Archive for the 'Politik' Category

Abstimmungsumfragen haben sich erneut bewährt

Vier der fünf eidgenössischen Volksabstimmungen zum Wochenende hat das Forschungsinstitut gfs.bern im Vorfeld mit Befragungen für die SRG SSR idee suisse untersucht. In allen vier Fällen lieferten die Vorerhebungen zutreffende Einschätzungen des Abstimmungsausganges, und erhellten die Trends die erwartbaren Entwicklungen in der Meinungsbildung. Eine kurze Evaluierung.

Die drei untersuchten Volksinitiativen begannen gemäss der ersten Umfrage alle besser, als sie am Abstimmungstag abschnitten. Die AHV-Initiative verlor 10 Prozentpunkte an Zustimmung, die Hanf-Initiative und die Verbandsbeschwerde-Initiative je 8. Grösser waren die Veränderungen in den Nein-Anteilen. Bei der AHV-Initiative vermehrte sich die Gegnerschaft um 29 Prozentpunkte, bei der Verbandsbeschwerde-Initiative um 26 und bei der Hanf-Initiative um 21 Prozentpunkte.

AHV-Initiative

AHV-Initiative

Die Entwicklungen entsprechen der hauptsächlich erwartbaren Trends bei Volksinitiativen, wie sie im Dispositionsansatz seit rund 10 Jahren postuliert werden. Mit der Problematisierung von Initiativen während des Abstimmungskampfes wächst das Nein schnell und stark an. Es übernimmt die anfänglich unschlüssigen, teilweise auch ursprüngliche BefürworterInnen.

2008-11-30_vb

Verbandsbeschwerde-Initiative

Das hat mit verschiedenen Effekten zu tun: Die Mobilisierung steigt während des Abstimmungskampfes an, was eher den Gegnern nützt. Die Kampangen gegen Initiative sind auf die schwächste Stelle des Anliegens gemünzt, was die negative Meinungsbildung bei den Unschlüssigen und den partiziellen Meinungsumschwung erklärt.

2008-11-30_ha

Hanf-Initiative

Verallgemeinert gesprochen hat das damit zu tun, dass vor einem Abstimmungskampf das Problem bekannt und von den Initianten besetzt und die vorläufige Meinungsbildung bestimmt. Während des Abstimmungskampfes ändert sich aber der Focus hin zu den vorgeschlägenen Lösungen, die primär aufgrund ihrer Schwäche beurteilt wird.

Diese allgemein gut bekannte Entwicklung sind in allen untersuchten Initiativ-Fällen mit der zweiten Erhebung richtig erkannt worden, und die Verlängerung der Trends aus dem Umfragenvergleich bis zum Wahltag gibt eine brauchbare Prognose für das Endergebnis. Stellt man auf die Trendverlängerungen bei den Ja-Anteilen ab, wird diese noch genauer, als wenn man die Nein-Anteil extrapoliert.

2008-11-30_bet

Änderung Betäubungsmittelgesetz

Beim Betäubungsmittelgesetz gilt diese Mechanismus typischerweise nicht. Es war keine Initiative, sondern eine Referendumsabstimmung zu einer Behördenvorlagen. Die Meinungsbildung war in viel höherem Masse vorgefertigt, weil die Vorlagen nicht etwas Neues vorschlug, sondern im wesentlichen die bisherige Politik im Gesetz festhielt. Die Erfahrungen, die man mit der Praxis gemacht hatte, bestimmte die Meinungsbildung weitgehend, sodass die Kampagnen die bisherige Meinungsbildung nur noch verstärkte, nicht aber mehr veränderte.

Das ist das bekannte Szenario bei Behördenvorlagen, die sich auf Alltagserfahrungen stützen können. Die Messwerte im Voraus bestätigten die Erwartungen. Das Endergebnis zeigt, dass in diesem Falle eine Minderheit der Unschlüssigen ins Ja, eine Mehrheit aber auf die Nein-Seite wechselt.

Der Stadtrat in Bern: Mehr Farben und starke neue (bürgerliche) Mitte

Prozentanteile Stadtrat Bern (eigenen Berechnungen ohne Gewähr)

Prozentanteile Stadtrat Bern (eigene Berechnungen ohne Gewähr)


(blau dargestellt: mittlere Verschiebungen, rot dargestellt: grosse Verschiebungen)

Das sind die Präferenzen der Wählenden in Bern im Vergleich zu 2004. Die Prozente lassen eher quantitative Vergleiche zu als die Sitze und es sind daraus eher Tendenzen für andere Wahlen abzuleiten.

Während im Gemeinderat und beim Stadtpräsidium keine Überraschungen auftauchten, präsentiert sich der neue Stadtrat in einem politisch teilweise neuen Kleid. Zwar hat Rot-Grün-Mitte immer noch knapp die Mehrheit mit 42 von 80 Sitzen, aber die Situation ist eindeutig unübersichtlicher geworden. Der Umbau in der Mitte und in der bürgerlichen Mitte ist weiterhin im vollen Gang.

Trotz der tatsächlich eingetretenen starken Gewinnen der GLP, konnte sich das grüne Lager mehr oder weniger halten. Die GLP scheint im städtischen Raum vor allem eine ernsthafte Alternative für die liberalsoziale SP-Wählerschaft zu sein. Auch die SP musste trotz starker Lokomotive auf Ebene des Stadtpräsidiums starke Einbussen hinnehmen.

Als grosse Gewinnerin kann sich die BDP feiern. Auf Anhieb hat sie mit der SVP vergleichbare WählerInnenprozente erreicht. Dies war auch von mir in diesem Ausmass nicht erwartet und dürfte nicht nur auf Kosten der SVP geschehen sein: Die SVP hat von allen grossen Parteien am wenigsten Federn gelassen. Möglich sind Mobilisierungsgewinne für die BDP (und für die SVP) aber auch Stimmengewinne von eigentlich Wechselnden von der FDP zur BDP. Die FDP ist die klar grösste Verliererin der Berner Wahlen. Da auch in der Region Bern die BDP Wahlsiegerin ist, ist die BDP mindestens in Bern direkt zur ernst zu nehmenden Wahlkandidatin aufgestiegen, welche eine echte Konkurrenz zum etablierten bürgerlichen Lager darstellt. Die FDP hatte allerdings mit Stephan Hügli eine spezifische Herausforderung, welche die Mobilsierung des eigenen Lagers erschwert haben könnte.

“Die Mitte” schnitt allerdings sehr schwach ab. Sie wurde sogar klar distanziert von Jimy Hofer, den die absolut meisten Wählenden klar nicht in der Exekutive wollten, als zusätzlicher Farbklecks in der politischen Landschaft Berns scheint aber auch er willkommen. Er steht damit symbolisch für eine Berner Wählerschaft, die in der Exekutive auf Kontinuität setzt aber in der Legislative für mehr Farbe und Vielseitigkeit eingetreten ist. Die Polarisierung, welche die Neunzigerjahre beherrschte und bis 2007 immer noch teilweise weiter bestand, scheint überholt. Die späten Nullerjahre bringen deutlich mehr Farbe Links, Rechts in der Mitte und auch quer zur bekannten politischen Landschaft.

Wahlen in der Stadt Bern – nothing else?

Die Berner Wahlen sind öppis für Bärn – almost nothing else. Verallgemeinerungen auf die Situation in der Schweiz sind heikel. Ausnahmen sind die strukturellen Erfolge von Rot-grün in den Exekutiven der Städte. Eine uneinheitliche bürgerliche Kandidatur kann diese Situation kaum knacken. Und es ist die neue Situation mit einer vielfarbigen Mitte, welche vor allem die strukturellen Chancen der Grünliberalen bestätigen dürfte.

Es dürfte so werden, wie es die Auguren sagen: Der neue Stadtpräsident heisst Tschäppät und RGM hält drei Sitze und damit die Mehrheit. Barbara Hayoz konnte recht wenig reissen – nicht einmal im Wahlkampf.

Auf Ebene der Exekutive (Gemeinderat) ist die einzig einigermassen spannende Frage der fünfte Namen und damit zweite von der Bürgerlichen Mitte aus FDP, SVP und CVP. Auch hier glaube ich den Auguren.

Heisst er Reto Nause, der prominente, fast noch junge, liberal-soziale Politimport aus Baden und lernfähige Wahlkämpfer für die CVP (liberal-sozial)? Oder heisst er Beat Schori als alteingessener Berner mit ebenso alt-eingesessenem SVP-Programm? Das Rennen dürfte knapp werden.

Auf Ebene des gesetzgebenden Stadtrates sind einige Verschiebungen zu erwarten. Letztlich ist auch in Bern das gesamtschweizerische Phänomen einer neuen Auswahl in der Mitte zu beobachten. Die Grünliberalen sind nun auch in Bern angekommen, obwohl gerade hier das “grüne” Wählersegment bereits mit mehreren Parteien aktiv beworben wird. Trotzdem sind die Grünliberalen gemäss Auguren nicht ohne Chance. Dass die Grünliberalen Wahlchancen haben auch mit Kandidaturen, die sich bisher noch wenige politische Meriten verdient haben, bestätigt sich voraussichtlich auch in Bern.

Und es ist die spezifische Situation mit ganz neuen Parteien in der Mitte: Die bürgerliche Mitte dürfte ein vorübergehendes Phänomen bleiben. Gleiches gilt im weiteren Sinn für die Liberal-sozialen, wobei eine kleine Stadt-Lokomotive, wo liberal-sozial draufsteht und CVP drin ist, doch noch hin und wieder kopiert werden könnte.

Anders sieht es bei den Grünliberalen aus. Sie schaffen es bisher in allen kantonalen Wahlen, Sitze zu erringen. Zum Teil waren die Erfolge spektakulär und unerwartet wie im Fall der Basler Wahlen.

Gelingt tatsächlich auch in Bern ein Sitzgewinn, so ist dies mehr als nur ein Fingerzeig, denn hier gibt es eine Riesenauswahl im grünen Spektrum (Wahlkampfblog). Es ist ein Zeichen, dass die Grün-liberalen ein urban vorhandenes Segment von WählerInnen überzeugen können und mit ihnen bis zu den eidgenössischen Wahlen 2011 noch verstärkt zu rechnen ist.

Und es ist die BDP. Gerade das Schicksal dieser Partei ist für die gesamtschweizerische Politik von grosser Bedeutung. Aber die Situation für die BDP ist im Moment ist auf allen Ebenen zu spezifisch, um daraus Schlüsse für die Zukunft und Potenziale abzuleiten. Kurzfristig ist es national von grosser Bedeutung, ob die BDP im Nationalrat dank Martin Landolt am 8. Februar 2009 bei den Wahlen in Glarus auf fünf Sitze kommen wird und damit Fraktionsstärke erreicht.

Langfristig interessieren zwei Wahlen: Werden 2011 die wieder antretenden NationalrätInnen auch gewählt und kommt es zum Stimmentausch von der SVP zur BDP? Kann die Partei spätestens 2015 national neue Köpfe portieren? Beides dürfte schwierig werden, was die Zukunft der BDP als sehr schwierig einschätzbar werden lässt. Das bleibt auch nach den Berner Wahlen so. Es waren halt Stadtberner Wahlen – almost nothing else.

Neues Abstimmungsstudio – bewährtes Team

Es ist Abstimmungstag. Tag der Hochrechnungen, der Erstanalysen, der Kommentare. Das Programm ist fast wie gehabt. Doch das Studio ist neu.

Letzte Vorbereitungen vor dem Start im neuen Abstimmungsstudio

Letzte Vorbereitungen vor dem Start im neuen Abstimmungsstudio

“Wenn Sie das Gefühl haben, das Studio sehe nicht so aus wie bisher, dann haben Sie recht. Wenn Sie zudem das Gefühl haben, das sehe fast so aus wie die Arena, dann haben Sie auch recht.”

In der Tat findet der Abstimmungsnachmittag im neuen multifunktionalen Arena-Studio im Leutschenbachstudio statt, das für die Zwecke leicht umgestaltet worden ist. Gleich ist dafür das Team der Kollegen vom Fernsehen und vom gfs.bern, und gleich ist auch der Ablauf:

Von 1200 bis 1330 gibt es erste Trends,
von 1330 bis 1430 Hochrechnungen,
von 1500 bis 1630 Erstanalysen.

Ab 1700 folgen die Uebersichten und politischen Wertungen.

Heute werden 4 der 5 Vorlagen hochgerechnet, – aus Kapazitätsgründen. Das gibt auch so 16 Einsätze für Fernsehen und Radio in verschiedenen Sprachen. Mehr bringt man gar nicht richtig über den Sender. Die Chefredaktoren der SRG Medien entschieden, dass wir die Unverjährbarkeitsinitiative nicht speziell hochrechnen.

Bei den Proben am Morgen spürte man ein wenig die Stimmung unter den GrafikerInnen. Die Dummy-Grafiken hatten alle leicht bizzare Ergebnisse eingearbeitet. Bei der Hanf-Initiative waren 88 Prozent auf der Ja-Seite aufgeführt … ein Wert, der sicher korrigiert wird, wenn die seriösen Ergebnisse vorliegen.

Denn, so wie es momentan aussieht, weiss man bei den vier Trendrechnungen von 1230 bereits, wie es um die AHV-Initiative steht, was bei der Verbandsbeschwerde passiert und die Hanf-Vorlage ausgeht. Gleiches gilt auch für das Betäubungsmittelgesetz.

***

Zwischenzeitlich ist alles klar. Das Betäubungsmittelgesetz wird mit rund 68 Prozent Zustimmung angenommen. Die AHV-Initiative scheitert, mit rund 58 Prozent Ablehnung. Noch deutlich ist die Ablehnung der Hanf- und der Verbandsbeschwerde-Initiative, wo rund zwei Drittel auf der Nein-Seite sind. Unklar ist der Ausgang bei der nicht-hochgerechneten Unverjährungsinitiative.

Volks- und Ständemehr könnten ungleich sein

Man kennt die Diskussion. Für die Annahme einer Volksinitiative braucht es Volks- und Ständemehr. Beides muss nicht deckungsgleich sein. Eine Vorlage scheitert, selbst wenn eine Ja-Mehrheit im einen oder anderen Fall gegeben ist.


Profil von Zustimmung und Ablehnung bei der Volksinitiativen Rentenalter 62 vom 26. November 2000

Die Problematik

Die Problematik könnte sich bei der AHV-Vorlagen ergeben. Die letzte Umfrage hierzu ergibt 45 Prozent Zustimmungs- resp. 43 Prozent Ablehnungsabsichten. Das lässt die Entscheidung vom 30. November 2008 offen erscheinen.

Wie also steht es um das Ständemehr, wenn beispielsweise das Ergebnis beim Volksmehr 52 zu 48 Prozent lautet?

Umfragen mit 1200 Befragten können das nicht beantworten. Die Fallzahlen in den 26 Kantonen sind zu gering, um verlässliche Aussagen machen zu können. Es wären 3-4000 Befragte nötig.

Die Simulation

Umfragen können aber klären, ob das sprachregionale Profil dem von Vergleichsabstimmungen entspricht. Im aktuellen Fall liegen die italienisch- und französischsprachige Schweiz über, der deutschsprachige Landesteil unter dem Strich.

Das entspricht genau dem Profil, das man im Jahre 2000 bei der damaligen Abstimmung über das Rentenalter 62 hatte (siehe Karte). Deshalb kann man mit dieser und verwandten Abstimmungen einen brauchbare Plausibilitätsüberlegung anstellen. Sie lautet:

Das Ergebnis

7 Kantone haben eine klar höhre Zustimmung als die gesamte Schweiz. Sie sind bei einem knappen Volksmehr im Ja. Namentlich sind dies die “Lateiner”. Für ein Ständemehr braucht es demnach 5 deutschschweizerische Kantone.

Am wahrscheinlichsten ist eine Zustimmung noch in beiden Basel, gefolgt von Bern, Solothurn, Zürich, Schaffhausen und Zug. 5 der 6 genannten müsste über 50 Prozent sein, um damit auch das Ständemehr zustimmend ausfällt.

Bei einem ganz knappen Ja-Ueberschuss ist das nicht wahrscheinlich. Die Vorlage scheitert dann auf jeden Fall am Ständemehr.

Wenn der Ja-Anteil aber 55 Prozent und mehr betragen sollte, ist das Ständemehr durchaus möglich. Dann wäre die Initiative angenommen.

Der Kommentar

Wie gesagt, das ist nur ein Uebungsbeispiel, um Fragen zu beantworten, die mir heute häufig gestellt wurde. Und noch was: offener Ausgang gemäss Umfragen heisst nicht zwingend knapper Ausgang. Denn offen heisst nur, dass die Unsicherheit für eine klare Aussage zu gross ist, um eine solche zu machen. Denn bei 45 zu 43 und negativem Trend von der ersten bis zur zweiten Umfragen, kombiniert mit einem unüblichen Umfeld, sind verschiedenste Endwerte möglich.

Die “liberale Bewegung” der FDP zwischen Feuer und Wind

Die FDP präsentiert sich in Bewegung. Im Rahmen der Fusion stehen Namen und Label in Frage und auch das Zusammengehen mit BDP und Grünliberalen wird als Option dargestellt.

Nachdem auf der rechten politischen Seite 20 Jahre lang der konservative Status quo tonangebend war, sollen von einer liberalen Bewegung wieder entscheidende Akzente unter Leitung des Freisinns gesetzt werden.

Die FDP leidet spätestens seit 2003 unter Image-, Profilierungs- und Mobilisierungsproblemen. Im Wahlkampf 2007 wurde versucht, die FDP als moderne, urbane Partei zu profilieren. Die erhofften Wahlerfolge blieben aber aus. Als grosse Siegerin des rechten Spektrums ging die SVP hervor. Kann die “liberale Bewegung” nun die erhoffte Wende bringen?

Theoretisch Ja. Gelingt es einer Partei, Bewegungscharakter zu verbreiten, so bedeutet dies: Viele Menschen sind sehr motiviert, die politische Landschaft zu gestalten und zu verändern. Sie bringen Engagement, Finanzen, Ideen und Überzeugungen ein. Mit ihrer grossen Leidenschaft werfen sie Wellen. Typisches Beispiel einer solchen Bewegung ist die AUNS. Auch die Grünen sind bei der Gründung eher als Bewegung und nicht als Partei entstanden und profitieren bei jüngeren Menschen wahrscheinlich erneut von einer Art “Bewegung”.

Praktisch wage ich aber an der liberalen Bewegung zu zweifeln:

SVP im Feuer

Bei der SVP ist spätestens seit den Abstimmungsniederlagen und seit dem Ausschluss der Bündner Feuer im Dach. Rollendefinition, thematisch-programmatische Elemente und die Bundesratsfrage überlagern sich. Insbesondere die Mobilisierung der eigenen Parteianhängerschaft ist in diesem Kontext schwierig und die Abspaltung der BDP dürfte vor allem wegen des hohen Bevölkerungsgewichts des Kantons Bern schmerzhaft für den Wähleranteil sein.

Seit der Abwahl von Christoph Blocher dreht sich die Mediendemokratie stark um die SVP. In diesem Umfeld und mit der Formschwäche der SVP sind Profilierungen möglich. Die FDP hat sich aber weder bei der Abwahl noch bei den folgenden Abstimmungen als klare Alternative zur SVP profilieren können. Als externer Beobachter scheint immer noch unklar, wie nah’ und wie fern sich diese Parteien künftig sein werden. Machtfragen scheinen bei dieser Kardinalsfrage stärker zu gewichten als die Chance, sich im rechten Feuer als kluge Feuerwehrmänner und Feuerwehrfrauen auf Kosten der SVP zu profilieren. Eine liberale Bewegung entsteht heute medial vermittelt und ohne glaubwürdige und spannende Löschaktionen wird diese mediale Vermittlung schwierig.

Frischer Wind in der Mitte

Noch interessanter sind die Mitte-Entwicklungen. Von Rechts gibt es mit der BDP eine neue Partei, die sich vor allem im Stil von der SVP abheben will. Die BDP als konservativ-fundierte aber stilistisch gemässigte Partei steht damit etwas quer zur polarisierten Links/Rechts-Landschaft, wie sie sich bis 2003/2007 entwickelte. Die BDP hat vor allem mit Blick auf die kommenden Wahlen möglicherweise auch Attraktivität auf Wählerschichten, die mit ihrer Stimme in erster Linie der SVP schaden wollen.

Die Grünliberalen vereinen das ökologische und links-rechts-Schema auf neuartige Weise. Die Partei ist damit attraktiv für nicht klassisch politisierte Wählerschichten und eine Art Bewegung ist mindestens anhand der Gründungen von neuen Sektionen durchaus auszumachen. Eher von Links her kommend bläst auch von hier frischer Wind in die Mitte. Die Grünliberalen haben aber eine Fraktion mit der CVP gegründet. Die Parallelen der modern ausgerichteten Parteianhängerschaft der CVP und der Grünliberalen sind auch offensichtlicher als diejenigen mit der FDP. Zudem gibt es wegen der traditionellen Schwäche der CVP in reformierten Gebieten auch strategische Gründe für dieses Zusammengehen – die Konkurrenz ist einfach kleiner. Die “liberale Bewegung” wird es schwierig haben, hier die entscheidenden inhaltlichen Argumente für das Zusammengehen mit den Grünliberalen zu haben.

Insgesamt glaube ich an eine steigende Rivalität in der Mitte, weil sich hier neue Konfliktlinien entwickeln, die quer zur Links-Rechts-Achse stehen. Kleinparteien könnten ähnlich wie in den Achzigern an den Polen neu der Mitte wieder Ecken und Kanten geben. Die traditionell verankerten Mitte-Parteien müssen also um die Gunst der bürgerlichen Wählerschaft stärker kämpfen. Allerdings konnten weder die Achziger mit den Kleinparteien noch die Neunziger mit dem spektakulären Aufstieg der SVP die Zauberformel sprengen. Heute ist dies anders. Mit den Wählerprozenten wird auch immer wieder an der Bundesratszusammensetzung gefeilt.

In einer solchen Situation zwischen Feuer und Wind erwarte ich nicht in erster Linie eine liberale Bewegung, sondern primär verstärkte Kämpfe mit der CVP um die Vorherrschaft in der Mitte.

Die CVP in der Neuorientierung

CVP-Parteipräsident Christophe Darbelley spricht es in Interviews immer direkter an. Die Schweiz brauche eine “Koalition der Mitte”. Rechts habe sich die SVP in die Opposition verabschiedet, und links liebäugle man regelmässig mit Streiks. Diese Polarisierung schade dem Land.

Begnen will der Parteipräsident der kleinsten Regierungspartei diesem Umstand mit einer koordinierten Politik von CVP und FDP. Beide Parteien seien so vernünftig, dass sie trotz Differenzen die Vorteile einer Zusammenarbeit stärker gewichten würden. Ende Juni 2008, kündigte Darbelley im jüngsten “Sonntagsblick” schon mal an, werde man ein gemeinsames Positionspapier präsentieren, welches das Vorgehen in wichtigen Kerndossiers skizzieren werde.

Der lange Weg von der Mehrheitspartei zur thematischen Allianzbildung

Solche Schritte sind neu für die Schweizer Politik. Lange beherrschte der “Freisinn” diese mit seinen satten Mehrheiten in Parlament und Regierungen. Seit Einführung des Proporzsystems für den Nationalrat ist das jedoch brüchig geworden. Die SP, neuerdings vor allem die SVP, stiegen zu den grössten WählerInnen-Parteien auf, sodass schrittweise eine Allianz aus FDP, CVP, SVP und SP, in der die FDP bestimmte, was gilt, und mit welcher Mehrheit sie das im Bundesrat realisieren wolle. 1959 stetze die damalige KK dagegen, indem sie durch die Umbildung des Landesregierung die Rolle der Mehrheitsbeschafferin im Bundesrat an sich zog. Das galt bis 2003, als die SVP im Gegenzug das Schwergewicht in der schweizerische Regierung nach rechts verschob.

Zwischenzeitlich wird die Regierungsbeteiligung der SVP auf Bundesebene von der SVP selber in Frage gestellt. Damit ist bröckelt auch das Modell, dass die SVP im bürgerlichen Lager eine Leadrolle einnehme und sich die Unterstützung hierfür fallweise zusammensucht. Genau das wirft die von Christophe Darbelley gstellte Frage erneut auf.

Ich habe in den letzten Wochen mehrere Referate von CVP Kantonalparteien gehalten, in denen es um die Neuorientierung der Partei, aber auch des Regierungssystems ging. Dabei habe ich sehr wohl gemerkt, dass es sehr unterschiedliche Positionen innerhalb der stark förderalistisch strukturierten Zentrumspartei erst in Gang kommt. Die Politik der Repräsentation im Konkordanzsystem ist man sich deutlich gewohnter als die Politik der strategischen Koalitionen.

Meine Gegenthese zu jener von Christophe Darbelley

Anders als Christophe Darbelley sehe ich den Kooperationsbedarf der neuen Mitte jedoch nicht auf die FDP beschränkt. Dies aus einem einfachen Grund: Das stärkt zwar die bürgerlichen Kräfte im Zentrum, ist aber nur im Ständerat potenziell mehrheitsfähig. Im Nationalrat riskiert genau diese Einengung, zwischen den Anforderungen von SVP und SP zerrieben zu werden. Und im Bundesrat ergibt eine solche Ausrichtung keine gesicherte Mehrheit. Angesichts solcherMehrheitsverhältnisse wäre nur ein dezidiertes Vorgehen beider Parteien erfolgversprechend; zu dem sind aber beide Parteien nicht willens und wohl auch nicht fähig.

Deshalb habe ich eine andere These entwickelt: Die CVP ist in der idealen Position, das Zentrum alleine von der getriebenen zur treibenden Kraft zu machen. Dafür muss sie sich aber national sammeln und thematisch erneuern. Die Mitte ist in der Schweiz so schwach, weil sie die Themenführung im medialen Diskurs, aber auch in den Bevölkerungsdebatten nicht mehr genügend beherrscht. Wenn es der CVP gelingt, in den Kerndossiers des Landes ihre eigene Position sattelfest zu erarbeiten, wird sie auch befähigt sein, meist bei FDP und SP, gelegentlich auch mit der SVP oder den Grünen die nötigen Mehrheiten in den Behörden zu beschaffen.

Die Diskussion über ihr These, cher Christophe Darbelley, und meine Gegenposition ist eröffnet!

Claude Longchamp

Mein Referat vor der PDC du Canton de Genève
Mein Referat vor der CVP des Kantons Zürich

Der SVP-Oppositionsflieger hat keine Starterlaubnis erhalten

Wie baut man einen Oppositionsflieger in der Schweiz? Mein Bauplan wäre klar:

Die Aerodynamik: Grundvoraussetzung für das Fliegen. Keine Regierungsbeteiligung mindestens auf Bundesebene, sonst kann der Flieger überhaupt nicht abheben.

Die Piloten: Im Cockpit ein erfahrener Captain mit Ruhe und strategischer Umsicht und ein junger ambitionierter Co-Pilot.

Die Triebwerke: Den Oppositionsflieger treibt man am besten mit Abstimmungssiegen an. So starke Düsentriebwerke gibt es in keinem anderen Land, denn überall sonst heisst Opposition: Abwarten und kritisieren, aber nicht blockieren und gestalten! Gewinnt man sogar ausserhalb der eigenen Kernthemen Abstimmungen, kann man das Schweizer System praktisch lahm legen.

Die Flugroute: In einem möglichst hohen, schnellen und weiten Flug eilt man am besten von Wahlsieg zu Wahlsieg in den Kantonen. So treibt man die anderen Parteien vor sich her, verunsichert sie, verwickelt sie in interne Konflikte und zwingt sie immer wieder zu Konzessionen.

Die finale Destination: Das Flugziel ist klar. Der Wahlsieg 2011, der nicht nur deutlich mehr Sitze im Parlament, sondern mindestens zwei Bundesräte und vielleicht sogar die Mehrheit im Bundesrat bringt.

Und die Bilanz, ein Tag nach der dreifachen Niederlage am 1. Juni 2008?

Die Frage der Aerodynamik ist immer noch nicht gelöst: In einem Fall hat man beim Startversuch viel Flurschaden hinterlassen, weil man statt einer Person eine ganze Sektion ausgeschlossen hat und im anderen Fall ist bis heute keine Lösung in Sicht. Ist dieser Oppositionsflieger fluguntauglich?

Die Piloten? Das Assessment war klar: Entweder diese beiden oder gar keine. Doch beim PreFlightCheck scheint den beiden die Puste auszugehen. War das Trainingscamp zu kurz, um den Oppositions-Kunstflug zu beherrschen? Oder lässt der Trainingsstand ganz generell zu wünschen übrig?

Die Triebwerke: Nach dem dreifachen Nein von gestern erscheinen die Triebwerke höchstens als Turbo-Props – gut geeignet, um die eigenen Schäfchen im Zaun zu halten, doch reihum brechen schwarze, grüne, blaue, rote und orange Schäfchen aus! Da scheint etwas am Bauplan schief gelaufen zu sein.

Die Flugroute: Die führte bisher eher durch heimische Gefilde – immer dem SVP-Sünneli nach. Aber der Blocher-Effekt bei den kantonalen Wahlen? Diesen können nicht einmal Studierende der St. Galler Uni nachweisen. Die Erfolge waren in einer Reihe mit den Erfolgen bei den letzten Wahlen – diese waren allerdings in der Tat beeindruckend! Die SVP fliegt, aber sie fliegt noch ganz bestimmt nicht interkontinental.

Die finale Destination: Die erscheint im Moment im Nebel und das Sünneli ist verdeckt. Eine breite Volksbewegung ist nicht ausgelöst – das Schweizer Volk hat dem Oppositionsflieger (noch?) keine Starterlaubnis erteilt.

…to be continued.

Interview mit der Aargauer Zeitung zu den Abstimmungen

Amerikanisierung der Wahlwerbung in der Schweiz

Pro Stimmberechtigten haben die Kandiderenden bei den Wahlen 2007 einen Fünfliber für Wahlwerbung ausgegeben. Damit rangiert die Schweiz zwischenzeitlich in einer ähnlichen Kategorie wie die USA. Zu diesem Schluss kommt die Wahlstudie “selects“, die heute publiziert wird.

1114522237_c1e5d01b3f.jpg

Für die Selects-Studie 2007 wurden erstmals auch National- und Ständeratskandidaten befragt. Die rund 1.700 selbstdeklarierten Angaben zu den Wahlkampfausgaben wurden schliesslich auf alle Kandidierenden hochgerechnet. So haben die Kandidierenden nach
eigenen Angaben rund 25 Millionen Franken ausgegeben, wie es in der Studie heisst.

6,1 Millionen Franken entfallen auf die Kandidaten der SVP, 5,9 auf die FDP, 4,9 Millionen auf die CVP, 2,5 Millionen auf die SP und 1,2 Millionen Franken auf die Grünen.

Zu den Ausgaben der Kandidatinnen und Kandidaten kommen nochmals die Ausgaben der Parteien dazu, die laut Schätzungen ebenfalls einen zweistelligen Millionenbetrag ausmachen.

Damit seien die Ausgaben pro Kopf in der Schweiz vergleichbar mit denen in anderen westlichen Demokratien. So erwarte man beispielsweise in den USA, dass für die kommenden Präsidentschaftswahlen 2008 mehr als eine Milliarde Dollar ausgegeben würden, was pro Stimmberechtigten rund fünf US-Dollar ausmache.

Mehr dazu unter:

Georg Lutz: Eidgenössische Wahlen 2007. Wahlteilnahme und Wahlentscheid. Lausanne 2008

NZZ Bericht

Kommentar auf www.zoonpoliticon.ch

Parteiische Interpretationen nützen nichts

Bei der Abstimmung über die Unternehmenssteuerreform vom 24. Februar 2008 haben sich vergleichsweise viele Stimmberechtigte erst in letzter Minute entschieden, hält die heute publizierte VOX-Analyse fest. Genau die Hälfte habe bei der Nachbefragung angegeben, sich erst in den beiden Wochen vor der Abstimmung endgültig entschieden zu haben. Wer sich früh gegelegt hatte, war zu 57 Prozent dafür und zu 43 Prozent dagegen, sagt die Analyse aus der Retrospektive. Wer das am Schluss tat, stimmte mit einer Wahrscheinlichkeit von 44:56 dagegen.

Anfangs Februar hielt die letzte Umfrage der SRG eigentlich genau Gleiches fest: 46% der teilnahmewilligen Stimmberechtigten seien bestimmt oder eher dafür und 31 % bestimmt oder eher dagegen. Das entspricht einem Quotientien von 59:41, also fast gleich wie das VOX-Ergebnis. Allerdings war, hielt die SRG Umfrage fest, noch 23 Prozent der Teilnahmewilligen noch ganz unentschieden.

Die Interpretation dieser Zahlen war indessen uneinheitlich. Ein Teil, der Massenmedien und der PolitikerInnen wertete das als “klares Ja”. Wir zogen einen anderen Schluss und hielten auf diesem Blog fest:

“Was heisst das alles für den Gebrauch von Umfragen unmittelbar vor Volksabstimmungen:

. Meist geht die Beteiligungsabsicht, wie wir sie in den letzten Umfragen erheben, am Schluss nicht mehr zurück. Ist das der Fall, sind alle Verallgemeinerungen schwer.

. Bei Volksinitiativen kann man Unentschiedene mit grosser Wahrscheinlichkeit grösstmehrheitlich auf die Nein-Seite zählen.

. Bei Behördenvorlagen ist Vorsicht mit allen Verallgemeinerungen angebracht. Ohne eine spezifische Analyse des Themas, seiner öffentlichen Verhandlungen und der Schlusskampagnen sind alle pauschalisierenden Schlüsse nicht mehr als Schnellschüsse.

Und die können locker daneben gehen!”

Eigentlich gibt es nur eine Schluss daraus: Nicht voreilig aus offenen Umfragesituationen einen Abstimmungssieg für die eine oder andere Seite machen zu wollen. Das ist das Geschäft der ParteigängerInnen, nicht aber der Politikwissenschaft! Man kann nur eines aus dem Ganzen lernen:

Erstens, es gibt parteiische Interpretationen von Umfrageergebnissen durch die Oeffentlichkeit.

Zweitens, sie nützen nicht, trotz der Ja-Interpretation ging der last swing ins Nein.

Drittens, parteiische Interpretationen dienen nur der Selbsttäuschung.