Am Montag war ich beim “Bund”. “Im Gespräch” heisst die bemerkenswerte Reihe, die Menschen, die in der Oeffentlichkeit stehen, Gelegenheit gibt, zu “ihrem” Thema Stellung zu nehmen. Moderiert wurde das Gespräch vom stellvertretenden Chefredaktor der Zeitung, Ruedi Burger. Im Publikum sassen vielleicht 70 Personen, die etwas zum “Wahlbarometer” hören wollten.
Ich wurde als Herr der Fliegen und Prognosen vorgestellt. Mit dem ersten kann ich gut umgehen, mit dem zweiten deutlich weniger. Ich will das gerne begründen:
Prognosen sind Vorhersagen. Man kann Trends, Zustände oder auch Ereignisse prognostizieren. Wahlprognosen sind Vorhersagen von Zuständen, die aus Wahlen hergehen werden.
Damit man Wahlprognosen machen kann, muss man entweder eine Theorie haben, die einem hinreichend erklärt, wie Wahlergebnisse zum Beispiel aus Umfeldindikatoren hergeleitet werden können. Kenne man die Umfeldindikatoren, kann man mit der Theorie die Prognose machen. So verfährt normalerweise die polit-ökonomische Prognose.
Oder man muss die Entscheider selber kennen, und sie müssen wissen, wie sich sich entscheiden werden. Wenn die Entscheidungen gefällt und statistisch sind, kann man mit einer Erhebung bei den allen oder einer repräsentativen Auswahl von EntscheiderInnen frühzeitig wissen, was später geschehen wird.
So glaubt man, das Wahlumfragen funktionieren. Tun sie aber nicht!
Das hat zwei Gründe: Der erste Grund besteht darin, dass nicht alle EntscheiderInnen, also WählerInnen, frühzeitig eine Meinung dazu haben, was sie wählen werden. Der zweite bezieht sich darauf, dass eine solche Meinung, einmal geäussert, auch wieder verändert werden kann. Das sind die normalen Prozesse der Meinungsbildung.
Klar, beides kommt nicht vor Wahlen nicht in Unmengen vor. Aber in so genügender Zahl, dass das, was interessiert, beeinflusst ist.
Aus dem Dilemma gibt zwei Auswege: die Projektion und der Gebrauch der Umfrageergebnisse als Zwischenstandsmeldungen.
Die Projektion arbeitet mit Erfahrungsregeln, die zu wissen glauben, was noch geschehen. Sie leiten das aus führeren Wahlbefragungen ab, indem sie festellen, was normalerweise von einem bestimmten Zeitpunkt vor der Wahl bis zu diesem passiert. Das ist die Projektion: Zu den aktuellen Umfragewerten werden diese Projektionen pro Partei hinzu- oder abgezählt, sodass eine Prognose entsteht.
Im Normalfall hilft das, aus einer Zustandsmessung mit einer Umfrage vor den Wahlen eine Prognose zu machen. Doch was ist, wenn kein Normalfall vorliegt? Dann hilft dieses Verfahren gar nichts, oder es führt in die Irre.
Im Wahlbarometer verwenden wir dieses, zum Beispiel in Deutschland absolut gängige Verfahren, nicht. Deshalb können deutsche und schweizerische Wahlbefragung auch nicht miteinander verglichen werden.
Wir machen deshalb auch keine Prognosen. Wir machen mit dem Wahlbarometer Zwischenstandsmeldungen, die wir laufend aufdatieren. Keine davon ist eine eigentliche Prognose, selbst wenn wir uns einer solche nähern. Aber auch bei der letzten Vorbefragung müssten wir mit einer Extrapolation arbeiten, um eine wirkliche Prognose zu haben.
Wir haben uns, gerade nach den negativen Erfahrungen in Deutschland, an diesen Grundsatz. Um es klar zu sagen:
Wir projizieren nicht.
Deshalb prognostizieren wir auch nicht.
Ruedi Burger, der Gesprächsleiter, zeigte sich darüber erstaunt, – und bedankte sich gleichzeitig. Das sei ein public learning gewesen, das er an diesem Abend gemacht habe. Hoffen wir, das andere das auch lernen!

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