Archive for the 'Kommunikation' Category

Unschärfen, Prozesse und Systeme: Kein Tabu für aufstrebende JournalistInnen

Konstruktive und kritische Diskussionen der Rolle von Umfragen in Abstimmungen an der Schweizer Journalistenschule MAZ am 11.11.2009

Heute Morgen war ich Gast am MAZ – der Schweizer Journalistenschule. Mark Balsiger – Kollege, Campaigner und eben: Dozent fĂĽr politische Kommunikation am MAZ hat mich als Gast geladen, um ĂĽber Umfragen zur Minarett-Initiative zu sprechen.

Ich wählte einen stark deduktiven Zugang auf Basis des Dispositionsansatzes von Claude Longchamp. Ich hatte Angst, damit zu theoretisch zu werden. Die Diskussionen zeigten mir aber, dass die JournalistInnen den Grundgedanken der Meinungsbildungsprozesse gut nachvollziehen konnten.

Das erste Beispiel betraf die Personenfreizügigkeit ein mit den entsprechenden Modellbeispielen zu Behördenvorlagen. Sehr schnell viel der starke Anstieg des Ja-Anteils zwischen letzter Umfrage und Abstimmungsresultat aus. 1. Punkt für die Studierenden!

Zweites Beispiel war dann Minarett-Initiative. Die Modellbeispiele sind hier anders als Behördenvorlagen und trotzdem wagte sich ein Studierender an die These, um welchen Modellfall es sich handeln könnte. Ich selbst hätte vor der Umfrage auf einen anderen Idealtyp gewettet – nämlich auf eine Mehrheitsfähigkeit in der Ausgangslage. Aber der Journalist hat klar eine relative Nein-Mehrheit bei tiefer Unentschiedenheit erwartet und zudem wenig Meinungswandel bis zum Schluss. Praktisch zitiert aus unserer Synthese zur ersten Welle – und ich glaube ohne entsprechendes Vorwissen.

2. Punkt für die Studierenden und einen dritten Extrapunkt für absolut stimmige Thesen – stimmger als es die Politologen ohne Vorwissen machen würden!

Zum Glück beziehen sich PolitologInnen wenn immer möglich auf relevante und empirische Grundlagen und nicht auf ihre Intuition.

Es bleibt das Fazit: Meine Kritik gewisser Tendenzen in Medien wie der Hyperpersonalisierung ist keine Kritik an mangelnder Kompetenz oder übermässigem Drang zur Vereinfachung einzelner JournalistInnen. Es ist eine Systementwicklung, die ich kritisch beobachte. Und ich hoffe, dass nach dem heutigen Tag die JournalistInnen diese Systemkritik nicht personalisieren und damit auf sich beziehen. Dafür hatte ich viel zu viel Freude an diesem Austausch!

Die Unterlagen können auf Nachfrage über lukas.golder@gfsbern.ch für private Zwecke oder als Unterrichtsmaterialien bezogen werden.
Der Blog von Mark Balsiger
maz

Analyse ist eine zentrale Ingredienz der integrierten Kommunikation

Fazit zu einer preisgekrönten Kampagne

Ein Kommunikationskonzept enthält zwingend eine Situationsanalyse. Sehr oft wird da ein Missstand beschrieben. Sehr gerne stellt man sich in diesem Moment in ein schlechtes Licht. Und sehr gerne spart man sich da Hirnschmalz, wo es um den Status quo geht. Je schlechter und unreflektierter die Situation analysiert wird, desto einfacher ist am Schluss das Eigenlob. Und die Gefahr einer falschen Strategie steigt. Bei grossen öffentlichen Kampagnen ein kaum tragbares Risiko auf Kosten der Steuerzahlenden.

Kampagne gegen Schwarzarbeit

Die Kampagne gegen Schwarzarbeit hat es sich nicht so leicht gemacht. Sie hat die Situation unter anderem mit einer Planungsstudie untermauert. Und sie hat sich am Schluss evaluieren lassen. Die entsprechenden Berichte sind publiziert.

Und die Kampagne hat den ersten Preis “Communicator 2009″ gewonnen am “Award Corporate Communications 2009″.

Wir gratulieren herzlich.

Kampagne:
www.keine-schwarzarbeit.ch

Unsere Berichte

Der Arzt und meine Diagnose zur FMH: am Ende kein Latein

Heute wurde die FMH-Mitglieder-Studie publiziert. 7′897 Ă„rztinnen und Ă„rzte haben an der Online-Umfrage teilgenommen und wir waren ĂĽberrascht vom hohen RĂĽcklauf.

Die Studie schliesst einen Kreis in meinem Leben, der aus einem Arzt, Latein und politischen Blockaden besteht.

Arzt
Mein Vater ist Arzt und ich bin demnach ein filius medici. Er nahm mich ab und zu mit ins Spital Wattenwil. Während seiner Visite wurde ich von von Krankenschwester perfekt betreut um nicht zu sagen verwöhnt. Kein Wunder, dass mit der Aussicht auf ein verwöhntes Leben mein Traumberuf Arzt war!

Latein
Mein Vater hat mir dann klar gemacht, dass ich UNBEDINGT Latein lernen mĂĽsse, um Arzt zu werden. Leider verfĂĽge ich in diesem Bereich ĂĽber gar kein Talent. So wurde mir nach 18 Jahren, wovon 4 mit ungenĂĽgenden Lateinoten klar, dass ich meinen Traumberuf nicht studieren wollte.

Politische Blockaden
Auch dank meinem Vater bin ich politisch interessiert. Mit 18 konnte ich erstmals stimmen – und gleich beim EWR! Meine Ăśberraschung war riesig, dass ein Nein resulierte und damit eine politische Blockade in der Europapolitik entstand. So kam ich auf ein lebhaftes Interesse an der direkten Demokratie. Und schliesslich zum Studium der Politikwissenschaften.

Der Kreis schliesst sich
So nahe am Puls der Ă„rtzeschaft war ich noch nie. Fast unzählige direkte RĂĽckmeldungen in den offenen Fragen und klare Bekenntnisse zur Tätigkeit der FMH konnten wir in unserem Forschungsteam auswerten. Und siehe da: Die Ă„rzteschaft in der Schweiz ist heute erheblich politisiert und frustriert. Im Berufsalltag stört die politische Blockade im Gesundheitswesen und alles andere ist Nebensache. Es ist ein eigentlicher “Ileus magnus”: Ein heftiger Darmverschluss! Und mit der lateinischen Diagnose einer eigentlichen politischen Blockade in der Gesundheitspolitik schliesst sich ein Kreis in meinem Leben.

Am Ende kein Latein
Aus der europapolitischen Blockade konnte man herauskommen. Es brauchte Zeit, viel Pragmatismus, Ăśberzeugungskraft und Arbeit. Es brauchte Verhandlungsgeschick und Kompromissbereitschaft. Aus Sicht der FMH-Mitglieder ist es zentral, dass sie ihren Einfluss auf die Gesundheitspolitik stärker und sichtbarer macht. Dass sie ihre Ziele konsequent und strategisch verfolgt aber dabei klar auf die BedĂĽrfnisse der anderen Zielgruppen und der Bevölkerung RĂĽcksicht nimmt. Zu den klassischen Aufgaben als Interessenverenigung wird fĂĽr die FMH eine neue neue hinzu kommen – so mindestens unsere These: Campaigning. Die Kunst Strategie und Kommunikation zu einem Ganzen werden zu lassen. Am Ende der Studie also kein Latein, sondern plattes Englisch. Obwohl sich der Kreis schliesst, bleibt der Schuster bei seinen Leisten. Und der Politologe hofft auf eine baldige Genesung des Gesundheitswesens.

Das Image erklärt nicht alles. Aber es zählt neben Fakten.

Die Sendung Einstein hat ein Strassenexperiment der Universität Zürich dargestellt. Es zeigte eine hohe Zuordnung der ProbandInnen einer CVP-Aussage sowohl zu Toni Brunner wie zu Christian Levrat. Stutzig wurde ich bei der Übereinstimmung von ca. 95% und mehr bei den zwei Testgruppen, welche die gleiche CVP-Aussage als sehr typisch für Toni Brunner wie für Christian Levrat bewerteten.
Erklärt Image alles?
Was wäre gewesen, wenn sich Toni Brunner fĂĽr die EU eingesetzt hätte und Christian Levrat fĂĽr eine Reduktion der AHV? Tatsächlich spricht Fichter von “gewissen Grenzen”.
Die Forderung nach mehr Repression und Prävention kann – und das meine ich als Politologe und nicht als Imageforscher – durchaus inhaltlich fĂĽr die SVP und die SP stehen. Hier kommt es auf den Kontext und die Details an. Meist ist eine Forderung so formuliert, dass sie fĂĽr Viele glaubwĂĽrdig tönt aber in den Details dann auf die eigene Wertfundierung der jeweiligen Partei dreht. Das ist das Wesen glaubwĂĽrdiger Kommunikation. Die Zuordnung einer Aussage zur CVP wird dadurch schwierig, weil es der Partei nur schwerlich gelingt, sich selber zwischen den Polen zu positionieren. Sie muss versuchen, vernĂĽnftige Argumente zwischen den Polen zu finden. Deshalb könnte je nach Kontext die Forderung von Repression & Prävention in der Kriminalität eben fĂĽr die klarer positionierten SP und SVP stehen, kommt aber von der CVP. So ist der Wahlkampf 07 und das Thema Kriminalität mehr oder weniger auch verlaufen: Nachdem die SVP das Thema prominent in den Wahlkampf brachten, sorgte das Duo GalladĂ©/Jositsch von der SP mit Repressionsforderungen fĂĽr Furore. Da wird es wirklich eng zwischen den Polen!

Wie bekannt sind eigentlich Toni Brunner und Christian Levrat? Fulvio Pelli und Hans-JĂĽrg Fehr brachten es kurz vor der Wahl auf knapp 60% Bekanntheit. Wenn also ein Drittel der ProbandInnen die beiden gar nicht kannten, aber 95% aus Sicht der Forschenden eine richtige Zuordnung machten, dann gibt das Zweifel.

Und wie neu ist diese Erkenntnis?
Aus unserer Sicht überhaupt nicht. Image spielt eine Rolle. Wir haben den Einfluss systematisch und repräsentativ bei den Wahlbarometern erhoben. Dass Mediendemokratie und Image und dass auch Aussehen und Verpackungsfaktoren bei Wahlen eine zentrale Rolle einnehmen, scheint aufgrund des Wahlbarometers aber sogar aus dem Alltagswissen heraus klar. Wir haben bewusst unser Wahlmodell mit solchen Faktoren erweitert.

Dass aber Issues und Werthaltungen keine Rolle mehr spielen würden, ist absolut absurd: Hierzu gibt es zuviel Evidenz. Es ist Common Sense in der Imageforschung für Unternehmen, dass die Wertfundierung und das Issue-Management zentrale Komponenten neben dem Produkt und der Verpackung sind und dass daraus die Corporate Identity entsteht. Die Politisierung umd Mediatisierung der Wirtschaft hat genau zu solchen ganzheitlichen Ansätzen geführt. Das hat die Politik längst und wohl sogar früher erkannt. Der EWR, die Positionierung von Christoph Blocher und der permanente medial geführte Wahlkampf einer schlagfertigen (Zürcher)-SVP als Paket machten die SVP erst attraktiv. Und dies gab ihr auch ein Image von welchem sie bis zu den letzten Wahlen massiv profitieren konnte. Aber das Sünneli im Logo oder ein fröhlicher bodenständiger Bauer machen nur mit Geschwurbel noch keinen Wahlerfolg aus.

Abstimmungsumfragen haben sich erneut bewährt

Vier der fünf eidgenössischen Volksabstimmungen zum Wochenende hat das Forschungsinstitut gfs.bern im Vorfeld mit Befragungen für die SRG SSR idee suisse untersucht. In allen vier Fällen lieferten die Vorerhebungen zutreffende Einschätzungen des Abstimmungsausganges, und erhellten die Trends die erwartbaren Entwicklungen in der Meinungsbildung. Eine kurze Evaluierung.

Die drei untersuchten Volksinitiativen begannen gemäss der ersten Umfrage alle besser, als sie am Abstimmungstag abschnitten. Die AHV-Initiative verlor 10 Prozentpunkte an Zustimmung, die Hanf-Initiative und die Verbandsbeschwerde-Initiative je 8. Grösser waren die Veränderungen in den Nein-Anteilen. Bei der AHV-Initiative vermehrte sich die Gegnerschaft um 29 Prozentpunkte, bei der Verbandsbeschwerde-Initiative um 26 und bei der Hanf-Initiative um 21 Prozentpunkte.

AHV-Initiative

AHV-Initiative

Die Entwicklungen entsprechen der hauptsächlich erwartbaren Trends bei Volksinitiativen, wie sie im Dispositionsansatz seit rund 10 Jahren postuliert werden. Mit der Problematisierung von Initiativen während des Abstimmungskampfes wächst das Nein schnell und stark an. Es übernimmt die anfänglich unschlüssigen, teilweise auch ursprüngliche BefürworterInnen.

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Verbandsbeschwerde-Initiative

Das hat mit verschiedenen Effekten zu tun: Die Mobilisierung steigt während des Abstimmungskampfes an, was eher den Gegnern nützt. Die Kampangen gegen Initiative sind auf die schwächste Stelle des Anliegens gemünzt, was die negative Meinungsbildung bei den Unschlüssigen und den partiziellen Meinungsumschwung erklärt.

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Hanf-Initiative

Verallgemeinert gesprochen hat das damit zu tun, dass vor einem Abstimmungskampf das Problem bekannt und von den Initianten besetzt und die vorläufige Meinungsbildung bestimmt. Während des Abstimmungskampfes ändert sich aber der Focus hin zu den vorgeschlägenen Lösungen, die primär aufgrund ihrer Schwäche beurteilt wird.

Diese allgemein gut bekannte Entwicklung sind in allen untersuchten Initiativ-Fällen mit der zweiten Erhebung richtig erkannt worden, und die Verlängerung der Trends aus dem Umfragenvergleich bis zum Wahltag gibt eine brauchbare Prognose für das Endergebnis. Stellt man auf die Trendverlängerungen bei den Ja-Anteilen ab, wird diese noch genauer, als wenn man die Nein-Anteil extrapoliert.

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Änderung Betäubungsmittelgesetz

Beim Betäubungsmittelgesetz gilt diese Mechanismus typischerweise nicht. Es war keine Initiative, sondern eine Referendumsabstimmung zu einer Behördenvorlagen. Die Meinungsbildung war in viel höherem Masse vorgefertigt, weil die Vorlagen nicht etwas Neues vorschlug, sondern im wesentlichen die bisherige Politik im Gesetz festhielt. Die Erfahrungen, die man mit der Praxis gemacht hatte, bestimmte die Meinungsbildung weitgehend, sodass die Kampagnen die bisherige Meinungsbildung nur noch verstärkte, nicht aber mehr veränderte.

Das ist das bekannte Szenario bei Behördenvorlagen, die sich auf Alltagserfahrungen stützen können. Die Messwerte im Voraus bestätigten die Erwartungen. Das Endergebnis zeigt, dass in diesem Falle eine Minderheit der Unschlüssigen ins Ja, eine Mehrheit aber auf die Nein-Seite wechselt.

Neues Abstimmungsstudio – bewährtes Team

Es ist Abstimmungstag. Tag der Hochrechnungen, der Erstanalysen, der Kommentare. Das Programm ist fast wie gehabt. Doch das Studio ist neu.

Letzte Vorbereitungen vor dem Start im neuen Abstimmungsstudio

Letzte Vorbereitungen vor dem Start im neuen Abstimmungsstudio

“Wenn Sie das GefĂĽhl haben, das Studio sehe nicht so aus wie bisher, dann haben Sie recht. Wenn Sie zudem das GefĂĽhl haben, das sehe fast so aus wie die Arena, dann haben Sie auch recht.”

In der Tat findet der Abstimmungsnachmittag im neuen multifunktionalen Arena-Studio im Leutschenbachstudio statt, das fĂĽr die Zwecke leicht umgestaltet worden ist. Gleich ist dafĂĽr das Team der Kollegen vom Fernsehen und vom gfs.bern, und gleich ist auch der Ablauf:

Von 1200 bis 1330 gibt es erste Trends,
von 1330 bis 1430 Hochrechnungen,
von 1500 bis 1630 Erstanalysen.

Ab 1700 folgen die Uebersichten und politischen Wertungen.

Heute werden 4 der 5 Vorlagen hochgerechnet, – aus KapazitätsgrĂĽnden. Das gibt auch so 16 Einsätze fĂĽr Fernsehen und Radio in verschiedenen Sprachen. Mehr bringt man gar nicht richtig ĂĽber den Sender. Die Chefredaktoren der SRG Medien entschieden, dass wir die Unverjährbarkeitsinitiative nicht speziell hochrechnen.

Bei den Proben am Morgen spĂĽrte man ein wenig die Stimmung unter den GrafikerInnen. Die Dummy-Grafiken hatten alle leicht bizzare Ergebnisse eingearbeitet. Bei der Hanf-Initiative waren 88 Prozent auf der Ja-Seite aufgefĂĽhrt … ein Wert, der sicher korrigiert wird, wenn die seriösen Ergebnisse vorliegen.

Denn, so wie es momentan aussieht, weiss man bei den vier Trendrechnungen von 1230 bereits, wie es um die AHV-Initiative steht, was bei der Verbandsbeschwerde passiert und die Hanf-Vorlage ausgeht. Gleiches gilt auch für das Betäubungsmittelgesetz.

***

Zwischenzeitlich ist alles klar. Das Betäubungsmittelgesetz wird mit rund 68 Prozent Zustimmung angenommen. Die AHV-Initiative scheitert, mit rund 58 Prozent Ablehnung. Noch deutlich ist die Ablehnung der Hanf- und der Verbandsbeschwerde-Initiative, wo rund zwei Drittel auf der Nein-Seite sind. Unklar ist der Ausgang bei der nicht-hochgerechneten Unverjährungsinitiative.

Geburt einer Kommunikationsstrategie – Vom Wesen der integrierten Kommunikation

Organisationen haben oft viele Kommunikationsprobleme und nur eines nicht: Zeit, um eine Strategie auszuarbeiten. Solange die Situation nicht genau analysiert und die Instrumente nicht kritisch hinterfragt sind, fliegt man ohne Radar.

Fast alle wissen es: Kommunikation wirkt nicht einfach besser, nur, weil man mehr investiert. Und trotzdem erkenne ich im Alltag zwar viele Kommunikationsinstrumente aber kaum je ein spannendes Konzept. Hinzu kommt: Ein neues Konzept heisst Aufwand, Unsicherheiten und Konflikte.

Ergänzend zu einer Beratung oder bevor eine Beratung einsetzt, sollte man die Lage intern und extern sauber analysieren. Die systematische Auseinandersetzung mit der eigenen Situation ist die eigentliche Geburtstunde einer Kommunikationsstrategie. Sobald diese Hürde jeweils genommen ist, erscheint der weitere Prozess viel spannender, herausfordernder und konkreter als vorher. Im Sinne der integrierten Kommunikation ist die Verschränkung zur Strategie der Organisation und der Kommunikationsstrategie deutlicher und zwar für beide Seiten – der Kommunikation und den Verantwortlichen für die Strategie:

Der Beitrag der Kommunikation wird dank einer gemeinsamen Auseinandersetzung mit der externen und internen Wahrnehmung klarer. Diese Verschränkung mit der Strategie ist das eigentliche Wesen der integrierten Kommunikation. Sie integriert eben nicht nur Massnahmen, sondern bündelt die Massnahmen im Sinne des Ganzen.

Die effektive Ausarbeitung der Strategie und die operative Umsetzung fällt einem leichter und die Anerkennung ist eher vorhanden, wenn das Kommunikations-Controlling zum Schluss aufzeigen kann, wie die Wirkung der verschiedenen Massnahmen war.

Viel Geburtshilfe ist gar nicht nötig. Einzig die Neugier, wie man eigentlich aus kommunikativer Sicht dasteht.

Internet verändert die Behördenkommunikation stärker als die politische Meinungsbildung

Die politische Kommunikation in Demokratien war lange geprägt durch eine Zweiteilung in einen hoch vertraulichen Teil (Diplomatie, Nachrichtendienste) und einen stark von Öffentlichkeit geprägten Teil (Parlamente, öffentliche Entscheidungsprozesse wie Wahlen und Abstimmungen). Diese für die strategische Kommunikationsführung sehr einfache Zweiteilung löst sich heute zunehmend auf: Öffentliche Diplomatie ist zu einem Schlagwort geworden und die Massenmedien gemeinsam beispielsweise mit NGOs oder Interessenorganisationen prägen Entscheidungsprozesse oft schon in einem frühen Stadium mit gezielten Veröffentlichungen oder Indiskretionen. Damit sind die Anforderungen an die politische Kommunikationsführung sprunghaft gestiegen.

Behördenkommunikation ist ein spezifischer Bestandteil der politischen Kommunikation. Sie ist beschränkt auf den Austauschprozess zwischen den mit der Umsetzung von Gesetzen beauftragten Instanzen mit ihren verschiedenen Anspruchsgruppen. Es ist oft eine hoheitliche Kommunikation, da mit der Umsetzung von Gesetzen auch gewisse Machtmittel eingesetzt werden: Die Steuererklärung ist genauso wie die Festnahme durch die Polizei Teil der Behördenkommunikation.

Die Behördenkommunikation ist wie die politische Kommunikation im Wandel. Und ich behaupte sogar: Stärker im Wandel als die politische Kommunikation!

Ich teile meine Argumentation in drei Teile auf:

1.
Im Rahmen internationaler und nationaler Verflechtungen wurde das StaatsgefĂĽge immer komplexer, was die Kommunikation mit dem Ziel der Verständigung zwischen Anspruchsgruppen und Behörden erschwerte. Zudem wurde das Expertenwissen bei Behörden konzentriert – PolitikerInnen als Generalisten, BehördenvertreterInnen als Spezialisten. Der Austauschprozess wurde damit insgesamt anspruchsvoller.

2.
Der Kommunikationswandel und die Mediatisierung der Gesellschaft veränderten auch die Behördenkommunikation massiv. Die Institutionen- und Behördenkritik ist Teil der populistischen Politik. Der Aufstieg behördenkritischer Parteien wie in der Schweiz die SVP liess die Behörden als eigenständiger politischer Akteur erscheinen. Dies verstärkte die Folgen des Strukturwandels der Öffentlichkeit.

3.
Seit Langem spricht die Forschung von der Revolution der politischen Kommunikation wegen des Internets. Die bisherigen Nutzungszahlen von Internet im Rahmen der Meinungsbildung sind vergleichsweise gering (hier die Zahlen von VOX-Trend). Die Vernetzung zu bisherigen Medien über etablierte Medienhäuser ist in der Berichterstattung über die politische Aktualität ebenfalls stark. Damit gibt es eine starke Abhängigkeit von Internet und Massenmedien. Die Bedeutung des Internets wächst, aber die politische Kommunikation entwickelt sich auch auf anderen Ebenen enorm: So hatten insbesondere wegen des Verbots politischer Werbung in Radio und Fernsehen die Plakate im Wahlkampf 2007 eine hohe Bedeutung.

Anders sieht es aus, wenn es statt um politische Meinungsbildung um den Austauschprozess zwischen Behörden und den Anspruchsgruppen geht. Sobald nämlich Akteure nicht nur vernetzt sind, sondern auch routinemässig auf das Internet zugreifen, wird das Internet immer bedeutender. Das gilt weniger fĂĽr die breite Ă–ffentlichkeit, als vielmehr beispielsweise fĂĽr das Management von Unternehmen. Entscheidungsträger von Unternehmen greifen fĂĽr ihre Arbeit in fast allen Belangen auf das Internet zurĂĽck. E-Government hat so eine wachsende Bedeutung insbesondere auch in Mikro- und Kleinunternehmen – schon seit längerem fĂĽr grosse Firmen.

Der Austausch von Unternehmen mit den Behörden findet in zunehmendem Mass ĂĽber das Internet statt und ersetzt hier andere Kommunikationskanäle, wie vorerst das Telefon. Das Internet wird zum zentralen Dreh- und Angelpunkt zwischen Behörden und Firmen, zur zentralen Visitenkarte des Staates gegenĂĽber Personen, die routiniert mit dem Internet arbeiten. Zudem wächst der Anspruch, statt nur Informationen gesamte Prozesse ĂĽber das Internet zu erledigen – das gilt zwischen Unternehmen und zwischen Communities. Es gilt aber auch in wachsendem Mass zwischen Unternehmen und dem Staat. Der Staat ist im Bereich E-Government aktiv. Der Prozess ist aber erst am Anfang. Er wird die Behördenkommunikation noch stark verändern.

Zum Bericht E-Government für Unternehmen mittlerweile wichtiger als persönlicher Kontakt.

Parteiische Interpretationen nĂĽtzen nichts

Bei der Abstimmung über die Unternehmenssteuerreform vom 24. Februar 2008 haben sich vergleichsweise viele Stimmberechtigte erst in letzter Minute entschieden, hält die heute publizierte VOX-Analyse fest. Genau die Hälfte habe bei der Nachbefragung angegeben, sich erst in den beiden Wochen vor der Abstimmung endgültig entschieden zu haben. Wer sich früh gegelegt hatte, war zu 57 Prozent dafür und zu 43 Prozent dagegen, sagt die Analyse aus der Retrospektive. Wer das am Schluss tat, stimmte mit einer Wahrscheinlichkeit von 44:56 dagegen.

Anfangs Februar hielt die letzte Umfrage der SRG eigentlich genau Gleiches fest: 46% der teilnahmewilligen Stimmberechtigten seien bestimmt oder eher dafĂĽr und 31 % bestimmt oder eher dagegen. Das entspricht einem Quotientien von 59:41, also fast gleich wie das VOX-Ergebnis. Allerdings war, hielt die SRG Umfrage fest, noch 23 Prozent der Teilnahmewilligen noch ganz unentschieden.

Die Interpretation dieser Zahlen war indessen uneinheitlich. Ein Teil, der Massenmedien und der PolitikerInnen wertete das als “klares Ja”. Wir zogen einen anderen Schluss und hielten auf diesem Blog fest:

“Was heisst das alles fĂĽr den Gebrauch von Umfragen unmittelbar vor Volksabstimmungen:

. Meist geht die Beteiligungsabsicht, wie wir sie in den letzten Umfragen erheben, am Schluss nicht mehr zurĂĽck. Ist das der Fall, sind alle Verallgemeinerungen schwer.

. Bei Volksinitiativen kann man Unentschiedene mit grosser Wahrscheinlichkeit grösstmehrheitlich auf die Nein-Seite zählen.

. Bei Behördenvorlagen ist Vorsicht mit allen Verallgemeinerungen angebracht. Ohne eine spezifische Analyse des Themas, seiner öffentlichen Verhandlungen und der Schlusskampagnen sind alle pauschalisierenden Schlüsse nicht mehr als Schnellschüsse.

Und die können locker daneben gehen!”

Eigentlich gibt es nur eine Schluss daraus: Nicht voreilig aus offenen Umfragesituationen einen Abstimmungssieg für die eine oder andere Seite machen zu wollen. Das ist das Geschäft der ParteigängerInnen, nicht aber der Politikwissenschaft! Man kann nur eines aus dem Ganzen lernen:

Erstens, es gibt parteiische Interpretationen von Umfrageergebnissen durch die Oeffentlichkeit.

Zweitens, sie nĂĽtzen nicht, trotz der Ja-Interpretation ging der last swing ins Nein.

Drittens, parteiische Interpretationen dienen nur der Selbsttäuschung.

“Technische Kurzberichte” zu Umfragen

Die Branchenvereinigung VSMS, in der die relevanten Umfrageinstitute der Schweiz zusammengeschlossen sind, verlangt von ihren Mitgliedern, dass sie, beispielsweise bei Wahl- und Abstimmungsbefragungen, die technischen Angaben zu den Umfragen publik machen.

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Erwähnt werden muss minimal , wer der Auftraggeber ist, wer die Umfrage verantwortet, wie die Stichprobe war, wann befragt wurde, und was die statistischen Aussagegrenzen sind.

Seitens der Umfrageinstitute ist das heute kaum mehr ein Thema; es wird routinemässig erledigt. Es soll den KonsumentInnen von Umfragen zeigen, was man aus einer Umfrage ableiten kann und was nicht. Das Forschungsinstitut gfs.bern hat seinerseits die diesbezüglichen Informationen auf der eigenen Website ausgebaut, und publiziert die technsichen Angaben zu allen veröffentlichten Umfragen regelmässig. Im aktuellen Fall der abstimmungsbezogenen Umfrage für die SRG SSR idée suisse bedeutet dies:

  • Grundgesamtheit: Stimmberechtigte in der ganzen Schweiz.
  • Erhebungsmethode: CATI (computerunterstĂĽtzte Telefoninterviews).
  • Befragungszeitraum: 14. April bis 19.April 2008
  • Mittlerer Befragungstag: 15.April 2008 (Median)
  • Stichprobengrösse: Total N=1207, Abstimmungsteilnahmewillige n = 781
  • Stichprobenbildung: sprachregional geschichtete, doppelte Zufallsauswahl (Haushalte, BewohnerInnen)
  • Statistischer Stichprobenfehler: +/- 2.9 Prozentpunkte (bei N = 1207), +/- 3.6 Prozentpunkte (bei n = 781) beide bei 50%/50%-Verteilung und 95% Wahrscheinlichkeit.

Dennoch sind die Diskussion ĂĽber die technischen Berichte zu Umfragen nicht abgeklungen. Das hat zwei GrĂĽnde:

Erstens, Nicht-Mitglieder der Branchenvereinigung müssen sich nicht an die Vorgaben halten. Das betrifft vor allem ausländische Institute, die in die Schweiz drängen, und sich in der Regel nicht um eine Verbandsmitgliedschaft in der Schweiz kümmern resp. sich auch nicht an den etablierten Standards orientieren.

Zweitens, Medien sind besondere Kunden, denn sie sind gleichzeitig auch wichtige Verbreiter von Umfrageergebnissen. Die Entwicklung bei den Medien, technische Berichte weiterzugeben verläuft unterschiedlich; einige sind hier aktiver, die meisten passiv. Das gilt vor allem dann, wenn es sich um kurze Meldungen zu Ergebnissen handelt.

Es laufen gegenwärtig Diskussionen, wie das verbessert werden kann. Unmittelbarer Ansatzpunkt ist der regelmässige Dialog mit dem Medienkunden. Mittelbar ist denkbar, dass der Verband der Umfrageinstitute interveniert, wenn sich ein Medium nicht an die Vorgaben hält. Am besten wäre es, der Presserat würde hier Klarheit schaffen, Vorgaben machen und als Organ der Massenmedien selber intervenieren.

Ein gutes Beispiel aus unserer Sicht, das für die aktuellen Veränderungen steht, die in dieser Hinsicht stattfinden, kann man hier nachschlagen.