Minarett-Initiative: parteipolitische Polarisierungen, Bildungsstrukturen und gelebte religiöse Offenheit.

Am Tag nach der Abstimmung vom 29. November 2009 liegen die Bezirksergebnisse zu den Volksentscheidungen vollständig vor. Sie erlauben es, Aussagen zu strukturellen Merkmalen der Ja- und Nein-Seite zu machen. Sie ersetzen Nachuntersuchungen wie die VOX-Analysen nicht, denn nur diese geben über individuelles Verhalten Auskunft.

Hat der Anteil Muslime in der Bevölkerung in einer Region die Zustimmung zur Minarett-Initiative in dieser Region befördert oder nicht? Diese Frage stellt sich bei diesem Thema unweigerlich. Dabei zeigt sich dass drei der vier Standortgemeinden von Moscheen mit Minaretten gegen die Initiative waren. Eine, Wangen, war dafür, genauso wie jene, bei denen Baugesuche hängig sind.

Etwas verallgemeinert kann man den Zusammenhang wie folgt darstellen: Zustimmung zur Initiative einerseits, dem Anteil Muslime anderseits.

diagramm
Jeder Punkt symbolisiert einen der schweizerischen Bezirke, wobei die Position durch den Muslimanteil und die Zustimmung zur Minarett-Initiative bestimmt wird.

Ergebnis: Eine einfache Bobachtung gibt es nicht. Vordergründig gilt: Je mehr Muslime es in der italienischsprachigen Schweiz hat, umso mehr war man für die Initiative. In der französischsprachigen Schweiz gilt aber genau das Gegenteil, und in der deutschsprachigen Schweiz kann man keinen Zusammenhang feststellen.

Den relevanten Kontext kann man vertieft untersuchen. Es gilt: dort

• wo ein hoher Anteil der Bevölkerung eine sekundäre Bildung hat, sprich eine Berufsschule absolviert hat,
• wo die SVP in den letzten Wahlen stark war,
• und überdurchschnittliche viele Muslime leben,

erhielt die Initiative ihre starke UnterstĂĽtzung.

Unter diesen Bedingungen bekam die Minarett-Initiative namhaft mehr Unterstützung als es etwa der SVP-Wähleranteil erwarten lässt.

Ganz typisch hierfĂĽr sind Bezirke wie Kulm, Bischofszell oder auch Unterrheintal. Sie erfĂĽllen alle Kriterien, und sie waren zu rund drei Viertel der Stimmenden fĂĽr die Initiative.

Das Gegenteil findet sich namentlich dort,

• wo ein hoher Anteil der Bevölkerung eine tertiäre Bildung, sprich eine Hochschule absolviert hat,
• wo der SP-Anteil bei den letzten Wahlen stark war
• und wo eine jüdische Gemeinde existiert.

Das ist beispielsweise in der Stadt ZĂĽrich oder in der Stadt Genf der Fall. Es trifft auch auf die Stadt Bern zu.

Die Polarisierung zwischen SVP und SP konnte erwartet werden, denn es waren die Parteien, welche die Pole der Parteienlandschaft und in dieser Frage am stärksten prägen. Die Erweiterung durch die Bildungsstruktur, die darüber hinaus eine Erklärungskraft hat, zeigt, dass die sozialen Schichten mit ihren typischen Werthaltungen miteinbezogen werden müssen. Es macht auch deutlich, dass ein religiöser Pluralismus nicht von alleine existiert. Er muss sich aus den gesellschaftlichen Verhältnissen heraus entwickeln.

Das hier skizzierte Modell der Erklärung ist statistisch besser als die einfache Reduktion der räumlichen Unterschiede zwischen Sprachregionen oder Siedlungsart, wie es auch schon Abstimmungssonntag aufgrund der Kantonsergebnisse gelesen werden konnte. Es erklärt mit 3 Erklärungsvariablen 65 Prozent der vorfindbaren Varianz der Abstimmungsergebnisse auf räumlicher Ebene.

gfs.bern, 30.11.2009

0 Responses to “Minarett-Initiative: parteipolitische Polarisierungen, Bildungsstrukturen und gelebte religiöse Offenheit.”


  1. No Comments

Leave a Reply