Author Archive for Urs Bieri

Aarau wollte gegen den Willen der StimmbürgerInnen bauen – und diesmal scheiterte es nicht am Geld!

Ich beobachte nun schon eine ganze Weile Bauprojekte auf städtischer oder kantonaler Ebene. Und diese Erfahrungen haben mich durchaus konditioniert: Wird ein abgelehntes öffentliches Bauvorhaben an mich herangetragen, gehe ich automatisch davon aus, dass die öffentliche Hand wieder einmal an der sogenannten “Bauen-mit-Kosten”-Faustregel gescheitert ist: Fallen beim geplanten Bau Kosten an, finden sich immer Gruppen unter den Stimmbürgern, welche zwar Nichts gegen den Bau, wohl aber Etwas gegen die Kosten haben. So geschehen in der Stadt Thun, in der Stadt Luzern oder im Kanton Thurgau, wo die Kritik an den Kosten als Entscheidkriterium immer mehr oder weniger dominant mitschwang.

Nicht so in Aarau! Die Aarauer StimmbürgerInnen lehnten das geplante Superleague-Stadion für den FC Aarau zwar ab, taten dies explizit aber nicht aus Kostengründen! Das Misstrauen gegenüber einer Mantelnutzung, oder genauer: gegenüber dem geplanten Einkaufszentrum war der mit Abstand wichtigste Grund für die Ablehnung. Mit den Kosten gaben sich die Aarauer Unrnengänger einverstanden, und könnten mit einer neuen, gleichteuren, Vorlage problemlos leben, vorausgesetzt man verzichtet auf das Einkaufszentrum. Aktuell überlege ich intensiv, ob ich nun meine Faustregel anpassen muss – anstatt “Bauen-mit-Kosten” neu “Bauen-ohne-Einkaufszentrum”?

Wer sich für die Studie interessiert wird hier fündig.

“Ich lüge in Umfragen, also können Umfragen nie recht haben”

Ein nicht ganz (aber fast) ernstgemeinter Beweis, dass Umfragen immer recht haben.

Ich bin Meinungsforscher. Dieser Tatbestand ist aus meiner Sicht unproblematisch. Ich werde auch als Meinungsforscher wahrgenommen, was je nach wahrnehmender Gruppe und deren Nähe zu mir, durchaus problematisch sein kann.


Wird in der unpersönlichen Kommunikation immer gelogen, – und verfälscht das Umfragen systematisch? (quelle: http://go.to/funpic)

Zumindest war dem so vor rund zwei Monaten, als ich anlässlich einer Familienfeier mit der Aussage konfrontiert wurde: “Ich lüge in Umfragen, also können Umfragen nie recht haben”, gefolgt vom obligaten bedauernden Blick meiner Berufswahl wegen. An diesem Abend hob ich einmal mehr zu meinem obligaten Referat rund um Bevölkerungsbefragungen, Repräsentativität, Stichprobenfehler und indirekte Fragestellungen an, zu dem ich an solcher Stelle immer anhebe. Allerdings ging mir die unverfrorene Kritik an meiner Arbeit noch ein Weilchen darüber hinaus nicht aus dem Kopf.

Meine Kopfarbeit (und die Unverfrorenheit) hat sich gestern aber ausgezahlt. Auf dem stillen Örtchen, wo der Ursprung fast aller meiner guten Ideen liegt, erlangte ich Erleuchtung: Mein Verwandter hat an besagter Familienfeier nichts anderes bewiesen, als dass Meinungsforschung immer recht hat! Bewiesen hat er dies auf zweierlei Art:

- Seine Aussage “Ich lüge in Umfragen, also können Umfragen nie recht haben” stützt sich zentral auf Konzepte der Umfrage-Forschung, nämlich von Wenigen (in diesem Fall ausgesprochen Wenige) auf Viele zu schliessen. Lassen wir einmal die vielen Einschränkungen auf dem Weg von Wenigen nach Vielen aussen vor, bedeutet dies nichts anderes, als dass seine Aussage nur stimmt, wenn das zentrale Konzept hinter Umfragen stimmt. Oder in anderen (zugegebenermassen aus dramaturgischen Gründen leicht pauschalisierten) Worten: Mein werter Verwandter hat nur recht, wenn Umfragen immer recht haben. Zumindest aus seiner Sicht durchaus eine verzwickte Situation.
- Nun kommen wir zu den schon angesprochenen Einschränkungen auf dem Weg von Wenigen zu Vielen. Knackpunkt dabei ist die Anzahl “Wenige” auf deren Basis Aussagen über “Viele” gemacht werden. Statistisch ist es nämlich durchaus erlaubt, aufgrund einer einzigen Person beispielsweise auf die gesamte Schweizer Stimmberechtigtenschaft zu schliessen. Beachtet werden muss bei einer solchen Aussage allerdings der sogenannte Stichprobenfehler, also die Fehlertoleranz der Statistik. Bei einer einzigen Person ist dieser Stichprobenfehler +/-100%. Die implizite Aussage “Ich lüge, also lügen auch alle anderen” lässt sich statistisch nicht erhärten, und die Chance, dass mein Verwandter sich damit irrt, ist, vorsichtig und verwandtenfreundlich ausgedrückt, ausgesprochen hoch. Wenn er sich aber irrt, muss das Gegenteil wahr sein. Oder erneut in anderen (zugegebenermassen aus dramaturgischen Gründen leicht pauschalisierten) Worten: Die Tatsache, dass mein Verwandter in Umfragen lügt, beweist, dass Umfragen immer recht haben!

Beim nächsten Familientreffen werde ich meinen werten Verwandten damit konfrontieren und racheartig einen ähnlich langen Denkprozess auslösen, wie es ihm bei mir gelungen ist.