (mindestens) zweisprachige Identität aufzubauen oder zu erhalten. Koordiniert werden die Bemühungen durch das Forum der Zweisprachigkeit. Diese lässt im 10 Jahresrhythmus die Effekte der städtischen Sprachenpolitik evaluieren.

Das Projekt “Zweisprachigkeit” in Biel-Bienne
Mit gutem Grund, kann das Forschungsinstitut gfs.bern, das nach 1998 diese Arbeit zu zweiten Mal unternommen hat, festhalten. Denn die Ergebnisse sind überwiegend ermutigend:

Erstens, die wahrgenommene Intensität der Thematisierung von Leistungen und Problemen der Zweisprachigkeit in Biel-Bienne hat innert 10 Jahren zugenommen. Den heutigen Stand findet man in beiden Sprachgruppen gerade richtig.
Zweitens, das Zusammenleben der Sprachgruppen in Biel-Bienne wird seit 1998 in einem wachsenden Masse als Miteinander gesehen. In beiden Sprachgruppen sind heute Mehrheiten dieser Ansicht.
Drittens, Klagen zur Ungleichbehandlung der Sprachgruppen nahmen im jüngsten Untersuchungszeitraum ab. Auch das gilt für beide Sprachgruppen in der Tendenz. Das Ausmass bleibt aber unterschiedlich.

Strukturelle und kulturelle Voraussetzungen der Mehrsprachigkeit

Menschen der Minderheitssprache nehmen zur Hälfte wahr, dass sie ungleich behandelt werden. Menschen der Mehrheitssprache finden das hingegen nur zu einem Viertel.
Der Hauptgrund für die Benachteiligung der Minderheit ist die Wirtschaft. Damit gilt: Die ökonomische Grundlage ist das Fundament, dass verschiedene Sprachgruppen miteinander auskommen. Doch es ist nicht der einzige Grund dafür, dass das Experiment funktioniert. Die Verhaltensweisen der Menschen im Alltag entscheiden mit, ob eine Kultur der Zweisprachigkeit entsteht oder nicht.

In Biel-Bienne ist das politisch bewusst der Fall. Und es wird gesellschaftlich gelebt. Das merken die Menschen, und sie dankten es der Stadt in unserer Evaluierung in einem höheren Masse als die in früheren Untersuchungen der Fall war.

Die neue Swissness

Das beginnende 21. Jahrhundert ist objektiv durch Oeffnung der Schweiz gegenüber dem Ausland gekennzeichnet. Ob sich die SchweizerInnen subjektiv gleich schnell öffnen, kann aufgrund der zentralen Ergebnisse aus dem Sorgenbarometer 2008 hinterfragt werden. Vielmehr zeichnet sich im Selbstbewusstsein eine Synthese aus Traditionsorientierung und Oeffnungsbereitschaft ab.

Wo sich im Sorgenbarometer längerfristig anhaltende Trends ergeben, verweisen sie 2008 in Richtung Schweiz. So hat sich seit dem Jahr 2000 der Anteil SchweizerInnen, der eine nach aussen offene Schweiz unterstützt von 43 auf 19 Prozent mehr als halbiert. Mit einer Zunahme von 24 auf 40 Prozent hat sich der Prozentsatz fast verdoppelt, der eine Rücksinnung auf die schweizerische Eigenheiten befürwortet. Mainstreamig bleibt jedoch die Hoffnung, dass es eine weltoffene und gleichzeitig traditionsbewusste Schweiz gibt.

Darauf angesprochen, was die Schweiz heute am meisten bedroht, antworten am meisten Befragte, die Einwanderung in die Schweiz. 30 Prozent sehen die Schweiz dadurch stark gefährdet, weitere 41 Prozent eher. Die Verunsicherung stammt als aus der Entfremdung, die eine Mehrheit im eigenen Land durch die Migration erlebt.

Als Gegenbewegung dazu nimmt die Identifikation mit Schweizerischem zu. Ueberdurchschnitt stolz auf die Schweiz ist man im Lager der SVP, generell bei politisch rechts stehenden und bei Menschen über 60 Jahre. Sie halten ungebrochen am Sonderfall-Denken fest.

Doch das sind nicht die einzigen Trendgruppen, die man beobachten kann. In breiten Bevölkerungsteilen nimmt eine ausgesprochene Swissness-Haltung zu. Schweizierische Identität wird dabei nicht mehr aufgrund der Unabhängigkeit, Neutralität und direkten Demokratie definiert. Vielmehr wird die Schweiz mit wirtschaftlichem Erfolg in Verbindung gebracht: die höchste Symbolik kommt dabei der Uhrenindustrie zu. Präzise, robust und beliebt sind ihre Produkte, die wie nichts anderes für schweizerische Qualität stehen.

Man kann das wie folgt zusammenfassen: Die Schweiz bleibt den SchweizerInnen wichtig, egal ob die globalisierte Wirtschaft fette Gewinne oder riesige Pleiten bringt. Die eigene Leistung, die sich im Inland bewährt oder im Ausland Erfolge feiert, schafft dauerhafte Identifikation. Für eine Mehrheit wird die Schweiz so selber zum qualitativ hochwertigen Markenprodukt.

Mehr zum Thema hier.

Abstimmungsumfragen haben sich erneut bewährt

Vier der fünf eidgenössischen Volksabstimmungen zum Wochenende hat das Forschungsinstitut gfs.bern im Vorfeld mit Befragungen für die SRG SSR idee suisse untersucht. In allen vier Fällen lieferten die Vorerhebungen zutreffende Einschätzungen des Abstimmungsausganges, und erhellten die Trends die erwartbaren Entwicklungen in der Meinungsbildung. Eine kurze Evaluierung.

Die drei untersuchten Volksinitiativen begannen gemäss der ersten Umfrage alle besser, als sie am Abstimmungstag abschnitten. Die AHV-Initiative verlor 10 Prozentpunkte an Zustimmung, die Hanf-Initiative und die Verbandsbeschwerde-Initiative je 8. Grösser waren die Veränderungen in den Nein-Anteilen. Bei der AHV-Initiative vermehrte sich die Gegnerschaft um 29 Prozentpunkte, bei der Verbandsbeschwerde-Initiative um 26 und bei der Hanf-Initiative um 21 Prozentpunkte.

AHV-Initiative

AHV-Initiative

Die Entwicklungen entsprechen der hauptsächlich erwartbaren Trends bei Volksinitiativen, wie sie im Dispositionsansatz seit rund 10 Jahren postuliert werden. Mit der Problematisierung von Initiativen während des Abstimmungskampfes wächst das Nein schnell und stark an. Es übernimmt die anfänglich unschlüssigen, teilweise auch ursprüngliche BefürworterInnen.

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Verbandsbeschwerde-Initiative

Das hat mit verschiedenen Effekten zu tun: Die Mobilisierung steigt während des Abstimmungskampfes an, was eher den Gegnern nützt. Die Kampangen gegen Initiative sind auf die schwächste Stelle des Anliegens gemünzt, was die negative Meinungsbildung bei den Unschlüssigen und den partiziellen Meinungsumschwung erklärt.

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Hanf-Initiative

Verallgemeinert gesprochen hat das damit zu tun, dass vor einem Abstimmungskampf das Problem bekannt und von den Initianten besetzt und die vorläufige Meinungsbildung bestimmt. Während des Abstimmungskampfes ändert sich aber der Focus hin zu den vorgeschlägenen Lösungen, die primär aufgrund ihrer Schwäche beurteilt wird.

Diese allgemein gut bekannte Entwicklung sind in allen untersuchten Initiativ-Fällen mit der zweiten Erhebung richtig erkannt worden, und die Verlängerung der Trends aus dem Umfragenvergleich bis zum Wahltag gibt eine brauchbare Prognose für das Endergebnis. Stellt man auf die Trendverlängerungen bei den Ja-Anteilen ab, wird diese noch genauer, als wenn man die Nein-Anteil extrapoliert.

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Änderung Betäubungsmittelgesetz

Beim Betäubungsmittelgesetz gilt diese Mechanismus typischerweise nicht. Es war keine Initiative, sondern eine Referendumsabstimmung zu einer Behördenvorlagen. Die Meinungsbildung war in viel höherem Masse vorgefertigt, weil die Vorlagen nicht etwas Neues vorschlug, sondern im wesentlichen die bisherige Politik im Gesetz festhielt. Die Erfahrungen, die man mit der Praxis gemacht hatte, bestimmte die Meinungsbildung weitgehend, sodass die Kampagnen die bisherige Meinungsbildung nur noch verstärkte, nicht aber mehr veränderte.

Das ist das bekannte Szenario bei Behördenvorlagen, die sich auf Alltagserfahrungen stützen können. Die Messwerte im Voraus bestätigten die Erwartungen. Das Endergebnis zeigt, dass in diesem Falle eine Minderheit der Unschlüssigen ins Ja, eine Mehrheit aber auf die Nein-Seite wechselt.

Der Stadtrat in Bern: Mehr Farben und starke neue (bürgerliche) Mitte

Prozentanteile Stadtrat Bern (eigenen Berechnungen ohne Gewähr)

Prozentanteile Stadtrat Bern (eigene Berechnungen ohne Gewähr)


(blau dargestellt: mittlere Verschiebungen, rot dargestellt: grosse Verschiebungen)

Das sind die Präferenzen der Wählenden in Bern im Vergleich zu 2004. Die Prozente lassen eher quantitative Vergleiche zu als die Sitze und es sind daraus eher Tendenzen für andere Wahlen abzuleiten.

Während im Gemeinderat und beim Stadtpräsidium keine Überraschungen auftauchten, präsentiert sich der neue Stadtrat in einem politisch teilweise neuen Kleid. Zwar hat Rot-Grün-Mitte immer noch knapp die Mehrheit mit 42 von 80 Sitzen, aber die Situation ist eindeutig unübersichtlicher geworden. Der Umbau in der Mitte und in der bürgerlichen Mitte ist weiterhin im vollen Gang.

Trotz der tatsächlich eingetretenen starken Gewinnen der GLP, konnte sich das grüne Lager mehr oder weniger halten. Die GLP scheint im städtischen Raum vor allem eine ernsthafte Alternative für die liberalsoziale SP-Wählerschaft zu sein. Auch die SP musste trotz starker Lokomotive auf Ebene des Stadtpräsidiums starke Einbussen hinnehmen.

Als grosse Gewinnerin kann sich die BDP feiern. Auf Anhieb hat sie mit der SVP vergleichbare WählerInnenprozente erreicht. Dies war auch von mir in diesem Ausmass nicht erwartet und dürfte nicht nur auf Kosten der SVP geschehen sein: Die SVP hat von allen grossen Parteien am wenigsten Federn gelassen. Möglich sind Mobilisierungsgewinne für die BDP (und für die SVP) aber auch Stimmengewinne von eigentlich Wechselnden von der FDP zur BDP. Die FDP ist die klar grösste Verliererin der Berner Wahlen. Da auch in der Region Bern die BDP Wahlsiegerin ist, ist die BDP mindestens in Bern direkt zur ernst zu nehmenden Wahlkandidatin aufgestiegen, welche eine echte Konkurrenz zum etablierten bürgerlichen Lager darstellt. Die FDP hatte allerdings mit Stephan Hügli eine spezifische Herausforderung, welche die Mobilsierung des eigenen Lagers erschwert haben könnte.

“Die Mitte” schnitt allerdings sehr schwach ab. Sie wurde sogar klar distanziert von Jimy Hofer, den die absolut meisten Wählenden klar nicht in der Exekutive wollten, als zusätzlicher Farbklecks in der politischen Landschaft Berns scheint aber auch er willkommen. Er steht damit symbolisch für eine Berner Wählerschaft, die in der Exekutive auf Kontinuität setzt aber in der Legislative für mehr Farbe und Vielseitigkeit eingetreten ist. Die Polarisierung, welche die Neunzigerjahre beherrschte und bis 2007 immer noch teilweise weiter bestand, scheint überholt. Die späten Nullerjahre bringen deutlich mehr Farbe Links, Rechts in der Mitte und auch quer zur bekannten politischen Landschaft.