Archive for April, 2007

Der neue Oekoliberalismus und die Grünliberale Partei Zürichs

Die Wahlen in Zürich haben die einen aufgeschreckt, die anderen aufhorchen lassen. Die Gewinne der Grünliberalen Partei waren bemerkenswert, sodass sich die Frage stellt: ein Zürcher oder ein Schweizer Phänomen? – Eine vorläufige Standortbestimmung!

Noch weiss man über die Wählerschaft der neuen Partei wenig. Die einen spekulieren, sie hätten vor allem Neuwählende an die Urne gebracht. Die anderen erwägen, die SP habe direkt an die GLP verloren. Und schliesslich macht seit einigen Tagen auch die Hypothese die Runde, die SP hätte vielmehr an die Grüne verloren, diese aber an die neuen Konkurrenten im Oekolager. Man wird das wissen, wenn genauere WählerInnen-Wanderungsanalysen vorliegen werden!

Die Erwartungen, das jüngste Wahlbarometer werde hier klären, konnte nicht direkt erfüllt werden. Das neue Phänomen in den Zürcher Wahlen hatte zwar erheblichen newswert und wurden deshalb in allen Medien breit besprochen; doch lässt es sich mit nationalen Repräsentativbefragungen noch kaum fassen und untersuchen.

Trendvergleiche

1,5 Prozent gibt das Wahlbarometer der Grünliberalen Partei gesamtschweizerisch für den Moment. Der Wahlerfolg in Zürich, hochgerechnet auf die Schweiz, macht schon 1 Prozent aus. Das Zusatzpotenzial der grünliberalen Partei ausserhalb ihres Stammsitzes erscheint also beschränkt.

Das hat in unserer Einschätzung vor allem damit zu tun, dass den neuen Partei ausserhalb Zürichs die Köpfe fehlen. Eine anerkannte Politikerin wie Verena Diener findet man nicht überall. An anderen Orten mangelt es auch an einer eigentlichen Parteistruktur. Martin Bäumle hat seine Zürcher Partei nicht erst ein halbes Jahr vor den Zürcher Wahlen gegründet. Er hat sie nach einer Abspaltung von der Grünen Partei minutiös auf die Kantonsratswahlen im grössten Kanton aufgebaut.

Auch wenn das jüngste Wahlbarometer keine Wahlanalyse von Zürich liefern kann und will, lässt es erste Einschätzung zum Elektorat der Grünliberale zu: Sie kommen vorwiegend aus dem Mitte/Links-Spektrum. Sie siedeln sich auch weiterhin dort an. Sie stehen links der CVP, auch der EVP, aber klar näher dem Zentrum als die SP und die Grünen. Sie sind weltanschaulich gemässigter als die Wählenden der schon klassischen rotgrünen Parteien. Sie wollen weniger Oeffnung und mehr Sicherheit, und sie wollen vor allem mehr liberale, weniger staatliche Lösungen in der Politik. Sie sind, könnte man sagen, linksliberal. Ob sie inskünftig mit den rotgrünen Parteien und ihren ParlamentsvertreterInnen stimmen werden, wird man erst im Zürcher Experiment sehen. Denkbar ist in Zürich, das man sich auch mit den anderen Kleinparteien in der Mitte anfreundet. Ideologisch macht man Avancen in dieser Richtung, über das Realverhalten weiss man aber noch wenig.

Befördert wurde die ökoliberale Welle indessen nicht allein durch Zürcher Voraussetzungen. Das machte sie auch aus nationaler Sicht interessant.

Der Klimabericht der UNO hat das Bewusstsein der SchweizerInnen aufgerüttelt. Was Al Gore mit seinen global verbreiteten Botschaften vorbereitet hatte, zeigt nun Wirkung. Erstmals seit mehr als 15 Jahren ist die Umweltproblematik für die wahlberechtigte Bevölkerung wieder ein Thema, das beschäftigt. In der Sorgen-Skala des SRG-Wahlbarometer figuriert es hinter den Problemen mit der Integration von AusländerInnen wieder an zweiter Stelle. Oekonomische und soziale Erwartungen an die Politik wurden glatt überlagert. Darin liegt der Bruch mit der Gegenwart, der als Lehre aus der letzten kantonalen Parlamentswahl gezogen werden.

Und genaus das bestimmt auch das Potenzial der Oekoliberalismus besser als die Wahlerfolge aus den innerzürcherischen Querelen am Rande des rogrünen Lagers. Die Prioritäten, die namentlich im hochurbanen, postindustriellen Gebiet Menschen beschäftigen, den den postmateriellen Wertewandel der 80er Jahre längst verarbeitet haben, werden nicht mehr mit den Angeboten, die die rotgrüne Linke und die Gewerkschaft darauf geben, beantwortet. Die neue Bewegung in der Wählerschaft will eine ökologischere Politik, – nicht nur bis zu den nächsten eidgenössischen Wahlen. Sie will ein linksliberales, ökologisch inspiriertes Gesellschaftsprogramm.

In den Analysen auf dem Kommunikationsblog sind wir diesem allgemeineren Phänomen, das sich seit einigen Jahren in kantonalen Wahlen abzeichnete, im Wahlbarometer vom Herbst 2006 erstmals thematisiert wurde, und nun auch parteipolitisch sichtbar geworden ist, verschiedentlich nachgegangen. Wir werden das auch weiterhin tun, – über das Wahlbarometer hinaus und mit diesem, wenn es bis zu den kommenden eidgenössischen Parlamentswahlen parteipolitisch und demoskopisch fassbar werden sollte.

PS:

Was das Wahlbarometer ausserhalb dieser Frage breit beantworten kann, schlage man auf www.gfsbern.ch unter wahlbarometer nach.

Buchbesprechung: Was macht den Wahlerfolg aus?

Immer mehr Leute wollen in den Nationalrat. Neue Parteien, Geschlechterfrage und Medienpräsenz haben vor allem im urbanen Raum die Nachfrage nach Kandidaturen für ein politisches Amt erhöht. Da kommt, im eidgenössischen Wahljahr 2007, das Buch „Wahlkampf in der Schweiz“ gerade recht.

Cover Wahlkampf

Ein Produkt zum und des Wahlkampf(es)
Der Untertitel verrät noch besser, um was es geht: „Ein Handbuch für Kandidierende“ wird angekündigt. Verfasst haben es Mark Balsiger und Hubert Roth, selber erfahren im Führen von Abstimmungs- und Wahlkämpfen für andere resp. in der Analyse von Wahlunterlagen von anderen. Wohltuend wirkt, dass sie sich aber nicht selbst darstellen und vermarkten wollen. Vielmehr haben sie eine Umfrage unter den KandidatInnen für die Nationalratswahlen 2003 ausgewertet und übersichtlich dargestellt. Gewicht geben den Ergebnissen im 200 Seiten starken Buch Annemarie Huber-Hotz, die Schweizer Bundeskanzlerin, und Roger Blum, der Professor für Medienwissenschaft an der Universität Bern.

Gegliedert ist das Werk in drei ungleiche Teile: Die Praxis der Wahlkampfführung kommt vor allem im ersten Teil zum Ausdruck. Ratgeber heisst er: In alphabethischer Reihenfolge werden da Stichworte abgehandelt, die einem einen Einstieg in das Geschehen moderner Wahlkämpfe geben. Der zweite, hauptsächliche Teil ist der genannten Umfrage gewidmet, an der 50 Prozent der Kandidierenden, genau 1434 politisch Aktive, teilgenommen haben. Hier kommt schon mal die Analysekompetenz der Autoren zum Ausdruck. Der dritte Teil schliesslich erinnert stark an eine angefangene Forschungsarbeit. Ein wissenschaftlicher Anhang wird hier mitgeliefert, wenn auch ohne Anmerkungen! Da hätte ich lieber entweder oder gehabt.

Die zentrale Erkenntnis
Das Buch ist klar gegliedert, schön gemacht, und es ist weitgehend fehlerfrei. Das erleichtert sowohl das Lesen wie auch das Nachschlagen. Es macht das Werk von Balsiger und Roth nützlich, – nützlicher als manch wissenschaftlicher Artikel auf dem Gebiet. Es macht es aber nicht einfacher. Und das hat mit der Essenz des Buches zu tun: Diese geht nämlich erstmals systematisch den Fragen des Erfolgs resp. der Erfolgsfaktoren nach, die man objektiv und subjektiv bestimmen kann. Anregend ist schon die Unterteilung in Erklärungsansätze: Anker-, Engagement- und Verpackungsfaktoren werden überzeugend unterschieden, und sie werden durch Medien- oder Massnahmefaktoren ergänzt. Das Ganze wird zunächst einzeln, dann kombiniert mit dem Wahlerfolg verglichen. Stellt man auf die Wahl als absoluten Wahlerfolg ab, kann man nun eine Gewichtung vornehmen:

. am meisten wirken die Ankerfaktoren,
. vor den Werbemitteln,
. dem Engagement und
. der Verpackung.

Die wichtigsten Ankerfaktoren entscheiden sich gar nicht im Wahljahr, – sondern vorher. Denn sie ergeben sich aus der Wahl einer Partei, der Tatsache, ob man neu ist oder als Bisherige(r ) antritt und dem Bekanntheitsgrad vor dem Wahlkampf. Beim Medieneinsatz zählen die Auftritt an Podien und die Referate an Wahlveranstaltungen, die Einzelinserate, die Interviews, vor allem in elektronischen Medien und das Verhalten an Parteiveranstaltungen. Das Engagement wiederum wird durch das Wahlkampfbudget, der Intensität, mit welcher der Wahlkampfstab arbeitet, und die Breite der Unterstützungskomitees befördert. Schliesslich bleibt die Wahlkampfstrategie als einziger Erfolgsfaktor bei der Verpackung übrig.

Der Anfang einer Diskussion
Die Autoren behaupten nicht, damit den perfekten Schlüssel zum Wahlerfolg gefunden zu haben. Sie schätzen, dass man damit 70 Prozent des Wahlerfolges einer Kandidatur erklären kann. Das ist ganz ordentlich!

Es ist vor allem deutlich differenzierter als die abgedroschenen Vorstellungen der älteren Berufskollegen, die immer noch bei der Million, dem Kartoffelsack und dem Wahlerfolg verharren, bloss auf das Aussehen oder alleine auf das Budget setzen. Vielmehr ist es typisch für die neue Generation von Wahlkampf-Beratern, die sozialwissenschaftlich geschult, gut recherchieren und dokumentieren und so bestrebt sind, dem Geheimnis des Wahlkampferfolges von Neuem auf die Spur zu kommen. Ich freue mich auf die Diskussion, die so angerissen wurde!

Weil die neue Gewichtung von grösstem Wert ist, haben es die Autoren auch gleich bis ins Detail untersucht. Daraus werden abschliessend zwei Kapitel entwickelt, die sich dem Geschlecht und der Kantonsgrösse als spezielle Voraussetzung für die Wahlkampfgestaltung widmen.

Ein wenig unterschätzte Parteien
Hier setzt meine einzige Kritik an. Ich werde den Verdacht nicht los, dass es nicht nur auf die Sitzzahl und das Geschlecht ankommt, wie man seinen Wahlkampf gestaltet. Es kommt wesentlich auf die Partei an, für die man antritt. Und das sehe ich dann als eine Detailgrafik zwischendurch abgehandelt.

Ich hätte mir gewünscht, am Ende des instruktiven Buches je ein Kapitel zu je einer der 5 grössere Parteien zu bekommen. Schon die zentrale Aussage der Datenanalyse hätte das nahe gelegt, denn die Partei, für die man antritt, bleibt in den Ankerfaktoren der wichtigste Indikator. Es liegt aber auch auf der Hand, wenn man selber mit Kandidierenden einer jeden Partei spricht.

Mit einem solchen Ausklang hätte man den Bezug zum Titelbild auch besser geschafft. Den Bezug nämlich, warum Ruth Genner, Christophe Darbelley, Simonetta Sommaruga, Ursula Haller oder Felix Gutzwiller erfolgreiche WahlkämpferInnen in und für ihre Partei sind. Ohne diesen bleibt man ein wenig hängen, zu stark für das Robotbild des Kandidierenden fixiert.

Vielleicht hätte ein solcher Ausklang im Buch auch den Verkaufserfolg erhöht. Denn nach meiner Erfahrung wollen BewerberInnen bei einer Wahl nicht einem abstrakten Bild des erfolgreichen Kandidaten oder der erfolgreichen Kandidatin folgen; sie wollen in erster Linie ein besserer, eine bessere Politikerin mit thematischem Fleisch und parteilichen Blut sein!

Meine Hoffnung über den Wahlkampf hinaus
Dennoch, es nimmt mich Wunder, wie oft die unbestrittene Innovation, die das Buch zur Wahlkampfplanung und –analyse bei Kandidierenden in der (deutschsprachigen) Schweiz darstellt, angewandt und weitererzählt wird. Je seltener ich die alten Binsenwahrheiten oder medialen Vereinfachungen zum Wahlerfolg 2007 lesen muss, desto wertvoller ist der Wert des Buches – auch über das Wahljahr hinaus.

wahlkampfblog

autoren

Die Mitte wurde grüner

Die Schweizer wird grüner. Volatil ist nach wie vor die Mitte, was den Grünen nützt, der FDP schadet.

Eine Uebersicht über alle kantonalen Parlamentswahlen seit 2004, die nach dem Proporzverfahren gewählt wurden, ergibt gesamtschweizerisch zwei markante WählerInnen-Verschiebungen: Die Grünen gewinnen 2,9 Prozentpunkte hinzu; die FDP verliert 2,2 Prozentpunkte. Alle anderen Veränderung machen schweizerisch gesehen pro Partei weniger als 1 Prozent aus.

Insgesamt ist das rotgrüne Lager gestärkt worden. Die Gewinne der Grünen gehen minderheitlich zu Lasten der linken Parteien, mehrheitlich entstehen sie auf Kosten des bürgerlichen Zentrums. Dies verliert heute mehr nach links als nach rechts, denn die Umgruppierung des rechts politischen Pols ist weitgehend abgeschlossen. Die SVP legt nur noch leicht zu, etwa zu gleichen Teilen durch Zugug vom bürgerlichen Zentrum wie von den rechten Parteien.

Sitzverschiebungen sind nicht einfach zu bestimmen, da zahlreiche kantonale Parlamente verkleinert wurden. Relativ an Gewicht verloren haben hier die FDP, die CVP und die LP, zugelegt haben die Grünen, die SVP und die SP.

Was das alles heisst? Die Dynamik im Parteiensystem, die zwischen 1995 und 2003 sehr hoch war, hat sich auf kantonaler Ebene verlangsamt. Es wachsen nicht mehr die Pole per se. Es erleben aber die Grünen eine eigentliche Wiedergeburt, die in erster Linie zu Lasten der liberalen Mitte geht.

Die ganze Dokumentation zu unserem Projekt Parteienbarometer findet sich unter

Polittrends.ch