Anlässe, die Weltwoche zu loben, gab es, wenigstens aus meiner Warte, in jüngster Zeit wenige. Doch die letzte Nummer überraschte; Kurt W. Zimmermann machte eine durchaus zutreffende Beobachtung.


Empörung referiert auf Zorn, der sich aus dem Stolz des Mächtigen beim Ohnmächtigen ergibt.
Seit Jahren fährt upe. einen Kampagnenjournalismus gegen mich. Was immer ich auch tue, sage, schreibe; er nimmt es auf, verkehrt es in Gegenteil, und schreibt darüber nach dem Motto der PR-Zyniker: “behaupten, übertreiben und wiederholen”. Mit Recherche haben seine Artikel über mich kaum mehr etwas zu tun. Und reden will er seit Jahren mit mir nicht mehr, denn das würde zurück zu Fakten, Einschätzungen und Gegeneinschätzung in der Bildung von Urteilen und Meinungen führen. Dem ist aber nicht so; eigentlich hätte ich genügend Gründe, regelmässig empört zu sein.
Genau diesem Tgrossen hema nimmt sich in der jüngsten WeWo Kurt W. Zimmermann an. Ich kenne ihn aus gemeinsamen Zeiten bei der Sonntagszeitung; er war dort früher Chefredaktor, ich Zulieferer. Gesprochen habe ich seither auch mit ihm nicht mehr. In seinem Artikel über den “Beruf Empörungsexperten” macht er aber richtige Beobachtungen: Er zitiert Kurt Imhof, Thomas Held und mich als Experten, die, weil sie den gängigen Erwartungen der Empörungsberichterstattung nicht entsprechen würden, trotz ihres Spezialistentums immer wenig in den Medien vorkämen.
“Richtig!”, sag ich da, und ich will es aus meiner Warte auch begründen.
2004 veröffentlichte die Sonntagszeitung im Rückblick auf “200 Jahre Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant” einen Hintergrund über ExpertInnen, die sich von Thesenjournalisten zitieren liessen. Es war, soweit ich mich entsinne, die erste Kritik an dieser Rolle in Medien. Ich habe sie zum Anlass genommen, meine Praxis von gut 10 Jahren, in denen ich Medienanfragen zuhauf bediente, zu überdenken.
Seitdem betätige ich mich an Thesenartikeln aller Zeitung kaum mehr. Denn ich kam zum Schluss, nicht immer, aber immer öfters schlicht missbraucht worden zu sein:
Erstens, das Thema setzte fast immer das Medium in alleiniger Regie fest. Hatte ich dazu etwas zu sagen, konnte ich Nachfragen verstehen; war dies aber nicht der Fall, hörte ich meisten, “sag doch rasch etwas das zitierbar ist, egal, was du weisst oder nicht weisst.” Ganz selten sind in meiner Erinnerung die Fälle, wo ein(e) Journalist/Journalistin nach einem kritischen Gespräch mit zahlreichen Einwänden das Thema hat fallen lassen.
Zweitens, die These selber wurde in den seltensten Fällen mit mir diskutiert. Vielmehr erhielt ich meist daraus abgeleitete Fragen, oder wurde in ein allgemeines Gespräch verwickelt, das sequenzweise die These in impliziter Form beinhaltete. Manchmal konnte man den Hintergrund rekonstruieren, öfters aber auch nicht. Das diesbezügliche Staunen bei der nachfolgenden Lekütre war bisweilen gross.
Drittens, zur Autorisierung bekommt man nicht das Interview, sondern Zitate. Häufig sind es aber viel mehr als verwenbar sind, und sie sind viel ausführlicher, als sie gebracht werden können. Selten kam es sogar vor, dass autorisierte Zitate im rewrite durch die Redaktion nicht nur gekürzt, zugespitzt, sondern auch in der Substanz oder zum Fakt abgeändert wurden. Ganz schlimm in Erinnerung sind mir Fälle, wo man die Frage solange wiederholte, bis die erwünschte Message in irgend einer Weise gesagt worden war.
Viertens, die Einbettung der Zitate sieht man kaum jemals, maximal erfährt man, ob es ein Interview, ein gestalteter Beitrag, ein Hintergrund oder ein Meinungsartikel ist: Der alles bestimmende Titel wird selbst bei Thesenpapieren nach dem Gespräch gesetzt, – und hat bisweilen wenig mit der Substanz zu tun. Die These wird in eine süffige Form gebracht, – und dient er der Uebertreibung der Befunde als der Erschliessung des Textes. Und die Bilder, Zwischentitel und Einleitungssätze interpretieren gelegentlich mehr, als es mein Zitat tat. Will man als Gegenmassnahme hierzu einen Artikel insgesamt gegenlesen, stösst man bei einer Mehrheit der JounalistInnen auf schroffste Ablehnung.
Es ist auch schon vorgekommen, dass ich mich über solche Praktiken empört habe. Die schlimmste journalistische Reaktion hierzu war: In diesem Gespräch stelle ich die Fragen, die Sie gefälligst ohne Kommentare zum Vorgehen beantworten!”
Um es klar zu machen: Diskutierte Thesen mit der Abwägung von Fakten und Meinungen, Rede und Gegenrede halte ich durchaus für eine sinnvolle journalistische Form der Berichterstattung, die gerade in der Blogosphäre ein revival erlebt. Für nicht sinnvoll halte ich aber, “Thesen” mit Behauptungen, Vermutungen oder Annahmen zu verwechseln. Wer das tut, sollte lieber von Hypothesen sprechen und getreu nach dem liberalen Philosophen Popper nicht Belege sammeln, die für seine “These” sprechen, sondern solche, die gegen sie sprechen. Nach der Logik des Falsifikationismus dürften solche Hypothesen jedoch nur dann publiziert werden, wenn sich keine Faktren finden und keine Einwände ergeben, die ihr widersprechen. Andersfalls müssten sie mehrfach verbessert werden, um der Sache, die interessiert auf die Spur zu kommen.
Journalisten meines Vertrauens und solche, die den Thesenjournalismus kritisch einsetzen, bediene ich immer noch. Die Zahl ist gering geworden, und das entspricht genau meinem knappen Zeitbudget hierzu! Das führt dann dazu, dass ich möglicherweise weniger häufig, dafür häufiger differenziert zitiert werde. MIr ist das recht!
Wenn KWZ in der WeWo auch dafür besorgt sein sollte, würde es mich, nur schon als Gegengewicht zu upe., freuen.
PS:
Ach, mit KWZs indirekter Empörung über gewisse “Empörungsexperten” habe ich mich noch nicht auseinander gesetzt! Nach dem neuesten Buch des Philosophen Peter Sloterdijk (Zorn und Zeit) ist Zorn das Gegenstück zum Stolz. Jeder Stolz einer Nation, einer Kultur oder Gesellschaft, produziert damit Zorn bei einer anderen Nation, einer anderen Kultur, in einer anderen Gesellschaft. Der Empörungsexperte wäre damit das soziale Gegenstück zum Flatierungsexperten. Eine transparent gemachte These, die der Diskussion Wert wäre …
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