Wer Umfragen zu kommenden Ereignissen macht, wird unweigerlich in den Sog der Prognose gezogen. Jahrelange habe ich versucht, mich dem zu entziehen, – letztlich erfolglos! Also kehre ich meine Kommunikationsstrategie um: Das ist meine Wahlprognose für die Nationalratswahlen 2007!

keine hammersprüche, sondern mächte der zukunft sind gefragt! (foto: sven k./flickr)
Im Vorfeld von Wahlen gibt es nachweislich sechs Momente, in denen sich die Wahlabsichten verdichtet bilden; es sind dies:
Erstens, die innere Vorbereitung der Parteien bis zirka ein Jahr vor den Wahlen:
Entscheidend ist hier, dass sich eine Partei rechtzeitig sammelt, ihre Kräfte politisch bündelt, die Verantwortlichen für die Wahlen freistellt, ein gut erkennbares Wahlprogramm vorbereitet und mit diesem die politische Diskussion zu bestimmen beginnt. Man muss merken, dass eine Partei bei den kommenden Wahlen mehr als nur eine Bestätigung will, sondern neue Ideen, neues Personal und neue Strategien in die Politik einbringen will.
Am schlimmsten ist es dagegen, wenn eine Partei sich vorwiegend mit sich selber beschäftigt resp. beschäftigen muss!
Zweitens, die letzten kantonalen Wahlen im Frühling des Wahljahres:
Entscheidend ist hier, dass man bei den letzten kantonalen Wahlen zur positive Überraschung wird. Ein unerwarteter Sitz in einer kantonalen Regierung oder zahlreiche neue Person, die ins kantonale Parlament einziehen, sind immer gut. Essenziell ist es aber, die stark mediatisierten Wahlen, wie jene in Zürich, zu gewinnen! Das strahlt noch rechtzeitig landesweit Zuversicht aus.
Am schlimmsten ist es dagegen, eine Mehrheit in Griffnähe zu haben und unter sich oder mit Verbündeten zu streiten!
Drittens, die letzten eidgenössischen Abstimmungen des Wahljahres:
Entscheidend ist hier, den relevanten Thementeppich zu setzen. Massgeblich ist schon mal der Themenmix des letzten Abstimmungtages, wichtig sind aber auch die Allianzbildung bei den Sachfragen. Sie müssen zu den Wahlstrategien passen. Wer Abstimmungen verliert, muss klar mehr Stimmen machen, als man Wählende erwartet. Wer gewinnt, setzt aber die Themen für den kommenden Wahlkampf.
Am schlimmsten ist, wenn die eigenen Wahlkampf-Themen gar nicht angeschnitten werden und so das eigene Programm vergessen geht.
Viertens, internationale Ereignisse, die auch in der Schweiz einen Widerhall finden:
Entscheidend ist hier, wie man auf aufkommende Themen, welche die Grosswetterlage bestimmen, reagiert. Kriege, terroristische Anschläge, wirtschaftliche Krise und Firmenzusammenbrüche sie die Anlässe, die generell zu Deutungen herausfordern. Darin zeigt sich heute die Fähigkeit, mit veränderten Rahmenbedingungen kommunikativ umgehen zu können, und so die eigenen Stärken zu vermittelm.
Am schlimmsten ist dagegen, wenn politisch verwandte Parteien im Ausland Schuld an den Ereignissen tragen ober bei deren Bewältigung versagen!
Fünftens, schweizerische Wahlkampf-Events, die stark medialisiert sind:
Entscheidend ist hier, ob neuen Themen, die nicht zu den Favoriten der grossen Parteien und tonangebenden Medien gehören, auf die Agenda gesetzt werden können. Ein heisser Sommer, das Ozon-Loch und sterbende Alte angesichts schlechter Umweltqualität haben schon mehrfach in der sog. Sommer-Pause neue Probleme bewusst gemacht, die auch unvorhergesehene Themen zu wahlentscheidende Momenten werden liessen.
Am schlimmsten ist es dagegen, wenn man solche Vorlagen gesetzt erhält, sie aber eventmässig nicht zu nutzen weiss!
Und sechstens, die Schlussmobilisierung der Parteien:
Entscheidend ist hier, wer die Menschen, die man während des Wahlkampfes überzeugt hat, auch zur Stimmabgabe bewegen kann. Jede Partei verliert hier wertvolle Anteile, indem die Mobiliserung der Anhängerschaft unvollständig bleibt. Parteien, die angegriffen werden, deren ExponentInnen zu Unrecht im Regen stehen, sind in der Schlussphase meist stärker in der Ausschöpfung ihres vorbereiteten Potenzials.
Am schlimmsten ist es dagegen, wenn man siegesgewiss ist und sich in der Schlussmobilisierung gar nicht anstrengt, es auch zu werden!
Diese sechs Regeln kenne ich aus meiner Erfahrung, die ich in der Wahlbeobachtung seit 1983 gesammelt habe, – immerhin 6 nationale Wahlen während fast eines Vierteljahrhunderts! Nun kommen meine 7. Wahlen, und ich glaube, ich muss meinen Katalog wohl um einen siebte Punkt ergänzen: Die Rolle der BundesrätInnen, die mit ihren verschiedenartigen Zielen und Kommunikationsstilen heute zahlreiche Angriffsflächen bieten, sind für Überraschungen in einem Wahlkampf jederzeit gut!
So, das war die Prognose!
Keine Zahlen diesmal! Das Ergebnis der Wahlen weiss man nämlich wirklich nicht. Man weiss aber, was die Faktoren sind, die dazu führen. Entscheidend ist, welche Partei die Chancen und Risiken, die ein Wahlkampf nachweislich bietet, wie gut meistert. Am schlimmsten ist hier, wenn man meint, das alles spiele gar keine Rolle!
Claude Longchamp
PS:
Heute abend, ab 18 Uhr, erscheint erstmals das SRG-Wahlbarometer ‘07, erstellt durch das Forschungsinstitut gfs.bern. Da gibt’s dann Zahlen, Zwischenstandsmeldungen, nicht Prognosen, versteht sich …
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