Archive for November, 2007

zoon politicon

2008 wird für mich ein hartes Lehr-Jahr. Ich habe in St. Gallen einen Lehrauftrag angenommen. Und ich werde weiterhin Kurse an den Unis in Zürich, Fribourg und Lausanne geben. Weiterführen werde ich auch meine Veranstaltungen an den Hochschulen in Winterthur und Zürich.

Neu werde ich über alle meine öffentlichen Lehrveranstaltung öffentlich berichtet. Ich habe hierzu einen neuen Blog eingerichtet: den zoon politicon.

Noch hat es erst eine Begrüssung drauf: eine kleine Abhandlung, was ich über den Menschen, der zur Politik befähigt ist, lehren möchte. Doch schon bald werden sich da auch Programme finden, Veranstaltungsunterlagen, Skizzen für Forschungsprojekte, Vorlesungskritiken, und Kommentare der Interessierten aus der Blogospäre.

So hoffe ich jedenfalls.

Auf zu meinem Lehr-Jahr 2008!

Schwarzarbeit: (k)ein Kavaliersdelikt? – Mangelnde Sensibilität in der Öffentlichkeit

Bundesrätin Doris Leuthard hat heute an einer Medienkonferenz betont, dass Schwarzarbeit kein Kavaliersdelikt sei. Wer schwarz arbeite, betrüge nicht nur sich selber, indem er auf den Lohn, der ihm eigentlich zustehe, und auf den Schutz der Sozialversicherungen verzichte. Wer schwarz arbeite und Schwarzarbeiter beschäftige, betrüge vor allem den Staat, die Gesellschaft und die rechtschaffene Konkurrenz. Zwar kommt die Schweiz im europäischen Vergleich in Sachen Schwarzarbeit relativ gut weg. Nichtsdestotrotz werden auch hierzulande jährlich rund 39 Milliarden Franken oder 9 Prozent des Bruttoinlandprodukts am Fiskus und den Sozialversicherungen vorbeigeschleust.

Mit dem soll nun bald Schluss sein. Schwarzer Tag für die Schwarzarbeit: ab 1.1.2008 tritt das neue Bundesgesetz zur Bekämpfung der Schwarzarbeit in Kraft. Das Gesetz arbeitet mit einer Mischung aus Anreizen, Repression und Aufklärung. Die Einführung des neuen Gesetzes wird durch eine vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) geleitete Öffentlichkeitskampagne mit dem Slogan «Keine Schwarzarbeit. Das verdienen alle» begleitet.

Diese Sensibilisierungskampagne ist auch dringend nötig. Unsere Kampagnenplanungsstudie, welche wir im Auftrag des SECO durchgeführt haben, hat nämlich eines sehr deutlich gezeigt: Schwarzarbeit gilt in der Bevölkerung und der Arbeitgeberschaft der Schweiz mehrheitlich sehr wohl noch als Kavaliersdelikt. Es fehlt an Sensibilität und Problembewusstsein. Sie wird heute nur von einer Minderheit der Befragten als schwerwiegendes Problem der Schweizer Volkswirtschaft wahrgenommen. Rund jede 4. befragte Person in der Schweiz relativiert die negativen Konsequenzen von Schwarzarbeit für den Staat, die Wirtschaft und die Gesellschaft. Ein weiteres Drittel der Befragten ist sich zwar der kollektiven Auswirkungen von Schwarzarbeit bewusst, sieht aber keinen akuten Handlungsbedarf. Da sowohl der Nutzen als auch die Risiken von Schwarzarbeit in erster Linie beim betroffenen Individuum lokalisiert werden, wird das Phänomen in den Bereich der Eigenverantwortung delegiert. Das generell eher fehlende Problembewusstsein fusst also auf einer Ambivalenz zwischen individuellen Nutzenüberlegungen und kollektivem Schaden, der zu Gunsten der schwarzarbeitenden Individuen aufgelöst wird.

Die geplante Informations- und Sensibilisierungskampagne als flankierende Massnahme zur Einführung des neuen Bundesgesetzes trifft also wegen der mangelnden Sensibilität für die negativen Folgen von Schwarzarbeit für das Kollektiv auf schwierige Ausgangsbedingungen. Um einstellungsrelevante Informationen vermitteln zu können, muss die Sensibilisierungskampagne in einem ersten Schritt überhaupt erst Aufmerksamkeit generieren und Interesse für das Thema wecken. Dies war unsere wichtigste Empfehlung an die Adresse der Kampagnenplaner.

Ob der eingeschlagene Weg in den zwei Jahren, in denen mit Plakatbotschaften auf das Thema Schwarzarbeit aufmerksam gemacht wird, tatsächlich zu einer Sensibilitätssteigerung in der Bevölkerung und Arbeitgeberschaft führt, bleibt abzuwarten… Eine Kampagnenevaluierung von gfs.bern wird Mitte 2009 Klarheit schaffen.

Die Studie findet sich unter www.gfsbern.ch/schwarzarbeit.

Sind politische Blogs Motoren oder Bremsen der Demokratie?

Diese Frage stellte Sarah Genner über ihre Dipolamrbeit als Politologin der Universität Zürich. Und sie gibt, aufgrund ihrer pionierhaften Untersuchung für die Schweiz, eine recht überraschende Antwort: Die von den Pessimisten befürchtete Fragementierung der politischen Oeffentlichkeit durch neue Kommunikationstechnologie findet kaum statt. Doch wird auch die von den Optimisten erhoffte Demokratisierung der politischen Oeffentlichkeit durch Oeffnung hin zu neuen Kommunikatoren kaum eingelöst.

Sarah Genner ist in der schweizerischen resp. deutschsprachigen Bologsphäre keine Unbekannte. Sie blogt selber seit einigen Jahren, berichtet aus Zürich und Berlin, wo sie jeweils studierte. Und sie verwertete ihre Recherche für ihre Abschlussarbeit gleich als Fachblog aus. Jetzt legt sie nicht nur den Prozess offen; sie macht uns über ihre Blogs auch das Produkt ihrer Studienzeit und -arbeit zugänglich.

In der Schweiz tauchte der Begriff des Blogs erstmals im Jahre 2000 in der NZZ auf. Seither sind landesweit in den Printmedien 7000 Artikel erschienen, die sich mit dem neuen Phönomen beschäftigen oder Blogs als Informationsquelle zitieren. Die Szene ist, gerade im Vergleich zu den USA, schweizerweit sicher klein, und sie ringt immer noch um Aufmerksamkeit. Eine international gesehen tiefe (aber wachsenden) Medienkonzentration, die damit verbundene grössere (aber schwindende) Meinungsvielfalt sind die strukturellen Gründe hierzu. Vermutet wird zudem, dass die Bereitschaft, sich indidivuell zu exponieren in der kleinmaschigen Schweiz geringer ist als anderswo, und damit auch das Potenzial der Blogbetreiber individuell begrenzt wird.Sieben Hypothesen hat Sarah Genner für ihre Untersuchung entwickelt und getestet. Dabei stützte sich sich auf die erwähnten 7000 Artikel in den Printmedien; 2000 davon hat sie zudem einer Feinauswertung unterzogen. Sie alle stammen aus dem Leitmedien der deutschsprachigen Schweiz, welche für andere Massenmedien und für die Politik die Themen vorgeben.

In der bestätigten Form lauten sie zu zum Stand der schweizerischen Politblogs:

1. Hinter den in Mainstreammedien genannten Blogs stehen eher Personen, die ohnehin bereits einen guten Zugang zum politischen Diskurs haben. 2.
2. Die in mainstream-Medien genannten Blogs werden überdurchschnittolich von gebildeten Männern geführt.
3. Blogs aus Krisengebieten erlangen durch die schnelle und direkte Kommunikationsform Aufmerksamkeit in Schweizer mainstream-Medien.
4. Blogs aus Ländern mit Pressezensur erhalten Aufmerksamkeit in Schweizer Mainstream-Medien.
5. Blogs, die Mainstream-Medien überwachen, erhalten Aufmerksamkeit in Schweizer Mainstream-Medien.
6. In Wahlkampfzeiten finden Blogs von Politikerinnnen, Politikern und Parteien Aufmerksamkeit in Schweizer Mainstream-Medien.
7. Gratismedien zitieren Blogs auf Grund ihres Geschäftsmodells häufiger als Bezahlzeitung.

Das lässt zunächst erhebliche Ernüchterung aufkommen: Es sind Zweifel angebracht, dass sich wirklich neue und auch demokratischer zusammengesetzte Kommunikatoren etablieren konnten. In erster Linie sind es Blogs aus Ländern mit Medienzenur und politischer Unterdrückung, die eine Gegenöffentlichkeit schaffen. In der Schweiz selber zeichnet sich kein Citizen Journalism ab. Vielmehr eine Komplementarität von klassischen Massenmedien, ihren Online-Angeboten und damit vernetzten und sich darauf beziehen Blogs zur Politik. Führend in der Verbreitung von Bloginhalten sind Gratismedien, aber nicht des neuen Stils wegen, sondern aus ökonomischen Gründen der günstigen Informationsbeschaffung. Schliesslich hat mit den zurückliegenden Wahlen ‘07 kein wirklicher Durchbruch für die politischen Bloggerwelt stattgefunden, wie man ihn nach den letzten amerikanischen Wahlen festgehalten hatte.

Natürlich kann am diese Schlüsse auch bezweifeln. Einmal bilden nur die in den Massenmedien zitierten Politblogs die Untersuchungseinheit der Diplomarbeit. Und die anderen, – fragt man sich? Die Materialdefinition kann auch ein unzulässige Einschränkung der beobachteten Entwicklungsweisen der Blogosphäre sein. Denn eine der Absichten von Bloggern, die nicht nur für sich, sondern für ein Publikum schreiben, ist es gerade, Nischenöffentlichkeiten zu schaffen, die vom Mainstream selbst dann nicht beachtet werden, wenn sie online sichtbar werden. Das heisst aber nicht, dass sie für die Entwicklung politischer Diskurse nicht unerheblich sind; als Observatorien der Grammatik neuen politischen Lebens können sie sogar ausgesprochen relevant, aber nicht mainstreaming sein. Man kann auch den Untersuchungszeitraum der Diplomarbeit bemängeln. Selbstredend gibt der bisherige Stoff seit der ersten Erwähnung von Blogs in der Schweiz nicht mehr her. Doch das Material wird in der Arbeit gänzlich undynamisch interpretiert. Es geht der Autorin einzig darum, erste Strukturverhältnisse, nicht sich abzeihnende Trends zu identifizieren. Doch nur diese hätte einen Ausblick erlaubt, der mehr über Entwicklungschancen junger Kommunikationstechnologie ausgesagt hätte, als über aktuelle Verhältnisse in einem zugegeben noch nicht zentralen Markt um politische Aufmerksamkeit.

Dennoch, Sarah Genner hat mit ihr Meisterarbeit als Politikfachfrau nicht nur eine methodisch anspruchsvolle Arbeit vorgelegt. Sie hat auch Neuland beschritten: sowohl in der Erarbeitung, als auch in der Themenwahl. Das alleine gebührt ihr Respekt als Forscherin. Vermehrt wird dieser durch die von ihr gewählte Abschlussperspektive der Arbeit. Auch wenn sie teilweise eher aufgrund der bestehenden Literatur denn den eigenen Befunden entwickelt worden sind, regen sie zum Nachdenken an. Vier sind mir in ihrer Prägnanz neu gewesen und werden mir Dank Sarah Genners Arbeit bleiben:

Erstens, das Internet und damit die Blogs steigert nicht das Interesse an politischer Parizipation. aber vermehrte politische Partizipation steigert das Interesse an Internet und Blogs.

Zweitens, Blogs sind ein Teil der Digitalisierung von Kommunikation, welche die Politik als erstes in den Leserbriefspalten erfasst hat.
Drittens, Blogs sind eine neue Möglichkeit der Vernetzung von Oppositionellen; doch sie sind gleichzeitig auch eine neue Quelle ihrer Observation.

Viertens, nicht nur in den Massenmedien lassen sich Leitmedien identifizieren, auf die sich häufiger bezieht als auf andere; auch unter Blogs gibt es die gleichen Erscheinung des mainstreamings.

Das ist mein Motor bei meinen weiteren Beobachtungen zu Politblogs in der Schweiz. Bremsen brauche ich angesichts des vorgelegten Tempos der Entwicklung eigentlich keine.

Eigentlich sieht man erst jetzt, was die Wahlen ‘07 gebracht haben

Eigentlich kennt man das Ergebnis der schweizerischen Parlamentswahlen erst jetzt, mit dem Endergebnis zum Ständerat. Am meisten Sitze gewonnen haben demnach die Grünen (+9), gefolgt von der SVP (+6). Zu den Siegerinnen zählen auch die neue GLP (+4) und die CVP (+3). Verloren haben die SP (-9) und die FDP (-7). Die Veränderungen bei den anderen Parteien sind marginal, ausser das einige Kleinparteien wie die SD oder die Solidarité aus dem Parlament ausgeschieden sind.

Aktuell sind die Fraktionsbildung noch in vollem Gang. Der Zugang zu Kommission ist hier massgeblich. Es geht aber auch um die Stärkenverhältnisse zwischen den Fraktionen. FDP und LP haben angekündigt, als Parteien national zu fusionieren; sie bilden auch eine gemeinsame Fraktion in der Bundesversammlung. Zudem schliessen sich die GLP und die EVP der CVP-Fraktion an. Die EDU wiederum findet Unterschlupf bei der SVP, und um den einzigen PdA-Vetreter buhlen die Grünen und die SP.

Der Zusammenschluss von CVP, EVP und GLP bringt dem neuen Verbund einmal 11 zusätzliche Kommissionssitze, und er bricht die Mehrheit von SVP und FDP in den üblichen Nationalratskommissionen. Damit stellt sich die Frage, welche Mehrheiten im neuen Parlament theoretisch möglich sind. Es gilt, drei Feststellungen zu machen:

. Erstens, die bürgerliche Allianz ist, unverändert, der stärkste überparteiliche Verbund im schweizerischen Parlament. In der Bundesversammlung kommt sie auf 165 Sitze. 131 davon stammen aus dem Nationalrat, 34 aus dem Ständerat. In jeder Situation ergibt das eine gesicherte Mehrheit.

. Zweitens, rot-schwarz-grün, kommt ebenfalls auf eine, wenn auch knappe Mehrheit. Sie dürfte 126 Sitze umfassen. Im neuen Ständerat ist die Mehrheit mit 27 Sitzen gut denkbar, im Nationalrat ist sie dagegen knapp, sie beträgt sie 100 Sitze.

. Drittens alle anderen Kombinationen von Parteien ergeben keine gesicherte Parlamentsmehrheiten. Das tritt zuerst auf eine Koalition von SVP und FDP (117/98/17) zu. Es gilt aber auch für das Zentrum (99/71/28) und für ein rotgrünes Bündnis (75/64/11).

Damit kann man die nachstehenden Schlüsse ziehen:

. These 1:
Unverändert braucht es 3 grössere Fraktionen, um im gesamten Parlament die Mehrheit zu sichern. Koalitionsbildungen aus zwei Parteien bringen nach wie vor nicht tragfähige Mehrheiten.

. These 2:
Die Stärkung der Mitte führt dazu, dass eine bürgerliche Allianz sicher, aber auch eine rot-schwarz-grüne Verbindung wahrscheinlich mehrheitsfähig ist. Das könnte sich in Verweigerungsallianzen zeigen, je nach Thema aber auch in Sachfragen. Rot-Grün hat ein Interesse, sich vermehrt an der Mitte rund um die CVP auszurichten.

. These 3:
Die entscheidende Rolle im neuen Parlament kommt der neuen CVP/EVP/glp-Fraktion zu. Sie kann auf zwei Arten, nach rechts und nach links, Mehrheiten beschaffen. Ihr Interesse an einer näheren Bindung mit der FDP dürfte damit schwinden.

. These 4:
Vieles hängt aber auch davon ab, ob sich die politisch heterogen zusammengesetzte CVP als Partei und als Fraktion finden, und nicht regelmässig von den Polen her bestimmt wird.

Tabuthema Privatverschuldung

“Lebt die Schweiz auf Pump?”, war die Frage zur Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für praktische Sozialforschung 2007. Dabei ging es nicht um die Staatsverschuldung. Vielmehr interessierte die Privatverschuldung, namentlich die für den eigenen Konsum. Da kam einiges, was sonst unter den Tisch gekehrt wird, ans Licht der öffentlichen Diskussion.

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gfs-zürich, welche die Veranstaltung realisierte provozierte mit einer kurzen Zusammenfassung der news-Lage: Die Wirtschaftslage ist gut, die Arbeitslosigkeit ist tief, die Gewinne der Firmen sind hoch, der Konsum floriert. Und trotzdem: Privatkonkurse und Pfändungen sind auf dem Höchstand. Selbst die Negativ-Zahlen aus dem Crash-Jahr 1994 werden übertroffen. Hängt das zusammen?

Ja, sagte César Paiva, CEO der solfinco (Groupe Crédit Agricole), ein guter Kenner des Konsumfinanierungsmarktes. Früher leihte man sich Geld bei Vater oder beim Onkel. Heute bezieht man es als Dienstleistungen. Diese ist zum normalen Geschäft geworden. Wer Geld gibt, will es mit Gewinn zurück. Wer Geld nimmt, kann so Geldengpässe überbrücken. Geld werde nicht leichtfertig vergeben, denn man mache keine Geschenke. Die neue Branche setze auf Transparenz der Folgen und Erziehung der Schuldner.

Die Schweiz kennt höchstwahrscheinlich eine vergleichsweise geringe Privatverschuldung, versuchte Paiva zu vermitteln. Doch der Trend verweise, wie schon früher in den angelsächsischen Ländern, nach oben. Jetzt gehe es darum, die liberal geprägte Selbstverantwortung zu stärken; der Ruf nach dem Staat, der die Menschen vor sich selbst schütze, bringe hier nichts. Das war eine klare Vorgabe aus der Sicht der Treiber.

Und genau daran entzündete sich, nach anfänglichem Zögern, auf dem Podium eine interessante Diskussion. Filippo Leutenegger gelang es, Vertreter, die sonst lieber nicht in der Oeffentlichkeit über das Thema reden, zum nachvollziehbaren Gedankenaustauch zu bringen.

Beat Stocker, CEO der Aduno-Gruppe, die ins Konsumkreditgeschäft der Schweiz einsteigt, markierte das eine Interesse. Das andere nahm Jürg Gschwend, Vorstandsmitglied des Dachverbande Schuldenberatung Schweiz, wahr. Konsens herrschte darüber, dass Konsumkredite nicht über Makler vermittelt werden sollten, sondern im direkten Dialog zwischen Geldgebern und Geldnehmern. Dissens zeigte sich bei der Frage nach eingebauten Versicherung. Kreditgeber befürworten sie als Selbstschutz, Schutzverbände sind für restrikitvere Vergabe von Konsumkrediten von Beginn weg.

Die Realität ist übrigens ziemlich anders, als man sie sich vorstellt. Konsumkredite würde nicht primär für Ferien und Autokäufe verwendet. Arbeitslosikgeit, Scheidung und Krankheiten stünden an der Spitze der Ursachen. Man war denn auch skeptisch auf dem Podium, dass Konsumkredite wachstumsfördernd seien. Vielmehr kenne man zwei Formen: die Bewältigung einer Lebenskrise und die Mehrung des momentanen Wohlstandes. Grundsätzlich sei das nichts Schlechtes, hielt Peter Spichiger, erfahrender Sozialforscher vom gfs-zürich, fest. Mit dem Wachsen der Kreditvergabe werde aber auch die Zahl der Ueberschuldungen wachsen.

Spannend war ein Einwand aus dem Publikum. Die Privatverschuldung mit Krediten sei in der Schweiz vergleichsweise tief, weil man mit dem bezahlen der Steuern zuwarte, allenfalls auch mit der Begleichung der Krankenkassenbeiträge. Das bestätigte denn auch gfs-zürich: Wenn in der Schweiz kanpp bei Kasse sei, “leihe” sich Geld beim Staat und bei obligatorischen Versicherungen, erst dann bei Banken. Darüber sprechen man noch weniger als über das Thema generell.

Ich habe an diesem Abend der Schweizerischen Gesellschaft für praktische Sozialforschung viel gelernt:

Dass eine neue Entwicklung auf die Schweiz komme.
Dass die Schweiz in der Entwicklung erst am Anfang stecke.
Dass Konsumkredite ein normales Geschäft seien.
Dass die Eigeninteressen der Geldgeber regulierend wirkten.
Dass die meisten Klein- und Konsumkredit zurückbezahlt werde.
Dass es ein ungelöste Risiko der Ueberschuldung von speziell gefährdeten Gruppen gäbe.
Dass staatliche Schuldberatung nötig sei.
Dass Steuerschulden in der Schweiz üblicher seien als solche auf Konsumkrediten.
Dass die Diskussion zwischen den Verantwortlichen erst in den Kinderschuhe stecke.

Vor allem habe ich gelernt, dass man über diesen weitgehend tabuisierten Bereich in der Schweiz öffentlich nicht spricht, aber auch fachlich nicht viel Zuverlässiges weiss. Das ist eigentlich ein idealer Ansatzpunkt für vermehrte Sozialforschung. Diese hilft auf der Basis gesicherter Fakten zu diskutieren. Ich schlage hierzu ein Forschungsprojekt vor, – wenn möglich, nicht auf Pump!

Jugend und neue Werte

Vor einigen Tagen habe ich an der Veranstaltung “Jugend” des “Vereins für Zivilgesellschaft” teilgenommen. Hinter verschlossenen Türen sollte über das Neue der kommenden Generation diskutiert werden. Anwesend waren 120 Gäste, darunter auch zahlreiche jüngere.

Ich war in der Arbeitsgruppe “Jugend, Werte und Vorbilder” aktiv. Wie häufig in solchen Gruppen, kam es vorerst zu Missverständnissen: Aeltere, gestandene Teilnehmer verwechselten ihren Lebenserfolg mit dem gesellschaftlichen Vorbild. Ihr Vorbild wiederum verstanden sie als normativen Wert. Und diesem Wert hätten andere zu folgen. Das begeisterte die Jüngeren im Workshop gar nicht. Die älteren Generationen seien kein Vorbild für sie. Denn sie seien zu verschlossen, wurde argumentiert. Sie hätten die Gleichstellungsfrage verpasst, kam auf den Tisch. Und sie würden nicht nachhaltig mit Ressourcen umgehen, war zu hören. Man kritisierte auch die einseitige Orientierung an Leistung, Karriere und Erfolg, worunter die persönliche Entwicklung leide.

Damit waren wir mitten im Generationenkonflikt um Werte.

Alle Bemühungen, die Diskussion wieder zu versachlichen, waren nur beschränkt erfolgreich. Dazu zählte auch die Skizze eine analytischen Schemas, die verschiedenen typischen Werthaltungen im Sozialen und Kulturellen zu verorten. Wenn man akzeptiert, dass Werte auch generationstypisch sind, dass sie einen geschlechtsspezifischen Charakter haben und durch die soziale Stellung beeinflusst bleiben, muss man diese Dimension der Werte stets mitdenken. Berücksichtigen muss man auch die kulturellen Eigenheiten des Wertewandels: Dieser unterscheidet werde zwischen Traditionen und Neuorientierung.

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copyright by Sinus Sociovision, Heidelberg

Ein mindestens plausibler Lösungsvorschlag hierzu sind die Milieu-Studie des deutschen Sinus-Instituts, die zwischenzeitlich in 18 Ländern eingesetzt werden. Als als die klassischen soziodemografischen Segmentierungen, gruppiert diese Studiereihe die Menschen aufgrund ihrer übergeordneten und bereichsspezifischen Alltagseinstellungen. Diese werden mittels einer verfeinerten Clusteranalyse zu charakterischen Wertmustern zusammengefügt.

Demnach gibt es herkömmliche Wertemilieus vor allem in der Mittel- und Unterschicht (19% in der Schweiz). Bis in die obere Mittelschichte reicht der Mainstream (34%). Zusammen machen dieser Cluster gut die Hälfte der EinwohnerInnen in der Schweiz aus. Die andere Hälfte kann grob gesehen in gesellschaftliche Leitmilieus einerseits (30%) und junge Milieus eingeteilt werden (17%).

In der Sinus-Terminologie sind die “Eskapisten” heute die verbreitetste Gruppe unter den aufkommenden Milieus, die bei den Jungen ausgeprägt vorkommen: Die Spass-orientierten Unangepassten suchen nach starken Erlebnissen; sie verweigern sich gegenüber der Leistungsgesellschaft. Ihre Perspektive ist auf das Hier und Jetzt ausgerichtet; langfristige Lebensplanung kommt hier nicht vor. Typisch ist dieser Hedonismus in den unteren Mittelschichten und Unterschichten, die sich von der Tradition und dem Konsum abgrenzen.

10 Prozent machen die “neuen Performer” aus. Auch sie kommen in den jüngeren Altersgruppen überdurchschnittlich vor. Anders als die Eskapisten gehören die jungen Performer mehrheitlich zur Oberschicht und zur oberen Mittelschicht. Doch sind sie noch nicht arriviert. Technikfreundlichkeit paart sich hier mit beruflicher Karriereorientierung. Diese ist jedoch nicht eindimensional. Intensives Leben, ausgerichtet an Selbstverwirklichung gehörten unzertrennbar dazu.

Schliesslich unterschiedet die Sinusstudie noch die “Experimentalisten”, die 6 Prozent der BewohnerInnen in der Schweiz ausmachen. Auch sie gehören zu den jungen Milieus, das in der kommenden Generationen verstärkt auffindbar ist, vor allem wenn es sich um Mittelschichten handelt. Hier ist man vor allem für neue kulturelle Einflüsse offen; selber will man neue Erfahrungen sammeln, und diese will man individualistisch verarbeiten. Spontaneität steht hier im Zentrum, die durch keine Konvention eingeschränkt werden soll.

So klar strukturiert hat das in der Arbeitsgruppe niemand hingekriegt. Schade, denn es hätte vielleicht geholfen, die typischen Missverständnisse zu vermeiden, oder sie wenigstens zu überbrücken. Ich nehme auf jeden Fall mit: “Die Jugend” hat auch heute keine einheitlichen Werte. Sie findet sich in ganz verschiedenen Wertclustern. Dort, wo die heutige Jugend jugendliche Wertemilieus angehört, zeigen sich Schichteinflüsse. Ihre Charakteren sind die moderne Leistungswilligkeit, die Experimentierfreudigkeit und der Hedonismus.

Das unterscheidet sich nicht unwesentlich von der Wertedebatte, welche die neu autretende Generation der 80er Jahre führt. Damals ging es vor allem um den Konflikt zwischen materiellen und postmateriellen Werten.

Wahlstatistik in der Schweiz – the state of the art 2007

Ich war an den jüngsten Statistiktagen der Schweiz Schlussreferent. Man hatte mich gebeten, nach den eidg. wahlen 2007 zum Stand der Wahlstatistik zu sprechen. Ich habe diese Aufgabe und Ehre gerne angenommen.

Mein Referat wird demnächst auf der Website der Tagung erscheinen. Hier sind schon mal die Kernaussagen, die ich in Luzern vor rund 200 StatistikerInnen gemacht habe.

Ich habe drei These vertreten:

Erstens, die amtliche Wahltstatistik in der Schweiz ist solide. Sie berichtet einigermassen schnell, deckt aber die sich ändernde, politisch-mediale Nachfrage nicht mehr genügend ab.

Zweitens, hinsichtlich der öffentlichen Verwendung gleichen sich die amtliche und nicht-amtliche Wahlstatistik zusehends an.

Drittens, StatistikerInnen müssen in ihrer Ausbildung und Arbeit nicht nur gut rechnen, sondern auch gut kommunizieren lernen. Diesbezüglich braucht es eine selbstkritische Diskussion, was StatistikerInnen tun resp. nicht tun.

Ich habe versucht, diese drei übergeordenten Gedanken anhand von sechs ausgewählten Beobachtungen zur Verwendung der Wahlstatistik in der Schweiz zu diskutieren. Diese sind:

. Die amtliche Wahlstatistik hat in ihrer Berichterstattung ärgerliche Lücken. So werden die AuslandschweizerInnen bundesweit nicht oder nur uneinheitlich ausgewiesen. Auch 15 Jahre nach der Einführung des AusländerInnenstimm- und -wahlrechts wissen wir letztlich nicht über das Verhalten dieser Gruppe MitbürgerInnen.

. Die amtliche Wahlstatistik lässt beispielsweise bei der Beteiligung Spekulationen über Gebühr zu. Die Vorzeitige Bekanntgabe von Trends in der Wahlbeteiligung führte 2007 zu Falschaussagen. Die Praxis muss überdacht werden, nichtzuletzt, weil Beteiligung und Wahlerfolge der verschiedenen Parteien nicht unabhängig voneinander sind.

. Die amtliche Wahlstatistik einzelner Kantone bewegt sich im Bereich der Wählerstromanalyse in Bereiche, die für die Schweiz innovativ sind. Eine rasche Standardisierung der neuartigen, interessanten Angebote, die sich im Ausland teilweise schon länger durchgesetzt haben, ist wünschenswert.

. Die massenmediale Berichterstattung über Wahlumfragen bleibt auf die Prognose(un)fähigkeit fixiert. Sie reagiert dabei unverhältnismässig stark aufgrund der skeptischen Einwände gerade auch theoretischer Statistiker. Dabei werden die realen Leistungen von Umfrage, die sich dank der angewandten Statistik verbessert haben, verkannt.

. Der Umgang mit dem Stichprobenfehler als Testinstrument bei Repräsentativ-Befragung hat sich verbessert. Es ist aber nicht beim Ziel, denn er neigt dazu, den Zusammenhang zwischen Genauigkeit und Sicherheit der Aussage zu übersehen.

. Komplexe statitische Verfahren haben in der Analyse von wahlbezogenen Daten Eingang gefunden. Dank Visualisierungen vermitteln sie ein verbessertes Bild der Realität. Die reine Statistik muss dafür aber auf die Bedürfnisse, die aus ihrer Vermittlung entstehen, weiter entwickelt werden.

Die Diskussion kam an dieser reich befrachteten Fachtagung zu kurz. Das galt leider auch für die Schlussverantstaltung, wo aus organisatorischen Gründen kaum mehr debattiert werden konnte. Auf die zahlreichen informellen Rückmeldungen, die ich dennoch erhalten habe, werde ich direkt eingehen!

http://www.statoo.com/sst07/

Verhinderter Leserinnenbrief

Der “Tagi” veröffentlichte am Donnerstag vor den Nationalratswahlen einen abschätzigen Artikel zum Wahlbarometer. Den nachfolgenden Leserbrief dazu publizierte er aber nicht. Er hat uns dieser Tage als Kopie samt allgemeinem Absageschreiben erreicht, – ein kleiner Ausgleich!

 

Genialer Analyst

Wahlprognosen haben ein verteufeltes an sich: Sie sind Prognosen. Und bleiben es bis zum Zeitpunkt der Auszählung.

Ein Unwetter grösseren Ausmasses mit Überschwemmungen, ein Angriff auf ein Heim für Asyl Suchende oder ein “stimmiges” Inserat, mit ein paar Huntertausenden hingebuttert und Herr und Frau Schweizer machen zu Hunderten Rechts- oder Linksumkehrt. Und dies noch kurz vor dem Wahltag. Wir sind so. Wir sind nur Menschen und so wunderbar manipulierbar.

So gesehen macht der Politologe Claude Longchamp mit seinen Prognosen geradezu Punktlandungen. 2% darüber oder darunter – es ist irrelevant. Relevant sind seine Einordnung, seine Analyse und seine Interpretation nach der Wahl.

Mit Longchamp hat das Schweizer Fernsehen wenigstens ein paar Mal im Jahr das, was man sonst so schmerzlich vermisst: Klasse, Stil und Intelligenz. Und das alles in nur einer Person. Man kann also nur hoffen, dass dieser eloquenteste aller Politologen dem Schweizer Fernsehen noch lange erhalten bleibt.


Charlotte Heer Grau

 

Sehr geehrte Frau Heer

Sie haben uns am 18. Oktober 2007 ein Manuskript zur Veröffentlichung auf der
Seite «Forum» zugesandt. Herzlichen Dank.

Leider zwingen uns der beschränkte Raum sowie die Vielzahl an Briefen zu einer rigorosen Auswahl. Ihr Brief gehört nun leider zu den vielen, die wir nicht veröffentlichen können.

Wir bedauern, Ihnen eine Absage erteilen zu müssen und bitten Sie um Verständnis.

Freundliche Grüsse

Gabriella Hofer / Benno Schmidt
Redaktion Forum