Anti-Minarett-Initiative: Ja nimmt zu – Nein unverändert stärker

Gemäss der zweiten Umfragen unseres Institut zu den Volksabstimmungen vom 29. November 2009 nimmt die Unterstützung zur Minarett-Initiative zu, bleibt aber minderheitlich. Das ist für eine Volksinitiative unüblich. Was ist geschehen?

Tagesschau vom 18.11.2009

Den Mechanismus der Meinungsbildung bei Volksinitiativen von links und rechts kennt man recht gut. Meist nehmen sie Themen auf, die in der Öffentlichkeit längst diskutiert wurden und versuchen, sie einer Lösung zuzuführen. Deshalb haben sie in Umfragen weit vor der Abstimmung meist eine höhere Zustimmungsquote, während diese während dem Abstimmungskampf sinkt. Denn am Anfang betrachtet man das mit der Initiative verbundene bekannte Problem, am Schluss die mit ihr vorgeschlagenen Lösungen.

Dieser übliche Mechanismus findet sich bei der Minarett-Initiative nicht. Das Nein nimmt nicht zu; es bleibt stabil. Das Ja nimmt nicht ab, es verstärkt sich.

Die Analyse der Umfrageergebnisse im Zeitvergleich differenziert diesen Eindruck zunächst:

. Die Beteiligungsabsichten steigen. Sie liegen aktuell bei überdurchschnittlichen 50 Prozent. In den letzten vier Wochen wurden vor allem parteiungebundene BürgerInnen zusätzlich mobilisiert.
. Die Zustimmungsabsicht haben vor allem bei diesen Parteiungebundenen zugenommen. Sie wächst auch in der deutschsprachigen Schweiz über dem Mittel, und sie ist überdurchschnittlich in kleinen und mittleren Agglomerationen.
. Die Meinungsbildung in den bürgerlich-liberalen Parteien verläuft unterschiedlich: An der Basis der CVP geht der Trend nun eher ins Nein, bei der FDP eher ins Ja.

Die GrĂĽnde hierfĂĽr erkennt man vor allem aus dem Vergleich der Meinungsbildung:

Erstens, argumentativ hat die Nein-Seite nicht wie sonst üblich die zentrale Botschaft des Abstimmungskampfes entwickeln können. Dass sich die Schweiz mit einem Ja zur Initiative im Ausland schaden zufügen würde, ist zwar das populärste Argument der Gegnerschaft, es findet aber nur gerade bei 52 Prozent eine Zustimmung. Argumente zur Missachtung der Menschenrechte und zum Bauverbot treffen die Mehrheitsmeinung nicht hinreichend. Das gilt auch für die Diskreditierung des Gegners.

Zweitens, die Debatte, welche die Initiative ausgelöst hat, hat sich längst über die Minarett-Frage und die Religionsfreiheit hinaus zu einer generell islamkritischen Debatte entwickelt, die vor allem von der Gegnerschaft geführt und von den Medien breit transportiert wird. Der Ruf, gegen die mangelnde Integration der Muslime im Alltag ein Zeichen zu setzen, ertönt immer lauter, und er findet gemäss Umfrage auch immer mehr Zuspruch.

Das Ganze gleicht ausgeprochen der Situation, die wir vor genau 20 Jahren hatte, als – unter politisch umgekehrten Vorzeichen – ĂĽber die Abschaffung der Armee angestimmt wurde. Die Verdrängung einer fälligen Diskussion half auch damals den Initianten tendenziell.

Die Umfragen zeigten damals genau gleich wie heute ein Ansteigen der Zustimmungsbereitschaft im Abstimmungskampf. Solange die Nein-Mehrheit davon nicht erfasst ist, bleibt die Mehrheit unverändert negativ. Es variiert aber der Ja-Anteil in Abhängigkeit von den Schlusskampagnen, die Unschlüssigen und Zögerlichen etwas zu sagen haben.

5 Responses to “Anti-Minarett-Initiative: Ja nimmt zu – Nein unverändert stärker”


  1. 1 Franz Schori

    Aha, also einmal mehr lassen sich die ungebildeten unteren Schichten von den Rechts-Aussen-Populisten fangen. Tragisch. Und die Linke schläft. Kampagne ist keine sichtbar. Die Linke kämpft lieber aussichtslos gegen Waffenexporte, hält Moral und Ethik hoch, lässt gleichzeitig aber blindlings die Rechte durchmarschieren. Wetten, dass bei einer allfälligen Annahme dieser Initiative in einigen Lokalen Sieg-Heil-Parolen ertönen werden?

    Beim Verteilen von Flyern habe ich von den Ungebildeten ein wichtiges Argument gehört, das in der Befragung fehlt: “Versuch mal, in einem islamischen Land eine christliche Kirche zu bauen…” Die Medien haben versagt. Sie haben es aber unterlassen, die christliche Vielfalt in muslimischen Ländern aufzuzeigen. Damit hätte man den Ungebildeten die Augen öffnen können. Damit hätte man ihnen zeigen können, dass der Islam grundsätzlich eine tolerante Religion ist.

    Jetzt bleibt nur noch die Hoffnung, dass in der letzten Phase des Abstimmungskampfes die Parteiungebundenen und die FDP-Wähler/innen irgendwo zufällig doch noch ein bisschen die richtigen Argumente sehen…

  2. 2 Stuber Bruno

    Im Hinblick auf die kommende Abstimmung zur Anti-Minarett-Initiative wird auf die hohe Hürde des Ständemehrs hingewiesen. Fast möchte ich wetten, dass das Ständemehr geschafft wird. Die Fröntlerkantone, die beinahe die IV-Sanierung zu Fall gebracht hätten, werden auch die Anti-Minarett-Inititative annehmen und andere Kantone sind in dieser Gefahr. Ich hoffe aber immer noch auf ein Volks-Nein. Es wird Zeit, das Ständemehr abzuschaffen, denn es darf nicht sein, dass auch Mini-Kantone das gleiche Gewicht wie das Gesamt-Volksmehr haben dürfen. Die direkte Demokratie lechzt nach Verwesentlichung.

  3. 3 cal

    Danke für die Ergänzung.
    Ein wichtiger Hinweise: Wäre das Ständemehr bei der IV-Revision nicht gegeben gewesen, wäre die Vorlage der Behörden gescheitert.
    Wenn es diesmal gegeben sein sollte, nicht aber das Volksmehr, scheitert die Vorlage der Opposition zu den Behörden.

  4. 4 F. Weissenstein

    @Stuber Bruno
    Die ungebildeten unteren Schichten haben gesprochen.
    Und Sie haben JA gestimmt.

    Deine elitären Worte in Ehren aber das dumme Volk folgt Dir nicht.
    Ich bin lieber dumm und ungebildet aber dafĂĽr in der Mehrheit.

    Oder soll ich jetzt schreiben Du bist Elitär und dumm?

  5. 5 F. Weissenstein

    @Franz Schori
    sorry mein posting gallt natĂĽrlich Franz Schori

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