Archive for Oktober, 2008

10 Jahre Voranalysen zu Volksabstimmungen durch gfs.bern

Heute erscheinen die ersten Umfragen zu den Volksabstimmungen vom 30. November 2008. Die Ergebnisse im Einzelnen können hier nachgeschlagen. Doch darum geht es hier nicht. Vielmehr sei ein kleiner Rückblick gestattet auf die 10 Jahren, während denen das Forschungsinstitut gfs.bern Vorbefragungen zu eidgenössischen Abstimmungen für die SRG SSR idée suisse leistet.

10 Lektionen, die uns die SRG-Umfrageserien zwischenzeitlich geliefert haben, seien hier kurz zusammengefasst:

1. Meinungsbildung bei Abstimmungen ist in der Regel dynamisch. Sie ist insgesamt variabler als bei Wahlen, weshalb die Theorien der Wahlforschung fĂĽr die Abstimmungsforschung wenig brauchbar sind.

2. Die Variablität der Meinungsbildung folgt gewissen Regularitäten: Bei Volksinitiativen ist die Zustimmung vor einer Kampagne höher als am Abstimmungstag, weil die BürgerInnen am Anfang das Problem bewerten, am Schluss aber über dessen Lösungen abstimmen.

3. Bei Behördenvorlagen verteilen sich die Unentschiedenen meist auf beide Lager. Allerdings erfolgt dies in keinem festen Verhältnis. Faustregeln hierfür sind meistens falsch. Wenn bei einer Behördenvorlage die befürwortenden Allianz der Parteien während des Abstimmungskampfes zerfällt, geht auch der Anteil der Zustimmung in Umfragen zurück.

4. Die Beteiligungsbereitschaft an Volksabstimmungen steigt mit dem Abstimmungskampf meist an, wenn auch häufig nicht sehr viel. Die Zusatzmobilisierung hängt in erster Linie vom erzeugten Interessen durch die einzelnen Vorlagen ab. Mehr Abstimmungen gleichzeitig sind der Stimmbeteiligung förderlich.

5. Die Parteianhängerschaften unterschieden sich sehr häufig in ihren Stimmabsichten. Meist gleichen sich die Mehrheit der Parole der Partei während des Abstimmungskampfes an. Nur in Ausnahmefällen finden sich am Abstimmungstag keine Mehrheiten hinter den Parolen.

6. Der Prozess der Meinungsbildung setzt in den Sprachregionen unterschiedlich schnell ein. Zuerst reagiert in der Regel die deutsch- vor der französischsprachigen Schweiz. In der italienischsprachigen Schweiz findet die relevante Meinungsbildung häufig nur kurz vor dem Abstimmungstag statt.

7. Männer sind schneller entschieden, was sie stimmen wollen, als das bei Frauen der Fall ist. Frauen sind am Anfang einer Kampagne häufig unschlüssiger und offener. Am Schluss einer Kampagne gleichen sich die Mehrheiten aber häufig an.

8. Argumente sind nicht in allen Fragen gleich wichtig. Habituelle Entscheidroutinen und werteorientierte Entscheidungen stehen bewussten, durch Botschaften bestimmten Abstimmungsentscheidungen.

9. In den letzten 10 Jahren haben sich Argumente vor allem dann auf das Stimmverhalten gewirkt, wenn sie zwischen nationakonservativen und linksliberalen Grundhaltungen angesiedelt waren. Am schwierigsten mittels Botschaften zu bestimmen sind Sachpräferenz sozialkonservativer Natur.

10. Umfragen, die konstant und regelmässig gemacht werden, erhellen die Gesetzmässigkeiten der Meinungsbildung recht gut. Punktuelle erstellte Einzelumfragen verwirren dagegen mehr als dass sie klärend wirken.

Geburt einer Kommunikationsstrategie – Vom Wesen der integrierten Kommunikation

Organisationen haben oft viele Kommunikationsprobleme und nur eines nicht: Zeit, um eine Strategie auszuarbeiten. Solange die Situation nicht genau analysiert und die Instrumente nicht kritisch hinterfragt sind, fliegt man ohne Radar.

Fast alle wissen es: Kommunikation wirkt nicht einfach besser, nur, weil man mehr investiert. Und trotzdem erkenne ich im Alltag zwar viele Kommunikationsinstrumente aber kaum je ein spannendes Konzept. Hinzu kommt: Ein neues Konzept heisst Aufwand, Unsicherheiten und Konflikte.

Ergänzend zu einer Beratung oder bevor eine Beratung einsetzt, sollte man die Lage intern und extern sauber analysieren. Die systematische Auseinandersetzung mit der eigenen Situation ist die eigentliche Geburtstunde einer Kommunikationsstrategie. Sobald diese Hürde jeweils genommen ist, erscheint der weitere Prozess viel spannender, herausfordernder und konkreter als vorher. Im Sinne der integrierten Kommunikation ist die Verschränkung zur Strategie der Organisation und der Kommunikationsstrategie deutlicher und zwar für beide Seiten – der Kommunikation und den Verantwortlichen für die Strategie:

Der Beitrag der Kommunikation wird dank einer gemeinsamen Auseinandersetzung mit der externen und internen Wahrnehmung klarer. Diese Verschränkung mit der Strategie ist das eigentliche Wesen der integrierten Kommunikation. Sie integriert eben nicht nur Massnahmen, sondern bündelt die Massnahmen im Sinne des Ganzen.

Die effektive Ausarbeitung der Strategie und die operative Umsetzung fällt einem leichter und die Anerkennung ist eher vorhanden, wenn das Kommunikations-Controlling zum Schluss aufzeigen kann, wie die Wirkung der verschiedenen Massnahmen war.

Viel Geburtshilfe ist gar nicht nötig. Einzig die Neugier, wie man eigentlich aus kommunikativer Sicht dasteht.

Erfolgreicher runder Tisch zu Umfragen vor Wahlen und Abstimmungen

Im Nachgang zu den schweizerischen Parlamentswahlen 2007 verlangte Ständerat Rolf Büttiker mit einer Interpellation, die Karenzfrist für die Veröffentlichung von Umfragen vor Wahlen und Abstimmungen von 10 zu erhöhen. Der Bundesrat lehnte eines gesetzliche Regelung ab, liess es aber offen, mittels eines Gentlement Agreements für eine Lösung zu sorgen. Ein runder Tisch hierzu ist der Interpellation nicht gefolgt, hat aber Massnahmen gegen die neuartigen Probleme erarbeitet.

Vielleicht erinnert man sich noch: Am Freitag vor den schweizerischen Parlamentswahlen 2007 erschien eine Wahlumfrage des CBC-Instituts, die andern Tags auf dem Aushang und der Frontseite der Basler Zeitung war. Die Ueberraschung war gross, denn seit 1993 verpflichten sich die im Branchenverband zusammengeschlossenen Meinungsforschungsinstitute, in den letzten 10 Tage vor einer Wahl oder eine Abstimmung nichts mehr zu veröffentlichen.

Rolf Büttiker, FDP-Ständerat aus Solothurn, nahm diese Publikation zum Anlass, eine Interpellation zu starten, die eine Ausdehnung der Frist ohne Publikation neuer Umfragen für die ganze Dauer forderte, während der brieflich abgestimmt werden kann. Das wären minimal 21, maximal 28 Tage. Begründet wurde dies damit, 1993 habe die 10 Tage Sperrfrist eingeführt, um während der Zeit, in der schon gestimmt werde, jede nur denkbare Form der Beeinflussung zu vermeiden. Seit die erleichterte briefliche Stimmabgabe eingeführt worden sei, habe die Zahl der früh Stimmenden und Wählenden markant zugenommen, sodass man jetzt auch die Frist anpassen müsse, argumentierte der Interpellant nun.

Am runden Tisch, an dem Bundesbehörden, Uniwissenschafter, die Forschungsbranche und die Medien durchwegs prominent vertreten waren, verwarf man diese Argumentation gründlich. Tatsächlich sei es bis zu Beginn der 90er Jahre so gewesen, dass man in den letzten Tagen seitens der Parteien und der Medien kaum mehr Wahlkampf geführt habe. Das sei zwischenzeitlich jedoch gründlich verschwunden, argumentierten namentlich die Verleger und Medienvertreter. Mediale Ereignisse, politische Werbung und Stimmungsmache mit Gerüchten und Mobilisierungskampagnen würden häufig bis in die letzten Stunden vor Schliessung der Urnen andauern. Dafür sei die tiefe Stimm- und Wahlbeteiligung in den letzten Jahren wieder angestiegen lassen. Von daher sei es auch denkbar, auf die Karenzfrist für Veröffentlichung von Umfragen ganz zu verzichten, meinte der Presserat, zumal es bis heute niemandem gelungen ist, einen systematischen Einfluss von Publikationen auf die Entscheidung nachzuweisen.

Seitens der Forscher wurde betont, die Branche und die Mitglieder hätten in den letzten 15 Jahren vieles zur Hebung der Qualität von Umfragen beigetragen. Die spezialisierten Institute haben sich auf Minimalstandarts für die Produktion geeignet, in Richtlinie für die Verbandsmitgliedern festgelegt, und würden aus Gründen des Konkurrenzvorteils intern laufend an Verbesserungen arbeiten. Missbräuche können heute dank der Selbstregulierung weitgehend ausgeschlossen werden.

Ein Verlängerung der Karenzfrist, waren sich Medien und Forscher einig, würde einen ganz anderen Effekt haben: den Schwarzmarkt für unveröffentlichte Umfrage erhöhen; unkontrollierte und wenig seriöse Angebote auf Internet anwachsen lassen und das Eindringen von Nicht-Verbandsmitgliedern ins Wahl- und Abstimmungsgeschehen befördern, die sich an keine der erarbeiteten Standards halten würden.

Das überzeugte letztlich auch den Interpellanten. So ist CBC, das Institut, das seinen Vorstoss ausgelöst hatte, ein chinesisches Unternehmen, das zur Eigenprofilierung in den Wahlkampf eingegriffen hat. Es ist nicht Verbandsmitglied und kann sich deshalb auch leisten, die Richtlinien konsequenzenlos zu missachten.

Die Lösung des Problems sucht man deshlab auf dem Weg, den der Präsident der Branchenvereinigung signalisiert hat: Verzicht auf eine Verlängerung der Sperrfrist für die Publikation; Verzicht auf Fragen, ob und wie man brieflich gestimmt habe, in Vorbefragungen zu Wahlen und Abstimmung, Anerkennung der entsprechenden Richtlinie durch die Verlagshäuser und die SRG als interne Empfehlung an die Redaktionen.

Der Vorteil dieses Vorgehens ist, dass er nicht die bestraft, die sich um Qualität und Ordnung bemüht haben, sondern jene ausschliesst, die den Wildwuchs vorantreiben.