Die Fortschritte der Wissensgesellschaft, insbesondere auf den Gebieten der Datenverarbeitung, der politikwissenschaftlichen Analyse und der politischen Kommunikation erlauben es, die Ergebnisse von Volksabstimmung erfassen, zu klassieren und zu interpretieren. Daraus resultierende Informationsgewinne sind grösser als viele glauben. Sie sind auch einfacher zu nutzen als viele meinen. Und sie sind von grösserem Wert für die Praxis, als viele denken. Ein Beispiel aus der Erstanalyse der Volksabstimmungen vom vergangenen Abstimmungswochenende.
Typologie der eidgenössischen Volksabstimmungen 2004-2006 aufgrund der räumlichen Zustimmungsprofile (anclickbar)
Bei eidgenössischen Abstimmungen können 4,7 Mio. Stimmberechtigte entscheiden. 2 Mio. davon machen von der Entscheidungsmöglichkeit jeweils im Schnitt Gebrauch. Was sie votiert haben, erfährt man über das Volksmehr und über die 26 Kantonsergebnisse. Seit einiger Zeit weiss man auch die über 180 Bezirks- und die fast 3000 Gemeindeergebnisse fast im Nu verfügbar. Das ist eine riesige Datenquelle, die bisher wenig genutzt worden ist, um zu neuen Einsichten zu kommen.
Analysen der Politgeographen um Michael Hermann von der Universität Zürich legen nahe, drei zentrale, übergeordnete Konfliktlinien in den raumbezogenen Volksabstimmungsergebnissen zu sehen: Einmal den Gegensatz zwischen linken und rechten Präferenzen, die Polarität zwischen liberaler und konservativer Schweiz und die Antinomie zwischen ökologischer und technokratischer Politik. Diese, postmaterialistische Konfliktlinie ist in den 80er Jahren entstanden und hat die materialistische, jene zwischen Linken und Rechte überlagert. In den 90er Jahren ist zudem die postnationale Polarität verstärkt aufgetreten, die zu einem Revival der Gegensätze zwischen liberaler, moderner und konservativ, traditioneller Politik geführt hat. Vertraut man der Uebersicht der erwähnten Politgeographen, spiegeln sich heute die Gegensätze zwischen linker und rechter sowie moderner und konservativer Schweiz in schweizerischen Volksabstimmungen am häufigsten.
Das zahlreiche Datenmaterial erlaubt es, das räumliche Zustimmungsprofil auf diesen beiden Dimensionen idealtypisch zu bestimmen. Es muss effektiv nie vorkommen; es bildet aber die virutelle Schweizer Karte ab, die es bei einem eindeutigen Entscheid auf der links/rechts-Dimension absetzen würde, resp. wenn die Polarität zwischen moderner und traditioneller Schweiz gegeben wäre.
Mit diesem Wissen kann man jede realtypische Karte des Zustimmungsprofils, die eine Volksabstimmung produziert, mit den Idealtypen vergleichen. Statistisch gesehen lassen sich sich sogar Aehnlichkeiten berechnen; und diese wiederum kpönnen grafisch aufgearbeitet werden. Die nebenstehende, vom Forschungsinstitut gfs.bern speziell entwickelte Zielscheibe enthält alle hierzu nötigen Informationen für alle Volksentscheidungen seit den letzten Parlamentswahlen. Gelesen wird sie wie folgt:
. Hätte eine Vorlage eine Zustimmung von 100 Prozent, gäbe es gar keinen bestimmbaren Konflikt. Die Vorlage würde durch einen Punkt mitten im Fadenkreuz symbolisiert.
. Je geringer die Zustimmung ausfällt, desto weiter entfernt kommt der Punkt für eine Volksabstimmung zu liegen. Der innere Kreis markiert die 50 Prozent Hürde.
. Je nach Aehnlichkeit mit den beiden zentralen Konfliktlinien kommt der Punkt auf eine der beiden Achsen zu liegen. Im Norden sind Vorlagen, die für moderne Entscheidungen stehen, im Süden jene, die traditionelle Präferenzen zeigen. Oestlich positionierte Volksabstimmungen artikulieren rechte Vorlieben; während solche die im Westen sind linke Positionen ausdrücken.
Da konkrete Entscheidungen meist Mischungen aus den beiden Dimensionen sind, liegen die Abstimmungspunkte in der Zielscheibe in der Regel nicht auf einer Achse, sondern in einem Quadranten, das heisst, sie stehen für eine links-moderne, rechts-moderne, rechts-konservative oder links-konservative Schweiz.
Nun kann man jede Vorlage so im Ueberblick und im Vergleich analysieren. Aufgrund des Zustimmungs- und Ablehnungsprofils war die Entscheidung über die Familienzulagen nicht eine linke Vorlage, die neue Luxusausgaben förderte, wie das die Gegnerschaft aus SVP und FDP beklagte. Nein, ihre Analyse war, nicht nur wegen der Zustimmung von 68 Prozent, falsch; sie irrte selbst in der Einschätzung der Vorlage. Das Zustimmungsprofil ist nämlich mässig konfliktreich zwischen modern und traditionell. Es ist mit allen andere Entscheidungen vergleichbar, die eine Reduktion der übertriebenen Kantönlischweiz verlangten: dem neuen Bildungsartikel, der neuen Finanzordnung und dem neuen Finanzausgleich.
Man kann das als Vorlagen interpretieren, die einen recht breiten gesellschaftlichen Konsens ausdrücken. Dieser ergibt sich aus den Nachteilen, welche die heutige Staatsstruktur hat, insbesondere für eine mobile Gesellschaft, die nicht mehr ortsgebunden lebt. Diese unterstützt einen institutionell vereinheitlichten Lebensmarkt, der die Voraussetzung für die moderne Lebensweise ist. Und das hat heute wenig mit nur links oder nur rechts zu tun, wie man aufgrund der Parteiparolen meinen konnte. Es hat aber viel mit einer zeitgemässen Staatsstruktur zu tun, die sich aus der modernen Lebensweise in der heutigen Schweiz einstellt. Genau so wurde die Vorlage von den meisten Stimmenden “gelesen”.
Ziemlich einfach, die rasche Einschätzung einer ziemlich falsch bewerteten Vorlage, wenn man die Vorteile der Wissensgesellschaft für Datenanalyse, politikwissenschaftliche Interpretationen und politische Kommunikation zu nutzen weiss.








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