Rassismus zuverlässig beobachten lernen

Mein Kristallisationserlebnis
Ich bin von meiner Herkunft her Romand. Doch lebe ich seit 46 Jahren in der deutschsprachigen Schweiz. Meine Aufnahme in der Mehrheitskultur war nicht eben freundlich. Der 6jährige wurde nach seiner Ankunft als Franzose apostrophiert, der gelbe Hosen trage und grüne Finken, die allesamt stinkten. Ich gehe davon aus, dass ich nicht besser und schlechter gewaschen war als andere Jungs. Ich weiss aber ganz sicher, dass ich nie grüne Schuhe und gelbe Hosen trug. Und ich bin kein Franzose.


Impression von der gfs-Jahrestagung 2008 zu “Auf dem Weg zum Rassismus-Monitoring”

Das war mein soziologisches Kristallisationserlebnis. Seither weiss ich auch, was Rassismus ist: Die Wahrnehmung von Individuen aufgrund kollektiver Vorstellungen, wobei die imaginierten Eigenschaften des Kollektivs auf das Individuum übertragen werden. Geschieht dies systematisch, ist es rassistisch. Es erfüllt den Tatbestand der eigentlichen Verfälschung von Realitäten mit der Absicht, eine Hierarchie zwischen überlegener und unterlegener Rasse, Kultur oder Religion herzustellen, welche Diskriminierungen rechtfertigt.

Warum Rassismus-Beobachtung

Durch die Pluralisierung nicht nur der Lebensstile, sondern auch der Lebenswelten treffen heute vermehrt Menschen mit verschiedensten Eigenschaften, Hintergründen und Selbstverständnissen aufeinander. Das braucht Lernprozesse, denn es schafft Probleme. Diese Probleme müssen nicht zwingend zu Rassismus führen, denn es kommt sehr auf die Bereitschaft darauf an, in gemischten Gesellschaften zu leben. Der Erfolg oder Misserfolg des Zusammenlebens verschiedenartigster Menschen wird auch die durch konjunkturellen Verhältnisse mitbestimmt. Je weniger es zu verteilen gibt, um so entstehen dabei Konflikt. Und das Projekt des Multikulturalismus hängt auch von den Bewertungen ab, die politische und mediale Eliten in diesen und verwandten Fragen vornehmen.

Rassimus zeigt sich heute vor allem gegenüber dem Anderen, der als fremd wahrgenommen wird. Er tritt insbesondere Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen, aber auch Menschen verschiedener Hautfarben auf. Eine der Kompetenz, Rassismen zu vermeiden, ist das Selbstbewusstsein einer Gesellschaft um Probleme, die in der Multikultur auftreten, sowie um schwierige Verhaltens- und Denkweisen. Denn es gilt, allseits Umgangsformen und Voraussetzungen hierfür zu schaffen, die dem Trend zu Konflikten entgegen zu wirken.

Ein Rassismus-Monitoring für die Schweiz
Ein Teil dieser Selbstreflexion einer Gesellschaft ist die Selbstbeobachtung. Diese in der Schweiz zu rassistischen Fragen zu verbessern, ist die Absicht des Rassismus-Monitorings. Der Bundesrat hat sich 2007 grundsätzlich entschieden, ein solches aufzubauen. Das Forschungsinstitut gfs.bern ist 2008 damit betraut worden, ein Konzept für eine Umsetzung in Form einer regelmässigen Bevölkerungsbefragung, die ab 2010 starten soll, zu erarbeiten.

Die ersten Ueberlegungen dazu haben wir an der Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für praktische Sozialforschung 2008 in Bern vorgelegt. Sie wurden interessiert und wohlwollend aufgenommen. Sie wurden aber auch kritisch diskutiert und mit Verbesserungswünschen versehen.

Bis Ende Jahr erstellen wir nun zuhanden der Fachstelle für Rassismusbekämpfung einen verbindlichen Projektvorschlag, wie eine Bevölkerungsbefragung zum Zusammenleben in der Schweiz, dass sich mit rassistischen Denkweisen, ihren Ursachen und Entwicklungen beschäftig, aussehen könnte. Das Rassismus-Monitoring wird Rassismen nicht verhindert. Es soll aber eine zuverlässige Informationsgrundlage für Behörden, Parteien, Medien und die Gesellschaft als Ganzes liefern, die Verantwortung tragen, dass sich Rassismus nicht ausbreitet.

Meine Motivation
Ich habe mich diese Aufgabe persönlich angenommen. Um zu zeigen, dass Kinderheitserlebnisse rassistischer Natur durchaus positiv verarbeitet werden können, und das, was dabei entsteht, der Gesellschaft zu ihrer eigenen Weiterentwicklung unterbreitet werden kann.

Claude Longchamp

Mehr zur gfs-Jahrestagung 2008 hier.

2 Responses to “Rassismus zuverlässig beobachten lernen”


  1. 1 gert

    Wieso sollte jemand die Absicht haben, Hierarchien zwischen unterlegener und überlegener Rasse, Kultur oder Religion herstellen wollen? Die bestehen ja bereits – da gibt es nichts mehr herzustellen!

    Daher bin ich auch ihrem Monitoringprojekt gegenüber kritisch eingestellt – Wie soll das gehen, wenn sie nicht dazu in der Lage sind, Aussagen semantisch logisch zu formulieren?

  2. 2 Claude Longchamp

    Besten Dank für die Bemerkung. Zur Präzisierung: Es geht nicht darum, dass man Hierarchien erstellt. Es geht darum, dass die eigene Gruppe in solchen Hierarchien im Zentrum gesehen wird, um das Gefälle zu den anderen als Rechtfertigung für systematische Diskriminierungen rassistischer Natur zu verwenden.
    Ich hoffe, das ist jetzt klar ausgedrückt!

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