Archive for Mai, 2007

WählerInnen-Ströme bei den Zürcher Kantonsratswahlen 2007

Die SP des Kantons Zürich war bei den Kantonsratswahlen 2007 die eigentliche Verliere­rin. Sie hat nicht nur am meisten Sitze eingebüsst. Sie hat auch erhebliche WählerInnen-Anteile verloren. Das Ergebnis im Kanton Zürich ist auch deutlich akzentuierter als bei allen andern kantonalen Parlamentswahlen der letzten vier Jahre.

In den ersten Analysen dominierten zwei Vermutung: Die SP des Kantons Zürich hat ein Mobilisierungsproblem, war der eine Erklärungsversuch; Die SP des Kantons Zürich verlor an die neu auftretenden Grünliberale Partei der anderen.

Nun haben wir die WählerInnen-Ströme aller Parteien bei den jüngsten Zürcher Kantonsratswahlen aufgrund einer spezifischen statistischen Analyse geklärt. Bezogen auf die SP des Kantons Zürich kommen wir zu folgenden Schlüssen:

Erstens, es ist sehr unwahrscheinlich, die realen WählerInnen-Verluste der SP auf einen Übergang an die Nichtmehr-Wählenden zurückzuführen.

Zwar ist es möglich, dass es 2007 zu individueller Abstinenz kam, wo sie 2003 noch nicht vorkam. Doch kommt dies sicher nicht stärker vor als das Umgekehrte. Die SP hatte bei die­sen Kantonsratwahlen kein besonderes Mobilisierungsproblem (für Kantonsratswahlen). Sie hat sogar ein minimal positives Saldo gegenüber den Nichtwählenden bei den Kan­tonsratswahlen 2003.

Zweitens, es ist unwahrscheinlich, die realen WählerInnen-Verluste der SP auf einen Übergang an die Grünliberale Partei zurückzuführen.

Zwar ist es möglich, dass es in einzelnen Bezirken zu Veränderungen in diese Richtung kam; gesamtkantonal lässt sich diese Beobachtung jedoch nicht machen und damit auch nicht verallgemeinern. Nur der kleinste Teil, und regional beschränkt, der realen Verluste der SP des Kantons Zürich lassen sich so erklären. Die Grünliberale Partei gewinnt in ers­ter Linie auf Kosten der Grünen, sekundär zu Lasten der FDP. Sie zieht auch typische WechselwählerInnen an, die nie lange bei einer Partei sind.

Drittens, es ist sehr wahrscheinlich, die realen WählerInnen-Verluste der SP auf massives WechselwählerInnen-Verhalten in verschiedenste Richtung gleichzeitig zurückzuführen.

Dabei konzentrieren sich die Übergänge nicht nur auf das linke Lager, sondern erstrecken sich auch auf das bürgerliche Lager. Im linken Lager sind die Übergänge an die Grünen in erster Linie relevant; beschränkt gibt es auch solche an die Alternative Liste. Letztere sich aber in einem Bereich, der aufgrund der Wahlrechtsänderungen und des damit veränderten Auf­tretens der AL erwartbar war. Erstere sind eindeutig grösser und können nicht mit dem Wahlrecht begründetet werden; sie müssen politisch motiviert sein.

Die Wählerverluste an bürgerliche Parteien beziehen sich etwas stärker auf die CVP, etwas schwächer auf die FDP; kaum nachweisbar sind dagegen Übergängen an die SVP.

Wir schätzen, dass die Verluste an die grünen Parteien insgesamt rund 4 Prozent Wähle­rInnen-Anteile erklären, jene an die bürgerlichen Parteien rund 2 Prozent.

Phänomene, wie sich bei der SP und den Zürcher Kantonsratswahlen sichtbar wurden, sprechen in ihrer Gleichzeitigkeit für ein umfassendes Problem, das Kommunikation und Positionierung in zentralsten Themen gleichzeitig betrifft. Im medialen Umfeld ist das schon länger als Volksferne kritisiert worden. In Zürich kommen in erster Linie Themen wie die Schul- und Sozialpolitik hinzu.

Bei massiven Anteilen von Wechselwählenden, zudem in fast alle Richtungen, ist weder eine Korrektur nach links oder rechts sinnvoll. Vielmehr empfiehlt sich, die mittelfristige Themenarbeit der SP nicht in Bezug auf den politischen Gegner zu konzentrieren, sondern auch die politische Konkurrenz viel deutlicher zu pflegen.