Archive for Oktober, 2007

Wahltagsbefragung 2007

Wie schon 1999 und 2003 wird das Forschungsinstitut gfs.bern auch dieses Jahr eine Wahltagsbefragung durchführen. Sie wird das aktive Wahlverhalten bei den Nationalratswahlen analysieren.

Die Wahltagsbefragung wird am Sonntag, 21. Oktober 2007 selber durchgeführt. Wir beginnen um 12 00 mittags mit der Schliessung der letzten Wahlurnen. Wir rechnen damit, dass der gfs-Befragungsdienst am Wahlsonntag abend um 21 00 die nötigen 1000 Interviews durchgeführt hat. Eine eigentlicher exit poll ist das nicht; in der Schweiz ist das wegen der verbreiteten Briefwahl gar nicht machbar.

Die Fragestellungen der Wahltagsbefragung des Forschungsinstituts gfs.bern sind:

. Wer wählte was? Wir wollen hier wissen, welche gesellschaftlichen Gruppen in welchem Masse welche Partei gewählt haben. Wir interessieren uns hier vor allem für Geschlecht, Alter, Schulbildung, Erwerbstätigkeit, berufliche Stellung, Einkommensverhältnisse, Konfessionszugehörigkeit und Kontext des Wohnortes.

. Welche Identifikation beistimmte den Parteientscheid? Wir fragen danach, welche Bedeutung Personen, Programme, Weltanschauungen, politischer Stil und Interessenvertretung bei der Wahlentscheidung gehabt haben.

. Wie wurde die Stimme abgegeben? Wir erkundigen uns hier, ob man brieflich oder an der Urne gewählt hat, und werten aus, welche Gruppen heute wie ihre Stimme einreichen.

. Wurde parteiübergreifend gewählt oder nicht? Wir erkundigen uns hier nach dem Panaschierverhalten auf Parteilisten einerseits, nach der Wahl mit einer Liste ohne Parteinamen anderseits. Wir wollen wissen, wie die Parteiaffinitäten aufgrund des Panaschierverhaltens sind.

. Wann hat man sich definitiv entschieden? Wir wollen so ermitteln, wie gross der Anteil derjenigen ist, der/die sich erst in der letzten, zweitletzten, und drittletzten Woche verbindlich festgelegt hat resp. deren Entscheidung unabhängig vom Wahlkampf feststand.

. Wie hat man 2003 gewählt? Wir möchten damit das Teilnahme- und Parteiverhalten im Vergleich auf individueller Basis analysieren können, um zu sehen, wer vom Wechselwählen profitieren resp. wer wie viele Neuwählenden für sich gewinnen konnte.

. Last but not least: Welche parteipolitische Zusammensetzung des Bundesrates wünscht man sich für die kommenden Legislatur? Wir wollen hier wissen, ob der Status Quo bevorzugt wird, oder ob man eine der diskutierten Alternativen (ohne SVP, ohne SP, mit Grün, mit 2 CVP) unterstützt.

Natürlich wird eine Frage im Vordergrund stehen: Wie haben die Ereignisse nach dem letzten Wahlbarometer die Wahlentscheidungen beeinflusst? Dieses wurde 1o Tage vor der Wahl veröffentlicht; die Interviews waren damals im Schnitt schon fast 10 Tage alt. Die Stichworte, die es hier zu überprüfen gilt, sind selbstredend die Krawalle von Bern beim SVP-Umzug, die internationale Reaktion dazu, die Schlussveranstaltungen der Parteien, ihre Mobilisierungsaufrufe, die Nutzung von Wahlhilfen wie smartvote und vieles andere mehr.

Die Wahltagsbefragung 2007 ist die logistisch, analytisch und kommunikativ anspruchsvollste Befragung, die wir durchführen. Sie schliesst unsere Befragungsreihe im Rahmen des Wahlbarometers ‘07 ab. Ueber sie berichten wir am Montag abend auf allen SRG-Kanälen ein erstes Mal in Kürze, am Freitag nach den Wahlen ausführlich.

Unsere Prognose zur Wahlbeteiligung und (einmal mehr) zum Unterschied von Prognosen und Umfragen

Wir wagen eine Prognose: Die Wahlbeteiligung wird gegenüber 2003 erneut leicht steigen auf einen Wert zwischen 46 und 50 Prozent. Sicher sind wir dabei aber nicht.
Einmal mehr versteigen sich die Medien in Spekulationen über die Wahlbeteiligung vom 21.10.2007. Beigezogen werden wahlweise Umfragewerte, die flugs in Prognosen umbenannt werden, oder Aussagen von städtischen Wahlverantwortlichen, welche die briefliche Beteiligung mit nicht nachvollziehbaren Methoden und mit Vergleichen zur Wahlbeteiligung exptrapolieren.

Was die Umfragen zur Wahlbeteiligung aussagen: Mit dem Beginn der Geheimplan-Affäre und dem Höhepunkt der Schaf-Kampagne der SVP sind Emotionen in den Wahlkampf gekommen, welche auch die Absichten, bestimmt an den Wahlen teilzunehmen, zu diesem Zeitpunkt massiv erhöhten. Emotionen ist eigen, dass sie schnell entstehen – sie können aber auch schnell wieder abklingen. In den drei folgenden Umfragen ist diese Emotionalisierung praktisch linear abgeklungen und stand bei der letzten Befragung (mittlerer Befragungstag: 29.9.2007) bei 50 Prozent. Hätte sich dieser Trend ohne weitere Ereignisse fortgesetzt, wären Beteiligungswerte zwischen 45 und 48 Prozent zu erwarten gewesen. Nun sind die Krawalle in Bern genau am letzten Befragungstag passiert und damit kaum in der Mobilisierung der Umfrage enthalten. Sie dürften mobilisierend wirken, das Ausmass ist aber kaum abschätzbar. Bleiben die Mobilisierungswirkungen beschränkt, dann sind Werte unter 50 Prozent zu erwarten. Eine tiefere Wahlbeteiligung als 2003 lässt sich aus den bisherigen Wahlbarometer-Umfragen aber nicht erwarten. Das führt zu unserer Prognose der Wahlbeteiligung zwischen 46 und 50 Prozent.

Was die Eingänge der brieflichen Stimmen aussagen: Wenn die Wahlverantwortlichen der Städe genau offenlegen, wie sich der Eingang der brieflichen Stimmen unterscheiden zu den beiden vorangegangenen Wahlen und wenn die Wahlunterlagen genau zum gleichen Zeitpunkt in den genau gleichen Stadtteilen gleich verteilt wurden, dann kann mit einem unbekannten Fehlerwert vorsichtig eine Aussage zur möglichen Veränderung der Beteiligung in dieser Stadt gewagt werden. Es sind Aussagen über Personen, die sehr routinemässig an Wahlen teilnehmen. Die routinemässige Teilnahme ist unter den ältesten und pensionierten Männern am stärksten ausgeprägt. Die sinkenden Werte könnten auch einfach ein Hinweis darauf sein, dass innert vier Jahren viele ältere Männer, die 2003 sehr routinemässig am Tag wählten, an dem sie das Stimmmaterial erhielten, gestorben sind. Das hat mit der Wahlbeteiligung gar nichts mehr zu tun. Wir empfehlen deshalb, Aussagen von Städten zur möglichen Wahlbeteiligung nicht als Prognosen zu werten. Sie sind spekulativ und beschränken sich regional auf einzelne urbane Räume.

Auch in Blogs wird darüber spekuliert.

Angriff von Mathematikern aus Deutschland – unsere Argumente

strong>Geschickte mediale Inszenierung und Trittbrettfahren vor den Wahlen ist ihnen gelungen. Was aber ist an den “scharfen” Argumenten der Mathematiker Ulmer und Kohlsche dran? Manche mögens scharf, gfs.bern zieht Argumente vor.

Vorwurf Intransparenz – Fehlerbereich nicht offen gelegt: gfs.bern legt den Fehlerbereich von sämtlichen Umfragen, auch jenen des Wahlbarometers sehr aktiv und klar offen. In jedem Bericht werden innerhalb eines technischen Kurzberichtes unter anderem die Angaben zur Fehlermarge ausgelegt und deren Implikationen kurz diskutiert. In Gesprächen mit Medienschaffenden und in der Weiterbildung von JournalistInnen am Medienausbildungszentrum diskutieren wir intensiv über Grenzen und Möglichkeiten der Umfrageforschung. Wir wissen, dass wir an der Genauigkeiten gemessen werden. Wir wissen auch, dass die Möglichkeiten gerade im Radio beschränkt sind, Fehlerwerte zu kommunizieren. Die letzten Wahlbarometer aus den Jahren 1999 und 2003 lagen für die grösseren Parteien im Schnitt 0.9 Prozent falsch: Geringere Abweichungen vom Fehlerbereich sind wahrscheinlicher als grössere – im vorliegenden Fall sind das Abweichungen von unter einem Prozent. In zwei Fällen war die Abweichung grösser. In beiden Fällen sind jedoch wichtige Ereignisse unmittelbar vor den Wahlen passiert, welche mit den im Schnitt 20 Tage alten Interviews nicht mehr eingefangen wurden. Nebst dem Fehlerbereich ist auch der Befragungszeitraum eine wichtige Grösse, um die Resultate einordnen zu können (Details hierzu).
Vorwurf Scheingenauigkeit – Promille kommuniziert: Die Diskussion darüber, dass mit Promillen Scheingenauigkeit vorgetäuscht werde, führen wir ebenfalls intensiv. In der Regel kommuniziert gfs.bern keine Promille – das haben wir auch bei den letzten Wahlen so gehalten. Was aber die Werte der Parteien betrifft, gibt es auch ein wichtiges Argument, die Promille offen zu legen: Die Vergleiche mit den Wahlen 03 werden gestützt auf Promille-Werte der Parteien gemacht. In der aktuellen Situtation ist das bei der CVP mit ihrem Resultat von 2003 von 14.4 Prozent Wählerstärke besonders augenscheinlich: Würden wir ein Umfrageresultat von 14.6 aufrunden, dann würde die Rundung das Resultat ergeben, dass die CVP von 14 auf 15 Prozent zulege. Mit diesem Eindruck, die CVP gewinne ein ganzes Prozent, würde das Resultat zusätzlich verfälscht.
Vorwurf Projektionen und Gewichtungen: Im technischen Bericht einer Studie legt gfs.bern alles offen, was der Verband vsms vorschreibt und geht teilweise massiv darüber hinaus. Auch die Gewichtungen werden dort beschrieben. Sie dienen nicht der Projektion, sondern helfen, aufgrund der Wahlen 2003 die Aussagegenauigkeit der Befragung zu verbessern (sogenannte Rückerinnerungs-Gewichtung). Oft werden Beispiele von Präsidentschaftswahlen aus dem Ausland beigezogen, um zu zeigen, was mit Projektionen alles schief gehen kann. Solche Personenwahlkämpfe sind in der Schweiz nur mit den Ständeratswahlen vergleichbar. Oder mit Abstimmungen: gfs.bern kommuniziert bei Abstimmungen sehr konsequent den Anteil Unentschiedener und macht gerade keine Projektionen in solchen Fällen. Bei Nationalratswahlen wäre die gleichzeitige Kommunikation der Unentschiedenen irreführend, deshalb verzichten wir hier auf diesen Anteil, aber machen keine Projektion, sondern nur eine Momentaufnahme zum Zeitpunkt der Befragung. Vergleiche mit dem Ausland sind deshalb nicht statthaft.
Unsere Wertung: Der Angriff aus Deutschland verletzt uns, gerade weil gfs.bern sehr aktiv mitdiskutiert, wenn es um Möglichkeiten und Grenzen der Umfrageforschung geht. gfs.bern ist beispielsweise damit einverstanden, den Fehlerbereich in Grafiken visuell darzustellen. Wir freuen uns auf konstruktive Beiträge.

Das letzte Wahlbarometer vor den Wahlen
Zum definitiven Zeitpunkt der Entscheidung
Abweichungen des Wahlbarometers 2003

Black sheep, white sheep and elections in Europe’s heart of darkness

Die letzte Welle des Wahlbarometers 2007 zeigt, dass im derzeitigen Klima des Wahlkampfes eines für den Entscheid der Wahlberechtigten für eine bestimmte Partei unwichtig geworden ist: die Themen, die die Partei vertritt und bei denen sie als kompetent gilt. Durch die Fokussierung auf Köpfe, auf die personelle und parteipolitische Zusammensetzung des Bundesrates wurde die Themenpolitik aus dem Wahlkampf verdrängt, zumindest vorläufig. Wichtiger ist knapp drei Wochen vor den Wahlen, wie gut eine Partei kommunizieren kann, wie klar sie sich auf den politischen Achsen positioniert, und was ihr Wähleranteil für den Bundesrat bedeutet.

Dies heisst aber nicht, dass Themen im Wahlkampf 2007 keine Rolle gespielt hätte. Im Gegenteil: Umwelt, Familienpolitik, soziale Sicherheit, all dies waren Themen, die es zeitweise Parteien erlaubten, sich mit ihnen zu profilieren und Wählerstimmen zu gewinnen. Herausragendes Thema war dabei aber – abgesehen von der Umwelt – eines: das Thema Ausländer, das im Wahlkampf und in der medialen Berichterstattung darüber spektakulär in den Vordergrund gerückt wurde.

Was kommt einem in den Sinn, wenn man an den Wahlkampf 2007 und das Ausländerthema denkt?

Schafe. Und die SVP.

Dies ist auch das einzige Bild, das man in der ausländischen Presse vom Schweizer Wahlsommer mitbekommen hat, zumindest bis vor kurzem.

Am 7. September 2007 titelt die britische Tageszeitung The Independent “Switzerland: Europe’s heart of darkness?” und spielt damit auf den im belgischen Kongo der Kolonialzeit spielenden Roman Joseph Conrads an. Thema des Romans ist der Gegensatz zwischen dem “dark continent” Afrika mit den negativen Attributen, die die Europäer im viktorianischen Zeitalter den Afrikanern zuschreiben, und der westlichen Kultur, die als “heart of civilization” interpretiert wird, welche aber sich selbst durch die Gräuel des Kolonialismus negiert.

Im Artikel – welcher ein Gespräch mit SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer beinhaltet – wird ein Bild der Schweiz gezeichnet, in der eine Regierungspartei ein der von den Nationalsozialisten praktizierten Sippenhaft gleichendes Gesetz einführen will, in der Minarett-Verbote von der Mehrheit der Stimmberechtigten unterstützt werden, in der die strengsten Einwanderungsbestimmungen Europas herrschen und Gemeinden nach Gutdünken über die Vergabe des Schweizerpasses entscheiden, und in der eine Partei die meisten Stimmen hat, deren Vision”a visceral notion of kinship, breeding and blood” ist. Das Problem, das der Independent dabei sieht, ist, dass das, was in der Schweiz derzeit geschehe, weitaus fundamentaler sei als die Ablehnung von Ausländern oder Misstrauen gegenüber dem Islam: “It is a clash that goes to the heart of an identity crisis which is there throughout Europe and the US. It is about how we live in a world that has changed radically since the end of the Cold War… Switzerland only illustrates it more graphically than elsewhere.”

Die Schweiz und der Wahlkampf 2007 wiederspiegeln also laut dem Independent die Problematik des Umgangs mit den globalen Veränderungen seit dem Ende des 20. Jahrhuderts. In den Augen der Auslandspresse geht die Schweiz dabei auf eine Art und Weise mit diesen Veränderungen um, in der die eigene “civilization”, die weissen Schafe, mit der “darkness” der schwarzen Schfe kontrastiert werden. “Switzerland is known as a haven of peace and neutrality. But today it is home to a new extremism that has alarmed the United Nations.”

Das neuere Bild, das seit einigen Tagen in der Auslandspresse von der Schweiz gemalt wird, beinhaltet nun dazu noch ein weiteres Element, das die Idylle der Heidi-Heile-Welt-Schweiz noch weiter in Frage stellt. Europe Today der BBC moderiert einen Bericht über den Wahlkampf in der Schweiz mit “burning cars, tear gas and injured policemen” an. Die Frankfurter Rundschau titelt “Blutiger Wahlkampf in Bern”, der britische Guardian spricht von einer “battle zone” in der Hauptstadt . In der New York Times erscheint ein front-page Artikel mit dem Titel “Immigration, Black Sheep and Swiss Rage” und Bilder von Wasserwerfern vor der Zytglogge neben Blocher in einem Meer von Schweizer Flaggen. Das “heavenly Switzerland” der SVP wird auch hier mit der Hölle, dem heart of darkness konfrontiert, – Swiss civilization against foreign lack of the same, white sheep against black. Das “heart of darkness” ist dabei aber nicht das Bild, das die SVP von den AusländerInnen malt, sondern das Gedankengut, das hinter dieser Schwarz-weiss-Zeichnung zu Tage tritt.

Laut der New York Times wird die Schweiz von einer rechtsextremen Partei (”extreme right-wing party”) (mit)regiert, deren rechte Politik das Land polarisiert und zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führt. Dieses Bild einer Schweiz, deren sonst friedliche Bundeshauptstadt Schauplatz gewaltsamer Auseinandersetzungen ist, wird von jeder noch so kleinen Tageszeitung der Nachbarländer aufgegriffen – ein Bild, das man sonst von der Schweiz nicht kennt, und das schockiert.

Der Wahlsommer 2007 hat die politischen Ereignisse und den Wahlkampf in der Schweiz so stark ins Augenmerk der internationalen Auslandspresse gerückt wie sonst kaum. Das Bild, das dabei von der Schweiz entsteht, ist jedoch nicht besonders rosig, egal, wie man die themenpolitischen Haltungen der Akteure dabei wertet.

Was bedeutet das für den Wahlbarometer? Eine Hypothese ist folgende:

Der Wahlbarometer beruht auf nationalen Befragungen von Inlandsschweizern. Bei keiner einzigen Welle wurden jene 100′000 Schweizerinnen und Schweizer befragt, die im Ausland leben, aber das Schweizer Wahlrecht haben. Diese AuslandsschweizerInnen haben insgesamt ungefähr die Wahlkraft eines mittelgrossen Kantons wie Neuchâtel. Je nachdem, wie diese Wahlberechtigten sich entscheiden, und ob sich ihre Stimmen über die Parteien und Lager verteilen oder überproportional an eines der Lager fallen, können die AuslandsschweizerInnen die Ergebnisse der Nationalratswahlen 2007 in die eine oder andere Richtung leicht beeinflussen.

Es muss jedoch Spekulation bleiben, wie die AuslandsschweizerInnen wählen werden. Es muss auch Spekulation bleiben, wie sie auf die Berichterstattung der Auslandspresse über ihr Land reagieren. Es kann jedoch spekuliert werden, dass SchweizerInnen, die im Ausland leben, schon alleine deswegen eine liberalere, aussenpolitisch eher offenere Haltung haben könnten. Mit einer solchen Haltung lesen sich Artikel wie jene im Independent und in der New York Times nicht besonders gut – das Bild der Schweiz, das sie zeichnen, kann dann nicht gefallen. Was die Reaktion darauf sein wird und wie die Stimmabsichten der AuslandsschweizerInnen schlussendlich ausfallen werden, wird sich am 21. Oktober zeigen.

Links zu den Artikeln:
http://news.independent.co.uk/europe/article2938940.ece
http://www.nytimes.com/2007/10/08/world/europe/08swiss.html?pagewanted=1&_r=1&hp
http://www.guardian.co.uk/international/story/0,,2185760,00.html
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1221579

Was Frauen wollen

Frauen wollen sich signifikant weniger an den Nationalratswahlen 2007 beteiligen. Aber nicht alle Frauen. Während die älteren Generationen im Schnitt weniger häufig an die Urne gehen oder per Brief wählen als Männer, tun dies jüngere Frauen häufiger. Es gilt also:

“Junge(n) wählen weniger – als Mädchen.”

Diejenigen Frauen, die sich aber an den Wahlen 2007 beteiligen wollen – wen oder was wollen die?

Von ihren politischen Werten und Positionierungen her sehen sich Frauen selbst stärker in der Mitte und weniger rechts als Männer. Mehr als 4 von 10 Frauen ordnen sich selbst in der politischen Mitte ein, was auch ein Zeichen dafür sein kann, dass diese Dimension für sie weniger eine Bedeutung hat. Sie sind jedoch stärker postmaterialistisch eingestellt als Männer, und dies in relativ deutlichem Masse. Bei der aussenpolitischen Orientierung hingegen sind sie ähnlich eingestellt wie männliche Wahlberechtigte in der Schweiz.

Welche Themen beschäftigen Frauen? Trotz ihrer postmaterialistischeren Einstellung beschäftigt das Unweltthema die Frauen nicht deutlich stärker als Männer. Dafür erscheint ihnen die Ausländer- und Integrationsproblematik häufiger als ein Problem als dem anderen Geschlecht. Schliesslich beschäftigen sich Frauen auch signifikant stärker mit dem Thema Familienpolitik.

Welche Parteien sprechen Frauen also an? Zunächst einmal können Frauen weniger benennen, welche Partei den besten Wahlkampf macht. Sie geben hier häufiger die Antwort “weiss nicht”. Deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern zeigen sich bei der Bewertung des SVP-Wahlkampfes: Diesen halten deutlich weniger Frauen für den besten als Männer. Bei Frauen findet sich denn auch keine Mehrheit, die Christoph Blocher zur Wiederwahl in den Bundesrat empfiehlt. Dagegen unterstützten weibliche Wahlberechtigte Micheline Calmy-Rey deutlich mehr als Männer – was bei Doris Leuthard nicht der Fall ist (nicht signifikant sogar im Gegenteil). Merz und Couchepin sind Bundesräte, die bei den Frauen dagegen weniger gut ankommen, was auch für Samuel Schmid gilt, wenn auch in weniger starkem Masse. Frauen wollen eher einen Wechsel im Bundesrat als Männer. Sie sind stärker für einen Bundesratssitz für die Grünen. Auch hier ist die relative Mehrheit jedoch für den Status quo, wenn auch nicht im selben Masse wie bei Männern.

Wen wollen Frauen also wählen? Signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern zeigen sich nur bei den Stimmanteilen der SP und der FDP. Während Frauen der FDP signifikant weniger ihre Stimme geben wollen, wollen sie dies für die SP signifikant stärker tun. Bei der SVP, CVP, den Grünen und den Kleinparteien gibt es keine signifikanten Unterschiede.

Was folgt daraus?

Frauen sind postmaterialistischer eingestellt. Sie sind nicht stärker links, aber weniger stark rechts als Männer, dafür eher in der politischen Mitte. Sie machen sich Gedanken über Ausländerintegration, wollen deshalb aber nicht stärker die SVP wählen. Sie beurteilen den SVP-Wahlkampf verglichen mit den Männern als weniger gut und würden Christoph Blocher nicht wieder wählen. Sie machen sich auch Gedanken über Umweltfragen und Familienpolitik, sowie – wie auch Männer – über soziale Fragen wie AHV und Gesundheitswesen, und sie würden stärker für die SP wählen.

Was würde also passieren, wenn Frauen sich stärker an den Wahlen beteiligen würden? Oder anders gefragt: Was wird passieren, wenn die älteren Frauen, die sich signifikant weniger beteiligen, von den jüngeren Frauen, die sich signifikant stärker beteiligen als Männer, überlebt werden? Wenn es also einen Generationenwechsel gibt, und gleichzeitig der derzeitige Unterschied in der Wahlbeteiligung der heute jungen Männer und Frauen bestehen bliebe

Es wird spannend sein, zu sehen, welche Themen dann in den Vordergrund treten, und welche Parteien – und Personen – bei diesen Themen die besten Lösungsvorschläge parat haben werden.

Quelle: Datenpool Wahlbarometer Wellen 7-9, n = 3481.

Fast-Food und schnelle, kreative Küche: Meine Wahlrezepte, um schlau zu wählen

smartvote.ch ist in aller Munde: Mit einem Online-Fragebogen kann man sich selbst vergleichen mit Kandidierenden des eigenen Kantons. Das macht völlig Spass und war für mich bei einigen Personen auch eine Überraschung. Eindeutig empfehlenswert! Aber Achtung: Es ist etwa so wie bei 20 Minuten: Obwohl das Produkt für den jeweiligen Markt gut und erfolgreich ist, gaukelt der Titel etwas vor. Bei 20 Minuten ist es die Dauer: Ich habe es mehrmals versucht: Aber beim besten Willen – ich habe stets weniger als eine Viertelstunde bis ich mit der Lektüre am Ende bin – aber bestimmt nicht 20 Minuten. Aber zurück zum Thema: Smartvote ist eben nicht “smart”, also schlau.

Der Grund ist einfach: Parteien gewinnen teilweise mit Hilfe von Listen- und Unterlistenverbindungen zunächst einmal die Sitze und erst dann wird entschieden, welche Personen dieser Parteien genau die Sitze gewinnen. Wenn man mehreren Parteien die Stimme gibt – wie das smartvote mit der Option Kandidierende suggeriert -reduziert man sein Stimmgewicht erheblich, weil man sich beim sogenannten Panaschieren verzettelt.

Es gibt ja unendlich viele Varianten, um zu wählen. Ich habe versucht, zwei wirklich schlaue und schnelle Rezepte fürs Wählen zu kreieren: Das eine entspricht der Fast-Food-Küche und das andere ist ähnlich wie Jamie Oliver: schnell und kreativ.

Fast-Food:
Benötigte Zutat:
1 unveränderte Liste
Kochzeit ca. 5 Minuten.

Ich suche mir eine Partei aus und wähle diese Partei mit der unveränderten Liste. Hier kann übrigens auch smartvote helfen, weil es eine Option gibt, um statt Personen sich Listen ausgeben zu lassen. In kleinen Kantonen macht es aber keinen grossen Sinn, Kleinparteien zu wählen, die in den letzten drei Wahlen nie einen Sitz errungen haben.

Schnelle, kreative Küche:
Benötigte Zutaten:
1 gute Analyse der kantonalen Wahlen: in lokaler Zeitung (zum Finden der heissen Kandidatin oder des heissen Kandidaten)
1 möglicherweise Besuch auf smartvote.ch (um zu schauen, ob der oder die Heisse auch zu mir passt.)
1 heisse Kandidatin oder 1 heisser Kandidat,
1 leere Liste,
Kochzeit ca. 10-30 Minuten.

Hier braucht es etwas Fingerspitzengefühl bei den Zutaten: Es macht keinen Sinn, auf diesem Weg Stars zu wählen: Stars werden sowieso gewählt. Ich muss eine Person finden, die möglichst gut zu mir passt. Aber es sollte auch eine Person sein, die entweder vielleicht nur knapp wiedergewählt wird oder ein Kandidat, der als Newcomer mit gewissen Wahlchancen gehandelt wird. Hier helfen die Wahlanalysen der lokalen Zeitungen am ehesten. Hat man eine solche Person gefunden, dann ist der Rest ebenfalls einfach:
Auf eine leere Liste oben die Partei notieren, zu der diese Person gehört und unten zweimal diese Person (zweimal aufschreiben der gleichen Person heisst Kumulieren). Alle anderen Linien lasse ich leer. Dieser Weg ist besonders schlau, weil ich einer für mich wählbaren Partei alle meine Stimmen gebe und gleichzeitig einseitig einer Person in dieser Partei helfe. Die knappsten Resultate sind meist nicht bei der Verteilung der Sitze auf die Parteien, sondern eben erst der Schritt danach: Das Zuteilen der von der Partei gewonnenen Sitze auf die Personen. Hier sind die Stimmverhältnisse vor allem hinter den Stars oft extrem eng. Mit dieser Küche gebe ich mir auf beiden Ebenen – Partei und Person – das maximale mögliche Gewicht.

Viel Spass beim Kochen!
Übrigens: Die Rezepte gibts vorübergehend auch auf DRS3. (siehe: Fast Food oder schnelle, kreative Küche?)

Die Hälfte der späteren Wählenden entscheiden sich erst jetzt definitiv

Zwei Sachen muss man unterscheiden: eine vorläufige Wahlabsicht und der definitive Wahlentscheid.

Das ist ein wenig so wie die Verlobung und die Heirat. Die vorläufige Wahlabsicht ist die verlobung. Es ist eine Entscheidung, die man vorläufig fällt, – aufgrund der Erfahrung, der Kampagnen und den Stimmungen im Wahlkampf. Sie muss jedoch nicht definitiv sein. Das wird sie erst, wenn man sich im Klaren ist, nichts mehr ändern zu wollen. Genau genommen weiss man das aber erst am Schluss, also dann, wenn der Wahlzettel unwiderruflicht ausgefüllt ist.

Heute haben rund 90 Prozent der teilnahmewilligen Wahlberechtigten eine vorläufige Wahlabsicht. Sie wissen, welche Partei sie heute wählen würden. Darüber gibt das jüngte Wahlbarometer für die srg ssr idee suisse Auskunft.

Wieviele davon aber schon d e f i n i t i v festgelegt sind, weiss man momentan nicht, weil die Befragten selber das nicht wissen können. Man wird es genau erst im Nachhinein wissen. Doch kann man es heute schon abschätzen, wenn man die Rückerinnerungsfrage zum Entscheidungszeitpunt von 2003 zu Rate zieht. Diese wurde vom Forschungsinstitut gfs.bern einer repräsentativen Auswahl der Teilnehmenden nach der Wahl gestellt . Wir erkundigte uns, wann man sich damals definitiv entschieden habe, was man gewählt habe.

Hier die Ergebnisse:

In der dritten Woche vor der Wahl waren noch 44 Prozent der späteren TeilnehmerInnen nicht definitiv festgelegt. In der zweiten Woche vor der Wahl reduzierte sich das um die Hälfte, nämlich auf 23 Prozent. Diese legten sich schliesslich in der letzten Woche – bis ganz am Schluss – definitv fest.

Die Untersuchung von 2003 zeigte, dass sich diese Werte vor allem nach WählerInnen-Typ unterschieden:

Am schnellsten definitiv entschieden sind in der Regel die StammwählerInnen. Sie wissen am ehesten, dass sie ihre Partei wieder wählen wollen, und machen das auch.

Am zweitschnellsten entscheiden sich WechslerwählerInnen. Sie ahnen ihren Wechsel aufgrund der Erfahrungen während der Legislaturvoraus, und sie entscheiden sich in der ersten Hälfte der heissen Phase des Abstimmungskampfes.

In dieser und den nächsten Wochen entscheiden sich vor allem aufgrund der Unterscuhung von 2003 drei WählerInnen-Typen definitiv:

Erstens, die PanaschierwählerInnen: Sie wissen, welche Partei sie hauptsächlich wählen wollen; aber sie sind sich noch nicht sicher, ob und welche Personen von anderen Parteien sie auch aufschreiben wollen. Sie machen das in erster Linie aufgrund des zugestellten Wahlmaterials. Da kann man als Partei noch beschränkt gewinnen und verlieren.

Zweitens, die NeuwählerInnen: Sie liebäugeln damit, wählen zu gehen; aber sie sind sich noch nicht sicher. Bei ihnen geht es meist nicht um den Parteientscheid, sondern um den Teilnahmeentscheid. Den fällen sie erst in der jetzige Phase des Wahlkampfes verbindlich. Sie zu mobilisieren, ist die besten Möglichkeit einer Partei, das eigene Ergebnis zu beeinflussen.

Drittens, die ErstwählerInnen: Aus der Erfahrung wissen wir, dass sich die ErstwählerInnen ähnlich die Neuwählenden verhalten, aber noch später entscheiden. Sie sind normalerweise die letzte Gruppe, die sich festlegt, hinsichtlich der Beteiligung, der Partei und der Personen. Sie kann man bis am Schluss mit Erfolg ansprechen.

Daraus kann man nur einen Schluss ziehen: Es ist zwar schon einiges vorentschieden, wie die Nationalratswahlen von 2003 ausgehen werden. Aber es ist noch nicht alles entschieden.

Den Parteien kann man raten: Von jetzt an braucht es die Arbeit der Zuspitzung hinsichtlich der Teilnahme, der Partei- und der Personenwahl!

PS:

Die Untersuchung von 2003, die hier referiert wurde, berücksichtigte die Auswirkungen der brieflichen Stimmabgabe auf den Parteientscheidungszeitpunkt schon. Es ist deswegen diesmal nicht alles anders!