Da bin ich schon mal zusammengezuckt: “Interesse der Schweizer Frauen an der Politik nimmt ab”, stand in grossen Lettern auf der Frontseite der NZZ am Sonntag. Ich versuch mal, genauer hinzusehen und klar dagegenzuhalten.
Die Entwicklung sei einzigartig, schrieb Francesco Benini: Schweizer Frauen nähmen an nationalen Wahlen in viel geringerer Zahl teil als die Männer. Erhebungen der “Swiss Electoral Studies” zeigten, dass die Unterschiede in der Wahlbeteiligung seit 1995 markant zugenommen hätten. Damals habe die Differenz 6 Prozentpunkte betragen; bei den letzten Wahlen von 2003 sei die Wahlbeteilgung der Männer um 16 Prozent höher als jene der Frauen gewesen. Politologen und Soziologen in der Schweiz würden stutzen. Eine Studie der Uni Genf zur Geschlechterlücke komme zu keinen klaren Ergebnissen. Und auch der “Selects”-Studienleiter würde die Achseln zucken.
die fakten zur these, wonach die trends nach 1995 interessieren
Man muss sich die Fakten genauer ansehen, um zu verstehen, weshalb, so meine These, die Fachleute keine sinnvolle Antwort geben können: Es stimmt zwar, dass die Wahlbeteiligung der Frauen in der Schweiz tiefer ist als die der hiesigen Männer. Das war 1971 so und ist es auch heute noch. Seit 1995, dem Jahre des vermeintlichen Einbruchs ist allerdings kaum Bewegung in der Frauenbeteiligung. Sie liegt ziemlich konstant bei 38 Prozent. Im gleichen Zeitraum ist aber die Beteiligung der Männer rasant gestiegen: von 45 Prozent im Jahre 1995 auf 54 Prozent im Jahre 2003.
Die journalistisch entwickelte These ist demnach falsch. Denn die Geschlechterlücke entsteht nicht, weil das wahlspezifische Fraueninteresse nachlassen würde, sondern weil dasjenige der Männer sprunghaft steigt. Und von daher ist der ganze Artikel verkehrt aufgezogen. Nur deshalb, so meine Antwort, haben die befragten PolitologInnen keine Erklärung geben können.
Die journalistische Frage an die SpezialistInnen hätte vielmehr lauten müssen: Weshalb steigt das Interesse der Schweizer Männer an der Politik? Und dafür gibt es einige gute Hinweise: Bei Frauen ist die institutionelle Politikbeteiligung in erster Linie bildungsabhängig. Sie erfolgt deshalb vor allem über die themenspezifischen Meinungsbildung. Wenn sich (gebildete) Frauen für eine Sachfrage interessieren und zu einem Entscheid gelangen können, nehmen sie, beispielsweise bei Abstimmung, ebenso häufig teil wie Männer. Bei Männern spielt der Bildungshintergrund zwar auch mit, aber weniger stark. Stärker als das ist das Alter für die politische Partizipation verantwortlich. In den verschiedenen Generationen gibt es verschiedene Interessen, aber auch Wertprägungen. Deshalb reagieren Männer auch stärker als Frauen auf die weltanschauliche Polarisierung der Schweiz Politik, die seit Mitte der 90er Jahre die Szenerie prägt.
Das, und nichts anderes, hat zur verstärken Mobilisierung geführt, – auch mit Blick auf die Parteien. Ihnen gegenüber bleiben die Frauen aber als Bestandteil der institutionell vereinnahmten Politik stärker auf Distanz.
Die Irritation, die der Artikel vom Sonntag ausgelöst hat, hat mich zum genaueren Nachdenken angeregt, vor allem aber zu präziseren Lektüre der Hintergründe der journalistischen Vorannahme. Und diese passen eigentlich ganz gut in unsere These der Repolitisierung der Schweizer Politik genau seit 1995.
Hätte der Titel der NZZ am Sonntag gelautet: “Interesse der Schweizer Männer an Politik nimmt zu”, wäre er richtig gewesen, und ich hätte mich beim Rätselraten um die Ursachen auch beteiligt. Ich bin sicher, wir wären der Sache besser auf die Spur gekommen, als im Artikel der NZZamSo. Und ich bin auch überzeugt, dass die Sozialwissenschaften besser, als sie am Sonntag auf der Front einer wichtigen Sonntagszeitung dargestellt worden sind.
Weiteres Material hierzu:
VOX-Trendbericht 2006: Entscheidungen von Frauen schützen Umwelt, Service public und Benachteiligte
NZZ online zur De/Repolitisierung von Frauen und Männern
Es ist nun über ein Jahr her seit der Veröffentlichung des NZZ-Artikels und genauso lange bin ich dabei eine Lizentiatsarbeit auf die Beine zu stellen zur Frage, warum die Schweizer Männer wieder häufiger wählen gehen. Ich arbeite mit dem kummulierten Datensatz 1971-2003 von SELECTS, erhalte aber bei der Auswertung der Wahlbeteiligung nach Geschlecht eine andere Darstellung als hier im Blog und im NZZ-Artikel abgebildet. (Der gravierendste Unterschied ist, dass die Wahlbeteiligung der Frauen 2003 ebenfalls stark ansteigt.)
Woher stammt die obige Grafik und auf welchen Daten basiert sie (ev. gewichtet)?
Vielen Dank im voraus für eine Erleuchtung!
Die Grafik ist aus der NZZamS selber, nur nicht von der Frontseite, sondern aus dem Innern des Blattes. Sie referiert auf Selects.
Ohne Zweifel sind es die ergebnisgewichteten Daten zur Beteiligung, geschlechtsspezifisch ausgewertet.
Genaueres zu wissen, liegt aber nicht an mir, sondern an den Vertretern von Selects, welche die These aufbrachten.
Wenn Sie sich bitte an Dr. Peter Selb in Konstanz!
Bist du DIE Sabine Mächler, die 2007 in Bern einen Schauspieler (mich) als Mitbewohner hatte? Habe ich dich gerade in einem Dokufilm über eine Hilfsaktion im Zsunamigebiet gesehen?
Bitte melde dich mal kurz auf marmorhaus@web.de
Hätte ein paar Fragen aber keine Kontaktdaten mehr.
Gruß