Wie misst man Antisemitismus in der Schweiz?

Was bisher geschah

In den letzten 10 Jahren sind mindestens drei Studien zum Thema Antisemitismus in der Schweiz veröffentlicht worden. Eine erste Studie aus dem Jahr 1998, die von Konso im Auftrag der SRG durchgeführt wurde, geht von 7% Antisemiten in der Schweiz aus. Eine erste grössere Studie von gfs.bern aus dem Jahr 2000 fand bei 16% der befragten Stimmberechtigten eine weitgehende Übereinstimmung mit antisemitischen Äusserungen und die kürzlich von Sandro Cattacin et al. (2006) durchgeführte Nationalfondsstudie zum religiösen Fundamentalismus in der Schweiz kommt zum Schluss, dass Antisemitismus als misanthrope Einstellung (zusammen mit sexistischen und homophoben Haltungen) rund 22% der Bevölkerung betreffe.

Auf den ersten Blick könnte man also meinen, das Antisemitismus-Potenzial in der Schweiz habe sich über die letzten 10 Jahre ca. verdreifacht. Vor solchen Schlussfolgerungen möchten wir aber warnen. Da sich alle drei Befragungen in ihrer Datengrundlage wie auch in ihren Fragestellungen unterscheiden, ist es nicht zulässig, die drei Versuche der Bestimmung von Antisemitismus-Potenzialen direkt zu vergleichen. Eine allgemein anerkannte Antisemitismus-Studie fehlt bislang für die Schweiz. Eines ist den drei bisherigen Studien aber gemeinsam: Sie messen Antisemitismus einzig über einige wenige Meinungen zu Juden (siehe Tabelle).

Tabelle1

Was neu ist

Mit unserer breit angelegten Studie über “antijüdische und antiisraelische Einstellungen in der Schweiz” wagten wir uns also auf methodisches Neuland vor. Antisemitismus definierten wir dabei in Anlehnung an die in den Sozialwissenschaften wohl akzeptierteste Definition von Helen Fein als “eine anhaltende latente Struktur feindseliger Einstellungen gegenüber Juden als Kollektiv, die sich bei Individuen als Haltung, in der Kultur als Mythos, Ideologie, Folklore sowie Einbildung und in Handlungen manifestieren (…), die dazu führen und/oder darauf abzielen, Juden als Juden zu entfernen, zu verdrängen oder zu zerstören”. Erst wenn antijüdische Einstellungen also systematisch und wiederholt geteilt werden, ist der Tatbestand des Antisemitismus laut dieser Definition erfüllt. In der Sozialpsychologie wird unter Einstellungen ein Konstrukt verstanden, das die Komponenten Gefühle (emotional), Glauben (kognitiv) und Meinungen (konativ) beinhaltet. Antisemitische Einstellungen können demnach nicht nur über Meinungen gegenüber Juden gemessen werden, sondern müssen auch die Meinungen und Stereotype der Bevölkerung über Juden und Jüdinnen berücksichtigen. Dem haben wir mit unserer aktuellen Studie Rechnung getragen. Die Zuteilung einer Person zum Antisemitismus-Potenzial wurde nur dann vorgenommen, wenn diese sowohl verstärkt negative Gefühle gegenüber Juden äussert, als auch negativen Stereotypisierungen und negativen Meinungen über Juden überdurchschnittlich stark zustimmt.

Was wir jetzt wissen

Eines wissen wir nun mit Sicherheit: Eine reine schwarz-weiss Malerei im Sinne von antisemitisch vs. nicht antisemitisch verkennt die Vielschichtigkeit des Phänomens. Wir konnten nämlich zeigen, dass es in der Schweiz drei qualitativ unterschiedliche, problematische Stufen von antijüdischen Einstellungen gibt.

Tabelle2

10% der EinwohnerInnen erfüllen alle Bedingungen auf allen Stufen. Sie können gemäss unserer Definition als die eigentlichen Antisemiten klassiert werden.

Der ausführliche Bericht zur Studie findet sich unter www.gfsbern.ch/antisemitismus.

Zum Schluss hier noch einige Reaktionen auf unsere Studie:

“Das erste Mal sind signifikante und differenzierte Aussagen möglich. Speziell – auch wissenschaftlich-methodologisch – spannend finde ich die Differenzierung und gleichzeitige Verknüpfung der drei Kategorien kognitiv, konativ (bewertend) und emotional. (…) Wünschenswert sind analoge Studien zu den verschiedenen Ablehnungshaltungen gegenüber den Muslimen und den Fahrenden.”
Prof. Dr. Georg Kreis, Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus

“Dies ist eine der sorgfältigsten Studien, die ich überhaupt zu diesem Themenkomplex kenne. (…) Ich habe selten gesehen, dass ein Institut und eine Konzeptgruppe sich so viel Mühe bei der Ausarbeitung und Analyse einer Studie gemacht haben.”
Prof. Dr. Werner Bergmann, Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin

“Ich finde, es ist eine ausgezeichnete Studie. Die Analyse wurde sehr breit angelegt, sodass die verschiedenen Aspekte des Antisemitismus zum Ausdruck kommen.”
Alfred Donath, Präsident des Schweizerisch Israelitischen Gemeindebundes (SIG)