Archive for Januar, 2008

Machs gut, gfs.bern

Nach fast vier Jahren ist es nun vorbei. Es waren vier gute, vier anstrengende, vier spannende Jahre, und wie das manchmal so ist, gehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Vier Jahre lang habe ich bei gfs.bern gearbeitet, habe dort, wenn man so will, nach der Uni noch meine „Lehre“ in Politikwissenschaft gemacht, erst als „Lehrtochter“ bei Lukas Golder und Claude Longchamp, dann als „Gesellin“ bei Claude.

Bianca Rousselot, ummittelbar nach ihrem letzten Auftritt für gfs.bern im Regierungsgebäude von Liechtenstein

Wusste ich vorher theoretisch etwas über Politik und Wissenschaft, über Methoden und Fussnoten, habe ich hier das Handwerk gelernt.

Ich weiss jetzt, wie man Methoden auch anwendet, ich weiss jetzt, wie man Daten findet, generiert und zuletzt auch analysiert, so, dass man daraus einen Mehrwert schaffen und diesen auch kommunizieren kann. Und ich weiss jetzt, dass es für gute Ideen nicht immer Fussnoten braucht.

Ich habe etwas gelernt über Schweizer Politik, das über die üblichen Lehrbücher hinausgeht. Ich habe Einblick gehabt in Zusammenhänge, von denen ich vorher noch nicht einmal wusste, dass sie existieren. Und ich habe gelernt, dass es verschiedene Arten und Weisen von Wissen(schaft) gibt.

Ich habe viele spannende, interessante und komplexe Personen getroffen, in meinem Team, und auch ausserhalb. Besonders meine Kollegen beim gfs.bern werde ich vermissen – die Hellraiser-Tasse und das Gegrummel von STO, die Mittagsgespräche über Golf und Völkerrecht mit UBI, die Apéro-Pläne und das Ausführen derselben mit MAB, die 700-Toilettenpapier-Rollen-Bestell-Aktion von SRA, die Shirin-Telephonate von LBO, die Erinnerungen an Uyuni mit MIM, die Ferienguthabenausdrucke von TBI, die Diskussionen über Methodologie und Frauen mit LGO (meistens nicht beides gleichzeitig), die Freude über das Eintippen der letzten Vereinsadresse von JKO, und sogar schon die BRO-MBU-CLO-schüre mit MBU und das gute Sport-über-Mittag-Beispiel von LKO. Und nicht zuletzt natürlich die Stadtwanderungen, Zugfahrten und Präsentationen mit dem Lehrmeister selber, bei denen ich manchmal mehr gelernt habe als in machen semesterlangen Seminaren.

Euch allen möchte ich für die Zusammenarbeit danken.

Das, was ich in den letzten vier Jahren gelernt und verlernt habe, werde ich mit an die neue Stelle nehmen und versuchen, es dort anzuwenden. Vielleicht gelingt es mir dabei sogar, immer wieder an die Kreuzung zwischen Wikipedia und Akademia zurückzukehren und mal den einen, mal den anderen Weg zu gehen – resp. beide gleichzeitig.

Ich wünsche dem gfs.bern als Institution und Euch allen als Personen das Beste. Macht es gut!

Sorgenbarometer Schweiz – Zukunftsbarometer Liechtenstein

Zürich 1977: Der “Chiasso-Skandal” der Schweizerischen Kreditanstalt platzt. Die Bankenwelt gerät unter öffentlichen Druck. Als dieser bewältigt wird, beginnt die heutige CS, das Vertrauen der Oeffentlichkeit zurückzugewinnen. Zu den Massnahmen gehört auch das “Sorgenbarometer”. Es soll als Dienstleistung für die Oeffentlichkeit aufzeigen, wo die Sorgen der Menschen sind, wie sich das Vertrauen der Institutionen entwickelt, und wie das alles mit der empfundenen Wirtschaftslage zusammenhängt.

Das Sorgenbarometer hat sich aus diesem Umfeld, in dem es geboren worden, fast ganz emanzipiert. Geblieben ist aber eins: Die Konzentration auf die Gegenwart, und die Focussierung auf die Problembereiche der Bevölkerung. Trotz Versuchen, das zu ändern, ist uns das bis heute nicht wirklich gelungen.

Vaduz 2007: Der Versand des “Sorgenbarometers” vor einem Jahr hat das liechtensteinische Zukunftsbüro bewogen, sich bei uns zu erkundigen, ein vergleichbares Informationssystem für das Fürstentum Liechtenstein aufzubauen. Wir zeigen uns interessiert, bekommen aber gleich für die Projektrealisierung eine abweichende Auflage: Die reine Gegenwartsperspektive muss aufgebrochen werden. Es geht um Zukunftsfragen. Es geht darum, was die Bevölkerung an kommenden Probleme im Vergleich zu den heutigen sieht.

Das interessiert die liechtensteinische Oeffentlichkeit an sich, und es soll auch im Zeitvergleich beobachtet werden. Es soll zudem dem Zukunftsbüro in Vaduz helfen zu beurteilen, wie ihre Lageanalysen der Zukunft des Landes einerseits, die Bevölkerungsmeinung zu diesem Thema anderseits ist.

Das Zukunftsbarometer in Liechtenstein ist nicht aus einer Krise geboren worden. Es entstand in einer Phase der wirtschaftlichen Prosperität. Und es ist, anders als das Sorgenbarometer, stärker auf die kommenden Fragen des Landes gerichtet. Das scheint mir vielversprechend.

Es ist mir erst heute bei der Präsentation des Zukunftsbarometers für das Fürstentum Liechtenstein aufgefallen, wie unterschiedlich die Kultur der beiden Länder zwischenzeitlich sind. Und es ist mir heute auch klar geworden, wie dieser unterschiedliche Entstehungskontext die Konzeptionen von Studienreihen beeinflussen.

Hier der entwurzelte Selbstzweifel und die Fixierung auf die Gegenwart; da der Zukunftsoptimismus, der in der Tradition verankert bleibt.

Ich frage mich, wann die Schweiz von Liechtenstein lernt: Ich frage mich auch, wann die Schweiz ein Zukunftsbarometer bekommt, als Spiegel des Gegenwärtigen und des Zukünftigen?

Claude Longchamp

Von der getriebenen zur treibenden Partei

Am vergangenen Samstag äusserte ich mich in Altdorf zur Lage der CVP Schweiz. Meine zentrale These war: Die CVP blieb bei den letzten 6 Wahlen letztlich ohne durchschlagenden Erfolg. Sie war entsprechend eine getriebene Partei. Das hat sich 2007 veränderte. Ausgehend vom politischen Zentrum ist sie zur treibenden Partei geworden.

Elektoral hat sich die CVP nicht viel verbessert; sie hat die Talfahrt aber gestoppt. Sitzmässig konnte sie sich im Ständerat halten, im Nationalrat sogar leicht aufstocken. Die Bedeutung der neuen Zentrumsfraktion ist durch die Integration von EVP und glp indessen gestiegen.

Nicht zu letzt die jüngsten Bundesratswahlen haben gezeigt, dass die einfache Schematisierung der schweizerischen Wahlen unter den Stichworten “Rechtsruck” und “Bipolarisierung” nicht mehr funktioniert. Die neue Mitte ist in verschiedenen Allianzen mehrheitsfähig (geworden). In der Bundesversammlung, im National- und im Ständerat sind drei Kombinationen mit der CVP/EVP-glp-Fraktion gut, um die Mehrheit zu bestimmen:

. Bürgerliche Allianz (wie bisher): CVP mit FDP und SVP, aber ohne SP/Grüne

. Allianz des Zentrums (wie bisher): CVP mit FDP und SP, aber ohne SVP (und ohne Grüne)

. Mitte-Links-Allianz (neu) : CVP mit SP und Grünen, aber ohne SVP und FDP.

Eine feste Koalition mit der FDP ist wenig attraktiv, denn es gibt keine Aussichten, alleine so im Nationalrat eine Mehrheit stellen zu können.

Die Stärke der neuen Mitte besteht darin, den eigenen Standpunkt klar und dauerhaft in der Mitte zu formulieren, und je nach Thema und Situation alle drei Möglichkeiten der Allianzbildung in Betracht zu ziehen.

So kann die CVP dauerhaft von der getriebenen zur treibenden Partei werden.

Referat von Claude Longchamp auf www.gfsbern.ch