Ich war gestern morgen an einer Seminartagung für Wissensmanagement. Der Referent, Karl A. Scholz war während seinem Arbeitsleben Berater und Geschäftsführer bei Intra und der KPMG, sowie Vorsitzender des deutschen Verbandes für Unternehmensführung (und noch ganz viel mehr). In diesen Funktionen war er weltweit beratend tätig. Ich glaube, man kann ihn tatsächlich als einer der Väter der Unternehmensberatung betrachten. Für mich war es ein Glücksfall, dass gerade er nach Bern kam, zeigte er doch ein prägnantes Bild was Wissensmanagement gerade im Geschäft mit Gedanken und Ideen bedeutet, bedeuten kann und bedeuten muss.
Herr Scholz hielt ein traditionelles Referat mit Folien (vernachlässigbar) und ganz viel Geschichten und Erzählungen aus seiner Erfahrung (sehr fesselnd), auch wenn er sich aus meiner Sicht zum Teil durch das in Deutschland übliche(re) Gedankengut “Elite als legitimie Steuerung einer Gesellschaft” selber Störgeräuschen aussetzte. Aber ich bin da wohl zu fest Schweizer, um in den gleichen Applaus auszubrechen, den er mit den gleichen Bemerkungen vor der deutschen Wirtschaftselite sicherlich zu Hauf erhält.
Aus meiner Sicht höchstspannend war sein Einblick ins Wissensmanagement von international tätigen Beraterfirmen. International ist deshalb relevant, weil diese Wissen nicht nur auf der zeitlichen Achse zu neuen Mitarbeitern verteilen müssen, sondern auch geographisch zu allen Büros weltweit. Es war für mich äusserst prägend zu merken, wie stark das Wissensmanagement bei solchen Firmen im Zentrum steht:
-Mckinsey beispielsweise verpflichtet jeden Berater weltweit vertraglich seine Expertise auf verschiedene Weise in einer elektronischen Datenbank abzulegen und jederzeit aktuell zu halten. Zudem ist jeder Berater intern beratungspflichtig. Das bedeutet, dass ich beispielsweise Berater X mit einem Problem konfrontiere bei dem er Expertise hat, und er ist bei entsprechender Sanktionierung verpflichtet, mir innert 24 Stunden beratend zur Seite zu stehen.
-kpmg beispielsweise macht allen neuangestellten Berater (entsprechende Befähigung vorausgesetzt) das Angebot innert fünf Jahren Mitgesellschafter zu werden, vorausgesetzt sie dokumentieren während den fünf Jahren jedes abgewickelte Projekt nach einem festgelegten Schema in ihrer Datenbank. Machen Sie das nicht, fliegen sie diskussionslos aus der Beförderung raus.
-Ebenfalls kpmg arbeiten mit sogenannten “Leuchttürmen”. Es werden Personen mit besonderer Kenntnis bezeichnet (mit genauer Bezeichnung was ihre besondere Kenntnis ist) und diese sind auf diesem Gebiet gegenüber Anfragen auskunftspflichtig.
Aus dem Gehörten habe ich für mich folgende wichtige Eckwerte mitgenommen:
1. Wissensmanagement gilt in der Branche der weltweiten Unternehmensführung als zentraler Wettbewerbsfaktor. Ich fand eine Aussage sehr prägnant (sinngemäss) “Die Besten zu werden erfordert 10 Jahre und einen brillianten Kopf, die Besten zu bleiben erfordert eine ganze Unternehmung und jede Zeit, die man kriegen kann”. Alle vorgestellten Firmen bauen sich eigentlich komplett um ein systematisches Wissensmanagement auf und investieren vermutlich ebenso viel Zeit ins Wissensmanagement, wie in die Kundenarbeit. Ziel dabei ist, mit allen Mitteln inhaltliches und Problemlösungswissen in der Firma zu behalten und für alle in der Firma greifbar zu machen.
2. Für Wissensmanagement braucht es ein Klima. Alle Mitarbeiter müssen sich über die zentrale Bedeutung von Wissen im Klaren sein und Wissen auch im hektischen Tagesgeschäft nie eine untergeordnete Rolle geben. Ein Projekt ist aus der Sicht des Referenten nur erfolgreich, wenn a) der Kunde zufrieden ist und b) die Firma auf alle Zeit dokumentarisch weiss, wieso und auf welche Art der Kunde zufrieden wurde. Nur die Zufriedenheit des Kunden im Kopf alleine genügt für eine Spitzenposition im Markt der Unternehmensberatung nicht.
3. Wissensmanagement wiederspricht grundsätzlich dem Naturell einer Unternehmung. Gerade in der Startphase ist Wissensmanagement nur Aufwand und der Nutzen nicht direkt spürbar. Aus seiner Sicht braucht Wissensmanagement deshalb eine hohe Einbindung in der Unternehmungshierarchie (Wissensmanagement ist eine Führungsaufgabe) und einen dezidierten Willen zur Disziplinierung/Sanktionierung bei Nicht-Einhalten der Vorgaben. Jeder Mitarbeiter muss aus seiner Sicht wissen, dass Wissen wichtig ist, und dass es ihm persönlich (nicht nur der Firma) schadet, wenn er sein Wissen nicht systematisch ablegt. Die Sanktionierungsmassnahmen können dabei durchaus drakonisch sein: Keine Beförderung habe ich schon erwähnt, kein roter Heller der Jahresprämie oder eine Woche Ferien Ja/Nein sind andere Methoden.
Oder in kurzen Worten: Ich hatte Wissensmanagement als Interesse im Kopf als ich hinging, erlebte Wissensmanagement als Herausforderung, als ich dort war, und betreibe nun Wissensmanagement, indem ich meine Gedanken gleich hier sauber ablege.
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