Diese Frage stellte Sarah Genner über ihre Dipolamrbeit als Politologin der Universität Zürich. Und sie gibt, aufgrund ihrer pionierhaften Untersuchung für die Schweiz, eine recht überraschende Antwort: Die von den Pessimisten befürchtete Fragementierung der politischen Oeffentlichkeit durch neue Kommunikationstechnologie findet kaum statt. Doch wird auch die von den Optimisten erhoffte Demokratisierung der politischen Oeffentlichkeit durch Oeffnung hin zu neuen Kommunikatoren kaum eingelöst.
Sarah Genner ist in der schweizerischen resp. deutschsprachigen Bologsphäre keine Unbekannte. Sie blogt selber seit einigen Jahren, berichtet aus Zürich und Berlin, wo sie jeweils studierte. Und sie verwertete ihre Recherche für ihre Abschlussarbeit gleich als Fachblog aus. Jetzt legt sie nicht nur den Prozess offen; sie macht uns über ihre Blogs auch das Produkt ihrer Studienzeit und -arbeit zugänglich.
In der Schweiz tauchte der Begriff des Blogs erstmals im Jahre 2000 in der NZZ auf. Seither sind landesweit in den Printmedien 7000 Artikel erschienen, die sich mit dem neuen Phönomen beschäftigen oder Blogs als Informationsquelle zitieren. Die Szene ist, gerade im Vergleich zu den USA, schweizerweit sicher klein, und sie ringt immer noch um Aufmerksamkeit. Eine international gesehen tiefe (aber wachsenden) Medienkonzentration, die damit verbundene grössere (aber schwindende) Meinungsvielfalt sind die strukturellen Gründe hierzu. Vermutet wird zudem, dass die Bereitschaft, sich indidivuell zu exponieren in der kleinmaschigen Schweiz geringer ist als anderswo, und damit auch das Potenzial der Blogbetreiber individuell begrenzt wird.Sieben Hypothesen hat Sarah Genner für ihre Untersuchung entwickelt und getestet. Dabei stützte sich sich auf die erwähnten 7000 Artikel in den Printmedien; 2000 davon hat sie zudem einer Feinauswertung unterzogen. Sie alle stammen aus dem Leitmedien der deutschsprachigen Schweiz, welche für andere Massenmedien und für die Politik die Themen vorgeben.
In der bestätigten Form lauten sie zu zum Stand der schweizerischen Politblogs:
1. Hinter den in Mainstreammedien genannten Blogs stehen eher Personen, die ohnehin bereits einen guten Zugang zum politischen Diskurs haben. 2.
2. Die in mainstream-Medien genannten Blogs werden überdurchschnittolich von gebildeten Männern geführt.
3. Blogs aus Krisengebieten erlangen durch die schnelle und direkte Kommunikationsform Aufmerksamkeit in Schweizer mainstream-Medien.
4. Blogs aus Ländern mit Pressezensur erhalten Aufmerksamkeit in Schweizer Mainstream-Medien.
5. Blogs, die Mainstream-Medien ĂĽberwachen, erhalten Aufmerksamkeit in Schweizer Mainstream-Medien.
6. In Wahlkampfzeiten finden Blogs von Politikerinnnen, Politikern und Parteien Aufmerksamkeit in Schweizer Mainstream-Medien.
7. Gratismedien zitieren Blogs auf Grund ihres Geschäftsmodells häufiger als Bezahlzeitung.
Das lässt zunächst erhebliche ErnĂĽchterung aufkommen: Es sind Zweifel angebracht, dass sich wirklich neue und auch demokratischer zusammengesetzte Kommunikatoren etablieren konnten. In erster Linie sind es Blogs aus Ländern mit Medienzenur und politischer UnterdrĂĽckung, die eine Gegenöffentlichkeit schaffen. In der Schweiz selber zeichnet sich kein Citizen Journalism ab. Vielmehr eine Komplementarität von klassischen Massenmedien, ihren Online-Angeboten und damit vernetzten und sich darauf beziehen Blogs zur Politik. FĂĽhrend in der Verbreitung von Bloginhalten sind Gratismedien, aber nicht des neuen Stils wegen, sondern aus ökonomischen GrĂĽnden der gĂĽnstigen Informationsbeschaffung. Schliesslich hat mit den zurĂĽckliegenden Wahlen ‘07 kein wirklicher Durchbruch fĂĽr die politischen Bloggerwelt stattgefunden, wie man ihn nach den letzten amerikanischen Wahlen festgehalten hatte.
NatĂĽrlich kann am diese SchlĂĽsse auch bezweifeln. Einmal bilden nur die in den Massenmedien zitierten Politblogs die Untersuchungseinheit der Diplomarbeit. Und die anderen, – fragt man sich? Die Materialdefinition kann auch ein unzulässige Einschränkung der beobachteten Entwicklungsweisen der Blogosphäre sein. Denn eine der Absichten von Bloggern, die nicht nur fĂĽr sich, sondern fĂĽr ein Publikum schreiben, ist es gerade, Nischenöffentlichkeiten zu schaffen, die vom Mainstream selbst dann nicht beachtet werden, wenn sie online sichtbar werden. Das heisst aber nicht, dass sie fĂĽr die Entwicklung politischer Diskurse nicht unerheblich sind; als Observatorien der Grammatik neuen politischen Lebens können sie sogar ausgesprochen relevant, aber nicht mainstreaming sein. Man kann auch den Untersuchungszeitraum der Diplomarbeit bemängeln. Selbstredend gibt der bisherige Stoff seit der ersten Erwähnung von Blogs in der Schweiz nicht mehr her. Doch das Material wird in der Arbeit gänzlich undynamisch interpretiert. Es geht der Autorin einzig darum, erste Strukturverhältnisse, nicht sich abzeihnende Trends zu identifizieren. Doch nur diese hätte einen Ausblick erlaubt, der mehr ĂĽber Entwicklungschancen junger Kommunikationstechnologie ausgesagt hätte, als ĂĽber aktuelle Verhältnisse in einem zugegeben noch nicht zentralen Markt um politische Aufmerksamkeit.
Dennoch, Sarah Genner hat mit ihr Meisterarbeit als Politikfachfrau nicht nur eine methodisch anspruchsvolle Arbeit vorgelegt. Sie hat auch Neuland beschritten: sowohl in der Erarbeitung, als auch in der Themenwahl. Das alleine gebührt ihr Respekt als Forscherin. Vermehrt wird dieser durch die von ihr gewählte Abschlussperspektive der Arbeit. Auch wenn sie teilweise eher aufgrund der bestehenden Literatur denn den eigenen Befunden entwickelt worden sind, regen sie zum Nachdenken an. Vier sind mir in ihrer Prägnanz neu gewesen und werden mir Dank Sarah Genners Arbeit bleiben:
Erstens, das Internet und damit die Blogs steigert nicht das Interesse an politischer Parizipation. aber vermehrte politische Partizipation steigert das Interesse an Internet und Blogs.
Zweitens, Blogs sind ein Teil der Digitalisierung von Kommunikation, welche die Politik als erstes in den Leserbriefspalten erfasst hat.
Drittens, Blogs sind eine neue Möglichkeit der Vernetzung von Oppositionellen; doch sie sind gleichzeitig auch eine neue Quelle ihrer Observation.
Viertens, nicht nur in den Massenmedien lassen sich Leitmedien identifizieren, auf die sich häufiger bezieht als auf andere; auch unter Blogs gibt es die gleichen Erscheinung des mainstreamings.
Das ist mein Motor bei meinen weiteren Beobachtungen zu Politblogs in der Schweiz. Bremsen brauche ich angesichts des vorgelegten Tempos der Entwicklung eigentlich keine.
Klassisch-schöner Freudischer
, trotzdem: jene Blogs, die die althergebrachten Medien ĂĽberwachen, ernten gewiss Aufmerksamkeit, die andren hingegen, die darĂĽberwachsen, wohl kaum.
Ganz herzlichen Dank fĂĽr die ausfĂĽhrliche Lizenziatsarbeitskritik! Ist ja ausfĂĽhrlicher als was mein Professor dazu zu sagen hatte…
“Methodisch anspruchsvoll” hätte er jedoch nicht gesagt, auch wenn es eine sehr aufwändige Datenerhebung war. Er selbst macht lieber Regressionsmodelle.
Jetzt weiss ich auch endlich, wie der Titel hätte lauten mĂĽssen: Bremsen statt Bedrohung…
Dass dem politischen Trend-Spezialisten Helvetiens die Trendanalyse zu kurz kommt, ist verständlich. Ich habe mit meinen Ausblickskapitelchen am Schluss im streng wissenschaftlichen Sinne allerdings schon weit auf die Äste fern der Empirie rausgelassen.
“Gänzlich undynamische Interpretation” klingt jedoch wirklich nach einem notwendigen Nachhilfekurs in politischer Trendanalyse, die allerdings in unserem Fach gar nicht mal so gefragt scheint.
Wichtig ist mir ausserdem:
1. Ich habe nicht Schweizer Politblogs untersucht, sondern politische Blogs in Schweizer Medien, egal aus welchem Land sie stammen.
2. Den Nischenöffentlichkeiten, die durch Blogs entstehen (der Stadtwanderer ist dafür ein wunderschönes Beispiel), gestehe ich eine grosse Wichtigkeit zu. Sie waren allerdings nicht Gegenstand meiner Untersuchung, die sich lediglich mit der breiten politischen Öffentlichkeit befasste und allenfalls damit, was von diesen Nischenöffentlichkeiten in den Mainstreammedien ankommt. Messbar ist dort bloss die jeweils explizite Nennung.
3. Zur “Materialdefinition”: Gerne hätte ich mehr untersucht als “bloss” die Deutschschweizer Massenmedien, aber das war schon ausreichend aufwändig und zudem laufen ja noch diverse anderen Untersuchungen im Bereich der Politblog-Forschung.
Liebe Sarah,
ich kenne die wissenschaftlichen Moden, die sich besonders in den Auswertungsverfahren zeigen. Dein Material lässt, m.E., kaum Regressionsanalyse zu. Also hast du wohl recht gehandelt. Dein Material ist aber aufwendig und anspruchsvoll erhoben. Das estimiere ich. Ob ich es auch gemacht hätte, bin ich weniger sicher.
Wenn man das Material jedoch schon hat, und 6 Jahre überblicken kann, hätte ich gerne eine Trendbestimmung und -extrapolation gesehen. Das behandelte N an Artikeln dürfte das zulassen, selbst wenn es im strengen Sinne der Modellbildung wohl zu klein bleibt.
Die Interpretation hätte sehr wohl prospektiv gemacht werden können, voraussichtlich aber qualitativ.
Modelle wie die Nutzung neuen Technologien (zb. die Kategorisierung von Innovatoren, frĂĽhe Nachahmer, Mehrheit, NachzĂĽgler) hätten vielleicht einen Raster entstehen lassen, wo wir stehen und – vor allem – wohin wir gehen.
D a s ist fĂĽr mich halt schon eine Aufgabe der Politikwissenschaft.
So, nun hab ich’s noch etwas ausfĂĽhrlicher gesagt.
Gratulation auf jeden Fall!
Ich denke, Claude hat recht. Die hohe Bedeutung von Prominenz und Geschlecht, um sich in Massenmedien Gehör zu verschaffen, die Du herausstreichst, ist nicht Blog-spezifisch.
Meine These ist: Spezifisch ist aber, dass das – aktuell – noch verschärft wird. Gegenwärtig sind wir in der Schweiz wohl immer noch beim Typ “innovator” resp. “early adapter”, die bloggen (siehe Moritz Leuenberger).
Wenn die Blogs mal mainstreaming werden, wird sich das auch ausgleich, bei der Nutzung von Blogs (wie beim Internet). Die Prominenz wird aber bei der Zitierung von Blogs bleiben, wie bei allem was die Massenmedien bringen.
Lieber Claude,
die Grafiken zur Zunahme von Blog-Nennungen lassen Trends erkennen und im letzten Kapitel beschreibe ich Tendenzen, wie Blogs die politische Öffentlichkeit verändern und weise auf innovative Projekte hin, die Blogs auf Augenhöhe mit Massenmedien zu stellen versuchen.
Lieber Ernst,
Deine These ist auch meine These, bzw. stützen meine Resultate die sog. «Verstärkungsthese». In meinem Blog findest du die gesamte Arbeit als pdf. Ich argumentiere dort nicht, dass die Bedeutung von Prominenz, Bildung und Geschlecht blogspezifisch seien, um sich in der breiten politischen Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Viel mehr widerlege ich quasi die populären Behauptungen, Blogs ermöglichten endlich eine demokratischere und egalitäre Öffentlichkeit.
Politische Blogs sind Instrumente, die es einzelnen Personen, Personengruppen, Organisationen, Verbänden, Parteien usw. erlauben ihre Meinung unabhängig der Mainstreammedien und deren Besitzer einer breiten Öffentlichkeit mitzuteilen. Sie können die Meinungsvielfalt fördern und sind daher ein geeignetes Instrument um die Demokratie zu fördern und den kritischen Geist zu schärfen.
Leider werden Blogschreiber in totalitären Staaten zuweilen verfolgt und inhaftiert. Mir ist ein Fall eines Bloggers aus Ägypten namens Abd al-Karim Nabil Suleiman bekannt, der wegen seiner islamkritischen Texte zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Konkret: Er wurde wegen Beleidigung des Islam und des Präsidenten (Diktators!) zu 4 Jahren Haft verurteilt.