“… und X Prozent sind unentschieden”, lautet der Standardsatz bei Umfragen zu Volksabstimmungen. Auch bei jenen des Forschungsinstituts gfs.bern. Die “Unentschiedenen” müssen bis zum Abstimmungstag zwar nicht wirklich verschwinden, doch in den ausgewiesenen Zahlen für die materiell Stimmenden, die am Abstimmungssonntag veröffentlicht werden, erscheinen sie aus definitorischen Gründen nicht mehr. Denn gezählt werden dannzumal nur Ja- und Nein-Anteile.
Ansätze der Erklärung
Es gibt drei Hypothesen, was in Umfragen unentschiedene BürgerInnen, die sich beteiligen wollen, aber noch keine abgeschlossene Meinungsbildung haben, am Abstimmungstag tun:
. Sie können sich nicht entscheiden, und sie beteiligen sich nicht, weil sich der Aufwand, leer einzulegen nicht lohnt.
. Sie stimmen dagegen, weil sie sich für den neuen Vorschlag nicht erwärmen können.
. Sie verteilen sich auf beide Lager.
Die erste Hypothese ist theoretisch die plausibelste. Empirisch ist sie aber nicht bestätigt. Das hat damit zu tun, das höchst selten über eine Thema allein abgestimmt wird. Zwar kann es sein, dass man sich beteiligt, im einen oder anderen Fall aber der Stimme enthält. Doch sind die diesbezüglich ausweisbaren Anteile deutlich geringer als jene, die auch 3 Wochen vor einer Volksabstimmung in Umfragen verbleiben. Zudem sinkt die Stimmbeteiligung im letzten Moment nicht noch drastisch ab. Beides müsste der Fall sein, wenn die Hypothese stimmen würde.
Die zweite Hypothese hat sich vor allem bei Volksinitiativen bewährt. Menschen, die vom Anliegen und der Lösung einer Volksinititive während des Abstimmungskampfes nicht überzeugt werden konnten, aber dennoch stimmen gehen, sind die grossen Ueberzahl GegnerInnen. Das hat damit zu tun, dass Volksinitiativen in der öffentlichen Debatte meist mit einem Sympathiebonus beginnen, weil sie aus der Bevölkerung stammen und weil sie Probleme eines Teils der MitbürgerInnen aufnehmen. Diese Anfangsbonus baut sich aber in den allermeisten Fällen ab, wenn die Gegenargumente der Behörden einsetzen, die meist auf der Nein-Seite sind. Dieser Effekt hält in der Regel bis an den Schluss an. Er führt dazu, dass Unentschiedene, die vielleicht anfänglich sogar BefürworterInnen waren, schliesslich zu GegnerInnen werden.
Die dritte Hyhpothese hilft, die finalen Entwicklungen in der Meinungsbildung der meisten Referendumsabstimmungen zu analysieren. Hierbei handelt es sich um Behördenvorlagen, die von Regierung und Parlament angenommen wurden. Eine vorläufige Meinungsbildung muss hier nicht schon im Voraus bestanden haben. Das gilt vor allem dann, wenn, aus BürgerInnen-Sicht, alltagsferne Gegenstände verhandelt werden. Deshalb nehmen bei Behördenvorlagen der Ja- wie der Nein-Anteil während eines Abstimmungskampfes nicht immer, aber meistens zu. Das gilt bis am Schluss. Aus diesem Grund verteilen sich die Unentschiedenen schliesslich auf beide Seiten. In welchem Mass dies aber geschieht, ist offen. Es gibt keine Faustregel, die auf alle Situationen angewendet werden kann. Zwar werden aus Unentschiedenen meistens mehr GegnerInnen als BefürworterInnen, ein eindeutiges und festes Verhältnis gibt es aber nicht, denn die Dynamik der Abstimmungskämpfe, die bisherige Meinungsbildungsprozesse und das Thema selber sind Einflussfaktoren.
Ergebnisse der Untersuchungen
Was nun sagt die Empirie im Detail aus? Die 28 Volksabstimmungen, die das Forschungsinstitut gfs.bern in den letzten 6 Jahren nach einem einheitlichen Muster für die SRG SSR idée suisse untersucht hat, ergeben folgende Fakten:
. Der mittlere Anteil von Unschlüssigen bei Volksabstimmungen zirka 3 Wochen vor der Abstimmung beträgt rund 16 Prozent. Bei Behördenvorlagen sind es mi Schnitt 15 Prozent.
. Die Varianz je Thema ist beträchtlich: 9 Prozent Unentschieden hat es in der letzten Umfrage vor der Abstimmung bei der UNO-Beitrittsinitiative, 29 bei der SP-Gesundheitsinitiative. Die Ladenöffnungszeiten für Sonntagsverkäufe liessen am Schluss nur 6 Prozent zögern, während beim neuen Finanzausgleich rund 3 Wochen vor der Abstimmung ganze 32 Prozent nicht wussten was sie stimmen wollen.
. Die zentralen Einflussgrössen auf den Anteil Unentschiedener sind die Alltagsnähe des Abstimmungsgegenstanden (je näher desto kleiner), die Dauer der öffentlichen Debatte (je länger desto kleiner) und die Intensität des Abstimmungskampfes (je intensiver, desto kleiner).
Folgerungen für den praktischen Gebrauch
Was heisst das alles für den Gebrauch von Umfragen unmittelbar vor Volksabstimmungen:
. Meist geht die Beteiligungsabsicht, wie wir sie in den letzten Umfragen erheben, am Schluss nicht mehr zurück. Ist das der Fall, sind alle Verallgemeinerungen schwer.
. Bei Volksinitiativen kann man Unentschiedene mit grosser Wahrscheinlichkeit grösstmehrheitlich auf die Nein-Seite zählen.
. Bei Behördenvorlagen ist Vorsicht mit allen Verallgemeinerungen angebracht. Ohne eine spezifische Analyse des Themas, seiner öffentlichen Verhandlungen und der Schlusskampagnen sind alle pauschalisierenden Schlüsse nicht mehr als Schnellschüsse.
Und die können locker daneben gehen!
Ich bin mit Claudes Ausführungen zum Stimmverhalten von Unentschlossenen absolut einverstanden. Das Aufteilen von Unentschlossenen je zur Hälfte auf das Ja- und das Nein-Lager hat mich schon mehr als einmal zu einer recht genauen Prognose geführt. Allerdings gilt das eben nur bei Referenden, nicht aber bei Volksinitiativen, bei denen das Ja-Lager in der Regel in den letzten Wochen vor der Abstimmung erodiert. Da kann man wirklich die Unentschlossenen vollständig zum Nein-Lager zählen. Auf diese Weise lassen sich also auch Wetten locker gewinnen