Archive for Dezember, 2006

Der Status der Blogosphäre und des Kommunikationsblogs

Die Blogosphäre wächst unvermindert rasch; sie hatte 2006 eine Vermischung mit spam-blogs zu überstehen. Deutsch ist unverändert keine führende Sprache in der weltweiten Blogospäre; bei Blogs mit Schweizer Bezug aber klar führend. Der Kommunikationsblog hat nach drei Monaten Existenz hier seine Nische gefunden. Gefragt sind vor allem Themenbeiträge, die zur laufenden Diskussion über (politische) Kommunikation beitragen.

David Sifry wertet auf seinem Blog regelmässig die Statistiken des weltweit führenden Blog-Verzeichnisses Technorati aus. In seinem jüngsten Bericht zu state-of-the-art der Blogospähre kommt zu folgenden (hier zusammengefassten) hauptsächlichen Befunden:


Die Produktion von Beiträgen in der Blogosphäre verläuft event-orientiert; sie wird durch weltweite Ereignisse beeinflusst (Quelle: sifry’s alert)

Erstens, weltweit gibt es heute 57 Millionen Blogs.

Zweitens, im 3. Quartal 2006 wuchs die Zahl der Blogs stark, aber künstlich an; dafür verantwortlich waren vor allem spam-blogs (”splogs”), die heute besser erfasst und ausgegliedert werden, was zu einer “Verflachung” der Zunahme geführt hat.

Drittens, das Wachstum bleibt hoch; gegenwärtig verdoppelt sich die Zahl der Blogs alle 230 Tage.

Viertens, am meisten geschrieben wird in Englisch, Japanisch, Chinesisch und Spanisch; die Globalisierung der Blogosphäre findet aber vor allem auf Englsich und Spanisch statt.

Fünftens, es gibt einen starken Zusammenhang zwischen Alterung und Nutzung von Blogs und ihrem Ranking auf Technorati.

Sechstens, es gibt zentrale Ereignisse, welche die weltweite Produktion von Blogs beeinflussen; in diesem Jahr war das der eskalierende Konflikt im Mittleren Osten, – nächstes Jahr dürfte es der amerikanische Wahlkampf sein.

Die “Währung”, in der Blogs weltweit gemessen werden können, sind die externen Links, die auf einen verweisen. Darüber ist schon viel geschrieben worden, – auch viel Negatives; nimmt man das dennoch als vorläufig einziger Massstab des Vergleichs, dann gehört er weltweit zur Gruppe C der Blogs. Die deutsche Sprache, sein (zartes) Alter und der Rhythmus der Aufdatierung können als plausible Erklärung für die Klassierung gelten. Immerhin, in den 3 Monaten seiner Existenz ist der “K’blog” 15 Mal extern referenziert worden.


Der Kommunikationsblog befindet sich, aufgrund der Referenzierung, in der weltweiten Gruppe C der weblogs (Quelle: sifry’s alert).

Die Nutzung des Kommunikationsblog steigt kontinuierlich an. Sie begann im 1. Monat mit rund 11000 abgefragten Seiten, stieg im 2. Monat auf zirka 17000 an, und sie liegt nach dem vollendeten 3. Monat bei knapp 21000 Seiten. Es freut uns, dass wir eine rege benutzte Nische gefunden haben.

Die am meisten aufgesuchte Seite auf dem Kommunikationsblog betrifft zwischenzeitlich jene über die “Blochers Werte”, gefolgt wird sie gegenwärtig von der “Kritik des Thesenjournalismus”. Dieser Beitrag löst bisher auch die grösste Kontroverse mit den meisten Reaktionen aus. Wir werden weiter daran arbeiten!

Die Kommentare sind insgesamt noch nicht so zahlreich; dafür aber promiment: Selbst Fulvio Pelli, der FDP-Präsident, findet Zeit und Muse, bei uns mitzudenken!

Allen NutzerInnen, die sich für uns zu interessieren begonnen haben, sei hier schon mal gedankt, und ein vielversprechendes 2007 gewünscht!

Sorgenbarometer 2006: Wirtschaftsidentität und wirtschaftliche Sorgen der Jungen

18-29jährige sorgen sich deutlich am stärksten um die Arbeitslosigkeit. Gegenüber der Wirtschaft haben sie aber ein unverkrampftes Verhältnis und sind auf viele Elemente unserer Wirtschaft sehr stolz.

Mit 75% reihen die 18-29jährigen in der Tendenz noch stärker als alle anderen Stimmberechtigten die Arbeitslosigkeit an erster Stelle ein. Die steigende Arbeitslosigkeit der 90er-Jahre ist zu einem gesellschaftlichen Problem geworden und ist mittlerweile auch für ökonomisch gut Situierte, die unter einigermassen sicheren Bedingungen arbeiten, eine Topsorge. Der kalte Wind der Arbeitslosenzahlen hat auch durch die Schulräume der Jungen von heute geweht. Sie wissen, dass die Wirtschaft nicht einfach so auf sie wartet und sie sind sehr daran interessiert, den Einstieg ins Berufsleben zu schaffen und mit der festen Anstellung auch einen festen Platz im Arbeitsleben zu finden.

Der Stolz der Jungen auf Elemente der Schweizer Wirtschaft ist aber gross, grösser als auf viele politische Elemente. Ihre Vorbehalten gegenüber dem politischen System sind eher noch grösser. Ihr Ruf an das politische System lautet aber ganz konkret: Verstärkte Bildungsförderung. Auch hier kommt zum Ausdruck, dass man sich für die Wirtschaftswelt möglichst optimal rüsten will. Und individuell wünscht man sich ganz einfach eine wirtschaftlich gesicherte Situation.

Die 18-29jährigen sind demnach eine ökonomisch stark sensibilisierte Altersgruppe. Abstrakte politische Themen sind ihnen weniger nah’ als die konkreten Bedürfnisse einer Wirtschaft, auf die sie generell sehr stolz sind. Die wirtschaftlichen Bedürfnisse wollen sie mit guter Bildung auch erfüllen. Hier sehen sie mit dem lauten Ruf nach verstärkter Bildungsförderung eine klare Rolle des Staates. Der Staat soll handeln, damit sie von ihrer grössten Sorge nicht selbst betroffen werden: Der Arbeitslosigkeit.

Sorgenbarometer

Wissensmanagement als Schlüssel im Geschäft mit Gedanken und Ideen

Ich war gestern morgen an einer Seminartagung für Wissensmanagement. Der Referent, Karl A. Scholz war während seinem Arbeitsleben Berater und Geschäftsführer bei Intra und der KPMG, sowie Vorsitzender des deutschen Verbandes für Unternehmensführung (und noch ganz viel mehr). In diesen Funktionen war er weltweit beratend tätig. Ich glaube, man kann ihn tatsächlich als einer der Väter der Unternehmensberatung betrachten. Für mich war es ein Glücksfall, dass gerade er nach Bern kam, zeigte er doch ein prägnantes Bild was Wissensmanagement gerade im Geschäft mit Gedanken und Ideen bedeutet, bedeuten kann und bedeuten muss.

Herr Scholz hielt ein traditionelles Referat mit Folien (vernachlässigbar) und ganz viel Geschichten und Erzählungen aus seiner Erfahrung (sehr fesselnd), auch wenn er sich aus meiner Sicht zum Teil durch das in Deutschland übliche(re) Gedankengut “Elite als legitimie Steuerung einer Gesellschaft” selber Störgeräuschen aussetzte. Aber ich bin da wohl zu fest Schweizer, um in den gleichen Applaus auszubrechen, den er mit den gleichen Bemerkungen vor der deutschen Wirtschaftselite sicherlich zu Hauf erhält.

Aus meiner Sicht höchstspannend war sein Einblick ins Wissensmanagement von international tätigen Beraterfirmen. International ist deshalb relevant, weil diese Wissen nicht nur auf der zeitlichen Achse zu neuen Mitarbeitern verteilen müssen, sondern auch geographisch zu allen Büros weltweit. Es war für mich äusserst prägend zu merken, wie stark das Wissensmanagement bei solchen Firmen im Zentrum steht:

-Mckinsey beispielsweise verpflichtet jeden Berater weltweit vertraglich seine Expertise auf verschiedene Weise in einer elektronischen Datenbank abzulegen und jederzeit aktuell zu halten. Zudem ist jeder Berater intern beratungspflichtig. Das bedeutet, dass ich beispielsweise Berater X mit einem Problem konfrontiere bei dem er Expertise hat, und er ist bei entsprechender Sanktionierung verpflichtet, mir innert 24 Stunden beratend zur Seite zu stehen.
-kpmg beispielsweise macht allen neuangestellten Berater (entsprechende Befähigung vorausgesetzt) das Angebot innert fünf Jahren Mitgesellschafter zu werden, vorausgesetzt sie dokumentieren während den fünf Jahren jedes abgewickelte Projekt nach einem festgelegten Schema in ihrer Datenbank. Machen Sie das nicht, fliegen sie diskussionslos aus der Beförderung raus.
-Ebenfalls kpmg arbeiten mit sogenannten “Leuchttürmen”. Es werden Personen mit besonderer Kenntnis bezeichnet (mit genauer Bezeichnung was ihre besondere Kenntnis ist) und diese sind auf diesem Gebiet gegenüber Anfragen auskunftspflichtig.

Aus dem Gehörten habe ich für mich folgende wichtige Eckwerte mitgenommen:

1. Wissensmanagement gilt in der Branche der weltweiten Unternehmensführung als zentraler Wettbewerbsfaktor. Ich fand eine Aussage sehr prägnant (sinngemäss) “Die Besten zu werden erfordert 10 Jahre und einen brillianten Kopf, die Besten zu bleiben erfordert eine ganze Unternehmung und jede Zeit, die man kriegen kann”. Alle vorgestellten Firmen bauen sich eigentlich komplett um ein systematisches Wissensmanagement auf und investieren vermutlich ebenso viel Zeit ins Wissensmanagement, wie in die Kundenarbeit. Ziel dabei ist, mit allen Mitteln inhaltliches und Problemlösungswissen in der Firma zu behalten und für alle in der Firma greifbar zu machen.
2. Für Wissensmanagement braucht es ein Klima. Alle Mitarbeiter müssen sich über die zentrale Bedeutung von Wissen im Klaren sein und Wissen auch im hektischen Tagesgeschäft nie eine untergeordnete Rolle geben. Ein Projekt ist aus der Sicht des Referenten nur erfolgreich, wenn a) der Kunde zufrieden ist und b) die Firma auf alle Zeit dokumentarisch weiss, wieso und auf welche Art der Kunde zufrieden wurde. Nur die Zufriedenheit des Kunden im Kopf alleine genügt für eine Spitzenposition im Markt der Unternehmensberatung nicht.
3. Wissensmanagement wiederspricht grundsätzlich dem Naturell einer Unternehmung. Gerade in der Startphase ist Wissensmanagement nur Aufwand und der Nutzen nicht direkt spürbar. Aus seiner Sicht braucht Wissensmanagement deshalb eine hohe Einbindung in der Unternehmungshierarchie (Wissensmanagement ist eine Führungsaufgabe) und einen dezidierten Willen zur Disziplinierung/Sanktionierung bei Nicht-Einhalten der Vorgaben. Jeder Mitarbeiter muss aus seiner Sicht wissen, dass Wissen wichtig ist, und dass es ihm persönlich (nicht nur der Firma) schadet, wenn er sein Wissen nicht systematisch ablegt. Die Sanktionierungsmassnahmen können dabei durchaus drakonisch sein: Keine Beförderung habe ich schon erwähnt, kein roter Heller der Jahresprämie oder eine Woche Ferien Ja/Nein sind andere Methoden.

Oder in kurzen Worten: Ich hatte Wissensmanagement als Interesse im Kopf als ich hinging, erlebte Wissensmanagement als Herausforderung, als ich dort war, und betreibe nun Wissensmanagement, indem ich meine Gedanken gleich hier sauber ablege.

Ideen für die liberale Idee

Ideenmesse hiess sie. Eingeladen war ich. Einen workshop geleitet und ein Referat gehalten habe ich. Um die liberale Wende 2007 ging es den ganzen Donnerstagnachmittag und -abend: Gelingt sie, oder gelingt sie nicht? Das war auch die Frage, die man mir gestellt hatte. Meine Antworten stelle ich der Blogosphäre als erstes zur Verfügung.

Ich habe meine Aufgabe undogmatisch aufgefasst, – als Aufforderung, Rahmenbedingungen des gesuchten Erfolgs zu eruieren. Ich weiss, wenn es um Parteiprogramme geht, bin ich nicht der Hirsch. Sachfragen beschäftigen mich aber schon, und Werthaltungen, die sie reflektieren, interessieren mich erst recht.

Ich weiss: Keine Partei kommt in der Schweiz dauerhaft weit über 25 Prozent; und keine Partei hat eine Mehrheit von WählerInnen, die sie wegen der reinen Lehre wählt. Es ist immer ein Mix aus Hoffnungen und Aerger, Wünschen und Enttäuschungen, die die Wählenden leitet. Und es sind immer Menschen, Themen und Stile in der Erinnerung, wenn sie die Wahlzettel ausfüllen. Diesmal, so nehme ich an, wird es auch vermehrt um die Regierbarkeit des Landes gehen.

Also habe ich meine Ueberlegungen zum Thema einer liberalen Agenda gemacht und vorgetragen. Für eine bestimmte Partei habe ich geworben, für eine liberale Bewegung quer dazu indessen schon. Denn sie ist über- oder transparteilich in Sachfragen heute schon sichtbar, ist meine These.

Zum Beispiel, wenn wir über Stammzellenforschung debattieren und entscheiden. Dann blickt die halbe Welt auf die Schweiz und fragt sich, wie ist das möglich, dass eine liberales Gesetz nicht nur das Parlament passiert, sondern auch in einer Volksabstimmung angenommen wird. Weil die sachbezogene Politik der Schweiz schon längst liberal ist, antworte ich. Darunter verstehe ich eine BürgerInnen-Gesinnung, die offen, marktwirtschaftlich, tolerant, modern und gerecht ist.

Aus meiner Sicht ist das möglich, weil die Schweiz und die SchweizerInnen von einem hohen wirtschaftlichen Pragmatismus geprägt wird, weil sie zivilgesellschaftlich gut funktioniert und weil sie politisch ein unverkrampftes Verhältnis zum Staat haben. Das wollte ich den liberalen Denkern der liberalen Parteien mit auf ihren Weg geben.

Und um es noch deutlicher zu machen: Liberalität im heutigen Sinne leitet sich idessen nicht mehr nur aus der protestantischen Ethik ab. Wertkonservative unterschätzen das, wenn sie liberal auf Eigenverantwortung beschränken wollen. Liberal ist heute auch, wenn seine Selbstbestimmung radikal einfordert, indem er seine Handlungsmöglichkeiten als aktives Individuum gegenüber Staat und Wirtschaft, gegenüber jeder Herrschaftsform erweitern will. Wertprogressive unter den zeitgemässen Liberalen müssten das ihren wertkonservativen Kollegen intensiver vermitteln, als ich das kann.

Ich habe meinen kleinen Beitrag dazu zu leisten versucht, indem ich einige Ideen in die Ideenmesse getragen habe. Ich habe gesehen, dass die ersten Exponenten
schon reagiert haben, bevor ich überhaupt agieren konnte. Mehr will ich zu solchen Schnellschüssen gar nicht sagen, denn ich bleibe aber optimistisch, dass eine fruchtbare Diskussion entsteht!

Deshalb stelle ich meine workshop-Unterlagen und mein votum an der Abendveranstaltung der Blogoshäre zur Verfügung, die schon mal eine Insel meiner Liberalitätsideen ist.

Artikel des St.Galler Tagblatts zu der Ideenmesse

Unsere vermessenen ParlamentarierInnen

Ein Jahr vor den Parlamentswahlen präsentieren die beiden Sozialwissenschafter Michael Hermann und Bruno Jeitziner in der NZZ eine Positionanalyse der NationalrätInnen. Ich habe mir die Daten selber angesehen, und ich ziehe eigene Schlüsse über die Möglichkeiten der Koalitionsbildung im Nationalrat, die bisher unerwähnt blieben.

Das vermessene Links/Rechts-Spektrum

Die Methode der beiden Sozialwissenschafter ist genial einfach; man ermittelt die beiden ParlamentarierInnen, die in einem gewissen Zeitraum am gegensätzlichsten gestimmt haben, und interpretiert die Pole als “links” und “rechts”. Pirmin Schwander, der Schwyzer SVP-Vertreter, markiert demnach 2006 das rechte Extrem; Pierre Vanek (AdG) und Marianne Huguenin (PdA) repräsentieren gemeinsam das linke. Alles, was dazwischen ist, wir ausgemessen und eingeteilt, sodass jeder Politiker, jede Politikerin eine eindeutige Klassierung auf der Links/Rechts-Achse bekommt.

Wer an diese Methode zweifelt, wir von den Autoren eines besseren belehrt: Die Durchführung des Ratings seit 10 Jahren führt zu auffällig konstanten Ergebnisse, reproduziert also nicht ein beliebiges Bild des Parlaments, sondern ein robustes und aktuelles Robotbild auf der zentralen Achse der Polarisierung.

Die parlamentarische Mitte und die Bevölkerungsmitte

In der Mitte des Nationalrates politisiert gemäss neuestem Rating der Luzerner CVP-Vertreter Bruno Franz; nahe bei ihm ist Yves Guisan, der waadtländer Freisinnige. Man kann auch Laura Sadis (FDP/TI), Felix Walker (CVP, SG), Doris Leuthard (CVP,AG) sowie Ueli Siegrist (vormals SVP, neuerdings fraktionslos/AG) hier ansiedeln.


Die Zentrierung der stimmberechtigten Bevölkerung reflektiert sich im parlamentarischen Alltag nicht mehr.

Selbst wenn die parlamentarische Mitte damit einige bekannte Namen hat, ist doch unübersehbar, dass sie mit der Wahl von Doris Leuthard in den Bundesrat ihr eigentliches Gesicht verloren hat. Ein politisches Schwergewicht findet sich in der Mitte kaum mehr.

Bezogen auf die verschiedenen Fraktionen politisiert nur noch die kleinste Regierungspartei, die CVP, mehrheitlich im Zentrum. Die FDP hat, nebst den beiden bereits erwähnte VertreterInnen noch Christine Egerszegi-Obrist, die kommenden Nationalspräsidentin eindeutig an dieser Stelle, während dies bei der SVP mit Brigitta Gadient eine Politikerin ist, die man normalerweise als Abweichlerin schneidet. Im der parlamentarischen Mitte gar nicht mehr repräsentiert sind die SP und die Grünen, bei denen selbst der fraktionslose Oekoliberale Martin Bäumle in der linken Hälfte des Nationalrates politisiert.


Die Bipolarisierung des Nationalrates findet in der stimmberechtigten Bevölkerung keine Uebereinstimmung.

Der Befund der schwachen Mitte im Nationalrat steht im Gegensatz zur Links/Rechts-Verteilung der stimmberechtigten Bevölkerung. Diese positioniert sich unverändert zu einem wesentlichen Teil im Zentrum. Die Bipolisierung der schweizerischen Politik ist demnach ein Phänomen, das im Nationalrat zum Ausdruck kommt wie sonst nirgends. Selbst im Ständerat findet sie sich nur abgeschwächt, und in der stimmenden Bevölkerung ist sie maximal ein zeitlicher Trend, – ohne das sich das Fundament geändert hätte. Die zahlreichen Abstimmungsniederlagen von Behördenvorlagen belegen eindrücklich, wie stark das Mitte-Elektorat bei Volksentscheidungen das Mass aller Dinge geblieben ist.

Drei verschiedene parlamentarische Mehrheiten wahrscheinlich

Koalitionstheoretisch gesprochen hat die Mitte/Rechts-Positionierung des Nationalrats verschiedene Konsequenzen, die in der oberflächlichen politischen Analyse zu wenig Beachtung finden; es sind rechnerisch gesehen drei Koalitionstypen wahrscheinlich:

Erstens, die liberalkonservative Polarisierung: Im Nationalrat sind rechte Politiken, die aus SVP/FDP-Koalitionen hervor nur dann mehrheitsfähig, wenn sie auf eine respektable Minderheit der CVP zählen können. Kommen sie zustande, haben sie das Problem, dass sie in der stimmenden Bevölkerung von wesentlichen Teilen der Mitte unterstützt werden müssen. Genau an dieser Referendumshürde scheiterten “(rechts)bürgerlichen Reformen” der Finanz- und Sozialpolitik, aber auch das neue Mietrechts und der Verkehrsfinanzierung fanden in rechten Parlamentshälfte ihre Mehrheit, nicht aber unter den Stimmenden.

Zweitens, die rot-grüne Polarisierung: Auch rot-grün ist im Nationalrat nur dann mehrheitsfähig, wenn es ihr gelingt, die parlamentarische Mitte zu überzeugen. Das bedeutet in diesem Fall, substanzielle Teile der CVP für sich zu gewinnen. Von den rot-grünen ParlamentarierInnen verlangt das eine stark pragmatische Haltung in ihren Kernthemen, weshalb des auch eher selten vorkommt. Wenn es aber der Fall ist, bestehen durchaus Aussichten, in der Volksabstimmung zu bestehen, weil erhebliche Teile der Bevölkerungsmitte eingebunden werden, wie die jüngste Entscheidung über die Familienzulagen gezeigt hat.

Drittens, das bürgerliche Zentrum: Die stärkste politische Kraft im Nationalrat entsteht unverändert aus der Zusammenarbeit von FDP und CVP, wenn sie gemeinsam eine Politik im bürgerlichen Zentrum vorbestimmen. Das Verhalten danach gleicht dem eines Minderheitskabinetts, das zuerst darauf aus gerichtet ist, die Flügel in den eigenen Parteien zu integrieren, und danach persönliche Verbündete ausserhalb sucht. Und hier liegt der eigentliche Werte des Parlamentarier-Ratings, der es zeigt, wer bei einer bürgerlichen Zentrumspolitik die wahrscheinlichsten Verbündeten sind:

. Dadurch, dass die SVP heute weniger geschlossen stimmt, als noch nach den letzten Wahlen, bieten sich neuerdings in dieser Fraktion zahlreiche möglicher Verbündete für FDP/CVP-Politiken an. Sie heissen nicht nur Brigitta Gadient und Ursula Haller, sondern auch Hansjörg Hassler, Pierre Veillon, Hansjörg Walter, Rudolf Joder, Guy Parmelin, André Bugnon, Walter Schmied, Yvan Perrin, Jean Fattebert und Fritz Oehrli. Politisches Schwergicht in dieser Gruppe ist ohne Zweifel der Thurgauer Unternehmer Peter Spuhler.

. Dadurch, dass das rot-grüne Lager ziemlich geschlossen klar links politisiert, hat es in dieser Situation ein nur geringes Gewicht. In jetzigen Parlament kommen gemäss Rating Peter Vollmer und Jean-Noel Rey in Frage, vielleicht auch Pierre Salvi, Mario Fehr, Pascale Bruderer und Edith Graf-Litscher. Grüne PolitikerInnen haben hier gar kein Verhandlungsgewicht.

Bilanz

Die Analyse der vermessenen PolitikerInnen lässt zwei Folgerungen zu:

Erstens, Mitte/Rechts-Positionen sind im Parlament dicht besetzt; im Nationalrat werden Mehrheit immer wahrscheinlicher, die im Zentrum nur noch schwach verankert sind. Sollten sich entsprechende Koalitionsbildungen durchsetzen, ist das Referendum ihre schwächste Stelle. Die Chancen, dass entsprechende Vorlagen in der Volksabstimmung scheitern, ist immer dann gegeben, wenn die Bevölkerungsmitte die Analyse oder die Problemlösung der rechten parlamentarischen Mehrheit nicht teilt.

Zweitens, Mitte/Links-Positionen werden im Nationalrat kaum mehr vertreten. Der Landesring ist verschwunden; FDP und teilweise auch CVP haben sich aus diesem Feld zurückgezogen. Das würde der SP und den Grünen eine Chance eröffnen, die sie bis jetzt aber nicht nutzen. Darauf zu vertrauen, nur mit linken Projekten im Parlament Mehrheiten zu bekommen, ist aber gerade für die Linke trügerisch. Der parlamentarischen Linken ist daher zu empfehlen, mehr auch in Zentrumprojekten mitzuwirken, sonst könnte ihre parlamentarische Isolierung weiter fortschreiten.