Archive for September, 2006

Im Zweifelsfalle “Nein”

Vor Volksabstimmungen machen Faustregeln gerne die Runde. Wie zaubert man aus letzten Vorumfragen Abstimmungsergbnisse hervor?, ist hier die Frage. Ich sage hierzu klar und deutlich: Lassen Sie das, wenn Sie nicht geübt sind, und mehr als nur spasseshalber eine Wette abschliessen wollen. Lesen Sie aber regelmässig den Kommunikationsblog mit den empirisch triftigen “Faustregeln”.


“Kein Faustrecht bei Faustregeln”, fordert Claude Longchamp im Umgang mit Extrapolationen aus Umfragewerten.

Die beliebteste Faustregel ist, die Unentschiedenen in Umfragen einfach wegzulassen resp. proportional auf die beiden Seiten zu verteilen. Aus relativen Mehrheiten werden so sicher absolute. Doch das macht wenig Sinn: Wer sich im Abstimmungskampf gerade keine Meinung bilden konnte, ist eben nicht gleich strukturiert wie jemand, der zu einem Schluss kam. Deshalb meine Empfehlung: Finger weg von dieser Faustregel!

Die zweitbeliebteste ist die “Drittel-Drittel-Drittel-Regel”. Demnach stimmt ein Drittel schliesslich gar nicht ab, ein Drittel ist am Ende dafür und ein Drittel votiert dagegen. Die Seite, die im Rückstand ist, hat diese Regel gern, denn sie holt so nochmals auf. Doch auch hier lautet meine Empfehlung: Finger auch weg, denn der Wunsch der Komitees in der Defensive ist hier der Vater des Gedankens.

Die drittbeliebteste Fausregel wird sogar mir zugeschrieben, und sie ist einprägsam: Alle Unentschieden zu den Nein-Sagern zählen! Das hilft ganz sicher der Opposition von Behördenvorlagen, ist deshalb aber nicht richtiger als der Rest. Da kann ich nur empfehlung: Auch hier die Finger weg, wer seine Hand nicht verbrennen will!

Faustregeln machen nur dann einen Sinn, wenn sie nicht willkürlich und wunscherfüllt, nicht taktisch oder manipulativ erfolgen. Bei Faustregeln darf nicht das Faustrecht gelten!

Faustregeln machen sozialwissenschaftlich Sinn, wenn sie empirisch gesichert sind: das heisst, die gemachten Annahmen auch überprüft werden, und so zu neuen besseren Annahmen führen. Das rät zunächst zu Vorsicht mit allen voreiligen Schlüssen, dann aber auch zu Offenheit für neue Entwicklungen. Gesetze kennt man keine; brauchbare Regeln indessen schon. Den vorläufig letzten Stand meiner entsprechenden Erfahrungen fasse ich wie folgt zusammen:

1. Der Nein-Anteil nimmt in praktisch allen Trendbefragung von der letzten Erhebung bis zum Abstimmungstag zu. Wie viel, ist aber offen!

2. Wenn der Ja-Anteil in den Trendumfragen steigt, steigt er in aller Regel bis zur Abstimmung weiter. Wie viel, ist aber auch hier offen!

3. Wenn der Ja-Anteil in den Trendumfragen indessen sinkt, verringert er in den meisten Fällen auch bis zur Abstimmung. Wie viel, ist schliesslich auch hier offen!

Die wichtigste Voraussetzung all meiner Fausregeln lautet: Man muss nicht nur die jüngsten Verhältnisse kennen, sondern auch die Trends davor. Machen Sie also nie aus einer einzigen Umfrage eine Trendextrapolation. Die folgen der 2. und 3. sind so gar nicht abschätzbar.

Und: Achten Sie sich beim Trend mehr auf die Entwicklung der Ja-, weniger auf die Veränderung der Nein-Anteile. Diese erhöhen sich sowieso von der letzten Umfrage bis zum Abstimmungsergebnis.

Wenn die Ja-Anteile eindeutig sinken, sind alle einleitend zitierten Faustregel aus der Welt des Faustrechts an sich falsch. Dieser Trend kommt aber bei fast allen Umfragen zu Volksinitiativen vor. Das hat seinen guten Grund: Empirische gesicherte Meinungsbildung ist nicht nur Meinungsaufbau, wie der common sense meint, sondern auch Meinungswandel, wie die Umfrageforschung weiss: Meinungsaufbau bedeutet, dass die Unentschiedenheit ab- und die Entschiedenheit (auf beiden Seiten) zunimmt. Meinungswandel jedoch bedeutet, dass aus Unentschiedenen einerseits eher GegnerInnen werden, aber auch aus anfänglichen BefürworterInnen schliessliche GegnerInnen entstehen können!

“Ja, aber”, lautet die erklärende Formel hierfür. Bei Initiativen teilt man nicht selten das Anliegen, das aufgenommen wurde (”Ja”); man ist aber für mit den Lösungen des Problems, die vorgeschlagen werden, nicht einverstanden (”aber”). Dann gilt aus Erfahrung: “Im Zweifelsfalle nein …”

Und das rate ich auch für den Umgang mit den meisten sog. Faustregeln: Im Zweifelsfalle keiner glauben …

… und immer wieder unseren Kommunikationsblog hierzu konsultieren! Die drei ersten geläuterten Faustregeln sind schon mal drauf.

ps:
Den background für diese Kurzfassung meiner Erfahrungen habe ich im Dispositonsansatz ausgearbeitet und auf dem web handlich zusammengefasst. Die neueste Version finden Sie hier.

Aarau wollte gegen den Willen der StimmbürgerInnen bauen – und diesmal scheiterte es nicht am Geld!

Ich beobachte nun schon eine ganze Weile Bauprojekte auf städtischer oder kantonaler Ebene. Und diese Erfahrungen haben mich durchaus konditioniert: Wird ein abgelehntes öffentliches Bauvorhaben an mich herangetragen, gehe ich automatisch davon aus, dass die öffentliche Hand wieder einmal an der sogenannten “Bauen-mit-Kosten”-Faustregel gescheitert ist: Fallen beim geplanten Bau Kosten an, finden sich immer Gruppen unter den Stimmbürgern, welche zwar Nichts gegen den Bau, wohl aber Etwas gegen die Kosten haben. So geschehen in der Stadt Thun, in der Stadt Luzern oder im Kanton Thurgau, wo die Kritik an den Kosten als Entscheidkriterium immer mehr oder weniger dominant mitschwang.

Nicht so in Aarau! Die Aarauer StimmbürgerInnen lehnten das geplante Superleague-Stadion für den FC Aarau zwar ab, taten dies explizit aber nicht aus Kostengründen! Das Misstrauen gegenüber einer Mantelnutzung, oder genauer: gegenüber dem geplanten Einkaufszentrum war der mit Abstand wichtigste Grund für die Ablehnung. Mit den Kosten gaben sich die Aarauer Unrnengänger einverstanden, und könnten mit einer neuen, gleichteuren, Vorlage problemlos leben, vorausgesetzt man verzichtet auf das Einkaufszentrum. Aktuell überlege ich intensiv, ob ich nun meine Faustregel anpassen muss – anstatt “Bauen-mit-Kosten” neu “Bauen-ohne-Einkaufszentrum”?

Wer sich für die Studie interessiert wird hier fündig.

“Ich lüge in Umfragen, also können Umfragen nie recht haben”

Ein nicht ganz (aber fast) ernstgemeinter Beweis, dass Umfragen immer recht haben.

Ich bin Meinungsforscher. Dieser Tatbestand ist aus meiner Sicht unproblematisch. Ich werde auch als Meinungsforscher wahrgenommen, was je nach wahrnehmender Gruppe und deren Nähe zu mir, durchaus problematisch sein kann.


Wird in der unpersönlichen Kommunikation immer gelogen, – und verfälscht das Umfragen systematisch? (quelle: http://go.to/funpic)

Zumindest war dem so vor rund zwei Monaten, als ich anlässlich einer Familienfeier mit der Aussage konfrontiert wurde: “Ich lüge in Umfragen, also können Umfragen nie recht haben”, gefolgt vom obligaten bedauernden Blick meiner Berufswahl wegen. An diesem Abend hob ich einmal mehr zu meinem obligaten Referat rund um Bevölkerungsbefragungen, Repräsentativität, Stichprobenfehler und indirekte Fragestellungen an, zu dem ich an solcher Stelle immer anhebe. Allerdings ging mir die unverfrorene Kritik an meiner Arbeit noch ein Weilchen darüber hinaus nicht aus dem Kopf.

Meine Kopfarbeit (und die Unverfrorenheit) hat sich gestern aber ausgezahlt. Auf dem stillen Örtchen, wo der Ursprung fast aller meiner guten Ideen liegt, erlangte ich Erleuchtung: Mein Verwandter hat an besagter Familienfeier nichts anderes bewiesen, als dass Meinungsforschung immer recht hat! Bewiesen hat er dies auf zweierlei Art:

- Seine Aussage “Ich lüge in Umfragen, also können Umfragen nie recht haben” stützt sich zentral auf Konzepte der Umfrage-Forschung, nämlich von Wenigen (in diesem Fall ausgesprochen Wenige) auf Viele zu schliessen. Lassen wir einmal die vielen Einschränkungen auf dem Weg von Wenigen nach Vielen aussen vor, bedeutet dies nichts anderes, als dass seine Aussage nur stimmt, wenn das zentrale Konzept hinter Umfragen stimmt. Oder in anderen (zugegebenermassen aus dramaturgischen Gründen leicht pauschalisierten) Worten: Mein werter Verwandter hat nur recht, wenn Umfragen immer recht haben. Zumindest aus seiner Sicht durchaus eine verzwickte Situation.
- Nun kommen wir zu den schon angesprochenen Einschränkungen auf dem Weg von Wenigen zu Vielen. Knackpunkt dabei ist die Anzahl “Wenige” auf deren Basis Aussagen über “Viele” gemacht werden. Statistisch ist es nämlich durchaus erlaubt, aufgrund einer einzigen Person beispielsweise auf die gesamte Schweizer Stimmberechtigtenschaft zu schliessen. Beachtet werden muss bei einer solchen Aussage allerdings der sogenannte Stichprobenfehler, also die Fehlertoleranz der Statistik. Bei einer einzigen Person ist dieser Stichprobenfehler +/-100%. Die implizite Aussage “Ich lüge, also lügen auch alle anderen” lässt sich statistisch nicht erhärten, und die Chance, dass mein Verwandter sich damit irrt, ist, vorsichtig und verwandtenfreundlich ausgedrückt, ausgesprochen hoch. Wenn er sich aber irrt, muss das Gegenteil wahr sein. Oder erneut in anderen (zugegebenermassen aus dramaturgischen Gründen leicht pauschalisierten) Worten: Die Tatsache, dass mein Verwandter in Umfragen lügt, beweist, dass Umfragen immer recht haben!

Beim nächsten Familientreffen werde ich meinen werten Verwandten damit konfrontieren und racheartig einen ähnlich langen Denkprozess auslösen, wie es ihm bei mir gelungen ist.

Kritik ohne Rückfrage

Die NZZ und ihr Chef-Anti-Demoskop aus der Redaktion wissen selbst alles besser, deshalb greifen sie Umfragen regelmässig an. Das ist schade, denn in der NZZ-Redaktion hat es Menschen, die viel wissen über die Meinungsbildung bei Abstimmungen. Dank den Modellen und Umfragen von gfs.bern


Hauptsitz der Neuen Zürcher Zeitung

Die von uns durchgeführten SRG SSR idée suisse Umfragen im Vorfeld von Abstimmungen konnten sich als Informationssystem vor Abstimmungen etablieren. Sie sind eine wertvolle Plattform und ein wichtiger Aufhänger für Berichte in elektronischen Medien über die Abstimmung, den Kampagnenverlauf und aktuelle Meinungsbilder beim Volk.

Umfragen werden oft missinterpretiert als Prognosen. gfs.bern ist sehr aktiv in der Vermittlung, dass die Trends oft mehr aussagen als die aktuellen Meinungsbilder. Nur die Kombination aus Trends und Modellen der Meinungsbildung ergeben vorsichtige Rückschlüsse auf ein mögliches Resultat. Deshalb ist es sehr wichtig, mindestens zwei Umfragen im Vorfeld von Abstimmungen zu publizieren, und die Anteile, die sich noch keine Meinung gebildet haben, auszuweisen und die Modellannahmen zu treffen!

Hier ist ein konkretes Beispiel: Erstanalyse der Abstimmung über die AHV-Initiative

Die Modelle sind aus der Analyse zahlreicher Meinungsbildungen bei Abstimmungen entstanden. Auf den Dispositionsansatz zum Meinungsverlauf bei Abstimmungen verweisen wir bei jeder Publikation. Als Politikwissenschafter sollten auch die Politologen der NZZ-Redaktion davon Kenntnis haben. Die Meinungsbildung beim Asyl-Referendum und der AHV-Initiative entsprechen praktisch perfekt unseren Modellen. Es stellt sich damit nicht die Frage nach dem Sinn von Demoskopie im Vorfeld vom Abstimmungen, sondern nach dem Sinn von Artikeln, die etwas kritisieren, was richtig war.

Der wahre Sinn lässt sich wohl in einem Hintergrund der NZZ suchen: Eliten haben oft das Gefühl, was sie denken sei richtig. Insbesondere Journalistinnen und Journalisten wissen gerne selbst, was das Volk denkt. Bei der NZZ kombiniert meines Erachtens beides zum Nachteil: elitäres Denken und Journalismus. Das ist sicher keine gesunde Mischung.

(Quelle: NZZ-Artikel vom 25.9.2006, Inland Aufschlagseite 9, mit Online-Abo NZZ: Dossier Abstimmung vom 24.9.2006)

Heute Hochrechnung!

Die Hochrechnung ist eine von gfs.bern entwickelte Methode und war am 24. September 2006 zum wiederholten Mal sehr präzis. gfs.bern stellt damit seine Leistungsfähigkeit unter Zeitdruck unter Beweis und zeigt unser Verständnis einer Kombination aus einem guten Produkt und dessen öffentlicher Kommunikation davon.

Die Hochrechnung ist ein Erfolgsprodukt. Es wird immer wieder als Beweis herangezogen, dass sozialwissenschaftliche Produkte den Vergleich mit “härteren” naturwissenschaftlichen Methoden nicht scheuen müssen. Sie wird unter hohem Zeit- und Öffentlichkeitsdruck hergestellt und bewährt sich seit Langem. Sie ermöglicht der SRG SSR idée suisse am Abstimmungssonntag eine spannende Berichterstattung.

Die Hochrechnung steht auch für die Tradition von gfs.bern und die Kundentreue, welche wir erreichen: Seit der EWR-Abstimmung 1992 betreut gfs.bern unter der Leitung von Claude Longchamp dieses Mandat.

Die Hochrechnung steht auch für die methodische Vielseitigkeit von gfs.bern. Exit-Poll-Umfragen sind in der Schweiz wegen der brieflichen Stimmabgabe nicht möglich. Das ist kein Grund, kein Instrument anzuwenden, sondern wir entwickelten einzig für die Hochrechnung die Hochrechnung.

Die Hochrechnung steht schliesslich auch noch für die Kommunikationskultur von gfs.bern: Wir stellen uns der Diskussion und stellen uns ins Rampenlicht. Damit erarbeiten wir uns ein Profil und Chancen, gehen aber auch Risiken ein.

Der durchschnittliche Fehlerbereich in dieser Legislatur liegt bei gerade einmal 1.4%. Damit hat sie einen kleineren “realen” Fehlerbereich als Umfragen mit über 2′000 Befragten!

Heute keine News!

Der “Flugs-Journalismus” grassiert. “heute” fischt im seichten und klaren Wasser, zieht entsprechend keine Beute an Land und spitzt darauf basierend weil die Informationsbeute fehlt einzig den eigenen ausgeworfenen Angelhaken zu.

Unterdurchschnittliche Beteiligung am 24. September 2006 zeichnet sich ab! Diese falsche “Neuigkeit” wurde im “heute” am Mittwoch vor der Abstimmung verbreitet. Hintergrund war nicht etwa eine Befragung – solche dürfen so kurz vor der Abstimmung gemäss Verbandsrichtlinien des Verband der Schweizer Markt- und Sozialforschung (vsms) sowieso nicht publiziert werden. Nein! Diese News stammten aus der Stadt Zürich, in der offenbar etwas weniger briefliche Stimmen eingingen bis zum Dienstag als man wegen des emotionalen Themas erwartet hatte.

Auf Basis der schlicht falschen Aussage, dass Asylthemen stets über 50% Teilnahme ergeben hatten, verstieg sich “heute” flugs auf Basis der Info der Stadt Zürich zur Aussage, dass sich in der Schweiz eine tiefe Beteiligung abzeichnet. Er konfrontierte damit noch mich…ich versuchte ihm nach allen Regeln der Kunst klar machen wollte, dass Zürich für die Schweiz etwa das gleiche ist wie New York für die USA. Zürich ist linker, urbaner, wirtschaftlicher, protestantischer, medialer, kultureller und deutschsprachiger als die Schweiz! Zudem sind Trends aufgrund des Eingangs von brieflichen Stimmen aus Städten an sich völlig ungeeignet für Trendaussagen, weil gesamtschweizerisch eine reale Statistik der brieflichen Stimmabgabe unmöglich ist. Föderalistisch wie wir sind führen die Kantone relativ selbständig die eidgenössischen Abstimmungen durch. Florida lässt grüssen: Der amerikanische Bundesstaat hat praktisch im Alleingang das Rennen zwischen Al Gore und George W. Bush entschieden.

heute konnte es auch am Donnerstag vor der Abstimmung nicht lassen, im seichten und klaren Wasser dieser Beteiligungsfrage zu fischen und mit nichts am Haken einen Bericht zu schreiben. Er hakte beim gewissen Politologen lgo nach wegen der Beteiligung. Ich versuchte nochmals klar zu machen, dass eine sehr hohe Beteiligung für ihn eine Überraschung wäre und die spannende Frage ist, ob die Debatte rund um Christoph Blocher vielleicht entgegen der Erwartung nicht doch zusätzlich mobilisieren könne, weil eine Art Plebiszit über ihn stattfindet. Schliesslich versuchten einige Medien in der französischsprachigen und deutschsprachigen Schweiz relativ deutlich, eine Debatte zur Bilanz über die Regierungstätigkeit von Christoph Blocher zu machen. Dies ist zwar medial interessant, wirkt aber im unmittelbaren Umfeld der Abstimmungen doch etwas verkrampft.

heute produzierte darauf basierend einen Artikel mit dem Titel: Experte: “Das Asylthema bewegt, nicht Blocher.” Diesmal hatte fme nicht flugs aus keinen News über die Beteiligung einen Artikel über die Beteiligung geschrieben, sondern auf Basis dieser Nicht-News einen Artikel über die Plebiszitfrage geschrieben. Das nenne ich “no news today!”. Am Schluss, leider in indirekter Rede, spitzte er meine detaillierten Aussagen zur möglichen Beteiligung auf die Aussage zu, dass ich 45% am Sonntag erwarte. Aus no news wurden damit sogar false-news.

Der Grund liebe Leserinnen und Leser, wieso dieser Blog statt Anfang September erst Ende September 2006 startete war einfach und simpel: No news today!

Heute keine Umfrage!

Zu allerlei Themen grassiert die Umfragewut. Umfragen sind oft nicht zielführend und schlechte Umfragen verleiten zu Fehlschlüssen.

Teds, LeserInnenfrage, Tagesfrage: Solche Methoden sind völlig deplatziert und verfälschen das Bild der Öffentlichkeit. Immer mehr versuchen Medienschaffende, eine sozialwissenschaftlich etablierte Methode mit Pseudo-Umfragen abzukupfern. Die Zahlen darin sagen genau nichts aus, sie zeigen ein sehr selektives Bild einer sehr selektiven und fluiden Gruppe. So ist es nahe liegend, dass nur Personen mit sehr starken, positiven oder negativen emotionalen Bindungen zu einer Frage antworten und diese Bindung führt vermutlich auch oft zu Manipulationen.

Quantitative Umfragen sind dann sinnvoll, wenn ein Problem relativ präzis eingegrenzt ist, und man ein Abbild einer relativ breiten Anspruchsgruppe wünscht. Vorher eignen sich viele andere Methoden – gerade auch aus dem sozialwissenschaftlichen Bereich – um Probleme zu verstehen oder einzugrenzen. Stichworte hierzu sind Workshops, Gruppeninterviews, qualitative Interviews oder spezielle mehrschichtige ExpertInnenbefragungen mit Feedbackschlaufe (Delphi-Befragungen).

Ist man einmal soweit gekommen, ist eine professionell gemachte quantitative Umfrage eine sehr wertvolle Orientierungsmöglichkeit und hilft, das aufgeworfene Problem anzupacken und geeignete Strategien zu entwerfen. Wichtige Fragen stellen sich aber auch für den Auftraggeber: Wie kann ich die Resultate in das Unternehmen einbringen? Wen involviere ich bereits beim Design der Umfrage, und was sind die Zielsetzungen?

Kann sich der Auftraggeber über diese Fragen keine befriedigende Antwort geben, so lautet unser Rat: Heute keine Umfrage!

Und wer sich bei den Fragen unsicher fühlt, der befragt am besten professionelle Institute, die sich nicht nur auf ihre Methode, sondern auf das genaue Problem und die genaue Fragestellung der Kundinnen und Kunden orientieren.

Referenz: heute vom 21. September 20006, Seite 4