Ich arbeite seit 11 Jahren im Forschungsinstitut gfs.bern und bin damit, mit Verlaub, Teil der Marke “Longchamp”. Einer von bis zu 50 Personen, welche hinter der Analysearbeit von Claude Longchamp stehen. Und damit auch einer von bis 50 Personen, welche in den letzten Wochen und Monaten als Manipulator, Alchemist, Zahlenprostituierter oder Hure der Wissenschaft (zugegebenermassen: die “Hure” ist schon ein paar Jahre alt) betitelt wurde, welcher sich zudem irrt, täuscht, wie schon 1999/2003 total verhauen wird, schlicht behauptet, sich auf pseudowissenschaftlichen Hokus-Pokus stĂĽtzt und zudem mindestens jedes und alles mehrfach verheimlicht, zum absoluten Gegenteil und wieder zurĂĽck gewichtet, und dabei trotzdem noch mindestens 5% daneben liegt, wie ja diese, diese, diese und diese Studie, Analyse, Kommentar, hochwissenschaftliche Stimme aus Deutschland oder auch nur Tischgespräch einwandfrei beweisen wĂĽrde. Nicht zu vergessen die regelmässigen anonymen Kommentare auf unseren Blogs, die dermassen unter der GĂĽrtellinie lagen, dass schon das notwendige Löschen eigentlich zu viel der Aufmerksamkeit war, und die ebenso anonyme Briefpost.
Es versteht sich von selbst, dass die Marke “Longchamp” und all ihre Vertreter, all diese VorwĂĽrfe in stoischer Ruhe zu ertragen haben, alles andere wäre ja ein klares Zeichen fĂĽr Eitelkeit, Unsicherheit, Schweissperlen auf der Stirn, ein untrĂĽgliches Zeichen fĂĽr davonschwimmende Schafsfelle, unangebrachte Melancholie, DĂĽnnhäutigkeit, Anzeichen fĂĽr eine Person, die sich selber zu ernst nimmt oder schlechtes Verlierertum. Selbstverständlich darf die stoische Ruhe nicht nur äusserlich sein – nur ein völlige verinnerlichte wortlose Souveränität gegenĂĽber all diese VorwĂĽrfen sei die richtige Geisteshaltung, jedwelche Charakterprägung sei nur ein Zeichen untolerierbarer seelischer Schwäche (die ja sowieso nicht anders zu erwarten gewesen sei).
Nun ja, ich arbeite seit 11 Jahren im Forschungsinstitut gfs.bern und bin damit, mit Verlaub, Teil der Marke “Longchamp”. Und ich blieb in den letzten Wochen nicht ruhig. Ich war von der Aussen-Wahrnehmung unserer Forschungsarbeit (die sich nur am Rande mit meiner Innenwahrnehmung gedeckt hat) aufgeschreckt, traurig und auch enttäuscht. Ich habe mit meiner Frau diskutiert, wieso ich als Zahlenprostituierter bezeichnet wurde und trotzdem keiner bin. Ich habe mich in meinem Umfeld darĂĽber ausgelassen, wieso ich als Manipulator bezeichnet werde und trotzdem keiner bin. Ich habe mich mit all den Studien, Analysen und Kommentaren auseinandergesetzt, welche aus meiner emotionalen Warte mehr auf (sprich: gegen) uns ausgerichtet waren und weniger auf das eigentliche Ereignis, die Wahlen. Ich habe ĂĽber anonyme Kommentare und Briefe den Kopf geschĂĽttelt und ĂĽber Journalisten geflucht. Ich habe schlecht geschlafen und fĂĽhlte mich bewusst missverstanden. Kurz: Ich war nicht stoisch, ich hatte GefĂĽhle und gab ihnen Ausdruck.
Nun sind die Wahlen vorbei und die Umfragen erwiesen sich durchschnittlich als 1% ungenau: ein bisschen mehr bei SP und SVP, deutlich weniger bei FDP und GrĂĽnen. Weder haben wir die Teilnahmeabsicht falsch eingeschätzt, noch der FDP ein nicht-existentes Fiasko attestiert, noch eine sowieso nicht ändernde Parteienlandschaft (wie man gestern in einigen medialen Kommentaren bei einer Verschiebung der SP von 25%! ihres Wähleranteil von “der nicht eingetroffenen, durch Umfragen herbeigeredeten” Verschiebung sprechen kann, entzieht sich sogar meiner Emotionalität) falsch eingeschätzt, geschweige denn war eine Prognose aufgrund der kantonalen Wahlen besser. Nun bin ich auch emotional, ich freue mich schlicht und einfach. Und zwar durchaus im Sinne eines breiten Grinsen. Aber viel mehr darf ich mir als Teil der Marke “Longchamp” nicht erlauben, denn ein Grinsen, das in ein zu lautes Lachen ausartet, wäre dann ja wieder ein Zeichen fĂĽr einen schlechten Gewinner, der sich zu wichtig nimmt, sagt man, und wĂĽrde das auch sofort öffentlich bescheinigen.
Lieber Urs, lass Dich von unwissenden Fremdwahrnehmungen nicht beirren. Ich kritisiere zwar auch die Demoskopie-Demokratie, doch nenne immer explizit das GfS-Forschungsinstitut als geniale Ausnahme. Ihr erhebt mit präzisen Fragen wichtige Zusammenhänge. Dass viele Eurer Kollegen aber nur zählen statt denken können, schadet dann aber leider ausgerechnet dem Institut, das die sicher transparentesten und klĂĽgsten Umfragen erhebt. Doch: Neid ist immer auch eine Form der Anerkennung. Und in der Häme vieler Journalisierenden zeigt sich nur eines: Macht weiter so! Bis auf ein Prozent genau hat kein anderes europäisches Institut die Wahlen erfasst – Bravo.
Ich kann Ihre Frustration nachvollziehen. Tatsächlich lassen sich die Vorwürfe, welche an die Adresse von gfs.bern gerichtet werden, praktisch erschöpfend auf folgenden Faktoren reduzieren: „Verpolitisierung“ und „Emotionalisierung“ des Zahlenmaterials durch einzelne Akteure, „Futterneid“ sowie mangelndes Grundlagenwissen hinsichtlich Möglichkeiten und Grenzen solcher Erhebungen. Dabei handelt es sich samt und sonders um Faktoren, welche Sie als Forschungsinstitut wahrscheinlich nicht massgeblich werden beeinflussen können. In einer Zeit, wo holzschnittartige Argumentation und krude Simplifizierung auf Kosten von Inhalten mehr als nur salonfähig geworden sind, müssen Sie wohl ein Stück weit damit leben, dass Ihnen zuweilen ein rauher Wind entgegenweht – dies jedoch als Folge des allgemeinen Klimas, und nicht der Qualität Ihrer Arbeit. Zugegenermassen leichter gesagt als getan, trotzdem: Nehmen Sie dies nicht allzu persönlich.
Besten Dank fĂĽr die Feedbacks (und zwar sowohl Dir, Regula, wie auch Ihnen, werter SR). Sie treffen vermutlich genau ins Schwarze: Zu erwarten, dass zwar in einem Wahlkampf Aussagen auf ein, zwei Worte reduziert werden (können mĂĽssen) und ausgerechnet bei Wahlbarometer ein faire und breite Diskussion stattfindet, ist vermutlich zu viel verlangt – schön wäre es halt.