“Lebt die Schweiz auf Pump?”, war die Frage zur Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für praktische Sozialforschung 2007. Dabei ging es nicht um die Staatsverschuldung. Vielmehr interessierte die Privatverschuldung, namentlich die für den eigenen Konsum. Da kam einiges, was sonst unter den Tisch gekehrt wird, ans Licht der öffentlichen Diskussion.
gfs-zürich, welche die Veranstaltung realisierte provozierte mit einer kurzen Zusammenfassung der news-Lage: Die Wirtschaftslage ist gut, die Arbeitslosigkeit ist tief, die Gewinne der Firmen sind hoch, der Konsum floriert. Und trotzdem: Privatkonkurse und Pfändungen sind auf dem Höchstand. Selbst die Negativ-Zahlen aus dem Crash-Jahr 1994 werden übertroffen. Hängt das zusammen?
Ja, sagte César Paiva, CEO der solfinco (Groupe Crédit Agricole), ein guter Kenner des Konsumfinanierungsmarktes. Früher leihte man sich Geld bei Vater oder beim Onkel. Heute bezieht man es als Dienstleistungen. Diese ist zum normalen Geschäft geworden. Wer Geld gibt, will es mit Gewinn zurück. Wer Geld nimmt, kann so Geldengpässe überbrücken. Geld werde nicht leichtfertig vergeben, denn man mache keine Geschenke. Die neue Branche setze auf Transparenz der Folgen und Erziehung der Schuldner.
Die Schweiz kennt höchstwahrscheinlich eine vergleichsweise geringe Privatverschuldung, versuchte Paiva zu vermitteln. Doch der Trend verweise, wie schon früher in den angelsächsischen Ländern, nach oben. Jetzt gehe es darum, die liberal geprägte Selbstverantwortung zu stärken; der Ruf nach dem Staat, der die Menschen vor sich selbst schütze, bringe hier nichts. Das war eine klare Vorgabe aus der Sicht der Treiber.
Und genau daran entzündete sich, nach anfänglichem Zögern, auf dem Podium eine interessante Diskussion. Filippo Leutenegger gelang es, Vertreter, die sonst lieber nicht in der Oeffentlichkeit über das Thema reden, zum nachvollziehbaren Gedankenaustauch zu bringen.
Beat Stocker, CEO der Aduno-Gruppe, die ins Konsumkreditgeschäft der Schweiz einsteigt, markierte das eine Interesse. Das andere nahm Jürg Gschwend, Vorstandsmitglied des Dachverbande Schuldenberatung Schweiz, wahr. Konsens herrschte darüber, dass Konsumkredite nicht über Makler vermittelt werden sollten, sondern im direkten Dialog zwischen Geldgebern und Geldnehmern. Dissens zeigte sich bei der Frage nach eingebauten Versicherung. Kreditgeber befürworten sie als Selbstschutz, Schutzverbände sind für restrikitvere Vergabe von Konsumkrediten von Beginn weg.
Die Realität ist übrigens ziemlich anders, als man sie sich vorstellt. Konsumkredite würde nicht primär für Ferien und Autokäufe verwendet. Arbeitslosikgeit, Scheidung und Krankheiten stünden an der Spitze der Ursachen. Man war denn auch skeptisch auf dem Podium, dass Konsumkredite wachstumsfördernd seien. Vielmehr kenne man zwei Formen: die Bewältigung einer Lebenskrise und die Mehrung des momentanen Wohlstandes. Grundsätzlich sei das nichts Schlechtes, hielt Peter Spichiger, erfahrender Sozialforscher vom gfs-zürich, fest. Mit dem Wachsen der Kreditvergabe werde aber auch die Zahl der Ueberschuldungen wachsen.
Spannend war ein Einwand aus dem Publikum. Die Privatverschuldung mit Krediten sei in der Schweiz vergleichsweise tief, weil man mit dem bezahlen der Steuern zuwarte, allenfalls auch mit der Begleichung der Krankenkassenbeiträge. Das bestätigte denn auch gfs-zürich: Wenn in der Schweiz kanpp bei Kasse sei, “leihe” sich Geld beim Staat und bei obligatorischen Versicherungen, erst dann bei Banken. Darüber sprechen man noch weniger als über das Thema generell.
Ich habe an diesem Abend der Schweizerischen Gesellschaft für praktische Sozialforschung viel gelernt:
Dass eine neue Entwicklung auf die Schweiz komme.
Dass die Schweiz in der Entwicklung erst am Anfang stecke.
Dass Konsumkredite ein normales Geschäft seien.
Dass die Eigeninteressen der Geldgeber regulierend wirkten.
Dass die meisten Klein- und Konsumkredit zurückbezahlt werde.
Dass es ein ungelöste Risiko der Ueberschuldung von speziell gefährdeten Gruppen gäbe.
Dass staatliche Schuldberatung nötig sei.
Dass Steuerschulden in der Schweiz üblicher seien als solche auf Konsumkrediten.
Dass die Diskussion zwischen den Verantwortlichen erst in den Kinderschuhe stecke.
Vor allem habe ich gelernt, dass man über diesen weitgehend tabuisierten Bereich in der Schweiz öffentlich nicht spricht, aber auch fachlich nicht viel Zuverlässiges weiss. Das ist eigentlich ein idealer Ansatzpunkt für vermehrte Sozialforschung. Diese hilft auf der Basis gesicherter Fakten zu diskutieren. Ich schlage hierzu ein Forschungsprojekt vor, – wenn möglich, nicht auf Pump!

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