Nein, viele Neujahrswünsche habe ich nicht. Einen aber schon: dass man aus Wahlumfragen nicht immer und krampfhaft Prognosen macht.
Man kennt es: Kaum ist die Abstimmung oder Wahl vorbei, werden die Umfragen evaluiert. Zu recht, sag ich da; bitte aber auch richtig, füge ich bei.
Beliebt ist es, die Umfrage zu zitieren, die am weitestens abweicht. Nicht selten ist das auch die älteste. Man tut dann so, wie wenn seither nichts geschehen wäre, – und hat den vermeintlichen Beleg, dass sich Umfragen an sich irren. Es kommt auch vor, dass man bei Umfragen nach irgend welchen Regeln Unschlüssige verteilt, selbst wenn die Veröffentlichung der Erhebung das gar nicht gemacht hat. Weicht dann das Ergebnis der selbst gebastelten Verteilung vom Ergebnis ab, ist – wiederum – die Umfrage an sich falsch.
Das sind schon zwar die häufigsten, aber auch die banalsten Irrtümer im Umgang mit Umfragen. Vergleichbar hiermit ist auch die Manie, als Nutzer oder Multiplikator von Umfragen diese stets, zu jedem Zeitpunkt und bei jeder Fragestellung als Prognose des Wahlresultates zu stilisieren, statt sie als Momentaufnahme zu lesen. Die Demoskopen betonen das zwar seit Jahren, ihre Uebersetzer übersehen es fast ebenso lange, und so endet man dann beim nachträglichen Satz: “Aber die Umfragen sagten doch Gewinne voraus …”.
Das sind die Anwendungsprobleme von Wahlumfragen. Man kann sie verringern, wenn man die aufgezeigten Fehler nicht begeht, und wenn man die folgenden vier einfachen Regeln der Produktion mitberücksichtigt:
1. Wahlumfragen müssen eine Entscheidungsabsicht befragen; reine Einstellungen oder Sympathiemessenungen reichen da nicht.
2. Wahlumfragen müssen Aussagen machen auf der Basis von Menschen, die sich beteiligen dürfen und wollen; Umfragen zur Einwohnerschaft oder zu den Stimmberechtigten insgesamt eignen sich da gar nicht.
3. Wahlumfragen müssen sich auf Parteistärken beschränken; Umrechnungen, die sich auf Sitze beziehen, und durch Listenverbindungen beeinflusst werden, sind nicht statthaft.
4. Wahlumfragen müssen entweder kurz vor der Wahl gemacht worden sein, – oder aber man muss die Entwicklung in der letzten Phase mitberücksichtigen; einzelne Umfragen zu zitieren, die zu irgend einem Zeitpunkt gemacht worden sind, täuschen mehr, als sie klären.
Selbst wenn man die vier Punkte berücksichtigt, bleiben noch zwei grössere Knacknüsse, welche die Interpretation erschweren; – die eine ist typisch für Schweizer Wahlen, die andere ist genereller Natur:
. Hierzulande kann man bei Parlamentswahlen in der Regel für Kandidaturen verschiedener Parteien stimmen; die Wirkungen auf die Parteistärken sind aber nicht gesichert neutral. Wer auf der Liste der Partei X, BewerberInnen der Partei Y aufschreibt, vergibt seine Stimmen anteilsmässig auf die Parteien X und Y, selbst wenn er oder sie sich dessen nicht bewusst ist. Dafür hat die Wahlforschung noch keine hinreichende Lösung gefunden.
. Das allgemeine Problem betrifft den Umgang mit den Unschlüssigen; lässt man die, wie bei Abstimmungen häufig, stehen, verlieren in der Regel alle Parteien gegenüber der vorhergehenden Wahl. Erst wenn man die unschlüssigen Personen, die sich aber beteiligen wollen, berücksichtigt, entstehen plausible Verhältniszahlen zwischen den Parteien. Solange der Anteil der Unschlüssigen mit Teilnahmeabsicht unter 10 Prozent bleibt und es viele Parteien hat, kann man mit Erfahrungsregeln arbeiten und sie auf die verschiedenen Parteien verteilen. Wenn ihr Anteil indessen über 10 Prozent beträgt oder die Zahl der Parteien klein ist, birgt diese Verteilung so grosse Probleme in sich, dass keinen begründeten Stärkezahlen von Parteien entstehen.
Die Umfrageforscher sind sich dieser Probleme viel bewusster als die Oeffentlichkeit. Deshalb sprechen sie heute an sich nicht mehr von Prognosen; sie halten Momentaufnahmen fest. Haben diese über mehrere Befragungen hinweg, einen eindeutigen Trend, kann man diesen bis zum Wahltag extrapolieren. Daraus resultiert aber immer noch keine Prognose, sondern eine Hochrechnung des wahrscheinlichsten Wahlergebnisses. In diesem bleibt das oben genannten Problem der Panaschierwahl enthalten, und es ergeben sich mögliche Unschärfen bei hoher Zahl unschlüssiger oder unüblicher Parteienzahl resp. -konstellation.
Gute Umfrageforschung berücksichtigt deshalb, wenn sie Aussagen über Parteistärken macht, diese Grenzen. Gute Rezeptionen von guten Umfragen sollten das auch tun.
Jedenfalls wünsche ich mir das für das Wahljahr 2007.
0 Responses to “Mein Wunsch fürs Wahljahr”