Heute aus dem Hochrechnungsstudio

10 00: Anreise und Ausblick

Start der Hochrechnung für die beiden Volksabstimmungen vom 24. Februar 2008: “Unternehmenssteuerreformgesetz”, kurz USR, und “Kampfjetlärm-Initiative”, kurz KJL, stehen an.

Ich bin, wie immer, recht früh aufgestanden, denn ich hasse es, am Abstimmungssonntag schon mit Stress starten zu müssen. Im Zug nach Zürich habe ich, wie immer, feinen Kaffee geschlürft und etwas gegessen. Und auch an den Leutschenbach bin ich, wie (fast) immer, mit dem Taxi gefahren. Heute spannende Diskussion über Serben in der Schweiz mit dem serbischen Chauffeur.

Wie immer? – Ja, es ist das 48. Mal, dass das Team von gfs.bern, die Abstimmungshochrechnung für die SRG SSR idée suisse Medien durchführt. Seit dem 6. Dezember 1992 ist die Serie ununterbrochen, – und eine Fortsetzung ist auch für die neue Legislatur geplant.

Die äussere Spannung heute ist kleiner als auch schon. Man rechnet allgemein mit einem klaren Nein zur KJL-Initiative, und eher mit einem Ja als einem Nein zur USR; ein wenig Unsicherheit besteht jedoch! Wir werden es bald wissen.

Die innere Spannung ist wie immer vorhanden: Hochrechnungen sind zuerst ein logistisches Projekt, dann ein kommunikatives und erst am Schluss ein wissenschaftliches. Ich kann mich auf eine gutes Team stützen: Lukas Golder, Matthias Bucher, Stephan Tschöpe, Dominik Simecek, Martina Imfeld, Jonas Kocher, Urs Bieri und Laura Kopp vom gfs.bern sind eingespielt oder eingefuchst.

Studio
Da war noch alles ganz ruhig: Das Tagesschau-Studio vor der Hochrechnung

1100: Rückblick auf Umfrage

Die ersten Gemeinden treffen ein. Schnell sind die Aargauer Gemeinden, die um 10 Uhr die Lokale schliessen können. Eine Verallgemeinerung auf die gesamt Schweiz lässt das jedoch nicht zu.

Das gibt mir die Gelegenheit nochmals die Umfrage vor der Abstimmung durchzugehen. Anders als üblich steht uns nur eine Umfrage zur Verfügung, sonst sind es immer mindestens zwei. Das macht es schwerer, Trends abzuschätzen.

Unsere Annahmen aus der Erfahrung sind: Der ausgewiesene Anteil der Gegnerschaft von 55 Propzent zur KJL-Inivitiative wird zunehmen. Die Befürwortung von 34 % kann sich maximal halten. Das hat mit der Meinungsbildung zu Volksinitiativn zu tun: Das Thema selber stösst auf Sympathie, weil es in der Regel ein Problem aufnimmt. Doch die Lösung und ihre Konsequenzen werden, je länger ein Abstimmungskampf dauert, umso umstrittener.

Bei der Unternehmenssteuerreform, einem fakultativen Referendum, sind so klare Aussagen nicht möglich. Ende Januar waren 46 Prozent bestimmt oder eher dafür, 31 Prozent bestimmt oder eher dagegen. Ganze 23 Prozent der teilnahmewilligen BürgerInnen waren damals unschlüssig.

Erwartbar ist nur, dass der Nein-Anteil bis ans Ende eines Abstimmungskampfes steigt. Der Rest ist offen. Dies gilt diesmal umso mehr, als wir eine vergleichsweise hohe Unentschiedenheit feststellten.
1235: Erste Trendrechnung

Die ersten gesamtschweizerischen Aussagen werden gemacht; der Trend bei der KJL-Initiative ist “Nein”: Bei der USR kann keine Aussagen zu den Mehrheitsverhältnissen festgehalten werden.

“Trend” nennen wir es auch, weil wir von unseren Referenzen 75 % haben müssen, um eine Hochrechnung zu machen. Aktuell sind wir bei 50 % der ausgewählten Auskunftsgemeinden.

1330: Erste Hochrechnung

Die erste Hochrechnung liegt vor. Sie betrifft die KJL-Initikative. Sie wird, gemäss Hochrechnung, von 69 % der Stimmenden und von allen Kantonen verworfen. Das ist eine klare Sache.

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Umgekehrt ist die Spannung bei der USR sehr hoch. Die Hochrechnung liegt hier noch nicht vor. Deshalb kann man auch keine Aussage zu Annahme und Ablehnung machen. Man muss zuwarten. Der nächste Termin ist 14 Uhr.

1405: Hochrechnungen zu beiden Vorlagen

Die Hochrechnungen zu den beiden Vorlagen liegen nun vor:

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Unverändert stimmen gemäss Hochrechnung 69 Prozent gegen die KJL-Initiative, und es sind alle Kantone gemäss Hochrechnung dagegen.

Bei der USR haben wir das seltene Hochrechnungsergebnis von gerundeten 50:50. Da ein möglicher Fehlerbereich von maximal +/-2 bleibt, sind unverändert beide Ausgänge möglich. Ein eindeutiger Schluss ist deshalb unverändert nicht möglich.

Es können vorerst die nachstehenden Aussagen gemacht werden: Die italienischsprachige Schweiz stimmt zu. In der Romandie überwiegt das Nein leicht, es stimmt aber Genf zu. In der deutschsprachige Schweiz kommen Zustimmung und Ablehnung gemischt vor: Dagegen dürfte vor allem der Raum Basel stimmen, das heisst die Kantone Baselstadt, Baselland und Solothurn.

1430: Hochrechnung zur Beteiligung

Nun liegt auch eine Hochrechnung zur Beteiligung vor; demnach haben 40 % der stimmberechtigten Personen mitentschieden.

Der Vergleich zur einzigen Vorbefragung zeigt, dass die Mobilisierung richtig eingeschätzt wurde. Die Umfrage gabe 41 %, das hochgerechnete Endergebnis beträgt gegenwärtig 40 %. Die Mobilisierung ist damit leicht unterdurchschnittlich.

Die mehrheitliche Zustimmung uur USR in der italienischsprachigen Schweiz bestätigt sich in der Hochrechnung. Die Unentschiedenen vor 3-4 Wochen dürften aber weitgehend ins Nein gegangen sein. In der deutsch- wie auch der französischsprachigen Schweiz haben sich die Unentschiedenen erwartungsgemäss auf beide Seiten verteilt. Der Anteil ist aber unverändert offen. Gemäss Hochrechnung zeichnet sich in der deutschsprachigen Schweiz eine mehrheitlich knappe Zustimmung ab, in der Romande eine ebenso dünne Mehrheit auf der Nein-Seite.

1530: Spannung pur – wird die die USR angenommen oder abgelehnt?

Die letzte Hochrechnung gibt unverändert gerundet 50:50. Eine Aussage über Zustimmung und Ablehnung ist mit gerundeten Zahlen nicht möglich. Ungerundet haben wir jedoch mehr Ja als Nein, konkret 50,4 % Ja und 49,6 % Nein. Die Vorlage würde damit ganz knapp angenommen werden.

Die Unsicherheit besteht effektiv noch in der Stadt Bern, für die wir keine separate Hochrechnung haben, und wohl auf das definitive Ergebnis warten müssen.

1545:Erstanalyse der verstärkten Zustimmung und Ablehnung zur USR

Unabhängig vom ganz genauen Abstimmungsausgang kann jetzt schon etwas über das Profil der vermehrt zustimmenden resp. ablehnden Kantone sagen:

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Gesetzt sind die Differenzen entlang der Sprachregionen. Hinzu kommen Unterschiede in der Siedlungsart: Je urbaner ein Kanton ist, desto mehr Ablehnung zur USR hat es im Schnitt. Damit geht einher, dass die Ablehnung in einem Kanton umso grösser ist, desto mehr rot-grüne Parteigänger es bei den letzten Wahlen hatte.

In den so beschriebenen Kanton gibt es weniger, die bereits heute eine Unternehmenssteuerreform auf kantonaler Basis realisiert haben. Das ist in den deutschsprachigen Kantonen, mit erhöhtem EinwohnerInnen-Anteil auf dem Land und überdurchschnittlich bürgerlichen WählerInnen eher der Fall.

Allerdings, und das fällt in Uebereinstimmung zum voraussichtlichen Gesamtergebnis auf, ist die bürgerliche Geschlossenheit nicht vollständig, die linke wohl höher.

1605: Hochrechnung mit Promille-Zahlen

Die Hochrechnung ohne die Stadt Bern ergibt bei der USR unverändert 50.4 %. Das Ergebnis bei der KJL-Initiative bleibt sich gleich. Die hochgerechnete Stimmbeteiligung beträgt neu 39 %.

1620: Die USR wird angenommen

Das Endergebnis zur USR steht fest: 50,5 % Ja, de justesse!

1630: Erstanalyse der KJL-Initiative

Die KJL-Initiative wurde schliesslich mit 68,1 Prozent und allen 23 Standesstimmen verworfen. Die Erstanalyse macht einen Zusammenhang deutlich: Je grösser der Anteil BürgerInnen in einem Kanton ist, der positiv zu einer starken und bewaffneten Landesverteidigung in der Schweiz steht, desto grösser war die Verwerfung der Weber-Initiative. Ausnahmen gibt es nicht viele, maximal in der unmittelbaren Nähe von Militärflugplätzen. So hat Meiringen die Initiative knapp angenommen, Payerne aber hat sie klar verworfen.

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Man kann daraus den Schluss ziehen, dass die allgemeine Diskussion, welche die Nein-Seite aufgezogen hatte und prinzipiell zur Armee positiv Stellung nahm, die wirkungsvollste in diesen Abstimmungskampf war.

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1640: Puuhh, die Luft ist draussen

So, für heute ist es genug. Jetzt beginnt die Arbeit der anderen Analysten.

Wir bedienen noch die Interviewanfragen. Ansonsten ist der Abstimmungstag jedoch, für heute wenigstens, gelaufen.

Das eine Ergebnis, jenes zur KJL-Initiative, war klar und deutlich, und wir hatten es schnell, fast punktgenau. Das andere war ausgesprochen knapp, und es hat sich gelohnt, vorsichtig zu sein. Die Kernaussagen, das das Ja und das Nein fast gleich stark war, stimmte, die Präzisierung aufgrund von Promillzahlen gegen den Schluss auch. Ich bin zufrieden.

1730: Rückreise und Rückblick

Ich sitze im Zug nach Bern. Zeit, um sich einige Gedanken zu Logistik und Kommunikation zu machen:

Die Kernaussage um 1400 war in beiden Fällen richtig. Die Abweichungen zum vorläufig amtlichen Endergebnis betragen 5 resp 8 Promille. Das ist unterdurchschnittlich wenig.

Die Vermittlung am Bildschirm happerte zwischen 15 und 16 Uhr. Die Grafiken zur Hochrechnung kam nicht oder unvollständig. Das muss verbessert werden.

In einem Fall ist es in der Kommunikation zu einem Missverständnis gekommen, das wohl typisch ist für den Journalismus: Wir ermitteln in Vorbefragungen mehr Ja als Nein, aber 23 Prozent Unentschiedene. Für uns heisst das Vorsicht. Für Journalisten heisst das in der Eile, eine “klare Mehrheit” war dafür. Das ist eine unzulässige Uebertreibung.

Das einzige was man jetzt schon sagen kann im Vergleich von Vorbefragung und Endergebnis: Die Beteiligung blieb fast gleich. Nicht alle, aber die Mehrzahl der Unschlüssigen hat schliesslich gestimmt. Sie haben sich aber nicht wie die Entschiedenen verteilt, sondern umgekehrt: 4-5 Prozent stiessen in den letzten 3 Wochen zum Ja, 18-19 Prozent zum Nein. Die Schlussphase ist immer das Dinge der Opposition. Das sollte man nie vergessen.

PS:

Der Aargau stimmte der Unternehmenssteuerreform mit 50,6 % zu, ebenfalls de justesse, wie beim Schminken vermutet!

1 Response to “Heute aus dem Hochrechnungsstudio”


  1. 1 Zoon Politicon

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