In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift “Berliner Debatte Initial” haben wir aufgrund unserer Antisemitismus-Studie aus dem Jahre 2007 einen Vorschlag vorgestellt, wie man heute am geeignetsten Antisemitismus wissenschaftlich gesichert auf der Ebene von Individuen bestimmen kann.
Ausgangspunkt unserer Ausführungen sind Einstellungen, nicht Verhaltensweisen. Diese sind zwar für manifesten Antisemitismus von erheblichem Belang, präventive Potenzialbestimmungen bei Individuen lassen sie aber nicht zu.
Innerhalb einer Einstellung sind Gefühlslagen am schnellsten und stärksten situativ beeinflussbar. Sie sind deshalb für sich alleine betrachtet kein guter Indikator für die Potenzialbestimmung. Geeignet sind aber Veränderungen in den Kognitionen, also den Bildern, insbesondere auch der Stereotype, mit denen man man sich die Welt erschliesst. Klar am besten verwendet können Konationen und Bewertungen. Sie drücken am deutlichsten aus, was man denkt. Eine kohärent antisemitische Einstellung erkennt man daran, dass alle Elemente betroffen sind und in die gleiche Richtung weisen.
Geeingente Indikatoren systematisch negative Meinung in den neuralgischen Fragen, welche die Eigenschaften der Juden und Jüdinnen betreffen, also
. zu ihrer Macht in der Welt oder im eigenen Land,
. zum Abgrenzungsverhalten der Juden/Jüdinnen,
. zur Eigenverschuldung der Probleme in der Gegenwart und
. zur Ausnützung der Geschichte, um sich eigene Vorteile zu verschaffen.
Damit korresponideren gehäuft auftretende negative Stereotypen wie
. “geldgierig”,
. “machthungrig” und
. “politisch radikal”.
Schliesslich gehören emotionale Enttäuschungen gegenüber der jüdischen Bevölkerung dazu.
Negative Einstellungen zu Isreal kommen zwar bei antisemitisch eingestellten Menschen häufiger vor als sonst. Das betrifft vor allem die Enttäuschung über Verhalten von Israel und die Kritik an den Juden und Jüdinnen im eigenen Land, mit Isreal unkritisch und überloyal zu sein. Finden sich diese Elemente aber ohne die oben genannten antisemitischen Kennzeichnungen der Einstellungen, sollte man präzis nur von einer antiisrealischen, nicht aber antijüdischen und damit auch antisemitischen Einstellung sprechen.
Unsere so erfolgte Potenzialbestimmung für die Schweiz kam zu Schluss, dass 10 Prozent der EinwohnerInnen der Schweiz antisemitisch eingestellt sind. 28 Prozent der BewohnerInnen der Schweiz zeigen darüber hinaus mindestens auf der Ebene der Kognitionen Denkstrukturen, die dem Antisemitismus verwandt-, vom Kernpotenzial aber deutlich zu unterscheiden sind. Bei weiteren 15 Prozent der Erwachsenen in der Schweiz findet man darüber hinaus eine emotionale Verstimmtheit mit Israel und/oder Juden, die wir aber als situativ bezeichnen und auch nicht zum punktuell antijüdischen Potenzial zählen.
Oder anders gesagt: Gut 50 Prozent der Erwachsenen in der Schweiz reagieren gegenwärtig mehr oder weniger negativ auf Juden und/oder Isreal. Bei bei 10 Prozent der Menschen, die über 18 Jahre alt sind und in der Schweiz leben, trifft zu, dass sie eine antisemitisches Einstellungsmuster haben. Diese wurde in einem bisher nicht gekannten, aufwendigen Verfahren konzipiert, diente der emprischen Messung und kann seither (mindestens in der Schweiz) anerkannt als Vorgehenweise gelten, wie man sich dem Thema wissenschaftlich gesichert annähern kann.
Mehr dazu in: Berliner Debatte Initial 1/2 (Antisemitismus), 19. Jahrgang (2008), pp. 43-56
Ich warne davor, “die Juden” und “Israel” in den gleichen Topf zu werfen. Ausserdem ist der Antisemitismus nicht das einzige Minderheitenproblem das wir haben. Wieso wird immer nur darauf Bezug genommen?
Als Schwuler kann ich davon ein Liedlein singen! Es sind der Antisemitismus, die Homophobie und der Faschismus/Nationalismus, die einer straff-heterosexuellen Gesellschaft entspringen!
Es geht um Blut, Sperma und Fortpflanzung, sowie Körper im weitesten Sinne. Diese Phänomene müssen an jeder neuen Generation “therapiert” werden, weil es die heilen Familien leider als “Keimzelle” (nicht des Staates, sondern der Gesellschaft!) nicht schaffen. Dabei gibt es auch unter den Schwulen Antisemiten und unter den Semiten (das sind Juden und Araber) auch Homophobe… usw. Es ist also nicht allein “an den Juden festzumachen”.
Sie meinen Essay über “Klemmschweizer und Klemmschwestern” auf meinem Blog! (http://www.arcados.com/?p=64)
Eine Richtigstellung: Es gehört gerade zu den Absichten der Ausführungen, Isral-Kritik und Antisemitismus auseinander zu halten.
Ich hoffe, das ist auch so rüber gekommen. Nicht jede Kritik an Israel ist antisemitisch. Es wäre aber auch falsch, beim antisemitischen Kernpotenzial von der mitverbundene Isreal-Kritik abzusehen.
Oder anders gesagt: Israel-Kritik ist kein hinreichender, aber häufiger Bestandteil des Antisemitismus.