“Ich lüge in Umfragen, also können Umfragen nie recht haben”

Ein nicht ganz (aber fast) ernstgemeinter Beweis, dass Umfragen immer recht haben.

Ich bin Meinungsforscher. Dieser Tatbestand ist aus meiner Sicht unproblematisch. Ich werde auch als Meinungsforscher wahrgenommen, was je nach wahrnehmender Gruppe und deren Nähe zu mir, durchaus problematisch sein kann.


Wird in der unpersönlichen Kommunikation immer gelogen, – und verfälscht das Umfragen systematisch? (quelle: http://go.to/funpic)

Zumindest war dem so vor rund zwei Monaten, als ich anlässlich einer Familienfeier mit der Aussage konfrontiert wurde: “Ich lüge in Umfragen, also können Umfragen nie recht haben”, gefolgt vom obligaten bedauernden Blick meiner Berufswahl wegen. An diesem Abend hob ich einmal mehr zu meinem obligaten Referat rund um Bevölkerungsbefragungen, Repräsentativität, Stichprobenfehler und indirekte Fragestellungen an, zu dem ich an solcher Stelle immer anhebe. Allerdings ging mir die unverfrorene Kritik an meiner Arbeit noch ein Weilchen darüber hinaus nicht aus dem Kopf.

Meine Kopfarbeit (und die Unverfrorenheit) hat sich gestern aber ausgezahlt. Auf dem stillen Örtchen, wo der Ursprung fast aller meiner guten Ideen liegt, erlangte ich Erleuchtung: Mein Verwandter hat an besagter Familienfeier nichts anderes bewiesen, als dass Meinungsforschung immer recht hat! Bewiesen hat er dies auf zweierlei Art:

- Seine Aussage “Ich lüge in Umfragen, also können Umfragen nie recht haben” stützt sich zentral auf Konzepte der Umfrage-Forschung, nämlich von Wenigen (in diesem Fall ausgesprochen Wenige) auf Viele zu schliessen. Lassen wir einmal die vielen Einschränkungen auf dem Weg von Wenigen nach Vielen aussen vor, bedeutet dies nichts anderes, als dass seine Aussage nur stimmt, wenn das zentrale Konzept hinter Umfragen stimmt. Oder in anderen (zugegebenermassen aus dramaturgischen Gründen leicht pauschalisierten) Worten: Mein werter Verwandter hat nur recht, wenn Umfragen immer recht haben. Zumindest aus seiner Sicht durchaus eine verzwickte Situation.
- Nun kommen wir zu den schon angesprochenen Einschränkungen auf dem Weg von Wenigen zu Vielen. Knackpunkt dabei ist die Anzahl “Wenige” auf deren Basis Aussagen über “Viele” gemacht werden. Statistisch ist es nämlich durchaus erlaubt, aufgrund einer einzigen Person beispielsweise auf die gesamte Schweizer Stimmberechtigtenschaft zu schliessen. Beachtet werden muss bei einer solchen Aussage allerdings der sogenannte Stichprobenfehler, also die Fehlertoleranz der Statistik. Bei einer einzigen Person ist dieser Stichprobenfehler +/-100%. Die implizite Aussage “Ich lüge, also lügen auch alle anderen” lässt sich statistisch nicht erhärten, und die Chance, dass mein Verwandter sich damit irrt, ist, vorsichtig und verwandtenfreundlich ausgedrückt, ausgesprochen hoch. Wenn er sich aber irrt, muss das Gegenteil wahr sein. Oder erneut in anderen (zugegebenermassen aus dramaturgischen Gründen leicht pauschalisierten) Worten: Die Tatsache, dass mein Verwandter in Umfragen lügt, beweist, dass Umfragen immer recht haben!

Beim nächsten Familientreffen werde ich meinen werten Verwandten damit konfrontieren und racheartig einen ähnlich langen Denkprozess auslösen, wie es ihm bei mir gelungen ist.

2 Responses to ““Ich lüge in Umfragen, also können Umfragen nie recht haben””


  1. 1 sebausat

    Nonsens.
    Ich lüge auch regelmäßig in Umfragen, und manchesmal sage ich – in der selben Umfrage – die Wahrheit.
    Das heißt meine Daten sind schon einmal verfälscht, und lassen sich auch nicht korrigieren.

    Ich lüge zum Bsp nur ganz leicht was flg. betrifft: was mein Alter 18-24 (22) oder meinen Beruf Angestellt/Schüler/Student (Student) angeht, wieviele in unserem Haushalt wohnen das tendiert von 3 bis 6 (4).
    Ich überlege mir auch keine Falschantworten, sondern wähle aus dem Antwortschema frei heraus Nonsens der mir einfällt (ca. wie Brainstorming).
    Das ist direkt entspannend, und seltsamerweise immer stimmig.
    Übrigends im normalen Leben bin ich eigentlich ein Wahrheitsfanatiker und stelle Aussagen die nicht ganz korrekt sind immer richtig.

    Natürlich gehen bei 1000 Befragten meine Falschantworten statistisch unter – aber eben nur wenn nur ich falsch antworte.

    Hier komme ich auch schon zu meiner Idee bei der ich mich gestern kaputtgelacht habe:
    Hier ist das Umfrageinstitut XY? Möchten sie an einer Umfrage zu Umfragen teilnehmen? – Äh ja? – Sagen sie bei Umfragen grundsätzlich die Wahrheit? – äh Ja! – Haben sie die vorherige Frage wahrheitsgemäß beantwortet? – *tuut*

    Das wäre doch einmal eine interessante Umfrage – nur könnten veröffentlichte Ergebnisse zu Branchenproblemen führen.

    g seb
    (das ist nur ein pseudonym)

  2. 2 Urs Bieri

    Sie geht geschätzterweise auch noch unter, wenn sich weitere 10 Ihrer Taktik anschliessen und wird erst wirklich verzerrend, wenn Sie ebenso geschätzt über 50 Leute aus unserer Stichprobe zu einer einseitig systematischen Lüge bewegen könnten. Allerdings hätte ich dann eine reelle Chance, diese Interviews in den standartmässigen Tests während der Datenverifizierungsphase zu entdecken.

    Aber lassen Sie mich die Gegenfrage stellen, weil mich das wirklich interessiert: Sie gehen ja (so vermute ich zumindest aus ihrem Text)davon aus, dass eine spürbare Gruppe in einem Interview lügt. Wieso? (lassen wir mal soziale Erwünschtheit aussen vor, das kann man mit geeigneten Methoden aushebeln). Und wieso scheint es ihrer Ansicht nach eine gewisse Präferenz dafür zu geben in einem Telefoninterview zu lügen?

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