Archive for Oktober, 2006

Reform(un-)fähigkeit bürgerlicher Parteien: Ideenmesse

Claude Longchamp spricht über die Liberalen Reformen und die bürgerlichen Partein an der 3. Ideenmesse der Schweizer Think Tank am 30. November 2006.

Die bürgerlichen Partein SVP, CVP und FDP kennen seit weit über 10 Jahren unterschiedliche Entwicklungen: Die SVP rennt von Sieg zu Sieg, während die klassischen bürgerlichen Zentrumsparteien unter Wählerschwund leiden. FDP und CVP tun sich schwer damit, in der globalen und medial vermittelten Welt, ein Erfolgsprofil aufzubauen.

Ist von Reform die Rede, so sprechen wir bei Parteien von zwei Reformsträngen: Der inneren und der äusseren Reform. Insbesondere die FDP unternimmt durchaus lobenswerte Anstrengungen auf beiden Ebenen. Dieser Prozess ist aber schmerzhaft und wird von einigen Rückschlägen begleitet. Die Unwegsamkeiten sind auch innerer Natur: Die FDP hat eine äusserst starke Machfundierung in der Wirtschaft und der regionalen Politik. Diese Macht blockiert in einigen Momenten den Aufbruch. Der Aufbruch gelingt, wenn im Innern die Wertebasis gestärkt wird und gegen Aussen der Aufbruch signalisiert wird.

Die CVP hat sich über eine Person ein Aufbruchsprofil gegeben. Ob der Aufbruch von Doris Leuthard in den Bundesrat ein Strohfeuer zum Erlöschen brachte, oder ob sich die Partei nachhaltig stabilisieren konnte, bleibt abzuwarten. Immerhin gilt es zu betonen, dass der Ruck erheblich war, der nach der Abwahl Ruth Metzlers durch die Partei ging. Manchmal werden Reformen auch einfach von Aussen aufgezwungen. Und die Krise überdeckt wertmässige Unterschiede. Die Frage ist nur: wie lang?

Claude Longchamp spricht zum Thema Wahlen 2007: Eine liberale Agenda für die Schweiz an der 3. Ideenmesse der Schweizer Thinktanks und nimmt am Abschlusspodium teil.

Programm Ideenmesse

Blochers Wert(e)

Christoph Blochers Wert in der politischen Kommunikation ist, dass er langfristig Werte kommuniziert. Deshalb weiss man bei ihm, woran man ist, und was man von ihm nicht zu erwarten hat. Eine Analyse dieses Profils, um das Jahr vor der Wahl des neuen Bundesrates zu strukturieren helfen.


Bundesrat Christoph Blocher (svp) vor “Der Holzfäller/Le Bûcheron” von Ferdinand Hodler (1910)

Provokationsmaschinerie und Wertemanagement

Christoph Blocher wirke auf die Medien, weil er wie eine
Provokationsmaschinerie arbeite, kritisierte jüngst FDP-Präsident Fulvio Pelli. Recht hat er, seine Warnung an die Medienwelt kam gerade noch rechtzeitig, um nicht nur als FDP-Vorwahlkampf abgetan zu werden. Doch die Analyse des Tessiner Nationalrates ist unvollständig, weshalb seine eigene Provokationsstrategie nicht gleichermassen funktioniert. Christoph Blocher provoziert nicht nur in der Tagespolitik, sondern auch in politkulturell sensiblen Fragen. Denn keiner hat diese in den letzten Jahren so systematisch kommuniziert wie er.

Das jüngste Wahlbarometer klassiert Christoph Blocher unter die helvetischen Konfliktpolitiker. wie früher Ruth Dreifuss und wie heute Pascal Couchepin, kennt er sowohl klare Anhänger, und ebenso klare Gegnerinnen. An ihm scheiden sich heute die Geister: Für die einen ist Christoph Blocher der kommende Erlöser von einem maroden Politsystem, für die anderen ist er dessen Totengräber selber.

Blochers Werteprofile

Dass Christoph Blocher so polarisiert, hat mit seinem konsequenten Wertemanagement zu tun. Wie kein anderer Politiker der Schweiz kommuniziert er mit seinen Auftritten und ihren Hintergründen, mit seinen events und ihren Botschaften immer auch Werte. Meine Analyse hierzu ergibt: Bundesrat Blocher ist für Menschen besonders glaubwürdig,

… die sich eine gegen Aussen verschlossene Schweiz wünschen,
… die eine generelle Bevorzugung der Schweizer vor den Ausländern wünschen, und
… für die wahre Autorität das gesellschaftliche Leben von heute viel zu wenig ordnet.

Das sind die drei stärksten Werthaltungen, die Christoph Blocher mit seiner hohen Medienpräsent tagtäglich kommuniziert. Sie lassen auch in seinem eigenen Bevölkerungsimage wieder finden. Doch sie sind aber nicht die einzigen. Denn er spricht auch Menschen besonders an,

… die eine starke, traditionelle Armee hochhalten wollen,
… die sich weniger Staat und mehr Wettbewerb wünschen,
… die grossen Einkommensunterschieden nivellierten Löhnen vorziehen und
… die den ökonomischen Fortschritt über Umweltschutz und andere postmaterielle Ziele stellen.

Man kann es auch so sagen: Christoph Blochers wert ist, dass er im Kern nationale Werte kommuniziert, besonders auch law&order hochhält, und das alles immer wieder mit liberalkonservativen Grundsatzpositionen verbindet. Er verkörpert heute das, was rechts ist, was konservativ ist, was neoliberal ist.

Ganz bewusst habe ich einen Wert nicht aufgelistet: die direktdemokratische Mitsprache. Nicht weil die damit verbundenen Werte von Christoph Blocher nicht kommuniziert würden; aber weil sie bei Weitem nicht nur für Ihn typisch sind, und damit wenig beitragen zur erklärung, was Christoph Blocher Wert als Konfliktpolitiker ausmacht.

Je grösser die Schrift, desto stärker der Zusammenhang: Zur Prüfung unserer Annahmen wurden im Oktober 1000 repräsentativ ausgewählte SchweizerInnen befragt. Sie konnten sich einmal zur Glaubwürdigkeit von BR Blocher äussern; sodann konnten sie Angaben machen, in welchem Masse ihnen 12 ausgewählte Werthaltungen wichtig sind. Mit einer Regressionsanalyse wurden die Werte ermittelt, die positiv formuliert zur Glaubwürdigkeit von C. Blocher in der stimmberechtigten Bevölkerung beitragen, oder aber negativ formuliert, seine Unglaubwürigkeit bei Personen stärken, die diese Werte nicht teilen.

Drei Thesen zu den Wirkungen auf die SchweizerInnen

Was davon macht ihn wirkungsvoll in der Ansprache von Bevölkerungswünschen? Ich formuliere mal drei Thesen:

Erstens, den Nerv der Schweiz trifft Christoph Blocher am besten, wenn er die Betonung schweizerischer Tugenden rund um ein suaberes, geordnetes und ruhiges Land verlangt. Das macht seine Positionen auch weit ausserhalb seiner eigentlichen Fan-Gemeinde akzeptabel, insbesondere auch in den unteren Gesellschaftsschichten. Tendenziell dürfte das auch zutreffen, wenn sich BRB für weniger Staat einsetzt, denn gerade im bürgerlichen Lager sind Forderungen nach mehr Wettbewerb mehrheitsfähig.

Zweitens, vor allem die Mobilisierung seiner Kerntruppen hat Christoph Blocher immer dann vor Augen, wenn er die traditionelle Schweiz aufleben lässt, die Vorrechte der Einheimischen vor den Fremden versichert und die angestammte Armee als Garanten dafür preist. denn da kommt die nationalkonservative Schweiz am besten zum Ausdruck.

Drittens, am meisten Widerspruch in der schweizerischen Bevölkerung ernten Christoph Blocher heute , wenn er eine von der Weltöffentlichkeit abgeschottete Schweiz predigt, wenn er sich gegen eine ökologische Schweiz stellt und wenn er grosse Vermögens- und Einkommensunterschiede verteidigt. Positioniert er sich so, stösst er vor allem im gemässigt bürgerlichen, schweizerisch-modern denkenden Teile des Landes nicht auf Unterstützung.

Meine Empfehlung an die FDP und ihre Analysten

Was Fulvio Pelli daraus lernen kann. auch seine Partei braucht eine wertmässig klare Verankerung. Das braucht sie nicht nur heute, und dabei kann sie nicht einfach die eigene Vergangenheit vergessen. Werte der Zukunft spiegeln sich immer in den Erfahrungen der Menschen, die sie bisher mit dem Thema und dem Kommunikator gemacht haben. dabei sind die BürgerInnen viel geübter, als mancher Parteipräsident, modernisierer der FDP und Rezeptschreiber denkt.

Wahlbarometer ‘07 GrafikdatenbankWahlbarometer ‘07, 1. Welle

Die Mobilisierung wird immer wieder unterschätzt

Wären 100% der Stimmberechtigten Anfang Oktober zur Osthilfe stimmen gegangen, dann wäre das Resultat ultraknapp ausgefallen. Wiedermal ein Beweis, wieviel die Mobilisierung ausmacht.


normale journalistische zusammenfassung eines forschungsberichts – hier um einen wenig beachteten gedanken erweitert (quelle: swissinfo)

Mobilisierung ist vor allem dann eines der wichtigsten Kampagnenelemente, wenn der Markt der Stimmenden wächst. Dies ist seit ein paar Jahren auch in der Schweiz der Fall. Würde rein theoretisch eine unglaubliche Emotionalisierung zur Osthilfe in den letzten Wochen bis zur Abstimmung in Gang gesetzt und alle Stimmberechtigten an der Abstimmung teilnehmen, dann wäre der Ausgang äusserst knapp – mindestens so wäre es Anfang Oktober in unserer ersten Trendbefragung gewesen. Stellt man nur auf die Teilnahmewilligen ab, dann gibt es einen deutlicheren Vorsprung für die Ja-Seite – auch wenn dieser unter Berücksichtigung der (noch) nicht Entschiedenen unter 50% ausmacht.

Veränderungen zwischen Umfragen und dem Schlussresultat sind meist mobilisierungsbedingt; die grosse Änderung von Meinungen von sehr vielen Stimmberechtigten ist im Vergleich dazu viel weniger wahrscheinlich und weniger relevant. Eine Emotionalisierung kurz vor der Abstimmung mobilisiert und hilft meist der Gegnerschaft, denn wer nicht überzeugt ist, stimmt im Zweifelsfalle nein. Die höchste Teilnahme der letzten 30 Jahre war bei der EWR-Abstimmung 1992 und machte 80% der Stimmberechtigten aus. Und zur Erinnerung: Der EWR wurde abgelehnt!

Mobilisieren heisst bewegen: Bei Abstimmungen konkret zum Briefkasten oder zur Urne bewegen. Dies ist eine hohe Kunst der Kampagnenführung: Mit Argumenten oder Schlagworten lässt sich vielleicht argumentieren, aber wie lässt sich bewegen? Gerade die Ja-Seite muss hier sehr viel Kampagnen-Know-How walten lassen, denn die Bewegung muss auf den Argumenten aufbauen, wieso eine Änderung nötig ist. Die Nein-Seite ist in diesem Punkt im Vorteil: Emotionen helfen zu bewegen und von der Änderung muss man in diesem Fall nicht überzeugt werden.

Nur ihre anonyme Meinung zählt, nicht ihre Brieftasche

Telefonmarketing wird immer günstiger und immer aggressiver. Zum Teil wird beim Telefonmarketing vorgegaukelt, man mache eine Umfrage, dabei will Telefonmarketing nur eines: Verkaufen. Die Entwicklung gefährdet die qualitativ hochstehende Umfrageforschung. Der Wert der Umfrageforschung misst sich aber nur an der (anonymen) Meinung und nicht am Geld der Befragten. Die GfS-Jahrestagung vom 16. November ist kostenlos und nimmt sich diesem Thema an.


Anders als beim Telefonmarketing interessieren in der Umfrageforschung anonymisierte Meinungen und Verhaltensweisen der Menschen! (foto: flickr_koas.theory)

Direktmarketing per Telefon ist sehr einfach im Zeitalter der Informatik und der tiefen Telefonpreise. Die Vorgehensweisen der Direktvermarkter werden immer dreister: Matrazen, neue Partner, neue Zigaretten oder neue Telekommunikationsprodukte werden per Telefon feilgeboten und man versteckt sich bisweilen sogar hinter seriösen Umfragen, um Kunden zu gewinnen. Dies ist unethisch und fördert bei breiten Kreisen die Einstellung, man wolle direkt Geld machen mit Umfragen.

Umfragen erfassen die anonyme Meinung der Befragten. Dies ist ein sehr wertvolles Gut: Nur so können unverfälschte und repräsentative Aussagen über Zielgruppen gewonnen werden. Sie dienen der Verbesserung der Produkte, der Kommunikation oder der Information. Umfragen dienen nie dem direkten Verkauf von Produkten. Dies schreibt der Branchenverband vsms vor und dies ist eine wichtige Basis, um die Qualität der Umfrageforschung hoch zu halten.

Der GfS-Befragungsdienst nimmt sich anlässlich der GfS-Jahrestagung dieser brisanten Thematik an. Ich hoffe, man kann so eine sachliche Diskussion darüber anstossen, die zweierlei zeigt:
-Die Unterscheidung von Telefonmarketing und Umfragen muss unmissverständlicher werden.
-Das Teilnehmen an Umfragen ist grundsätzlich sinnvoll, während das Mitmachen beim Telefonmarketing nur sinnvoll ist, wenn man ein echtes Interesse an den Produkten hat oder nicht weiss, wo man Geld ausgeben will.

Hier finden sie die Einladung für die kostenlose (!) GfS-Jahrestagung, die sich mit hochkarätigen Referenten dieser Thematik annimmt.

Flyer und Online-Anmeldung

Das könnte Schule machen!

Die “Baz” hat den “Kommunikationsblog.ch” begriffen! Sie hat meinengesprochen nützliche Uebersicht zu den Parlamentswahlen 2007 erstellt. Was so an Wahlberichterstattung entstanden ist, könnte in den kommenden Monaten Schule machen.


Einer muss vorangehen, kann damit bei Nachahmung aber viel Wirkung erzielen!

Das “Wahlbarometer 07″, welches das Forschungsinstitut “gfs.bern” für die Medien der SRG SSR idée suisse ein Jahr lang vor den Wahlen erstellt, wurde am letzten Freitag erstmals veröffentlicht. Unsererseits haben wir, als Ankündigung der ersten Wahlbarometer-Publikation, ein weiterführendes Fazit publiziert. Es wurde aus den beiden bestehenden Wahlbarometer-Serien von 1998/1999 und von 2002/2003 abgeleitet. Da das über das Mandat für die SRG hinaus entstanden ist, und zusätzliche Lesehilfen fürs Publikum gab, haben wir es auf dem “Kommunikationsblog.ch” veröffentlicht.

Nun hat die “Basler Zeitung” den Mecano unseres Blogs begriffen! Sie hat sowohl die vorgeschlagene Schematisierung eines nationalen Wahlkampfes in Phasen, als auch eine unserer Thesen (”der wahlkampf 2007 könnte vor allem gegen den bundesrat geführt werden”) aufgenommen. Was mich dabei besonders gefreut hat, ist die hilfreiche Eigenleistung der “Baz” über all unsere Veröffentlichungen hinaus:

. Erstens, sie hat die kommenden 12 Monate auf der Zeitachse aufgelistet und in die sechs vorgeschlagenen Phasen gegliedert.

. Zweitens, sie hat diese mit den zentralen Ereignissen aufgefüllt, die heute schon vorhersehbar sind.

Parteitage und Delegiertenversammlungen, aber auch eidgenössische Abstimmungstermine und kantonale Wahlgänge kommen da übersichtlich dargestellt vor. Aber auch die wichtigen Mobilisierungsereignisse, die heute seitens der Parteien diskutiert werden, wurden von der “Baz” aufgelistet: Angekündigte oder erwogene Initiativeprojekte der Parteien mit den Sammelfristen runden das Bild ab. Gesehen hat man einen solchen Fahrplan für die Wahlpolitik bisher noch nicht!

So einfach ist das heute: Eine Zusatzauswertung bestehender Studien in unserem Archiv durch unsere MitarbeiterInnen, ein blogbeitrag auf “www.kommunikationsblog.ch”, eine gelungene Idee und zielgerichtete Recherche einer Zeitungsredaktion und eine Weiterentwicklung des Wahltableaus. Das ist kreative journalistische Belgietkommunikation zum kommenden Wahlkampf, die Schule machen könnte!

Sonderseite der Baz

Meine Wahlprognose für 2007

Wer Umfragen zu kommenden Ereignissen macht, wird unweigerlich in den Sog der Prognose gezogen. Jahrelange habe ich versucht, mich dem zu entziehen, – letztlich erfolglos! Also kehre ich meine Kommunikationsstrategie um: Das ist meine Wahlprognose für die Nationalratswahlen 2007!


keine hammersprüche, sondern mächte der zukunft sind gefragt! (foto: sven k./flickr)

Im Vorfeld von Wahlen gibt es nachweislich sechs Momente, in denen sich die Wahlabsichten verdichtet bilden; es sind dies:

Erstens, die innere Vorbereitung der Parteien bis zirka ein Jahr vor den Wahlen:

Entscheidend ist hier, dass sich eine Partei rechtzeitig sammelt, ihre Kräfte politisch bündelt, die Verantwortlichen für die Wahlen freistellt, ein gut erkennbares Wahlprogramm vorbereitet und mit diesem die politische Diskussion zu bestimmen beginnt. Man muss merken, dass eine Partei bei den kommenden Wahlen mehr als nur eine Bestätigung will, sondern neue Ideen, neues Personal und neue Strategien in die Politik einbringen will.
Am schlimmsten ist es dagegen, wenn eine Partei sich vorwiegend mit sich selber beschäftigt resp. beschäftigen muss!

Zweitens, die letzten kantonalen Wahlen im Frühling des Wahljahres:

Entscheidend ist hier, dass man bei den letzten kantonalen Wahlen zur positive Überraschung wird. Ein unerwarteter Sitz in einer kantonalen Regierung oder zahlreiche neue Person, die ins kantonale Parlament einziehen, sind immer gut. Essenziell ist es aber, die stark mediatisierten Wahlen, wie jene in Zürich, zu gewinnen! Das strahlt noch rechtzeitig landesweit Zuversicht aus.
Am schlimmsten ist es dagegen, eine Mehrheit in Griffnähe zu haben und unter sich oder mit Verbündeten zu streiten!

Drittens, die letzten eidgenössischen Abstimmungen des Wahljahres:

Entscheidend ist hier, den relevanten Thementeppich zu setzen. Massgeblich ist schon mal der Themenmix des letzten Abstimmungtages, wichtig sind aber auch die Allianzbildung bei den Sachfragen. Sie müssen zu den Wahlstrategien passen. Wer Abstimmungen verliert, muss klar mehr Stimmen machen, als man Wählende erwartet. Wer gewinnt, setzt aber die Themen für den kommenden Wahlkampf.
Am schlimmsten ist, wenn die eigenen Wahlkampf-Themen gar nicht angeschnitten werden und so das eigene Programm vergessen geht.

Viertens, internationale Ereignisse, die auch in der Schweiz einen Widerhall finden:

Entscheidend ist hier, wie man auf aufkommende Themen, welche die Grosswetterlage bestimmen, reagiert. Kriege, terroristische Anschläge, wirtschaftliche Krise und Firmenzusammenbrüche sie die Anlässe, die generell zu Deutungen herausfordern. Darin zeigt sich heute die Fähigkeit, mit veränderten Rahmenbedingungen kommunikativ umgehen zu können, und so die eigenen Stärken zu vermittelm.
Am schlimmsten ist dagegen, wenn politisch verwandte Parteien im Ausland Schuld an den Ereignissen tragen ober bei deren Bewältigung versagen!

Fünftens, schweizerische Wahlkampf-Events, die stark medialisiert sind:

Entscheidend ist hier, ob neuen Themen, die nicht zu den Favoriten der grossen Parteien und tonangebenden Medien gehören, auf die Agenda gesetzt werden können. Ein heisser Sommer, das Ozon-Loch und sterbende Alte angesichts schlechter Umweltqualität haben schon mehrfach in der sog. Sommer-Pause neue Probleme bewusst gemacht, die auch unvorhergesehene Themen zu wahlentscheidende Momenten werden liessen.
Am schlimmsten ist es dagegen, wenn man solche Vorlagen gesetzt erhält, sie aber eventmässig nicht zu nutzen weiss!

Und sechstens, die Schlussmobilisierung der Parteien:

Entscheidend ist hier, wer die Menschen, die man während des Wahlkampfes überzeugt hat, auch zur Stimmabgabe bewegen kann. Jede Partei verliert hier wertvolle Anteile, indem die Mobiliserung der Anhängerschaft unvollständig bleibt. Parteien, die angegriffen werden, deren ExponentInnen zu Unrecht im Regen stehen, sind in der Schlussphase meist stärker in der Ausschöpfung ihres vorbereiteten Potenzials.
Am schlimmsten ist es dagegen, wenn man siegesgewiss ist und sich in der Schlussmobilisierung gar nicht anstrengt, es auch zu werden!

Diese sechs Regeln kenne ich aus meiner Erfahrung, die ich in der Wahlbeobachtung seit 1983 gesammelt habe, – immerhin 6 nationale Wahlen während fast eines Vierteljahrhunderts! Nun kommen meine 7. Wahlen, und ich glaube, ich muss meinen Katalog wohl um einen siebte Punkt ergänzen: Die Rolle der BundesrätInnen, die mit ihren verschiedenartigen Zielen und Kommunikationsstilen heute zahlreiche Angriffsflächen bieten, sind für Überraschungen in einem Wahlkampf jederzeit gut!

So, das war die Prognose!

Keine Zahlen diesmal! Das Ergebnis der Wahlen weiss man nämlich wirklich nicht. Man weiss aber, was die Faktoren sind, die dazu führen. Entscheidend ist, welche Partei die Chancen und Risiken, die ein Wahlkampf nachweislich bietet, wie gut meistert. Am schlimmsten ist hier, wenn man meint, das alles spiele gar keine Rolle!

Claude Longchamp

PS:
Heute abend, ab 18 Uhr, erscheint erstmals das SRG-Wahlbarometer ‘07, erstellt durch das Forschungsinstitut gfs.bern. Da gibt’s dann Zahlen, Zwischenstandsmeldungen, nicht Prognosen, versteht sich …

Forschungsbericht, technischer Bericht und Präsentation
Grafikdatenbank

Der Mann mit der Fliege in der Wahlbarometer-Sendung ist nicht Claude Longchamp

Die SRG SSR will dem Wahlbarometer mehr Gewicht geben und macht eine Spezialsendung. Doch: Der Mann mit der Fliege ist gar nicht Claude Longchamp!

Eins vorneweg: Wir freuen uns riesig, dass SF eine Spezialsendung über das Wahlbarometer 07 mit Gion-Duri Vincenz macht. Es gibt auf den elektronischen Medien, die oft wenig Platz für inhaltliche Vertiefungen zulassen, ein optimales Gefäss für das Wahlbarometer und natürlich eine Plattform für uns….für wen wohl?

Die Mediatisierung der Politik hat auch vor uns nicht Halt gemacht: Auch die Politikwissenschaft wir personalisiert dargestellt. Irgendwie ist das schade, denn eigentlich ist der Mann mit der Fliege gar nicht primär Claude Longchamp.

Und jetzt die Lösung: Claude Longchamp ist nur oder besser: vor allem der Team-Leader eines Teams: Nicht nur mehr als die Hälfte aller Mitarbeitenden von gfs.bern bilden das interne Forschungsteam, sondern auch gegen 50 InterviewerInnen vom gfs-Befragungsdienst, der von Georges Ulrich geleitet wird. Verantwortlich für die Durchführung der Interviews vom gfs-Befragungsdienst war Remo Valsangiacomo. Mit beiden arbeiten wir seit Jahren erfolgreich zusammen. Sie liefern uns das Material ohne das wir nicht arbeiten und die Fliege nicht fliegen könnte.

Das gfs.bern-Wahlbarometer-Team:
Silvia Ratelband-Pally: Die optische, grafische und psychische Aufhellerin.
Stephan Tschöpe: Der schnellste CATI-Programmierer der Welt.
Bianca Rousselot: Die beste Nachwuchswahlforscherin der Schweiz, obwohl sie Deutsche ist! (sie hat früh gemerkt, dass die Wahldemoskopie in Deutschland wohl nicht die beste Adresse ist).
Luca Bösch: Er bewegt sich im Internet wie ein Fisch im Wasser.
Lukas Golder: Wahlen im Akkusativ ohne “h” sind für ihn so wichtig wie Delfine im Nominativ ohne “ph”.
Claude Longchamp: Er ist weder ein Delfin noch ein Wal und eben: Schon gar nicht der Mann mit der Fliege!

Und sie arbeiten eben doch!

Gesundheitsförderung für ParlamentarierInnen, Gesundheitsförderung für die Bevölkerung: kein Zusammenhang?

Im wunderschönen Ferienort Flims im Bündner Oberland findet zurzeit die Herbstsession des Parlaments statt. Dass es in dieser idyllischen Umgebung nicht leicht fällt, ans Arbeiten zu denken, ist wohl wahr. Böse Mäuler behaupten sogar, dass die PolitikerInnen sich mehr mit Wellness und Wandern beschäftigen als mit ihren Dossiers. Gewisse Herren, die sich in freizügiger Manier im Bademantel vor dem Ständeratspavillon präsentierten, nahmen den Spekulationen nicht gerade den Wind aus den Segeln. Auch die eher ausgelassene Schullagerstimmung auf dem Sessionsgelände weist nicht darauf hin, dass in den Säälen hart gearbeitet werden soll. Von der ganzen Gerüchteküche wenig berührt zeigt sich die Bündner Bevölkerung. Für einmal dürfen sie, die sonst weit weg sind von dem was in Bern unten entschieden wird, hinter die Kulissen der Bundespolitik schauen. Kurz und gut: Das Bündnerland zeigt sich in Flims von seiner besten Seite, die Organisation dank tatkräftiger Unterstützung der Schweizer Armee besser als einigen beliebt und die Bratwürste schmecken vorzüglich.


Wellness in Flims

Während sich die PolitikerInnen dank des wohltuenden Klimas der Bündner Alpen zurzeit in Bestform befinden, steht es um den subjektiv wahrgenommenen Gesundheitszustand der Schweizer BürgerInnen so schlecht wie noch nie seit Messbeginn im Jahre 1986. Vor allem in den unteren Schichten leidet das Gesundheitsempfinden. Als entsprechend hoch wird die individuelle Belastung des Haushaltsbudgets durch die Gesundheitskosten beschrieben. Um künftig nicht noch stärker zur Kasse gebeten zu werden, unterstützen die SchweizerInnen verschiedene Massnahmen zur Kostensenkung im Gesundheitswesen. So spricht sich eine klare Mehrheit für mehr Markt aus. Mit der Forderung nach mehr Markt geht einher, dass die StimmbürgerInnen die Bürokratie im Gesundheitswesen neu als hauptverantwortlichen Kostentreiber für die steigenden Prämien sehen. Von einem Gesundheitsangebot, welches verstärkt marktwirtschaftlich ausgestaltet ist, erhoffen sie sich eine Kostendämpfung.

Die ParlamentarierInnen nehmen die Meinungen der BürgerInnen sehr ernst. Dies durften wir gestern an der Präsentation des Gesundheitsmonitors 2006 in Flims erfahren. An dieser Stelle möchten wir auch all jene Gerüchte als Lügen strafen, die behaupten, es werde nicht gearbeitet. Trotz eines langen Tages voller Sitzungen liessen viele Ratsmitglieder es sich nicht nehmen, an ihrem wohlverdienten Feierabend der Stimmbevölkerung in Sachen Gesundheit auf den Zahn zu fühlen. Chapeau!

Wer sich für die Studie interessiert wird hier fündig.