Statistische Fehlerquoten in Umfragen sind das eine. Sie sagen aus, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Wert in einere Umfrage dem Wert in der Grundgesamtheit entspricht. Das berühmte “+/-” gibt die Grenzwerte hierfür an. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Grenzwert effektiv erreicht wird viel geringer als jene für den Wert, den man direkt aus der Umfrage ableitet.
Vergleiche von Umfragewerten mit der Realität sind das andere. Wahlen sind wohl jener Bereich, bei dem das am auffälligsten geschehen kann, – und geschieht. Wenn der Zeitpunkt der Messungen übereinstimmt, macht das auch Sinn. Die wichtigste Aussage aus den Wahlbarometer, die man daraus ziehen kann, lautet: Der Schnitt der Abweichungen beim Wahlbarometer lag klar innerhalb des Stichprobenfehlers; in Einzelfällen werden die maximalen Abweichung erreicht.
Die mittlere Abweichung zwischen Wahlbarometer und amtlichem Wahlergebnis war bei den vier Regierungsparteien 2003 unter einem Prozent.
Das präziseste Ergebnis lieferten die Befragungen des Forschungsinstituts gfs.bern bei der CVP. Ihr Wahlresultat wurde bis auf 1 Promille genau abgebildet. Auch der Wähleranteil der SP im Wahlbarometer war sehr genau. Die Abweichung betrug 2 Promille.
Die qualitativen Aussagen zu Gewinnern und Verlieren stimmten allesamt: Erkannt wurde, dass die SVP gegenüber 1999 WählerInnen gewinnen würde, dass gleiches auf die SP zutrifft, während FDP und CVP diesbezüglich schwächer sein würden.
Die quantitativ interessanten Abweichungen betraf die SVP und die FDP – und hingen wohl miteinander zusammen. Das Wahlbarometer unterschätzte die effektive Wählerstärke der SVP leicht, und übereschätzt jene der FDP. Die Differenz bei der SVP betruf 1,3 Prozent, jene bei der FDP 2,2 Prozent.
Die Erklärung ergab sich aus der Dynamik des Wahlkampfes in der letzten Phase. Die ungeschickte Ankündigung der Prämiennderung für die Krankenkassen durch den FDP-Innenminister, die unmittelbar vor den Wahlen erfolgte, fiel negativ auf seine Partei zurück.
Die Rückerinnerungsfrage in der Nachbefragung bestätigte diese Analyse. Demnach lag die FDP 1 Woche vor den Wahlen noch bei 18.8 %. In der letzten Woche kam sie noch auf 13 Prozent und sackte damit auf 17.3 %. Die Hälfte der Veränderungen ging an die SVP, während sich der Rest auf allen anderen verteilte.
Ein zweiter Beleg ergibt sich aus den mittelfristigen Trends im Wahlbarometer 2003. Diese benannten die Entwicklungen und Stärken der SP und der CVP früh und richtig. Bei der SVP resultierte im ganzen Wahlbarometer einer leichte Unterschätzung, und bei der FDP eine konstante Überschätzung. Dass die Abweichungen effektiv im letzten Moment geschahen, wird auch so plausibel.
Was heisst das?
Erstens, Repräsentativ-Befragungen sind heute in der Lage, die Veränderungen in den Parteistärken bei nationalen Wahlen zuverlässig zu erkennen. Aus früheren Abweichungen haben wir gelernt, unsere Befragung zu verbessern. Insgesamt bilden sie heute die politisch relevante Realität ab.
Zweitens, Umfragen dürfen in der Schweiz 10 Tage vor den Wahlen nicht mehr veröffentlicht werden; faktisch heisst das, dass sie mindestens 15 Tage vor der Wahl gemacht werden müssen. Sie bilden damit die Entwicklungen im last swing nicht mehr ab.
Dritten, Ereignisse, die in den letzten Tagen die Gunst der Parteien beeinflussen können, bleiben der Hauptgrund, weshalb im Einzelfall Abweichungen bestehen bleiben. Diese sind aber nicht die Regel.

Aus meiner Post:
der stadtwanderer und kommunikationsexperte hat die arena vom letzten
freitag gerettet. er hat sich trotz unmöglicher diskussions-unkultur
souverän, druckreif formulierend und klug gezeigt.
obwohl ich oft die
demoskopie-demagogie kritisiere, der stadtwanderer ist der seriöseseste und
intellektuellste demoskopie-demokrat, den ich kenne. und ja: ich kenne
viele:-),
herzlich die stadtauswanderin
Weshalb stellt der Kommunikationsblog die Arena vom letzten Freitag nicht auf die Site? Ich fand die Sendung sehr anschaulich, weil sie zeigte, wie vernünftig und klar Claude argumentiert und wie peinlich auf Klugheit in der Schweiz – völlig unkommentiert – reagiert werden darf. Diesbezüglich ist der politische Kommunikationswandel schon bemerkenswert. Spannend fand ich auch Longchamps Argument (der übrigens wirklich perfekt formulieren kann), dass der Wahlkampf nun wirklich nicht so inhaltsleer ist, wie immer behauptet. Stelle ich auch fest und stelle gleichzeitig fest, dass es wirklich absurd ist, wenn die Medien nur Köpfe bringen, sich aber dann beklagen, keine Themen zu haben. Sie sollen doch endlich mehr Platz für spannende Interviews statt Klischierungs-Kurzmitteilungen frei machen! Dank Longchamp haben wir aber immerhin am Fernsehen ab und zu Gelegenheit, Analysen statt Polemiken zu sehen, hören und lesen!
Gibt es eigentlich Untersuchungen welchen Einflss der “Wahlbarometer” auf den realen Ergebnisse ausübt?
Guten Tag Herr Ehrlich,
nein, das gibt es nicht. -
Es gab jedoch einen Versuch, die Zusammenhänge bei frühren W”ahlen und Abstimmungen zu bestimmen. Die Studie ist letztlich gescheitert, und hat damit auch keine Positivbelege für ihre Annahme gebracht.
In der Kommunikationswissenschaft ist man von der (populären) Fragestellung abgekommen, und beschäftigte sich mehr damit, was Politik und Medien mit Wahlumfragen machen, als wir sie wirken würden.
Dazu gibt es auf diesem Blog eine Buchbesprechung. Es ist jener Beitrag zur Umfrageforschung in der politischen Kommunikation, den ich zum Buch von Prof. Juliane Raupp verfasst habe.