Archive for Februar, 2007

Was ist: Nimmt die Wahlbeteiligung der Frauen ab, oder die der Männer zu? – Eine Replik auf die NZZamSo

Da bin ich schon mal zusammengezuckt: “Interesse der Schweizer Frauen an der Politik nimmt ab”, stand in grossen Lettern auf der Frontseite der NZZ am Sonntag. Ich versuch mal, genauer hinzusehen und klar dagegenzuhalten.

Die Entwicklung sei einzigartig, schrieb Francesco Benini: Schweizer Frauen nähmen an nationalen Wahlen in viel geringerer Zahl teil als die Männer. Erhebungen der “Swiss Electoral Studies” zeigten, dass die Unterschiede in der Wahlbeteiligung seit 1995 markant zugenommen hätten. Damals habe die Differenz 6 Prozentpunkte betragen; bei den letzten Wahlen von 2003 sei die Wahlbeteilgung der Männer um 16 Prozent höher als jene der Frauen gewesen. Politologen und Soziologen in der Schweiz wĂĽrden stutzen. Eine Studie der Uni Genf zur GeschlechterlĂĽcke komme zu keinen klaren Ergebnissen. Und auch der “Selects”-Studienleiter wĂĽrde die Achseln zucken.


die fakten zur these, wonach die trends nach 1995 interessieren

Man muss sich die Fakten genauer ansehen, um zu verstehen, weshalb, so meine These, die Fachleute keine sinnvolle Antwort geben können: Es stimmt zwar, dass die Wahlbeteiligung der Frauen in der Schweiz tiefer ist als die der hiesigen Männer. Das war 1971 so und ist es auch heute noch. Seit 1995, dem Jahre des vermeintlichen Einbruchs ist allerdings kaum Bewegung in der Frauenbeteiligung. Sie liegt ziemlich konstant bei 38 Prozent. Im gleichen Zeitraum ist aber die Beteiligung der Männer rasant gestiegen: von 45 Prozent im Jahre 1995 auf 54 Prozent im Jahre 2003.

Die journalistisch entwickelte These ist demnach falsch. Denn die Geschlechterlücke entsteht nicht, weil das wahlspezifische Fraueninteresse nachlassen würde, sondern weil dasjenige der Männer sprunghaft steigt. Und von daher ist der ganze Artikel verkehrt aufgezogen. Nur deshalb, so meine Antwort, haben die befragten PolitologInnen keine Erklärung geben können.

Die journalistische Frage an die SpezialistInnen hätte vielmehr lauten müssen: Weshalb steigt das Interesse der Schweizer Männer an der Politik? Und dafür gibt es einige gute Hinweise: Bei Frauen ist die institutionelle Politikbeteiligung in erster Linie bildungsabhängig. Sie erfolgt deshalb vor allem über die themenspezifischen Meinungsbildung. Wenn sich (gebildete) Frauen für eine Sachfrage interessieren und zu einem Entscheid gelangen können, nehmen sie, beispielsweise bei Abstimmung, ebenso häufig teil wie Männer. Bei Männern spielt der Bildungshintergrund zwar auch mit, aber weniger stark. Stärker als das ist das Alter für die politische Partizipation verantwortlich. In den verschiedenen Generationen gibt es verschiedene Interessen, aber auch Wertprägungen. Deshalb reagieren Männer auch stärker als Frauen auf die weltanschauliche Polarisierung der Schweiz Politik, die seit Mitte der 90er Jahre die Szenerie prägt.

Das, und nichts anderes, hat zur verstärken Mobilisierung gefĂĽhrt, – auch mit Blick auf die Parteien. Ihnen gegenĂĽber bleiben die Frauen aber als Bestandteil der institutionell vereinnahmten Politik stärker auf Distanz.

Die Irritation, die der Artikel vom Sonntag ausgelöst hat, hat mich zum genaueren Nachdenken angeregt, vor allem aber zu präziseren Lektüre der Hintergründe der journalistischen Vorannahme. Und diese passen eigentlich ganz gut in unsere These der Repolitisierung der Schweizer Politik genau seit 1995.

Hätte der Titel der NZZ am Sonntag gelautet: “Interesse der Schweizer Männer an Politik nimmt zu”, wäre er richtig gewesen, und ich hätte mich beim Rätselraten um die Ursachen auch beteiligt. Ich bin sicher, wir wären der Sache besser auf die Spur gekommen, als im Artikel der NZZamSo. Und ich bin auch ĂĽberzeugt, dass die Sozialwissenschaften besser, als sie am Sonntag auf der Front einer wichtigen Sonntagszeitung dargestellt worden sind.

Weiteres Material hierzu:
VOX-Trendbericht 2006: Entscheidungen von Frauen schĂĽtzen Umwelt, Service public und Benachteiligte
NZZ online zur De/Repolitisierung von Frauen und Männern

Die verkannte Entwicklung: “Soft-Zentralisierung”

Eigentlich ist der Trend schon lange klar; manchmal muss man einem Phänomen indessen einen Namen geben, damit die Entwicklung auch ein Gesicht bekommt. Mein neuester Vorschlag hierzu: “Soft-Zentralisierung”. Gemeint sind gesellschaftlich entstehende Synthesen, welche die alte politische Polarität von Zentralismus und Föderalismus zunehmend aufweichen.


Nachlese zur jĂĽngsten Volksasbtimmung: Trend zur “Soft”-Zentralisierung verkannt

Viele Wirtschaftsverbände, FDP, SVP und “Weltwoche” haben aus ordnungspolitischen GrĂĽnden ein Nein zu den Familienzulagen empfohlen. In Plakaten wurde die Vorlage, die Regierung und Parlament passiert hatte, mit grossen Lettern als Luxus abgestraft.

Das Abstimmungsergebnis war gar nicht danach: Bei einer mittleren Stimmbeteiligung von 45 Prozent sagten 68 Prozent Ja. Die VOX-Studie, die nachträglich auf Befragungsbasis das Verhalten der Stimmenden analysierte, kam zu folgendem Schluss: “Die Entscheidung ĂĽber das Gesetz war sehr stark vom Links-Rechts-Gegensatz geprägt (…). Die Anhängerschaft der SP befolgte nahezu geschlossen die Parteiparole. Bei der CVP und der SVP verhielt sich zwar eine Mehrheit konform zur Parteiparole (…). Richtiggehend von ihrer Anhängerschaft desavouiert wurde die FDP mit ihrer Nein-Parole: 67% ihrer Sympathisanten legten ein Ja ein. Ăśberdurchschnittlich oft mit Ja stimmten Personen, die grundsätzlich einen zentralistischen Staat dem Föderalismus vorziehen. Aber auch die Anhänger des Föderalismus gaben bei diesem sozialpolitischen Anliegen ihre Zustimmung zu einer Bundeslösung.”

Nun kann man das auf zwei Arten lesen: erstens, indem man auf die Gegensätze insistiert, was zum konventionellen Schluss führt, links sei zentralistisch und rechts sei föderalistisch, oder zweitens, indem man auf die Mehrheiten schaut, was zum unkonventionellen Schluss führt, nur die SP und die SVP seien in ihren Mehrheiten klar polarisiert, während sich bei CVP und FDP neue Entwicklungen ergeben. An den Polen bleibt man hart und prinzipiell, weil man politischen Kompromissen gegenüber misstrauisch ist. Im politischen Zentrum ringt man dagegen um eine neuen Position.

Die Basis beider MItte-Parteien neigt wertmässig zu föderalistischen Vorlieben. Sie stellte dies aber nicht über alles! Denn sie kennt auch die Nachteile: zum Beispiel den Kantönligeist, der mit einer Abkoppelung von nationalen und internationalen Entwicklungen vorbunden ist; aber auch die Kosten der Dezentralität, die trotz Kleinräumigkeit zu x-fachen Doppelstrukturen führen. Und schliesslich sind sie sich auch der heutigen Lebensweise bewusst, die aus Gründen der Arbeitswelt mobil, urban und modernisiert ist.

Das ist denn auch meine These: Es entstehen neue Wertesynthesen zwischen den Polen, die klar auf einen zentralen oder dezentralen Staat ausgerichtet sind. Der traditionellen Föderalismus gerät deshalb unter Druck. Die Bedeutung der Kantone wird neu definiert, vor allem dann, wenn Hoheitsgebiete und Lebensräume mehr und mehr auseinanderklaffen. Von der Umgestaltung der Schweiz, wie sie Napoléon 1798 wollte, bleiben wir einiges entfernt. Mit dem Bund souveräner Kleinstaaten, der 1815 folgte, haben wir aber kaum mehr etwas gemeinsam.

Was heute in vielen Politikbereichen geschieht, nenne ich ab heute “Soft-Zentralisierung”. Es ist keine Gleichmacherei eines kulturell nach wie vor vielgestaltigen Landes. Aber es ist eine Vereinheitlichungstendenz im föderalistischen Staat erkennbar, die in Volksabstimmungen, wie gerade der Bildungsbereich zeigt, regelmässig gut abschneiden.

Spätestens mit dem neuen Finanzausgleich, der als bĂĽrgerlicher Gegenvorschlag zu den linksgrĂĽnen Rezepten propagiert wurde, wirkt sich diese Entwicklung selbst auf heikle Politikbereiche wie die Steuerpolitik aus. Und wurde, trotz linker Nein-Empfehlung, breit akzeptiert; die VOX-Analyse diagnostiziert das so: “Von den sozialen Merkmalen hatte nur das Haushaltseinkommen einen gewissen Einfluss auf das Abstimmungsverhalten. Alle Einkommensklassen stimmten aber mehrheitlich zu. Alter, Ausbildung, Geschlecht, Sprachregion und Siedlungsform spielten hingegen keine Rolle. (…) Wer von den Personen, die sich links einstufen, der Regierung zugesteht, primär das Wohl des ganzen Volkes im Auge zu haben, stimmte Ja; wer ihr misstraut, folgte den Empfehlungen der linken Parteien und stimmte Nein.”

Oder anders gesagt: In der politischen Mitte entsteht ein neuer Pragmatismus, mit dem die Anhänger der polarisierten Welt rechts und links Mühe haben. In der Bevölkerung ist die Meinungsbildung hierzu schon viel weiter fortgeschritten, als man bei den weltanschaulich fixierten Exponenten wahrhaben will. Die neue Soft-Zentralisierung macht Wertsynthesen deutlich, die gesellschaftlich bedingt ausserhalb des politischen Diskurses entstehen, sachpolitisch aber von Bedeutung werden.

Das zu verkennen, ist ein Luxus, der nicht zu mehrheitsfähiger Politik führt!

VOX Analysen eidg. Volksabstimmungen

Trends im Lobbying

Gestern schrieb die NZZ auf ihrer Wirtschaftsseite: “BrĂĽssel fordert CO2-Abgabe fĂĽr Autos. Die EU-Kommission kommt der Industrie entgegen”. Und der Kommentar endet mit: “In der Not bringt ein zusätzlicher Lobbyist mehr als ein zusätzlicher Ingenieur.” Besser hätte mich die Zeitung nicht lancieren können, den gleichentags unterrichtete ich am MBA-Kurs “Management fĂĽr Non-Profit-Organisationen” der Uni Fribourg ĂĽber “Trends im Lobbying”.


Der neueste UN-Klimabericht spricht von globaler Erwärmung, die weltweit bekämpft werden müsse; meine Prognose: das wird das neue Tummelfeld für den Lobbyismus

Seit bald 10 Jahren unterrichte ich am VMI der Freiburger Uni zum Thema Lobbying. Nicht als Lobbyist. Aber als Beobachter von LobbyistInnen. FĂĽr meine jĂĽngste Veranstaltung habe ich versucht, daraus 5 wesentliche Trends zu identifizieren, wie sich die einfache Beziehungspflege zur umfassenden Politiksteuerung entwickelt hat.

Lobbying hat sich in den letzten 15 Jahren stark entwickelt, und zwar von der Tätigkeit im Hinterhof zu einem dialektischen Spiel mit Transparenz und Diskretion bei der Politikbeeinflussung.

Konzentriert man sich auf das erfolgreiche Lobbying, kann man 5 Entwicklungen beobachten, wovon die ersten zwei schon weitgehend vollzogen, drei jedoch erst in Entwicklung begriffen sind.

. Trend 1 “Differenzierung”: Gutes Lobbying setzt die Aussscheidung von speziellen Akteuren voraus, die sich mit Lobbying beschäftigen.

. Trend 2 “Professionalisierung”: Gutes Lobbying nutzt spezifisches Wissen, das im Willensbildungsprozess getauscht wird.

. Trend 3: “Politikzyklen”: Statt laufende Aktionen zu beeinflussen, initiiert gutes Lobbying ganze Politikzyklen von der Genese bis zum Vollzug von Programmen.

. Trend 4: “Steuerung”: Politisches Handeln von Akteure, die Einfluss nehmen wollen, wird heute vor allem durch Campaigning gesteuert, das Bargaigning, Lobbying und Kommunikation koordiniert zur Zielerreichung einsetzt.

. Trend 5 “Normierung”: Lobbying entwickelt heute Standards unter LobbyistInnen selber, was als Einflussnahme nĂĽtulich und sinnvoll ist, um sich vor (weiteren) gesetzlichen Regelementierung zu schĂĽtzen.

Den jüngst vorgestellte UNO-Bericht zur Klimaentwicklung wollte ich eigentlich für die Exemplifizierung meiner Thesen verwenden. Doch da bin ich bös überrascht worden durch die Tagesaktualität, die sich mit der EU-Entscheidung zur Politik für die europäische Automobilindustrie ergab.

Auf der RĂĽckfahrt von meinen Kurs sinnierte ich: Lobbying ist ein fluides Medium, dass relevante politische Entscheidungen anvisiert, die ĂĽberraschend in unser Bewusstsein dringen!

Das wäre dann der sechste Trend …

Corporate Communication und PR/PA im Umbruch

Die Lobby ist nicht mehr das Tummelfeld der Lobbyisten. Cüpplis sind nicht mehr das Arbeitsinstrument der PR und PA. Die Position der Kommunikation für Unternehmen stärkt sich und damit der Anspruch an die Professionalität der Kommunikation.


Die ReferentenĂĽbersicht

Dabei spielt die Ă–ffentlichkeit eine immer stärkere Rolle. Imagepflege, eine strategisch ausgrichtete Kommunikation hinter und vor den Kulissen, eine Identität, eine Vision und Identifikationsfiguren, welche Inhalte glaubwĂĽrdig gegen aussen tragen, werden in einer medial vermittelten Welt fĂĽr den Unternehmenserfolg wichtiger. Gleichzeitig berichten Medien immer fleissiger ĂĽber das Wirtschaftsgeschehen. Die Wirtschaft wird “politisiert”. Aus der politischen Kommunikation können deswegen die Unternehmen auch Vieles lernen.

Das ist das Wesen der “Post-Marketing-Ă„ra”. Die 2. Schweizer Public Affairs und Lobbying Tagung am Montag, 25.6.2007 und 26.6.2007 ist ein guter Termin, um sich auf die “Integrated-Communication-Ă„ra” einzustimmen. Claude Longchamp als langjähriger Lobbying-Dozent und Vordenker in Fragen der Kommunikation wird aus seiner Warte heraus ĂĽber neue Trends im Lobbying berichten. Ich freue mich darauf.

2. Schweizer Public Affairs und Lobbying Tagung

Abstimmungsverhalten von Frauen und Männern

Es gibt keinen generellen Geschlechtergraben zwischen Mann und Frau bei Abstimmungen. Aber die Frauen schützen Umwelt, Service Public und Benachteiligte stärker.

Idealtypisch zeigen sich bei den aussenpolitischen Behördenvorlagen (Bilaterale) keine Unterschiede zwischen Mann und Frau. Bedeutsam scheint mir auch, dass Frauen und Männern im gleichen Mass an Abstimmungen teilnehmen. Die absolute Teilnahme schwankt stark je nach Vorlage und der zugemessenen Bedeutung. Sie schwankt auch stark je nach Bildungsstand der Stimmberechtigten: Höher Gebildete nehmen sind übervertreten untern den Teilnehmenden. Aber Männer nehmnen ihr Stimmrecht heute nicht mehr stärker wahr als Frauen. Damit sind die Gewichte der Geschlechter heute gleich gross bei Abstimmungen.


Frauen brachten das Elektrizitätsmarktgesetz zu Fall.

Fallweise kann das Geschlecht mitenscheiden. Das ist besonders der Fall, wenn umweltschützerische Anliegen zur Debatte stehen, wenn der Service Public oder Benachteiligte geschützt werden sollen. In diesen Fällen gewichten Frauen die Schutzargumente stärker und die von der Wirtschaft eingebrachten Argumente schwächer als Männer. Die postmaterialistische Wende weg von Sicherheits- und Wirtschaftsbetonung hin zu einer stärkeren Betonung von Umweltanliegen und Selbstverwirklichung hat die Frauen politisch stärker geprägt als die Männer.
Der VOX-Trend