Archive for Januar, 2007

Die Werte der schweizerischen Europa-Debatte

Von der Universität St. Gallen eingeladen, habe ich jüngst vor den StudentInnen des Master-Lehrganges “International Affairs and Government” referiert. Thema waren die Werte der schweizerischen Europa-Debatte. Das Interesse an der empirisch ausgerichteten Analyse, welche meine Erkenntnisse seit der EWR-Entscheidung zusammenfasste, war gross: gefällt werden substanziell politische Entscheidungen, die auf typischen Wertmustern und regionalen politischen Kulturen basieren.


Die Werte hinter der schweizerischen Europapromenade ist das, was mich interessiert!

Schon vor meinem Vortrag wurde an der HSG diskutiert. Den Schluss davon habe ich mitbekommen; es standen sich zwei polare Bilder gegenüber: dddiiieee Schweiz wurde in beiden besungen. Entweder unterschätzt sssiiieee die europäische Entwicklung und manövriert sich ins Abseits; oder aber sssiiieee verteidigt ihre legitimen Interessen, was ausserhalb der Mitgliedschaft am besten gelingt.

In meinem Referat habe ich versucht, eine andere Optik zu entwickeln: Richtig ist, dass die Schweiz den EWR abgelehnt hat; richtig ist aber dass die Bilateralen gutgeheissen wurden, und zwar generell und in allen Umsetzungsprogrammen.

Die Analyse der generellen Gründe hierfür zeigt, dass es in der Bevölkerung in Europa-Fragen nicht zwei, sondern drei Wertemuster gibt:

. die generelle Aussenorientierung
. den schweizerischen Modernismus und
. den binnnenorientierten Traditionalismus.

Entscheidend ist, ob und wie bei Entscheidungen die typischen Wertmuster in Verbindung angesprochen werden: Beim EWR zerfiel die mittlere Position weitgehend in der heftigen Polarisierung. Bei der Grundsatzentscheidung zu den Bilateralen stimmten die meisten Menschen, die durch die Aussenorientierung oder den Modernismus geprägt werden dafür. Das gibt denn auch klare Mehrheiten, und das gilt, wenn auch etwas eingeschränkt, für die bisherigen bilateralen Folgeabstimmunge, – inklusive der jüngsten Entscheidung über die Osthilfe.

Thematisch werden die Einwände in Unterfragen eher stärker gewichtet als bei der Grundsatzentscheidung über die Bilateralen. Die Binnenorientierung hat durchwegs einen Werte auf ihrer Seite: die Bevorzugung von SchweizerInnen gegenüber AusländerInnen im Inland. Fallweise kommen auch andere hinzu, vor allem föderalistische Einwände.

Räumlich gesehen findet sich eher eine umgekehrte Entwicklung: die harte Polarität zwischen den Sprachregionen (”hier Romandie – da Rest der Schweiz”) wird zusehend durch eine Polarität zwischen urbanen Zentren und ruralen Peripherien abgelöst. Die Stadtregionen öffnen sich recht systematisch für die euorpäische Integration auch über die grossen Zentren hinaus, während die Landgegenden in ihren Ablehnung verharren.

Die Diskussion meiner Ausführungen war durchaus anregend; sie war weniger einseitig als im Vorgespräch. Die Oekonomen hat zunächst ein wenig irritiert, dass man keine Modellrechnungen über Kosten/Nutzen präsentiert hat und Verlierer/Gewinner bestimmt hat. Ich habe darauf verwiesen, dass man gerade aus der St. Galler-Küche 1992 argumentiert habe, die volklswirtschaftlichen Vorteile und Nachteile liessen sich nicht eindeutig bestimmen; letztlich sei es eine politische Entscheidung, die man in Europafragen treffe. Und genau deren Basis wollte ich mit meinen Ausführungen zu Werten in der Europa-Debatte analysieren.

Die Vortragsunterlagen sind hier abrufbar!

Jugendgewalt: Integration und Repression ein Widerspruch?

Der Zusatz “Jugendgewalt” hat einige Wellen geworfen:

Die Befragung zeigt: Die SchweizerInnen waren so bewegt von der Jugendgewalt der letzten Zeit, dass mehr als drei Viertel von ihnen darüber diskutierten. Die SchweizerInnen wünschen rund um dieses Thema relativ klar verstärkte Anstrengungen zur Integration, eine Verschärfung des Strafrechts, mehr Lehrstellenplätze für benachteiligte Jugendliche und auch die Möglichkeit der Ausbürgerung straffälliger Jugendlicher. Sie wünschen also Integratioon und Repression.

Die Diskussionen gingen in zwei Richtungen:

1. Ist eine Ausbürgerung straffälliger Jugendlicher völkerrechtlich möglich? Diese Diskussion interessiert mich persönlich auch. Nicht alles, was die Bevölkerung in einer Befragung will, ist völkerrechtlich in Ordnung. Ich gehe nicht so weit wie andere ExponentInnen und stelle den Volkswillen über alles. Gerade und sicherlich nicht den Volkswillen, der von einer Umfrage ausgeht. Ich kann damit leben, dass der Staat nicht nur gegenüber den BürgerInnen und dem Volkswillen verpflichtet ist. Er ist es auch zum Schutz der Minderheiten, der Sprachregionen, zum Schutz des territorialen Unversehrtheit, zum Schutz der Kantone und im gleichen Sinn auch zum Schutz seiner Beziehungen zum Ausland da. Im Ausland ist (fast nur) das Völkerrecht bindend und für die Schweiz sind stabile und rechtlich abgesicherte Beziehungen zum Ausland enorm wichtig. Ich bin ein grosser Fan der direkten Demokratie und geniesse die Legitimität, welches dieses Instrument insbesondere bei den Stimmberechtigten geniesst. Mir ist auch klar, dass die Legitimität demoskopischer Instrumente weit geringer ist. Auch damit kann ich leben. Und die Wahlberechtigten wünschen die Möglichkeit der Ausbürgerung. Voilà.

2. Ist es ein Widerspruch, wenn gleichzeitig Repression und Integration gefordert werden? Nun hierzu kann ich für einmal auch inhaltlich Stellung nehmen: Die Antwort ist Nein. Sogar wenn es Ja wäre, würde es überhaupt keine Rolle spielen. Es ist völlig legitim, in zwei Richtungen zu denken! Es ist völlig legitim, sich Sachen zu wünschen, die logisch auf den ersten (oft ideologisch gefärbten!) Blick nicht zusammen passen.

Ich bin eben auch ein Fan der Konkordanz: Sie gibt nicht nur Frieden, sondern eine stabile politische Entwicklung – manchmal in Richtung eines Kompromisses und manchmal in Richtung einer win/win-Situation. Ich habe zwar eine politische Meinung, aber ich ziehe in jedem (!) Fall win/win-Situationen vor. Und sogar mit Kompromissen kann ich gut leben, wenn sie auch wirklich ernst genommen und akzeptiert werden.

SchweizerInnen können auch mit Kompromissen gut leben – und mit Verlaub: Sie leben auch gut. Im konkreten Fall gibt es aber auch eine bodenständigere Erklärung, warum Repression und Integration gefordert werden: Wer sich konform verhält, dem sollen möglichst viele Chancen gegeben werden und damit das Problem Jugendgewalt langfristig bekämpft werden. Wer sich aber (trotzdem) abweichend verhält, soll hart bestraft werden. Sehen Sie darin einen Widerspruch? Ich nicht.

Tagesschaubeitrag SF
Forschungsbericht (Kapitel 2.6, Seite 14ff)

Eigenlob stinkt – und trotzdem…

Eigenlob stinkt. Diese Binsenwahrheit findet nicht nur im Alltag, sondern gerade auch in der Bloggerszene viel Zustimmung. Lob in eigener Sache als Blogbeitrag wird, vor allem wenn er aus Firmenmund kommt, schnell in der “Schublade des Verpönenswerten” verstaut. Mir ist das bewusst, dennoch treibt das Gefühl der Freude manchmal seltsame Blüten, gerade auch bei mir.

Und Freude habe ich, nämlich Freude an unserer neusten Innovation aus dem Hause gfs, nämlich unser topmodernes NEBU-unterstütztes Telefonlabor. Seit dem 1.1.2007 führen wir alle Befragungen in Zusammenarbeit mit dem gfs-befragungsdienst auf diesem neuen System durch und sind mit der Qualität hochgradig zufrieden. Neben dem üblichen technischen Schnickschnack, den auch andere Telefonlabors bieten, wie Mithörkontrolle, Wählcomputer, intuitive Interviewersteuerung und ideal definierte Schnittstellen zu nachgelagerter Statistik-Software (mit denen ich die werte Blogger-Gemeinde nicht weiter langweilen will), bietet das neue dezentrale Telefonlabor zwei eminente Vorteile:

-Durch eine geniale Verknüpfung verschiedener Module kann das Interview nach einmaligem Programmieren nicht nur mittels verschiedener Methoden (telefonisch, online, schriftlich, persönlich) durchgeführt werden (das ist gut für uns), sondern ist ebendiese Methodenwahl während laufendem Interview wechselbar (das ist gut für den Interviewten). Ich kann ein Interview telefonisch starten, in der Mitte dem Interviewpartner einen Teil zum Online-Ausfüllen übergeben, um gegen Ende mein Laptop zu packen, und den Rest des Interviews noch direkt am Bildschirm bei meinem Interviewpartner zu Hause auszufüllen. All dies, ohne dass ich als Interviewer mehr machen muss, als das was ich am besten kann – Interviews durchführen.
-Alle telefonischen Interviews werden mit diesem neuen System, in Kenntnisnahme durch den Interviewpartner, vollständig elektronisch gespeichert und indexiert. Ich kann so auch zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal in die Interviews reinhören und beispielsweise verifizieren, ob die Befragten bei Frage 17 lange überlegen mussten, oder die Antwort wie aus der Pistole geschossen kam.

Beide Punkte bringen für mich Meinungsforschung wieder ein kleines Stück weiter dorthin, wo sie mir am liebsten ist: Nämlich Interviews nicht als Prüfung von Allgemeinwissen unter erschwerten Umständen, sondern als offenes, faires und aufrichtiges Gespräch mit Wohlfühlfaktor einerseits, und Befragungen unter kontrollierbaren und replizierbaren Bedingungen als Qualitätsgarantie andererseits. Deshalb habe ich Freude, und deshalb lasse ich stinkendes Eigenlob für einmal einfach seinen Geruch entfalten.

Weitergehende Informationen finden sich in einem Referat Referat von Georges Ulrich anlässlich der Jahrestagung des Verein GfS.

Im Lokal der Autopartei

estern wurde das 2. Wahlbarometer den SRG JournalistInnen vorgestellt, das heute Abend ab 18 Uhr erscheint. Erstmals kam dabei unser neuer Präsentationsraum zum Einsatz, – ausgerechnet das Lokal einer Partei, die heute nicht mehr im Parlament vertreten ist.


Vorbesprechung zum SRG Wahlbarometer, das heute erscheint, im ehemaligen Parteilokal der Autopartei, das heute das Forschungsinstitut gfs.bern gemietet hat

Lange konnten wir den Dachstock unseresBürohauses am Berner Hirschengraben benutzen. Seit einem Jahr ist die Mieterschaft im obersten Stock darunter neu, und der Zugang ist seither nicht mehr frei. Im Sommer ist man froh, nicht mehr im Dachstock über hitzige Abstimmungs- und Wahlkämpfe sprechen zu müssen; den schönen Backstein, die abgeschrägten Wände und das warme Holz werden wir aber etwas vermissen.

In unserem Bürohaus am Hirschengraben 5 konnten wir gerade rechtzeitig auf das Wahljahr einen neuen Raum im Untergeschoss neu mieten. Anfänglich diente er als Kohlekeller, dann als Stellwerk für die modernisierte Heizung.

Als wir den Vertrag unterschrieben hatten und das Konzept für die Totalrenovation bewilligt war, nahm mich der Hausvermieter zur Seite. Er müsse mir noch etwas sagen, der Raum habe eine Vorgeschichte, die ich wissen müsse. Mein Fantasie drohte schon durchzubrennen, doch mein Hausvermieter war mit seinen Ausführungen schneller: “Früher sei es das Lokal der Autopartei gewesen. Michael Dreher habe es damals, als er nach Bern kam, gemietet, um seine Leute, die er als Parlamentarier treffen wollte, in Bundeshausnähe empfangen zu können. Ich wisse ja, mit der Partei habe er nie etwas am Hut gehabt, nur vermietet habe er den alten Kellerraum.”

Das hat sich ja zwischenzeitlich geändert. Der Raum hat seinen Cowboy-Look mehr, und auch die Bar ist verschwunden. Er ist sachlich geworden, und er dient dem gfs.bern als ganz normaler Präsentationsraum: Auch für das heute erscheinende Wahlbarometer, das der Autopartei einen WählerInnen-Anteil von 0 % nachhersagt.

“Gottseidank”, füge ich da bei, sonst hätten wir nach wie vor keinen geeigneten Präsentationsraum für die Pressekonferenz gegenüber den Unternehmenseinheiten der SRG SSR idée suisse, bei denen wir die Ergebnisse der Zwischenstandsmeldung zu den andern Partei bekannt geben.

Ab heute 18 Uhr für alle auf den SRG-Kanälen nachschlagbar…

Die Schweizer Einwohnerschaft ist mit ihrer Wohnsituation zufrieden – und das hat nicht direkt mit der Höhe des Mietzinses zu tun

Die Frage, ob Mieter in der Schweiz zufrieden sind oder nicht, erhitzt seit Jahren die Gemüter diverser Mieter- oder Hauseigentümerverbänden. Während Erstere ganz im Sinne einer Mietervertretung die hohen Mietzinsen in der Vordergrund stellen und daraus Mieter-Unzufriedenheit ableiten, betonen Hauseigentümerverbände in Vertretung ihrer Klientel die immer wieder gemessene hohe Zufriedenheit der Schweizer Wohnbevölkerung mit ihrer Wohnsituation.

Ob die Mieten in der Schweiz unangemessen hoch sind, kann und will ich nicht beurteilen, mir fehlen dazu die volks- und betriebswirtschaftlichen Instrumente und Kenntnisse. Sicher bin ich aber in Bezug auf die Zufriedenheit der Schweizer Einwohner mit ihrer Wohnsituation. Diese ist, wie der Wohnmonitor 2006, im Auftrag des HEV Schweiz, aufzeigt, erneut sehr hoch:

70% aller EinwohnerInnen der Schweiz über 18 Jahren sind mit ihrer individuellen Wohnsituation hochgradig zufrieden, während auf der anderen Seite nur gerade 4% dies nicht so zum Ausdruck bringen. Im Zentrum dieser Einschätzung steht dabei dezidiert nicht die Höhe der Wohnkosten, sondern eine breite Palette an Elementen, welche das Wohngefühl entscheidend mitprägen. Ob man sich in der eigenen Wohnsituation glücklich, geborgen oder nicht permanent mit Lärm beschallt fühlt, beeinflusst das Wohlbefinden dabei ebenso, wie der Wunsch nach einem Balkon/Terrasse und guten Verkehrsanschlüssen in der Nähe. Dies trifft insbesondere auch für SchweizerInnen mit tiefem Einkommen zu.

Oder in kurzen Worten: Herr und Frau Schweizer sind in ihrer Wohnumgebung hochgradig zufrieden, weil eben die Höhe der Wohnkosten mit Abstand nicht das einzige Element ist, das zu dieser Zufriedenheit führt. Wohnen ist aus Sicht der Schweizer Einwohnerschaft mehr als nur ein Kostenpunkt im Haushaltsbudget, es ist ein (positiv besetztes) Lebensgefühl.

2006 brachte gfs.bern einen Umsatzrekord

Das Forschungsinstitut gfs.bern hat 2006 ein sehr gutes Geschäftsjahr hinter sich. Mit einem Umsatz von 2,85 Mio CHF wurde das bisherige Rekordergebnis aus dem Jahre 2001 deutlich übertroffen. Auch gegenüber dem Vorjahr bedeutet dieses Volumen eine Steigerung von 13 Prozent.

gfs.bern hat seit 2006 eine neue Organisationsform. Das Forschungsinstitut wird von einer Geschäftsleitung mit Claude Longchamp (Vorsitz), Urs Bieri und Lukas Golder (Mitglieder) geleitet, die nach einem Leitbild für die Institutsentwicklung bis 2008 arbeitet. Dieses sieht ein kontinuierliches, moderates Wachstum der Geschäftstätigkeiten vor.

Das Ergebnis 2006 bestätigt diesen Kurs. Gewachsen sind vor allem Forschungsmandate auf der Basis von CATI-Befragungen, aber auch ftf-Befragungen und Studien mit qualitativen Interviews haben im vergangenen Jahr zugenommen. Deutlich gewachsen ist gfs.bern schliesslich auch in nicht-befragungsbezogenen Mandaten in Forschung und Lehre. Nebst dem bestehenden Schwerpunkt “Politik” konnte so vor allem im Bereich “Kommunikation” ein breites Tätigkeitsgebiet etabliert werden.

Allen Kunden, die uns 2006 die Treue gehalten oder uns neu verstärkt haben, danken wir ganz herzlich.

In der ersten Hälfte des Jahres 2007 soll die Reorganisation des neuen Leitbildes abgeschlossen werden, um das Wachstum mittelfristig fortsetzen zu können. Lukas Golder und Urs Bieri werden neu als Senior Projektleiter Arbeitsfelder mit eigenen Kundenbeziehungen bearbeiten. Die weitere Projektleitung besteht aus Monia Aebersold (bisher) und Bianca Rousellot (neu). Das übrige Team der von gfs.bern festangestellten MitarbeiterInnen mit Silvia Ratelband, Stephan Tschöpe und Martina Imfeld wird neu als ein Dienstleistungspool arbeiten. Verstärkt wird er ab Mitte Januar 2007 durch Dominik Simecek. Luca Bösch wird das Team auf Ende Februar 2007 verlassen.

Der Verwaltungsrat des Forschungsinstituts besteht unverändert aus Dr. Viktor Erne (Präsident), Dr. Katja Gentinetta (Mitglied) und Claude Longchamp (Mitglied). Als Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für praktische Sozialforschung, die als Minderheitsaktionärin an gfs.bern beteiligt ist, amtet unverändert Prof. Dr. Iwan Rickenbacher.

Allen, die für und mit uns arbeiten, ein erfolgreiches neues Jahr 2007!

Mein Wunsch fürs Wahljahr

Nein, viele Neujahrswünsche habe ich nicht. Einen aber schon: dass man aus Wahlumfragen nicht immer und krampfhaft Prognosen macht.

Man kennt es: Kaum ist die Abstimmung oder Wahl vorbei, werden die Umfragen evaluiert. Zu recht, sag ich da; bitte aber auch richtig, füge ich bei.

Beliebt ist es, die Umfrage zu zitieren, die am weitestens abweicht. Nicht selten ist das auch die älteste. Man tut dann so, wie wenn seither nichts geschehen wäre, – und hat den vermeintlichen Beleg, dass sich Umfragen an sich irren. Es kommt auch vor, dass man bei Umfragen nach irgend welchen Regeln Unschlüssige verteilt, selbst wenn die Veröffentlichung der Erhebung das gar nicht gemacht hat. Weicht dann das Ergebnis der selbst gebastelten Verteilung vom Ergebnis ab, ist – wiederum – die Umfrage an sich falsch.

Das sind schon zwar die häufigsten, aber auch die banalsten Irrtümer im Umgang mit Umfragen. Vergleichbar hiermit ist auch die Manie, als Nutzer oder Multiplikator von Umfragen diese stets, zu jedem Zeitpunkt und bei jeder Fragestellung als Prognose des Wahlresultates zu stilisieren, statt sie als Momentaufnahme zu lesen. Die Demoskopen betonen das zwar seit Jahren, ihre Uebersetzer übersehen es fast ebenso lange, und so endet man dann beim nachträglichen Satz: “Aber die Umfragen sagten doch Gewinne voraus …”.

Das sind die Anwendungsprobleme von Wahlumfragen. Man kann sie verringern, wenn man die aufgezeigten Fehler nicht begeht, und wenn man die folgenden vier einfachen Regeln der Produktion mitberücksichtigt:

1. Wahlumfragen müssen eine Entscheidungsabsicht befragen; reine Einstellungen oder Sympathiemessenungen reichen da nicht.
2. Wahlumfragen müssen Aussagen machen auf der Basis von Menschen, die sich beteiligen dürfen und wollen; Umfragen zur Einwohnerschaft oder zu den Stimmberechtigten insgesamt eignen sich da gar nicht.
3. Wahlumfragen müssen sich auf Parteistärken beschränken; Umrechnungen, die sich auf Sitze beziehen, und durch Listenverbindungen beeinflusst werden, sind nicht statthaft.
4. Wahlumfragen müssen entweder kurz vor der Wahl gemacht worden sein, – oder aber man muss die Entwicklung in der letzten Phase mitberücksichtigen; einzelne Umfragen zu zitieren, die zu irgend einem Zeitpunkt gemacht worden sind, täuschen mehr, als sie klären.

Selbst wenn man die vier Punkte berücksichtigt, bleiben noch zwei grössere Knacknüsse, welche die Interpretation erschweren; – die eine ist typisch für Schweizer Wahlen, die andere ist genereller Natur:

. Hierzulande kann man bei Parlamentswahlen in der Regel für Kandidaturen verschiedener Parteien stimmen; die Wirkungen auf die Parteistärken sind aber nicht gesichert neutral. Wer auf der Liste der Partei X, BewerberInnen der Partei Y aufschreibt, vergibt seine Stimmen anteilsmässig auf die Parteien X und Y, selbst wenn er oder sie sich dessen nicht bewusst ist. Dafür hat die Wahlforschung noch keine hinreichende Lösung gefunden.

. Das allgemeine Problem betrifft den Umgang mit den Unschlüssigen; lässt man die, wie bei Abstimmungen häufig, stehen, verlieren in der Regel alle Parteien gegenüber der vorhergehenden Wahl. Erst wenn man die unschlüssigen Personen, die sich aber beteiligen wollen, berücksichtigt, entstehen plausible Verhältniszahlen zwischen den Parteien. Solange der Anteil der Unschlüssigen mit Teilnahmeabsicht unter 10 Prozent bleibt und es viele Parteien hat, kann man mit Erfahrungsregeln arbeiten und sie auf die verschiedenen Parteien verteilen. Wenn ihr Anteil indessen über 10 Prozent beträgt oder die Zahl der Parteien klein ist, birgt diese Verteilung so grosse Probleme in sich, dass keinen begründeten Stärkezahlen von Parteien entstehen.

Die Umfrageforscher sind sich dieser Probleme viel bewusster als die Oeffentlichkeit. Deshalb sprechen sie heute an sich nicht mehr von Prognosen; sie halten Momentaufnahmen fest. Haben diese über mehrere Befragungen hinweg, einen eindeutigen Trend, kann man diesen bis zum Wahltag extrapolieren. Daraus resultiert aber immer noch keine Prognose, sondern eine Hochrechnung des wahrscheinlichsten Wahlergebnisses. In diesem bleibt das oben genannten Problem der Panaschierwahl enthalten, und es ergeben sich mögliche Unschärfen bei hoher Zahl unschlüssiger oder unüblicher Parteienzahl resp. -konstellation.

Gute Umfrageforschung berücksichtigt deshalb, wenn sie Aussagen über Parteistärken macht, diese Grenzen. Gute Rezeptionen von guten Umfragen sollten das auch tun.

Jedenfalls wünsche ich mir das für das Wahljahr 2007.