Gastblog von Claude Longchamp auf NZZvorum, 07. 8.2007 um 18:11
2003 ging es darum, ob die SVP im Bundesrat gestärkt werden solle, – oder eben nicht. Man hat ausgewählt. 2007 geht nur vermeintlich um die Grünen. Effektiv dreht sich die relevante Frage um den Stellenwert von CVP und EVP. Denn das ist die Frage: Bekommen diese beiden Parteien eine zweite Option, mehrheitsfähige Politik zu betreiben – oder eben nicht. Auch hier wird man auszuwählen haben.
Schon im heutigen Parlament sind die Mehrheitsverhältnisse knapp, wenn es nicht zu einer bürgerlichen Einigung kommt. SP, CVP, Grüne, EVP verfügen im Nationalrat über 97 Sitze und im Ständerat über 24. SVP, FDP und die LP kommen zusammen auf 95 resp. 22 Sitze. Je nach Zuordnung der Vertreter von Kleinparteien kommt man für die Bundesversammlung auf je 123 Stimmen, oder je eine mehr oder weniger. Das Absolute Mehr beträgt 124, im Nationalrat braucht es 101 und im Ständerat 24 Stimmen.
Was passiert, wenn 2007 einige Sitze die Seite wechseln sollten? Ganz so unwahrscheinlich ist das nicht, wenn sich CVP und EVP halten, und die Grünen nicht nur zu Lasten der SP gewinnen sollten. 4 Sitzverschiebungen, vor allem in der Volksvertretung, könnten ganze andere Kombinationen zulassen. Grob gesagt sind das in Prozent 2 Prozent WählerInnen-Anteile, die von rechts nach links oder in die Mitte gehen müssten.
Beispielsweise wäre dann der SWISSCOM-Entscheid vor Jahresfrist das neue, nun viel wichtigere Muster in der Bildung von Negativ-Allianzen. Alle Vorlagen, die Liberalisierungen mit sich bringen würden, müssten die gewerkschaftlichen, ökologischen und regionalpolitischen Einwände gleichzeitig meistern können. Nur schon das wissen darum, wie schwierig das werden kann, könnte sich auf die Einspeisung von Vorschlägen auswirken.
Verbreitet Schule machen könnte auch thematische Verbindung, wie wir sie jüngst beim Familiengeld sahen. Rot-grün-schwarz einigte sich da auf ein gemeinsames Reformprogramm, drangen damit in beiden Parlamentskammern durch und verteidigten das Projekt in der Volksabstimmung erfolgreich. Referendumsabstimmungen dieser Art würden ab 2008 wohl nicht seltener, wohl aber noch abwegiger als jenes im Jahre 2006.
Schliesslich würde auch die Spannung bei den Bundesratswahlen in diesem Winter steigen. Ich sehe hier weniger, dass sich CVP, SP, Grüne und EVP auf gemeinsame Kandidaturen einigen würden. Jedoch wäre es gut möglich, dass sie Vorschläge, die ihnen fremd blieben, gemeinsam verhindern könnten. Personell reicht das, um Druck zu machen.
Beim Wählen geht es eben ums Auswählen. Diesmal entscheidet nicht die Polarisierung an den Polen über Sieger und Verlierer. Auch wenige Sitzverschiebungen rund um die Mitte können leicht unterschätzte, aber grosse Wirkungen haben.
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