Archive for Juni, 2007

Wahlentscheidend

Was entscheidet Wahlen?

Diese Frage stellen sich WahlforscherInnen immer wieder. Und sie geben fortgesetzt Antworten dazu. Diese sind nicht beliebig; drei typische dominieren:

. die längerfristige Identifikation der Wählenden mit einer Partei aufgrund ihrer generellen Position ist für den Wahlentscheid grundlegend;

. die Programmatik resp. die wahrgenommene Fähigkeit, damit auch die aktuellen Probleme zu lösen, entscheidet massgeblich;
. die Personen, welche an der Spitze der Parteien oder des Staates im Namen der Parteien stehen, lassen die Identifikation zu, die Wahlen prägt.

Mit dem laufenden Wahlbarometer haben wir uns vorgenommen, einen weiteren Beitrag zu dieser Debatte zu leisten. Wir prüfen aber nicht nur die drei allgemein bekannten Ansätze; wir haben zwei weitere, wenig diskutierte beigefügt:

. die Ueberlegung, dass meine Stimme, je nach dem, wem ich sie gebe, die Regierungsbildung mehr oder weniger mitbeeinflusst, kann den Parteientscheid bestimmen;

. die Metakommunikation der Massenmedien über die Parteien, welche sich auf die Bewertung des Wahlkampfes resp. der Kommunikationsfähigkeit von Parteien auswirkt, wirkt mobilisierend oder demobilisierend.

Nun ist Halbzeit mit dem Wahlbarometer 2007; wir haben deshalb auch eine Zwischenbilanz gezogen, wie sich die 5 Erklärungsansätze auf die Wahlabsichten vom Juni 2007 auswirken.

Ueber alle 5 grösseren Parteien hinweg können wir den nachstehenden Schluss ziehen:

. Das Wichtigste ist heute, dass die Wahlentscheidungen der BürgerInnen erklärt, ist die kohärente Position einer Partei in der Parteienlandschaft. Sie drückt sich bei Wahlen vor allem auf der Links/Rechts-Achse aus, beschränkt auch auf jener zu Offenheit/Verschlossen resp. zum Postmaterialismus/Materialismus. Naturgemäss ist das bei Parteien an den Polen am wichtigsten. Aber es ist nicht das einzige.

. Die Zweitwichtigste ist gegenwärtig die politische Kommunikation, das heisst die Identifikation mit dem Wahlkampf einer Partei. Nur wenn das gelingt, kann eine Partei ihre bisherige WählerInnen halten oder auch gewinnen. Diese Aspekt ist im Zentrum sogar am wichtigsten.

. Das Drittwichtigste ist die Identifikation mit Spitzenvertretern einer Partei, denn nur das erlaubt es, die Komplexität einer Partei mit nationalen, kantonalen und kommunalen Strukturen, Flügeln und ExponentInnen soweit zu bündeln, dass man sich bei der Partei zu Hause fühlt. Das ist bei allen Parteien via den Präsidenten, die Präsidentin von Belang.

. Das Viertwichtigste ist heute die Beeinflussung der Bundesratswahlendurch die Parlamentswahlen. Das motiviert vor allem die Wählerschaften, die Aussichten auf einen neuen Stitz haben, aber auch jene, deren Vertretung bedroht ist.

. Das Fünftwichtigste ist sind die Themenkompetenzen der Parteien. Dabei spielt das jeweils zentrale Thema, das eine Partei für sich besetzen kann eine Rolle; der gesamte Mix aller programatischen Punkte ist weniger wichtig.

Die Modulierung dieser 5 Ansätze sieht in jedem Moment und nach Parteien immer ein wenig anders aus. Parteien sind im Umfeld von Wahlen ein Mix aus Stimmungen, Positionen, Programmen, Personen, Machtansprüchen und Medienreaktionen. Wir werden das deshalb bis und mit dem 21. Oktober 2007 weiter verfolgen.

Was der Stand der Dinge ist, kann man ab Freitag abend, 29. Juni, 18 Uhr, hier nachschlagen.

http://www.gfsbern.ch/news.php

Longchämperlen

Bald, bald bin ich in den Ferien; meine LeserInnen wünsche ich schon mal erspriesliche Tage bis zum 1. August und eine vergnügliche Lektüre zum gehobenen Gesellschaftspiel, das sich neuerdings in Altersheimen abzeichne, wie Frau Brönnimann vom Berner “Bund” zu berichten weiss …

“Liebes Tagebuch, wie immer vor Abstimmungen ersetzten wir heute in unserer Seniorenresidenz das kindische Memory-Spiel, das scheints unsere Hirni in Schwung halten soll, durch das gehobenere Longchämperlen, das darin besteht, dass jeder Teilnehmer eine Prognose zu einem Abstimmungsresultat abgibt. Diese sollte möglichst politologisch begründet sein.

In einem zweiten Schritt hebt jeder zwei Bigeli Canasta-Karten (je von 1 bis 9) ab, und die aufgedeckten Ziffern ergeben dann aneinander gereiht die effektiven Ja-Stimmen der supponierten Abstimmung, und danach gilt es, das unter Umständen völlig von der Prognose abweichende Resultat noch politologischer so zu begründen, dass man am Schluss dasteht, als habe man im Voraus schon alles gewusst.

Ich war mit dem Stadtberner Euro-08-Kredit an der Reihe, sagte einen Ja-Anteil von 69,7 Prozent voraus und begründete ihn etwa so: «Es handelt sich hier um eine emotionale Vorlage, wobei die Abwägung von Pro und Contra nicht nur die Parteien, sondern auch viele Stimmberechtigte selber spaltet. Den Gelüsten, der Uefa oder der rot-grünen Mehrheit eins auszuwischen, steht andererseits die auch nicht ganz bedenkenfreie Begeisterung für einen Fussball-Grossanlass gegenüber. Den Ausschlag dürften zuletzt die Erinnerungen an die WM in Deutschland geben.» Dann hob ich die Karten ab. Die «Abstimmung» ergab 38 Prozent Ja.

«Halt, halt!», sagte ich: «Das ist erst die Stimmbeteiligung! Ich habe das vorhin vergessen zu sagen. Ich muss nochmals!» «Nüt ischt!», warf unser Heimleiter Bodo von Schibb mit einem teutonischen Grinsen ein: «Das Volk hat geschproche! Und in der Schwiiz hat das Volk immer Recht! So viel habe sogar ich schon begriffe, Frau Brönnimaa!» – Das beipflichtende Gemurmel von Herrn Winzenried ärgerte mich umso mehr, als er sonst nie genug gegen alles wettern kann, was aus dem grossen Kanton kommt. Wo bleibt da die freundeidgenössische Solidarität?

Aber gut. Was das TV-Original kann, kann ich noch lange, und so erläuterte ich: «Dieses Resultat sieht auf den ersten Blick überraschend aus, aber nur für Nichteingeweihte. Wie ich richtig vorausgesagt habe, standen sich Denkzettel-Mentalität, Fussball-Euphorie und Grossanlass-Skepsis tripolar sowohl innerhalb einerseits der Parteien als solchen als auch andererseits endoindividuell entgegen, und den Ausschlag gaben in diesem Spannungsfeld zuletzt wie prognostiziert die WM-Erinnerungen, welche eindeutig die Grossanlass-Skepsis gegenüber der Fussball-Euphorie stärker gewichten liessen.» Als dann Bodo von Schibb an die Reihe kam, bestimmte ich, diesmal wieder mit freundeidgenössischer Hilfe von Herrn Winzenried, die IV-Revision zu seinem Thema.

«Da muss mir aber zuerscht öpper vo Ihne erkläre, worum es geht», sagte unser Heimleiter, «bi uns in Düütschland wär so eine Materie für das Volk zu komplex.» Herr Winzenried zuckte zusammen und schaute mich an, ich errötete und schaute zurück, da wies gottlob Herr Häberli, wie immer das Hörgerät auf der Nase, triumphierend «es Drüblatt! U de no d Schtöck!». Schön zu wissen, dass die freundeidgenössische Solidarität auch noch aus hochbetagten Paralleluniversen heraus funktioniert.”


Gesundheit!

Heute wird der Gesundheitsmonitor 2007 den Medien vorgestellt. Es geht, wie immer bei einem Monitor, um die wichtigsten Trends in der BürgerInnen-Meinung und um die Bewertung zentraler Kontroversen im schweizerischen Gesundheitswesen.

Wir werden heute von Komplementärmedizin sprechen. Auch die Anliegen der Prämiensenkungsinitiative der SVP werden ein Thema sein. Wir wollen mit dem Gesundheitsmonitor aber auch wissen, wie sich die gesundheitsökonomischen Forderungen der vergangenen Jahre auswirken: ob sie in der AerztInnen/PatientInnen-Beziehung akzeptiert werden, ob man vor allem seinen Nutzen als KonsumentIn des Gesundheitswesen maximieren will, oder ob man in erster Linie die eigenen Kosten reduzieren will.

Medienkonferenzen haben ihre eigene Dynamik. Sie sind schwer vorhersehbar. Manchmal wird gar nicht diskutiert, und man geht gleich zu den Interviews über. Es kann aber auch sein, dass sich die Verhandlung auf einen Punkt konzentriert, und der, wider Erwarten, in der Berichterstattung ins Zentrum gerückt wird.

Deshalb präsentieren wir Projekte wie den Gesundheitsmonitor 1 bis 2 Tage vorher der Politik direkt. Wir laden die GesundheitspolitikInnen aus National- und Ständerat, aber auch die Sachverständigen aus Parteien und Verwaltung zu einer geschlossenen Abendveranstaltung ein. Vorgeführt wird das Gleiche wie an der Medienkonferenz. Damit sind die politischen Verantwortungsträger vorinformiert. Und sie haben die Gelegenheit, off the record weitere Auskünfte zu verlangen, Fragen zu stellen, Einwände zu formulieren.

Die Erfahrungen mit diesem doppelten Vorgehen sind gut. Meistens halten sich alle an die Spielregeln, das heisst es dringen keine Informationen vorzeitig nach aussen. Meistens fühlen sich die PolitikerInnen dann auch weniger überfahren, wenn sie von JournalistInnen konfrontiert werden. Und meistens nehmen sie eine Botschaft aus den Medien williger auf, wenn sie sie selber gehört haben.

Anschliessend findet normalerweise ein Nachtessen statt, bei dem man sich wechselseitig besser kennen lernen kann. Diesmal sass ich neben dem neuen Appenzeller Ständerat, Ivo Bischofsberger. Wie ich ist er Historiker und Politikwissenschafter. Wir haben uns gut unterhalten, und uns auch zugeprostet: “Gesundheit!”

http://www.gfsbern.ch/news.php?showid=69&lang=de

Eine Provokation an die Adresse der Ethikkommissionen

Ich war jüngst in Berlin. Ich habe am 9. Kongress der Europäischen Konferenz der nationalen Ethikkommission eines der beiden Einleitungsreferate gehalten. Und ich habe gehörig provoziert. Die (kontroversen) Reaktionen aus allen Ländern halten bis heute an.

Meine These ist: Die nationalen Ethikkommissionen sind ein typischer Bestandteil der wissenschaftlichen Politikberatung. Und als solche ineffektiv. Sie sind weder – noch.

. Weder: Weder sind die Ethikkommissionen einen Plattform, die über kommenden ethischen Probleme in der Weltgesellschaft übergreifend und vorausschauend nachdenken. Sie warten, bis sie von Regierungen und Parlamenten gefragt werden.

. Noch: Noch sind sie eine Agentur, die sich als Lobby für ethische Antworten auf politische Fragen in ihren Ländern wirksam und nachhaltig einmischt. Nicht selten geben sie eine Mehr- und eine Minderheitsmeinung ab, und werden so für und gegen alles zitiert.

Mein Argument basiert aber auf folgender Erkenntnis aus einer Studie, die ich 2004 für die ETH gemacht habe: Wenn sich Ehtikkommission in politische Entscheidungen einbringen, legitimieren sie diese, denn bevölkerungsseitig sind sie recht breit akzeptiert. Aber sie beeinflussen die Politik weder nachhaltig mit Themen, mit denen sie sich beschäftigten sollte, noch mit Lösungen, die wirksam in Entscheidungen einfliessen.

Es waren rund 100 VertreterInnen von zirka 35 nationalen Ethikkommission anwesend. Einige haben überrascht reagiert; andere waren schockiert, dass sie so politisiert werden sollten. Interessant waren vor allem zwei Reaktionen: der Journalist der ARD hat meine Ausführungen sofort verstanden und mich zum Aerger einiger Kongressteilnehmenden gleich zum Interview geladen; und der Vertreter von COMETH, der europäischen Konferenz der Ethikkomission, hat meine Intervention sehr gut verstanden. Zu oft, sagte er mir im Gespräch, würden sie relevant in europaweite bindende Entscheidungen einbezogen, ohne den eigenen Standpunkt nachhaltig vorbereiten und wirksam vortragen zu können. Er will an meinen Thesen weiter arbeiten!

Hier die Referatsunterlagen!
Hier website der COMETH!

Auf nach St. Gallen!

Solche Post am Morgen freut einen!

Sehr geehrter Herr Longchamp

Die Rechtswissenschaftliche Abteilung der Universität St.Gallen hat an Ihrer Sitzung von gestern Montag der Lehrauftragserteilung zugestimmt.

- Veranstaltungstitel: “Empirische Politikforschung in der Praxis”
- Zahl der Teilnehmenden: max. 24 Studierende
- Der Kurs wird mit 4 Credits gewichtet; dies entspricht einer Gesamtarbeitsleistung der Studierenden von ca. 120 Std.

Soweit Prof. Roland Kley, der Dekan!

Nachdem ich mich 1991 entschieden hatte, das Forschungsinstitut gfs.bern aufzubauen, hatte ich meine Anstellung als Hochschullehrer am 31. März 1992 an den brühmten Nagel gehängt. Seither hatte/habe ich kleine Lehrengagements am IDHEAP der Uni Lausanne (Kommunikation der Europapolitik), am VMI der Uni Freiburg (Lobbying), am IPMZ der Uni Zürich (Politische Kommunikation) inne. Ich habe in den letzten 3 Jahren neue Standbeinde aufgebaut: an der Züricher Hochschule Winterthur für “Demoskopie und Meinungsbildung”, an der Hochschule für Wirtschaft in Zürich zu “Grundlagen der Public Affairs”, am KPM der Uni Bern zu “Demoskopie für die öffentlichen Verwaltung” und an der Schweizer Journalistenschule für “Lobbying”.

Nun folgt die (bisherige) Krönung: Auf Frühlingssemester 2008 werde ich an der Universtität St. Gallen(HSG) “Empirische Politikforschung in der Praxis” lehren. Den StudentInnen auf der Masterstufe soll ein Einblick in die Forschungspraxis gewährt werden. Die zentralen Bereiche, die behandeln werden sind der (politische) Wertewandel, die Abstimmungs- und die Wahlforschung. Ausgangspunkt für die Anstellung war ein Vortrag von mir in St. Gallen den ich zum Thema “Die Werte der schweizerischen Europa-Politik” gehalten habe.

Ich freue mich, dass damit verschiedene meiner Interessen, die ich 1988-1991 im Rahmen eines Auftrages für den Schweizerischen Nationalfonds zur politischen Kultur der Schweiz im Vergleich entwickelt und die ich in den letzten 15 Jahren in der Praxis am gfs.bern in Projekten wie dem Wahlbarometer, den VOX-Analyse, den Abstimmungstrends, dem Sorgenbaromter und dem Europa-Barometer weiterverfolgt habe, nun wieder in die universitäre Lehre eingebunden werden. Ganz besonders freut es mich, dass Themen der sich ändernden BürgerInnen-Partizipation und der institutionellen Einbindung, wie sie in der direkten Demokratie möglich sind, in das Denken der kommenden OekonomInnen und JuristInnen vermehrt einfliessen werden!

Ich hoffe, es wird für beide Seiten eine Bereicherung!

Natürlich bleibe ich Institutsleiter am Forschungsinstitut gfs.bern!

C.L.

PS: Natürlich werde ich nun ab nächsten Februar auch St. Gallen als Stadtwanderer unsicher machen! Nach meinen Burgundergeschichten ist es sicher ganz sinnvoll, nun auch vermehrt Alemannengeschichten zu erzählen. Eine Erste habe ich schon verfasst!

Wachstum im schwierigen Umfeld

gfs.bern kannte 2006 ein Rekordjahr. Wir haben auf unserem Blog darüber berichtet. Das soeben erschiedenen Jahrbuch 2007 der Markt- und Sozialforschung hilft, das Wachstum nun auch in der Uebersicht zu interpretieren.

Die Branche selber wächst seit 2004 nicht mehr. Vielmehr schrumpft oder stagniert sie. Die 36 Institute, der die Branchenvereinigung angehören, brachten es 2004 auf einen Rekordumsatz von 227 Mio. CHF. 2006 flossen Honorare für 208 Mio. CHF. Damit lag man auf dem Niveau, das man 2001 nach einem stürmischen Wachstum in den 90er Jahren erreicht hatte.

Vergleich

gfs.bern liegt mit 2,8 Mio Umsatz im Jahre 2006 an 9. Stelle. Es hat sich als grösstes Institut der mittelgrossen Betriebe platzieren können. Keines des vsms-Institute kannte 2006 jedoch ein so grosses Mengenwachstum wie wir. Unsere +15% sind branchenweit unerreicht.

Der Vergleich mit anderen Instituten zeigt, dass sich die ganz grossen Institut mit 10 Mio Umsatz und mehr maximal halten konnten. Das gilt auch für die kleinen, die klein blieben oder schrumpfen. Ein Wachstum kennen eigentlich nur die mittelgrossen und grösseren Betriebe mit einem Umsatz von mindestens 2,5 Mio CHF.

Wenn wir am stärksten zulegen konnten, schreiben wir das drei Faktoren zu:

. unserer Spezialisierung auf unsere drei Kernbereiche Politik, Kommunikation und Gesellschaft,

. unserer Qualitätsstraegie, die sich vom Massengeschäft abgrenzt, und

. unserer personalisierten Ansprache mit einem einem Instituts- und zwei Senior-Projektleiter, die dem Kunden von A bis Z als verantwortliche Ansprechpartner zur Verfügung stellen.

Im Jahrbuch 2007, das über die Dikussionen und Entwicklungen der Branche berichtet, schreibt übrigens Urs Bieri, Mitglied der Geschäftsleitung, über seine Innovation 2006, den Wohnungsmonitor, der im letzten Jahr erstmals erschien.

Protokoll der Hochrechnung

 

 

 

So verläuft die Hochrechnung zur 5. IV-Revision aus interne Sicht.

12:07

Das war fast so hektisch wie damals, am 6. Dezember 1992: nicht wegen der Entscheidung, aber wegen den Pannen: Der externe Internetzugang war seit 11 uhr vollständig am Boden. Die Technik schien über uns gesiegt zu haben. Doch dann, endlich kurz nach 12, haben die Techniker vom tpc die Technik wieder voll im Griff. Merci, Frank! In wenigen Minuten weiss man auf diesem Kanal wieder mehr.

12:20

Wir gehen von einem “Ja” zur 5. IV-Revision aus. Was uns bis jetzt vorliegt, verweist auf eine noch klarere Zustimmung in der deutschsprachigen Schweiz, derweil sich in der lateinischen Schweiz ein knappe Ergebnis abzeichnet. Die Hochrechung für den Kanton Zürich liegt bei 60 % Ja, für den Kanton Genf bei genau 50 % Befürwortung. Im Tessin zeichnet sich eine ganz knappe Zustimmung ab.

12:30

Die erste Trendrechnung wird veröffentlicht. Radio DRS vermeldet einen leichten Ja-Trend. Uebersetzt in Zahlen heisst das, alles über 55 % Zustimmung zur 5. IV-Revision ist möglich. Die Wahrscheinlichkeit eines Scheiterns der Vorlage ist ganz minim.

Der nächste Termin ist 12:45 für TSR, dem welschen Fernsehen. Danach geht es Schlag auf Schlag: Gespräch mit Radio DRS, Tagesschau SF. Ich werde mich erst danach wieder via Blog melden!

13:15

Die hauptsächliche news ist draussen: Es ist “Ja”; der Trend schwankt zwischen eher Ja und Ja, das heisst, die Zustimmung wird ziemlich genau bei 60 % Zustimmung sein. Die eigentliche Hochrechnung wird um 13:30 vorliegen.

Es scheint, das Kantone wie Jura, Fribourg und ev. auch Genf die 5. IV-Revision ablehnen werden; unsicher sind wir bei Neuenburg. Der hochgerechnete Wert liegt just bei 50 Prozent Ja und 5o Prozent Nein.

13:23

Wir besprechen die eigentliche Hochrechnung, die in 7 Minuten über alle Sender gehen kann, zunächst intern. Jetzt muss eine möglichst präzise Zahl hin; wir wägen ab. Es braucht auch eine Zahl zur Stimmbeteiligung. Soviel ist jetzt schon klar: Es ist Ja bei einer relativ tiefen Stimmbeteiligung. Die genauen Zahlen folgen in wenigen Minuten auf allen SRG Sendern!

Grafik 1:

Definitive Hochrechnung zur 5. IV-Revision um 15.00

 

14:10

Die Hochrechnung hat sich bei 60 Prozent Zustimmung stabilisiert. Die Stimmbeteiligung wird bei rund 35 Prozent erwartet. Letzteres ist vergleichsweise wenig; es ist auch geringer als in der letzten Umfrage vor der Abstimmung. Das verweist auf eines der beiden Szenarien, die in diesem Blog schon mal besprochen worden sind: Der unüblich hohe Anteil Unschlüssiger mit Teilnahmeabsicht in der letzten Umfrage hat sich verringert, weil der grosse Teil von sachlich nicht festgelegten BürerInnen schliesslich nicht votiert hat. Die Unschlüssigen sind, so die Folgerung, zu Hause geblieben; sie haben die Teilnahme sinken lassen, und unter den Teilnahmewilligen führte die Ja-Seite schon vor 2 Wochen etwa im Verhältnis von 3:2.

14:20

Jetzt, wo die Fakten weitgehend feststehen, kann ich einen kleinen Rückblick auf die Infrastruktur machen. Die Probleme mit der externen Kommunikation sind nicht eindeutig behoben; das hat die Vermittlung der Hochrechnung selbst im gleichen Haus, das für uns externe extern ist, erschwert. So kam der kleine faux-pas auf der ersten Grafik zur Hochrechnung (64% Zustimmung auf der Grafik obwohl 60 % gemeldet wurden) zustande. Es wurde aber behoben, verbal und auch grafisch.

Grosser faux-pas jedoch bei mir. Mein Jacket flimmert, zu viel Muster. Das geht nicht vor der Kamera, sagte Catherine Mettler spontan. Man hat mich entkleidet, und aus der Garderobe neue Kleider geholt. Urs Leuthard ist für meine Verhältnisse zu schlank. Das passte gar nicht! Zum Glück hatte Heinrich (”Heiri”) Müller, der zurückgetretene Tagesschausprecher, seine Anzüge noch dagelassen. Der hat meine Grösse! So kommentiere ich heute als Erster in einem Anzug von Heinrich Müller, ohne dass Heinrich Müller selber am Bildschirm ist!

Grafik 2:

Endergebnisse zur 5. IV-Revision nach Kantonen (Version von 15:30)

 

14:30

Die ausgewählten Gemeinden haben einen Super-Service geliefert. Sie waren durchwegs zuverlässig. Das hat den Ablauf sogar noch beschleunigt. Wir sind zirka 30 Minuten schneller als erwartet. Unsere Telefonteam konnte bereits entlassen werden, merci für den tadellosen Einsatz!

Nun gibt es einen Bruch in unserer Arbeit. Das Analyseteam tritt auf. Es arbeitet in Bern, es ist gar nicht im Studio, um in Ruhe seine Ueberlegungen und Rechnereien zu machen. Wir wechseln auch von der Prognose zur Erklärung. Wir wollen nicht mehr wissen, was ist, sondern warum es ist!

Unsere zentrale Fragestellung lautet jetzt: Gibt es nebst dem offensichtlichen Rechts/Links-Gegensatz weitere sichtbare Konfliktlinien?

15:20

Die Erstanalyse liegt in einer vorläufigen Form vor: Zunächst, die Sprachregionen haben verschieden auf die 5. IV-Revision reagiert. Doch das hat nicht alleine mit der Sprache zu tun; es ist in erster Linie eine Folge unterschiedlicher sozialpolitischer Vorstellungen. Diese wirken sich auch auf die Anteil aus, welche eine IV-beziehen. Der mittlere nationale Anteil beträgt 6 Prozent, er schwankt aber zwischen 4 und fast 10 % je nach Kanton.

Nun gibt es einen recht klaren Zusammenhang sowohl in der deutsch- wie auch in der französischsprachigen Schweiz zwischen dem Anteil IV-BezügerInnen einerseits und der Ablehnungsquote in einem Kanton anders. Es gilt: Je höher der Prozentsatz ist, der heute eine IV bezieht, desto geringer fiel die Zustimmung auch aus. Das kann man sogar in beiden Sprachregionen im gleichen Sinne und in der gleichen Stärke nachweisen.

Grafik 3:

Zusammenhang zwischen Zustimmung der 5. IV-Revision und dem Anteil IV-BezügerInnen je Kanton nach Sprachregionen (um 15:30)

 

Damit nicht genug: Auch der Anteil der IV-BezügerInnen in einem Kanton ist nicht unabhängig von der politischen Siutation. Er variiert mit der sachpolischen Ausrichtung auf der Links/Rechts-Achse. Je linker ein Kanton normalerweise stimmt, desto mehr IV-Bezüger hat er auch im Vergleich und desto geringer ist die Zustimmung zur 5. IV-Revision ausgefallen. Die Linken werde daraus ableiten, sie würden die Betroffenen vertreten. Die Rechten werden das genau umkehren: Die Linken produzieren mehr Rentner!

15:40

Nun ist es offiziell: Die 5. IV-Revision wurde angenommen. Der Zustimmunganteil beträgt nach dem vorläufig amtlichen Endergebnis 59,1 Prozent. Die Stimmbeteiligung liegt bei 35,8 Prozent. Damit stimmten die Hochrechnungen, – wenn auch mit einem Mü Abweichung.

Wir hatten im massgeblichen Moment 60 Prozent Ja und 35 Prozent Teilnahme. Die tolerierter Fehlerquote ist +/- 2 Prozent; wie liegen im erlaubten Fehlerbereich.

Wenn wir nicht ganz präzise waren, hat das vor allem mit einer kleinen Differenz zwischen Hochrechung und Resultat im Kanton Bern zu tun. Die Städte Biel und Bern hatten wir leicht höher im Ja-Anteil, als es nun effektiv ist. Diese Unterschieden führen national zu einer Abweichung von einigen Promillen.

Da die Hochrechnung aber im Wesentlichen stimmte, könnten wir ungehindert mit dem elaborierten Modell in der Erklärung weiter arbeiten. Das Modell bestand anfänglich aus 4 Referenzen: der Revision der Arbeitslosenversicherung, dem Arbeitsgesetz, der Schuldenbremse und der Mehrwertsteuer für die AHV/IV. Die beiden ersten Referenzen waren sachpolitisch begründet; die beiden anderen haben wir wegen der möglichen politischen Konstellationen miteinbezogen. Wir haben aber rasch gesehen, dass die Mehrwertsteuer als Referenz nicht brauchbar ist; sie wäre nur eingeflossen, wenn es mehr Opposition gegeben hätte. Deshalb haben wir um etwa 13:15 beschlossen, auf diese Referenz ganz zu verzichten; ein richtiger Entscheid!

16:30

Nun hat man die Uebersicht; fassen wir die Eckwerte zusammen.

. Die 5. Revision der IV ist, nach der Zustimmung in beiden Parlamentskammern, auch in der Volksabstimmung angenommen worden. Im Ständerat resultierte ein klares 35:7, im Nationalrat ein schon offeneres 181:63. In der Volksabstimmung viel der Entscheid weniger klar aus: 59 Prozent beträgt die Zustimmung, 41 Prozent die Ablehnung.

Die finanzpolitischen Ueberlegungen, die im Parlament ausschlaggebend waren, dürften auch in der stimmenden Bevölkerung gewikrthaben. Die 5. IV-Revision war entsprechend nötig. Aber sie löste auch kritische Stimmen vor allem bei den Betroffenen aus. Diese befürchteten, dass es zu einem Abbau von Leistungen kommt, weil die Finanzierung nicht verbindlich in der Revision geregelt wurd.

Betrachtet man die Kantonsergebnisse, kann man sagen:

. Es stimmten alle Sprachregionen zu, wenn auch unterschiedlich stark; am klarsten war das Votum in der deutschsprachigen Schweiz, gemischter waren die Reaktionen in den italienisch- und französischsprachigen Landesteilen.

. Die 5. IV-Revision wurde auf dem Land vermehrt gutgeheissen; die Städte oder urbanen Gebiete votierten ausgeglichener; die Einwände wurden hier mehr gewichtet.

. Je grösser der Anteil der IV-BezügerInnen in einem Kanton ist, desto kritischer stand man der 5. IV-Revision gegenüber; Kanton wie Baselstadt, aber auch Jura, kennen für ihren Landesteil weit überdurchschnittliche Proporzionen von IV-BezügerInnen. Diese sind umgekehrt in Appenzell-Innerrhoden oder auch im Wallis weniger verbreitet.

Dirchgesetzt hat sich an diesem Abstimmungstag die bürgerliche Schweiz: Das liberalkonservative Lager wollte die Revision unbedingt. SVP und FDP warend die führenden Sprecherinnen, als darum ging, die Ziel der Revision zu fixieren. Die CVP folgt und blieb im Boot. In der heutigen Abstimmungen dürften mehr oder minder grosse Mehrheiten der bürgerlichen ParteianhängerInnen dafür gestimmt haben. Sie haben schlussendlich den Ausschlag gegeben.

Auf der anderen Seite steht die Linke, anfänglich für die Revision; dann aber auf Seiten der Betroffenen. Die SP schwenkte ins Nein-Lager und lancierte damit die Abstimmung im Wahljahr. Der Stimme der SP-Delegiertenversammlung dürfte nun die Mehrheit der AnhängerInnen gefolgt sein. Genaueres dazu wird man in einigen Tage wissen!

 

 

 

 

 

Ein Abstimmungssonntag wie dieser

Heute ist Abstimmungssonntag. Wir haben, wie seit dem 6. Dezember 1992 immer, als Institut einen Volleinsatz. Mit der letzten Volksentscheidung in diesem Jahr gehen auch 15 Jahre Abstimmungshochrechnung, -analyse und Kommentierung zu Ende? Eine Zwischenbilanz.

Hochrechnungen und Erstanalysen sind das Lesen des politischen 12 Uhr Schlages!

 

Heute morgen

Am Morgen gings mit dem Zug nach Zürich. Auf dem Perron in der Fernsehstadt rennt mit ein älterer Mann hinten nach, klopft mir auf die Schultern und frage: “Gehen Sie jetzt ins Abstimmungsstudio?” – Ich bejahe. Er ist erfreut, er hat mich im 2. Klasswagen von Aarau nach Zürich beobachtet. “Das Sie in der 2. Klasse fahren!” Bevor ich etwas sagen kann, klopft er mir erneut auf die Schulter und wünscht mir alles Gute für den Nachmittag.

Das ist typisch. Die SchweizerInnen haben ihre Abstimmungen gerne. Es ist eine der populären Formen der Politik. Das Volk äussert sich, – so wie es will. Oft ist die Entscheidung gleich wie die Behörden, dann aber auch umgekehrt. Meist ist das Resultat verhersehbar, dann auch wieder wie eine Wundertüte.

Die Abstimmungssendungen haben auch die Politanalyse in der Schweiz populär gemacht. Das gilt für unsere Arbeit, aber auch für mich als Person. Häufig beobachte ich das gar nicht; meine Partnerin merkt es aber viel klarer, wenn ich auf der Strasse, im Restaurant oder im Zug von Fremden gemustert werde. Gelegentlich kommt es auch zu Gesprächen, die auch für mich ganz instruktiv sein können.

 

 

Der Anfang am 6. Dezember 1992

Ein wenig stolz bin ich schon, eine neue Form der politischen Kommunikation mitentwickelt zu haben. Als wird 1992 bei der EWR-Abstimmung von der Chefredaktion des Fernsehens angefragt wurden, erstmals eine Hochrechnung zu machen, haben wir spontan zugesagt. Was auf uns zukommt, wussten wird nicht. Denn ein eigentliches Vorbild gab es nicht.

Wir hatten anfänglich noch die Auflage, nicht zu schnell zu sein. 14 Uhr 30 war die Vorgabe, angesichts der recht schnell ersichtlichen Ständemehrs nicht die schwierigste aller Aufgaben. Heute ist 12 Uhr 30 das erste Limit für die Trendrechnung und 14 Uhr ist das letzte limit für die Hochrechnung.

Der Start am 6. Dezember 1992 war schrecklich. Wir waren provisorisch in einem Technikerraum unterbracht, – mit viel Durchgangsverkehr. Prompt stolperte ein Mitarbeiter des Fernsehens über das Hauptkabel. “Tote Hose!”, auf all unseren Computern, schrie ich damals. Gott sei Dank wohnte mein Kollege, der programmiert hatte, im Zürcher Seefeld und hatte alle Programme auf seinem PC zu Hause gesichert.

Die Hochrechnung selber klappte schon damals gut. Wir erfüllten alle Ziele. Wir waren schnell. Wir waren genau. Und wir waren hilfreich. Ich war der erste, der das Ergebnis wusste; aber ich war der letzte, der es merkte. Es lief alles wie ein Film vor mir ab; es war so, alles ob es mich nichts angegangen wäre. Am Abend, als ich zur späten Nacht ins Hotel ging, merkte ich es erst: Das war ja “Nein”; obwohl ich so auf ein “Ja” gehofft.

Das ist Typisch. Bei der Politanalyse spielt der eigene Wunsch keine Rolle, was zählt sind die Fakten. Sie sind wie eine Sache. Und genauso behandelt man die eintreffenden Ergebnisse auch, egal sie einem passen oder nicht. Was man selber gestimmt hat, ist unwesentlich. Was zählt ist Tempo und Präzision. Was zählt ist Erkenntnis und Interpretation. Wenn es zutrifft, was man kommuniziert, wirkt die Analyse und sie bleibt bestehen. Was man als Person in die Urne geworfen hat, interessiert bald niemanden mehr.

 

Zu den Weiterentwicklungen in den letzten 15 Jahren

In den letzten 15 Jahren ist fast nichts von der damaligen Hochrechnung geblieben. Unser Team ist gewachsen: Zum Telefonteam ist ein Analyseteam gekommen. Und zum Analyseteam hat sich ein Kommunikationsteam gesellt. 12 Leute vom gfs.bern sind an einem Abstimmungssonntag im Einsatz. Was am Radio hört, was man im Fernsehen sieht, ist nur die kleine Spitze eines grossen Eisberges.

Auch technikmässig hat sich vieles verändert. Der PC, den wir beim EWR noch eigenhändig ins Studio brachten, ist durch eine Serie festinstallierter Stationen ersetzt worden. Wir sind auch nicht mehr in einem Nebenraum untergebracht. An einem Tag wie heute sitzen wir im “Bunker”, dem fensterlosen Raum, wo normalerweise der Chefredaktor seine AbteilungsleiterInnen zur Besprechung versammelt.

Schliesslich haben sich auch unsere Programme stark verändert. Am Anfang bestimmte ich rechts selbstherrlich, was die Referenzabstimmung ist. Und wir wählten die Gemeinde je Kanton, die damals am vergleichbarsten gestimmt hatte. Diese brauchten wir aus Hochrechnung für den Kanton, und die addierten Kantonshochrechnungen ergaben die schweizerische. Heute arbeiten wir mit 120 Gemeinden, speziell ausgesucht, aufgrund von Grösse und Konstanz im Abstimmungsverhalten. Wir haben nicht mehr nur eine Referenz. Und sollte sich das erwartete Muster nicht bestätigen, können wir auf jede frühere Abstimmung der letzten 4 Jahre sofort zurückgreifen. So können wir mögliche Fehlerquellen schneller korrigieren, als sie über den Sender gehen können.

Dennoch basiert die Hochrechnung unverändert aufgrund einer Hypothese. Diese brauchen wir, wenn sie sich aufgrund der ersten 20 Gemeinden, die eintreffen, als Prognoseinstrument. Wir setzen sie aber auch als Erklärung ein. Hempel-Oppenheim-Schema nannte man das in der Wissenschaftstheorie, als ich noch Student war. Und genau daraus haben wir mit unseren sonntäglichen Abstimmungsanalysen eine Praxis entstehen lassen. Es ist unsere eigene Erfindung, auf die wir als eingespieltes Team stolz sind!

Hochrechnung, Analyse und Kommentar kommen damit aus einem Guss. Wenn wir 3 Abstimmungen an einem Tag untersuchen müssen, ist es ein beträchtlicher Stress für das ganze Team; an einem Abstimmungssonntag wie dem 17. Juni 2007, wo es nur eine Entscheidung gibt, haben wir sogar Zeit bloggend zu unserer Arbeit eine Zwischenbilanz zu ziehen.

 

 

Ausblick auf den Tag

Und es geht weiter: 1310 mit dem Trend, und dann jede Stunde mit der Hochrechnung der Ergebnisse, der Bestimmung der Stimmbeteiligung, der Erstanalyse und der Würdigung der 5. IV-Revision.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Demoskopie: nicht nur Anhängsel von Politik und Medien

Natürlich hat mich schon der Titel angesprochen. Auch der Inhalt hat mich interessiert. Selbst wenn ich am Ende der Lektüre nicht allen Einschätzungen zustimmen kann.

Prof. Dr. Juliana Raupp, Berlin

Prof. Dr. Juliana Raupp, Berlin

Politische Meinungsforschung

Die Rede ist vom Buch “Politische Meinungsforschung”, welches die Berliner Kommunikationswissenschafterin Juliana Raupp jüngst publiziert hat. Sie ist an der Freien Universität Professorin für Organisationskommunikation / Oeffentlichkeitsarbeit, und hat nun ihrer Habilitationsschrift nachgereicht.

Bislang dominierte in der Forschung über Demoskopie die Beeinflussungsthematik. Hartnäckig wurde unterstellt, Wahlergebnisse beispielsweise würden ohne die Veröffentlichung von Umfrageergebnissen anders ausfallen. Doch konnte niemand die Behauptung beweisen, sodass die Kommunikationswissenschaft die Frage jetzt umgekehrt: Was machen Politik und Medien mit Umfragen, egal ob sie veröffentlicht werden oder nicht, ist nun das grosse Thema.

Die neueste Habilitationsschrift

In der mehrteiligen Studie von Juliana Raupp geht es zuerst um theoretische Ziele. Zuerst dreht sich alles um das Verhältnis von öffentlicher Meinung und Umfrageforschung. Dann handelt die Untersuchung von der Medialisierung der Politik. Darauf aufbauend werden drei empirische Kapitel präsentiert: eine Literaturauswertung zur Entwicklung und zum Stand der Demoskopie in Deutschland, eine Medienanalyse zum Umgang der Massenmedien mit demoskopischen Instrumenten, und eine ExpertInnen-Befragung bei Demoskopen, Medienschaffenden und PolitikerInnen zur Verwendung von Umfrageergebnissen in ihrem beruflichen Alltag. Abschliessend spricht dann wieder Juliana Raupp: Sie fasst das Erfahrende aus ihrer Sicht zusammen.

In ihren Folgerungen zerstört die Kommunikationswissenschafterin zuerst liebgewonnene Ansichten zur Verwendung der Demoskopie in der politischen Kommunikation: etwa die, PolitikerInnen würden ihre Ziele aus Umfragen ableiten. Mit Nichten!, erwidert die Fachfrau. Institutionell bestimmte Machtverhältnisse und persönliche Ueberzeugungen sind durchs Band wichtiger als Umfragewerte. Eine andere Frage ist aber, gezielt Defizit in der Meinungsbildung zu erkennen. Da verwenden PolitikerInnen sehr wohl Umfrageergebnisse. Und sie orientieren sich anhand von demoskopischen Ergebnissen nebst BürgerInnen-Gesprächen und Medien-Clippings über die Tendenzen und Trends in der Bevölkerung. In Wahlkampfzeiten ist diese Informationsquelle wichtiger. Man stützt sich da auf eigene Potenzialstudien oder Evaluierungen eingesetzter Werbemittel. Zwischen zwei Wahlen geht die Produktion exklusiver Umfragen zurück; man verwendet da weitgehend auf veröffentlichte Demoskopie, die sie als Bestätigung ihrer Politik oder als Kritik des politischen Gegners einzusetzen versuchen.

Auch das Verhältnis von Journalismus und Umfrageforschung entspricht kaum mehr hergebrachten Vorstellungen. Die Zeit der Konkurrenz ist vorbei, bilanziert Raupp. Es dominiert die formalisierten und dauerhaft angelegten Geschäftsbeziehungen. Medien verwenden Umfragen als Hintergrundmaterial, für den Spannungsaufbau vor einer Entscheidung, für die Zuspitzung und Visualisierung komplexer oder abstrakter Sachverhalte. Sie kennen drei Arten, über Umfragen zu berichten: als Instrument der Legitimation eigener Schwerpunkte und Aussagen, als Pferderennen-Journalismus, um Spannung zu erzeugen, und als Teil der Metaberichterstattung zu politischen Kampagnen. Sie formulieren dabei aber auch Erwartrungen an Umfragen zur Schnelligkeit und Eindeutigkeit, welche die Aussagemöglichkeit von Umfragen übersteigen. Konkurrenzverhältnisse sind eigentlich nur noch in Medien zu vermerken, die auf solche Kommunikationsmöglichkeiten generell verzichten.

Von Belang ist schliesslich auch die dritte Beobachtung von Juliana Raupp: Die Nähe von Demoskopen zu Politik und Medien basiert kaum (mehr) auf ideologischen Affinitäten. Vielmehr richtet man sich in Politik und Medien zunehmend nach einen neuen Typ Kommunikator: dem erfolgreichen polster, der Zugang zu wichtigen Entscheidträgern hat(te), die Innovationen in der politischen Kommunikation geprägt haben. Dieser neue Typ Umfrageforscher will besser sein als die andern, weshalb er schon aus Eigeninteressen Fehler und Missbräuche vermeidet, unabhängige Erhebungs- und Analyseinstrumente anbietet und professionalisierte Formen der Kommunikation von Forschungsergebnissen sucht. Die Praktiker von früher werden durch die Wissenschafter von heute abgelöst. Die meisten verstehen sich dabei als Forscher; eher ausnahmsweise haben sie die Tendenz, sich als Berater zu verhalten.

Mein Kommentar

Viele Befunde in diesem Buch sind erfrischend unvoreingenommen. Das gilt zum Beispiel für die Relativierung der wissenschaftlichen Kritik an der Demoskopie, sie habe den Pferderennen-Journalismus überhaupt erst entstehen lassen resp. begünstige ihn. Das wird als Attitüde kritisiert, die vor allem das wissenschaftliche Journalismusverständnis reflektiere. An anderen Orten bleiben aber Beiss-Hemmungen gegenüber der eigenen Profession: So hat die Kommunikationswissenschafterin die Umfrageforschung der KollegInnen von der akademischen Politikwissenschaft etwas unverständlich aus ihre ganzen Betrachtung ausgeklammert!

Und es bleiben Bedenken bei der länderübergreifenden Verallgemeinerung. Hätte der Titel “Politische Meinungsforschung in Deutschland” gelautet, würde ich das nichts sagen. Dort, wo es um die Rekonstruktion der Demoskopie in Deutschland geht, mag man die Ursache für die Einschränkung noch verstehen; jede(r) interessiert sich zunächst für seine eigene Umgebung am meisten. Doch bleibt es schleierhaft, weshalb auch die Theorieteile weitgehend auf deutsche Literatur rekurrieren. Da schwingen das normative Annahmen, etwa typisch deutsche Demokratieverständnisse, zu stark. Man hätte das mehr Selbstdistanz erwartet. So klar die Autorin die These der Amerikanisierung von Wahlkämpfen kritisiert, so wenig reflektiert sie in ihren Schlussfolgerungen die deutsche politische Kultur als Basis der untersuchten Umfragepraxis.

Wenn ich das Gelesene mit meiner Erfahrung in der Schweiz vergleiche, stelle ich denn auch einige Unterschiede fest. Die politische Umfrageforschung bewegt sich hierzulande in der politischen Kommunikation nicht einfach zwischen der Logik der Politik und der Logik der Medien. Sie weniger, als Juliana Raupp suggeriert, eine fremdbestimmte Tätigkeit. Sie hat sich von der Markt- oder Medienforschung weitgehend emanzipiert. Sie hat sich spezialisiert. Sie arbeitet mit sophistizierten Modellen, ausgeklügelten Methoden der Datenerhebung und selbstentwickelten Verfahren der statistischen Analyse. Und ist in der Kommunikation der eigenen Forschungsergebnisse eigene Wege gegangen. “Interdependenz” wäre aus meiner Warte die zutreffendere Umschreibung der Relation gewesen.

Es mag sein, dass das in Deutschland anders ist, – gerade wegen der Konkurrenzsituation zwischen den Parteien, die klarere Entscheidungen von Forschungsinstituten zu Parteien und Medien verlangt. Das ist in der Konkordanzdemokratie Schweiz Gott sei Dank! Bei weitem nicht so.

Juliana Raupp: Politische Meinungsforschung. Die Verwendung vom Umfragen in der politischen Kommunikation, Konstanz 2007-06-13

Viele Köche verderben nicht den Brei – im Gegenteil

Gestern haben wir den Mobilfunkmonitor 2006 veröffentlicht. Aufgrund einer repräsentativen Erhebung bei rund 1200 Schweizer Einwohner ab 16 Jahren konnten wir festhalten, dass sich die Mobilfunktechnologie primär durch einen alltäglich erlebbaren Nutzen auf der einen Seite und mehrheitlich geteilten gesundheitlichen Bedenken vom Hören Sagen auf der anderen Seite beurteilt werden. Aus diesen beiden Elementen entsteht ein Meinungsbild, das aktuell den Nutzen stark in den Vordergrund stellt und die (gesundheitlichen) Risiken als weniger zentral erachtet. Die ganze Studie kann unter den nachstehenden Link heruntergeladen werden.

Soviel zum Inhalt der Studie, nun zum Titel des Blog-Beitrags. Neben der interessanten Resultaten, ist rund um den Mobilfunkmonitor 2006 auch die Entstehungsgeschichte durchaus erwähnenswert. Entstanden ist der Mobilfunkmonitor 2006 als Kooperation zwischen dem Auftraggeber Forum Mobil und den drei Bundesämtern BAFU, BAG und BAKOM. Die ausgesprochen wertvolle Mitarbeit der Bundesämter war dabei nicht finanzieller, sondern inhaltlicher Natur. Sowohl während der Konstruktion des Fragebogens, wie auch während der Analyse und Berichterstattung entstanden in dieser Kooperation fundierte Gespräche, konstruktiv kritische Anmerkungen und viele durchdachte Fragen – und schlussendlich ein Forschungsbericht hinter dem alle stehen können. Für mich dient diese Erfahrung durchaus als Lehrstück für Forschungszusammenarbeit zwischen Wirtschaft und öffentlicher Hand mit einem gemeinsamen Erkenntnisinteresse. In diesem Sinne: Hut ab – und Kochhut auf!

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