Zürich 1977: Der “Chiasso-Skandal” der Schweizerischen Kreditanstalt platzt. Die Bankenwelt gerät unter öffentlichen Druck. Als dieser bewältigt wird, beginnt die heutige CS, das Vertrauen der Oeffentlichkeit zurückzugewinnen. Zu den Massnahmen gehört auch das “Sorgenbarometer”. Es soll als Dienstleistung für die Oeffentlichkeit aufzeigen, wo die Sorgen der Menschen sind, wie sich das Vertrauen der Institutionen entwickelt, und wie das alles mit der empfundenen Wirtschaftslage zusammenhängt.
Das Sorgenbarometer hat sich aus diesem Umfeld, in dem es geboren worden, fast ganz emanzipiert. Geblieben ist aber eins: Die Konzentration auf die Gegenwart, und die Focussierung auf die Problembereiche der Bevölkerung. Trotz Versuchen, das zu ändern, ist uns das bis heute nicht wirklich gelungen.
Vaduz 2007: Der Versand des “Sorgenbarometers” vor einem Jahr hat das liechtensteinische Zukunftsbüro bewogen, sich bei uns zu erkundigen, ein vergleichbares Informationssystem für das Fürstentum Liechtenstein aufzubauen. Wir zeigen uns interessiert, bekommen aber gleich für die Projektrealisierung eine abweichende Auflage: Die reine Gegenwartsperspektive muss aufgebrochen werden. Es geht um Zukunftsfragen. Es geht darum, was die Bevölkerung an kommenden Probleme im Vergleich zu den heutigen sieht.
Das interessiert die liechtensteinische Oeffentlichkeit an sich, und es soll auch im Zeitvergleich beobachtet werden. Es soll zudem dem Zukunftsbüro in Vaduz helfen zu beurteilen, wie ihre Lageanalysen der Zukunft des Landes einerseits, die Bevölkerungsmeinung zu diesem Thema anderseits ist.
Das Zukunftsbarometer in Liechtenstein ist nicht aus einer Krise geboren worden. Es entstand in einer Phase der wirtschaftlichen Prosperität. Und es ist, anders als das Sorgenbarometer, stärker auf die kommenden Fragen des Landes gerichtet. Das scheint mir vielversprechend.
Es ist mir erst heute bei der Präsentation des Zukunftsbarometers für das Fürstentum Liechtenstein aufgefallen, wie unterschiedlich die Kultur der beiden Länder zwischenzeitlich sind. Und es ist mir heute auch klar geworden, wie dieser unterschiedliche Entstehungskontext die Konzeptionen von Studienreihen beeinflussen.
Hier der entwurzelte Selbstzweifel und die Fixierung auf die Gegenwart; da der Zukunftsoptimismus, der in der Tradition verankert bleibt.
Ich frage mich, wann die Schweiz von Liechtenstein lernt: Ich frage mich auch, wann die Schweiz ein Zukunftsbarometer bekommt, als Spiegel des Gegenwärtigen und des Zukünftigen?
Claude Longchamp
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