Author Archive for Monia Aebersold

Schwarzarbeit: (k)ein Kavaliersdelikt? – Mangelnde Sensibilität in der Öffentlichkeit

Bundesrätin Doris Leuthard hat heute an einer Medienkonferenz betont, dass Schwarzarbeit kein Kavaliersdelikt sei. Wer schwarz arbeite, betrüge nicht nur sich selber, indem er auf den Lohn, der ihm eigentlich zustehe, und auf den Schutz der Sozialversicherungen verzichte. Wer schwarz arbeite und Schwarzarbeiter beschäftige, betrüge vor allem den Staat, die Gesellschaft und die rechtschaffene Konkurrenz. Zwar kommt die Schweiz im europäischen Vergleich in Sachen Schwarzarbeit relativ gut weg. Nichtsdestotrotz werden auch hierzulande jährlich rund 39 Milliarden Franken oder 9 Prozent des Bruttoinlandprodukts am Fiskus und den Sozialversicherungen vorbeigeschleust.

Mit dem soll nun bald Schluss sein. Schwarzer Tag für die Schwarzarbeit: ab 1.1.2008 tritt das neue Bundesgesetz zur Bekämpfung der Schwarzarbeit in Kraft. Das Gesetz arbeitet mit einer Mischung aus Anreizen, Repression und Aufklärung. Die Einführung des neuen Gesetzes wird durch eine vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) geleitete Öffentlichkeitskampagne mit dem Slogan «Keine Schwarzarbeit. Das verdienen alle» begleitet.

Diese Sensibilisierungskampagne ist auch dringend nötig. Unsere Kampagnenplanungsstudie, welche wir im Auftrag des SECO durchgeführt haben, hat nämlich eines sehr deutlich gezeigt: Schwarzarbeit gilt in der Bevölkerung und der Arbeitgeberschaft der Schweiz mehrheitlich sehr wohl noch als Kavaliersdelikt. Es fehlt an Sensibilität und Problembewusstsein. Sie wird heute nur von einer Minderheit der Befragten als schwerwiegendes Problem der Schweizer Volkswirtschaft wahrgenommen. Rund jede 4. befragte Person in der Schweiz relativiert die negativen Konsequenzen von Schwarzarbeit für den Staat, die Wirtschaft und die Gesellschaft. Ein weiteres Drittel der Befragten ist sich zwar der kollektiven Auswirkungen von Schwarzarbeit bewusst, sieht aber keinen akuten Handlungsbedarf. Da sowohl der Nutzen als auch die Risiken von Schwarzarbeit in erster Linie beim betroffenen Individuum lokalisiert werden, wird das Phänomen in den Bereich der Eigenverantwortung delegiert. Das generell eher fehlende Problembewusstsein fusst also auf einer Ambivalenz zwischen individuellen Nutzenüberlegungen und kollektivem Schaden, der zu Gunsten der schwarzarbeitenden Individuen aufgelöst wird.

Die geplante Informations- und Sensibilisierungskampagne als flankierende Massnahme zur Einführung des neuen Bundesgesetzes trifft also wegen der mangelnden Sensibilität für die negativen Folgen von Schwarzarbeit für das Kollektiv auf schwierige Ausgangsbedingungen. Um einstellungsrelevante Informationen vermitteln zu können, muss die Sensibilisierungskampagne in einem ersten Schritt überhaupt erst Aufmerksamkeit generieren und Interesse für das Thema wecken. Dies war unsere wichtigste Empfehlung an die Adresse der Kampagnenplaner.

Ob der eingeschlagene Weg in den zwei Jahren, in denen mit Plakatbotschaften auf das Thema Schwarzarbeit aufmerksam gemacht wird, tatsächlich zu einer Sensibilitätssteigerung in der Bevölkerung und Arbeitgeberschaft führt, bleibt abzuwarten… Eine Kampagnenevaluierung von gfs.bern wird Mitte 2009 Klarheit schaffen.

Die Studie findet sich unter www.gfsbern.ch/schwarzarbeit.

Wie misst man Antisemitismus in der Schweiz?

Was bisher geschah

In den letzten 10 Jahren sind mindestens drei Studien zum Thema Antisemitismus in der Schweiz veröffentlicht worden. Eine erste Studie aus dem Jahr 1998, die von Konso im Auftrag der SRG durchgeführt wurde, geht von 7% Antisemiten in der Schweiz aus. Eine erste grössere Studie von gfs.bern aus dem Jahr 2000 fand bei 16% der befragten Stimmberechtigten eine weitgehende Übereinstimmung mit antisemitischen Äusserungen und die kürzlich von Sandro Cattacin et al. (2006) durchgeführte Nationalfondsstudie zum religiösen Fundamentalismus in der Schweiz kommt zum Schluss, dass Antisemitismus als misanthrope Einstellung (zusammen mit sexistischen und homophoben Haltungen) rund 22% der Bevölkerung betreffe.

Auf den ersten Blick könnte man also meinen, das Antisemitismus-Potenzial in der Schweiz habe sich über die letzten 10 Jahre ca. verdreifacht. Vor solchen Schlussfolgerungen möchten wir aber warnen. Da sich alle drei Befragungen in ihrer Datengrundlage wie auch in ihren Fragestellungen unterscheiden, ist es nicht zulässig, die drei Versuche der Bestimmung von Antisemitismus-Potenzialen direkt zu vergleichen. Eine allgemein anerkannte Antisemitismus-Studie fehlt bislang für die Schweiz. Eines ist den drei bisherigen Studien aber gemeinsam: Sie messen Antisemitismus einzig über einige wenige Meinungen zu Juden (siehe Tabelle).

Tabelle1

Was neu ist

Mit unserer breit angelegten Studie über “antijüdische und antiisraelische Einstellungen in der Schweiz” wagten wir uns also auf methodisches Neuland vor. Antisemitismus definierten wir dabei in Anlehnung an die in den Sozialwissenschaften wohl akzeptierteste Definition von Helen Fein als “eine anhaltende latente Struktur feindseliger Einstellungen gegenüber Juden als Kollektiv, die sich bei Individuen als Haltung, in der Kultur als Mythos, Ideologie, Folklore sowie Einbildung und in Handlungen manifestieren (…), die dazu führen und/oder darauf abzielen, Juden als Juden zu entfernen, zu verdrängen oder zu zerstören”. Erst wenn antijüdische Einstellungen also systematisch und wiederholt geteilt werden, ist der Tatbestand des Antisemitismus laut dieser Definition erfüllt. In der Sozialpsychologie wird unter Einstellungen ein Konstrukt verstanden, das die Komponenten Gefühle (emotional), Glauben (kognitiv) und Meinungen (konativ) beinhaltet. Antisemitische Einstellungen können demnach nicht nur über Meinungen gegenüber Juden gemessen werden, sondern müssen auch die Meinungen und Stereotype der Bevölkerung über Juden und Jüdinnen berücksichtigen. Dem haben wir mit unserer aktuellen Studie Rechnung getragen. Die Zuteilung einer Person zum Antisemitismus-Potenzial wurde nur dann vorgenommen, wenn diese sowohl verstärkt negative Gefühle gegenüber Juden äussert, als auch negativen Stereotypisierungen und negativen Meinungen über Juden überdurchschnittlich stark zustimmt.

Was wir jetzt wissen

Eines wissen wir nun mit Sicherheit: Eine reine schwarz-weiss Malerei im Sinne von antisemitisch vs. nicht antisemitisch verkennt die Vielschichtigkeit des Phänomens. Wir konnten nämlich zeigen, dass es in der Schweiz drei qualitativ unterschiedliche, problematische Stufen von antijüdischen Einstellungen gibt.

Tabelle2

10% der EinwohnerInnen erfüllen alle Bedingungen auf allen Stufen. Sie können gemäss unserer Definition als die eigentlichen Antisemiten klassiert werden.

Der ausführliche Bericht zur Studie findet sich unter www.gfsbern.ch/antisemitismus.

Zum Schluss hier noch einige Reaktionen auf unsere Studie:

“Das erste Mal sind signifikante und differenzierte Aussagen möglich. Speziell – auch wissenschaftlich-methodologisch – spannend finde ich die Differenzierung und gleichzeitige Verknüpfung der drei Kategorien kognitiv, konativ (bewertend) und emotional. (…) Wünschenswert sind analoge Studien zu den verschiedenen Ablehnungshaltungen gegenüber den Muslimen und den Fahrenden.”
Prof. Dr. Georg Kreis, Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus

“Dies ist eine der sorgfältigsten Studien, die ich überhaupt zu diesem Themenkomplex kenne. (…) Ich habe selten gesehen, dass ein Institut und eine Konzeptgruppe sich so viel Mühe bei der Ausarbeitung und Analyse einer Studie gemacht haben.”
Prof. Dr. Werner Bergmann, Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin

“Ich finde, es ist eine ausgezeichnete Studie. Die Analyse wurde sehr breit angelegt, sodass die verschiedenen Aspekte des Antisemitismus zum Ausdruck kommen.”
Alfred Donath, Präsident des Schweizerisch Israelitischen Gemeindebundes (SIG)

Und sie arbeiten eben doch!

Gesundheitsförderung für ParlamentarierInnen, Gesundheitsförderung für die Bevölkerung: kein Zusammenhang?

Im wunderschönen Ferienort Flims im Bündner Oberland findet zurzeit die Herbstsession des Parlaments statt. Dass es in dieser idyllischen Umgebung nicht leicht fällt, ans Arbeiten zu denken, ist wohl wahr. Böse Mäuler behaupten sogar, dass die PolitikerInnen sich mehr mit Wellness und Wandern beschäftigen als mit ihren Dossiers. Gewisse Herren, die sich in freizügiger Manier im Bademantel vor dem Ständeratspavillon präsentierten, nahmen den Spekulationen nicht gerade den Wind aus den Segeln. Auch die eher ausgelassene Schullagerstimmung auf dem Sessionsgelände weist nicht darauf hin, dass in den Säälen hart gearbeitet werden soll. Von der ganzen Gerüchteküche wenig berührt zeigt sich die Bündner Bevölkerung. Für einmal dürfen sie, die sonst weit weg sind von dem was in Bern unten entschieden wird, hinter die Kulissen der Bundespolitik schauen. Kurz und gut: Das Bündnerland zeigt sich in Flims von seiner besten Seite, die Organisation dank tatkräftiger Unterstützung der Schweizer Armee besser als einigen beliebt und die Bratwürste schmecken vorzüglich.


Wellness in Flims

Während sich die PolitikerInnen dank des wohltuenden Klimas der Bündner Alpen zurzeit in Bestform befinden, steht es um den subjektiv wahrgenommenen Gesundheitszustand der Schweizer BürgerInnen so schlecht wie noch nie seit Messbeginn im Jahre 1986. Vor allem in den unteren Schichten leidet das Gesundheitsempfinden. Als entsprechend hoch wird die individuelle Belastung des Haushaltsbudgets durch die Gesundheitskosten beschrieben. Um künftig nicht noch stärker zur Kasse gebeten zu werden, unterstützen die SchweizerInnen verschiedene Massnahmen zur Kostensenkung im Gesundheitswesen. So spricht sich eine klare Mehrheit für mehr Markt aus. Mit der Forderung nach mehr Markt geht einher, dass die StimmbürgerInnen die Bürokratie im Gesundheitswesen neu als hauptverantwortlichen Kostentreiber für die steigenden Prämien sehen. Von einem Gesundheitsangebot, welches verstärkt marktwirtschaftlich ausgestaltet ist, erhoffen sie sich eine Kostendämpfung.

Die ParlamentarierInnen nehmen die Meinungen der BürgerInnen sehr ernst. Dies durften wir gestern an der Präsentation des Gesundheitsmonitors 2006 in Flims erfahren. An dieser Stelle möchten wir auch all jene Gerüchte als Lügen strafen, die behaupten, es werde nicht gearbeitet. Trotz eines langen Tages voller Sitzungen liessen viele Ratsmitglieder es sich nicht nehmen, an ihrem wohlverdienten Feierabend der Stimmbevölkerung in Sachen Gesundheit auf den Zahn zu fühlen. Chapeau!

Wer sich für die Studie interessiert wird hier fündig.